Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1930)
- Date
- 1930-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Z. April 1930 Nr. 14 Seite 3 bitteres Leid alter Zeit, sondern ein trauriges S y m b o l d e r G e g e n w a r t sein. Man vergesse nicht: Es sind keine Nachrichten, die übertrieben und sich widersprechend, von da und dort kommen. Es sind Briefe von Rabbinern, die die Not ihrer Gemeinschaft hinäusschreien.. Und es ist kein Geringerer als der „Chofez Ehajim", der diese Hilferufe an die jü? bische Welt vermittelt! Was kann die jüdische Welt tun? Rußland erlaubt den Juden, nach Palästina und nur dorthin zu gehen. Und die Thorajünger, denen man die jüdische Seele aus dem Leibe reißt, haben keinen sehnlicheren Wunsch, als den, nach Erez Jisroel auszuwandern. Es muß eine Hilfsaktion in der jüdischen Welt einsetzten, um diesen Opfern der russischen Jnquisition die Wege zu ebnen unb die Kosten für die Reise zu verschaffen, damit mit einem Teile der jüdischen Thorajünger in Rußland jüdische Jugend und jüdische Zukunft für Erez Jisroel gerettet wird. Vielleicht nehmen wir uns dieses Jahr am Sederabend vor. das Kran nton .wV «ja xrwn bm für die Unglücklichsten der * Unglücklichen im Lande des grausamsten Golus wahr zu machen. Neue wissenschaftliche Ankersuchungen zur Schächkfrage. Die Tierschutzvereine haben in den Jahren 1927 und 1928 sich an eine Reihe tierärztlicher Professoren gewandt, um auf Grund formulierter Fragen von diesen wissenschaftlichen Autoritäten Sukkurs für die fchächtgegnerische Agitation zu erlangen. Dabei hat man die eigentlich zuständigen Instanzen, die Physiologen, fast ganz ausgeschaltet und hat, abgesehen von Tierärzten, deren Spezialfach nicht gerade die eindringliche physiologische Forschung ist, Anatomen herangezogen. Trotzdem ist das Ergebnis für die Schächtgegner keineswegs restlos befriedigend gewesen. Fast die Hälfte der Gutachter hat sich darauf beschränkt, j a oder nein zu sagen, so daß es sich in diesen Fällen nur um unkontrollierbare orakelhafte Aussprüche handelt und kein einziger Gutachter hat es unternommen, sich mit den auf e x p e r i m e n t e l l e r Grundlage beruhenden schächtfreundlichen Gutachten der hervorragend st en Physiologen der Welt auch nur auseinanderzusetzen. Das - Ergebnis der ganzen Umfrage der Tierschutzvereine wird nun in einer Der I sr aelit_ eben erscheinerden kleinen Broschüre von Dr. med. Jacob Levi in Berlin gewürdigt, wobei der Verfasser zu folgenden Ergebnissen kommt: 1. Alles, was die Gutachten über das Vordere i t u n g s st a d i u m Jo. h. über das Niederlegeverfahren anführen/ ist belanglos, denn es steht inzwischen fest, daß im Vorbereitungs stadium durch Anwendung neuer Methoden insbesondere des Weinbergschen Umlegeverfahrens, jede Quälerei vollkommen vermieden werden kann. Auch werden in diesem Punkte, d. h. hinsichtlich des Niederlegeverfahrens die Tierschützler keinen besseren Bundesgenossen haben können, wie die glaubenstreuen Juden selber. 2. Der H a l s s ch n i t t kann schon deshalb nicht als schmerzhaft angesehen werden, weil sogleich das Ruhestadium eintritt, das jede Schmerzempfindung ausschaltet. 3. Die theoretisch auf einseitig anatomischer Betrachtung aufgebaute Leugnung der nach dem Schächtschnitt eintretenden Blutleere im Gehirn hält physiologischen Betrachtungen nicht stand. Es kommt in dieser Hinsicht nicht auf die Blut leere, sondern auf die Senkung des Blutdruckes an, die zur Bewußtlosigkeit führen muh und die experimentell erwiesen ist. 4. Die Fragestellung der Tierschutzvereine geht von einer Reihe unbewiesener Beobachtungen als Tatsachen aus, die auf die Gutachter irreführend wirken müssen. Trotzdem ist hinsichtlich der Reflex-Bewegungen nach dem Schächtschnitt kein einziger wissenf ch a f t licher Beweis dafür erbracht worden, daß die Bewegungen als Zeichen vorhandenen Bewußtseins anzusehen seien. Die Gutachten sind insbesondere durch die neue Forschung überholt, die mit Sicherheit die Bewußtlosigkeit auch im Bewegungsstadium erweisen. Mit welchen Mitteln, wie erwähnt, die Fragestellung der Tierschutzvereine gearbeitet hat, sieht man in interessanter Weise an dem berühmten Originalbericht aus Gelnhausen, in dem erzählt wird, das Tier habe sich nach dem Schächtschnitt erhoben und sich nach dem Schweineschlachtraum begeben, in dessen Hintergrund es „in den großen und breiten Fenstern einen Ausgang vermut ete." „Als das Tier aber gesehen habe, daß es Fenster seien", habe es kehrt gemacht und sich nach der Ausgangstür begeben. Hier werden mit gut gespielter Naivität in die Seele des geschlachteten Tieres Motive hineininterpretiert, die sich für einen kritischen Beobachter geardezu lächerlich ausnehmen>. Im übrigen steht der Gelnhausener Fall unter hun- IWeit über 1000 schreibfertige Füllfederhalter zur Auswahl mit 14karat. Goldfeder ab Rmk. 3.— Ceka, Juwel, Osmia-Supra Parker-Duofold, Wahl, Waterman Montblanc, Pelikan und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art «ssBsasaaBSBBHaKaaBHHHMi derttausend Fällen so vereinzelt da, daß er überhaupt nicht zur Grundlage einer wissenschaftlichen Beweisführung dienen kann. Erew Pessach am Sabbat?) Wir legen hierbei die vom DistrikU^Rabbiner S. B. Bamberger bm (Würzburg) veröffentlichten Vo.sch.ifien zu Grunde. §1. Bedikatz Chomez findet in der Nacht auf den 13. zum 14. Nissan, also Donnerstag Abend, statt, und zwar ganz in gleicher Weise, wie fönst am Abende auf den 14. Ni.san; ebenso wird vorher die Brochoh und nachher 5toI Chamiro gesprochen. § 2. Die Bechorim oder deren Väter während des Kindesalters der Bechorim fasten Donnerstag 12. Nissan. Wird denselben hierdurch das abends stattzuhabende Bedikatz Chomez etwas beschwerlich, so ist ihnen gestattet, vor Bedikatz Chomez etwas zu geniesten, auch können sie andere beauftragen, für sie das Bedikatz Chomez zu besorgen. § 3. Am 13. Nissan, Freitags zu vorgefchriebener Zeit, findet das Verbrennen des Chomez statt, ohne dah dabei Kol Chamiro gesprochen wird. 8 4. An demselben Tage, also Freitags, 13. Nissan, muh das Chomez verkauft werden. Es darf nur foviet Chomez als Eigentum behalten werden, wie man Fre'tag, Freitag Abend und Schabbos früh (vgl. § 6) zum Essen bedarf. § 5. Am Sabbat Erew Pessach morgens geht man so früh als möglich, etwa um 6 Uhr, in die Synagoge und vermeide jede Verzögerung während des Gottesdienstes. § 6. Am Sabbat Erew Pessach darf, wie immer an Erew Mit einigen Veränderungen aus Nr. 23 des 44. Jahrg. des Mainzer „Israelit" vom 23. März 1903. Im Jüd. Volk-freund 6. Jahrg. Nr. 3 wieder veröffentlicht und Speisegesetze ll S. 63. Dem Korachiden in der Verbannung entlockt im 42. Psalm nicht umsonst die Sehnsucht die Worte: „Abgrund ruft Abgrund beim Donner deiner Regenwässer; — alle Deine Brandungen und Wellen gingen-über mich hinweg .... Warum hast Du mich vergessen? ... Hoffe, meine Seele, — einst werde ich wieder ihm danken!" Nicht die Stimmen will er mehr hören, mit denen ein Abgrund dem Anderen Gottesmacht zuheult. Das alles geht über ihn als einen Vergessenen, Verstoßenen hinweg. Er will das Zueinandersprechen der Brüder hören, die im Hause des Vaters Lob mit Engelsworten einander kündeten; iivrri und i»Kai will er hören und beantworten, li.ou ri'2 ki ms’ .^ni'" «a ivu'! „es spreche doch Israel, es spreche doch das Haus Aharons." Er will wallfahrten zu den Stätten, wo aain fi»n die Schar, — sonst der Pilger, jetzt der johlenden Feinde, — sich lärmend drängt. Wenn aus für uns nicht heimischheiligen Sphären ein Vergleich gestattet ist, so sei es der des Korachiden mit Schillers Maria Stuart, die in ihrem Kerker dem Abgesandten ihrer Glaubensgenossen so andächtig lauscht, als bringe er ihr Altar und Kirche, und die seine Schilderungen der Rom-Fahrt mit den wehmütigen Worten unterbricht: „Höret auf, des Lebens frischen Teppich vor mir auszubreiten!" Denken wir uns den Korachiden in Gesellschaft einzelner, keine vollzählige Gemeinde bildenden Genossen. Keine der Ermächtigungen, wird er ungenutzt lassen, um Wechselgesänge zu sprechen, wie sie eine kleine Schar sprechen darf. Keine Thorarolle brauchen wir stumm oder leise aus dem Schrein holen, keine a'j?i,u2 jm flüsternd herzubeten, weil der oder jener „das Minjan in Stich gelassen". Ist uns das „Aufrufen" auch versagt, — die Thora erhält ihre Huldigung: ihr Wort wird verlesen, ihr Erscheinen und Entschwinden mit den ererbten Weisen gefeiert. Die Begrüßung des Sabbat braucht, mit Ausnahme des fortzulassenden 12121 v'ip, keinerlei Einschrän-1 kung an Feierlichkeit und Vollständigkeit zu erfahren. (Ob das Religionsgesetz freilich weniger als zehn Leuten das Abendgebet erhebliche Zeit vor Nacht zu sprechen gestattet, — darüber ist, auch für den Freitagabend, schwer Klarheit zu gewinnen. Man wird hierüber, besonders im Sommer, eine rabbinische Entscheidung herbeiführen müssen, die im Einzelfall sich wohl nur dann auf das bekannte aru» «*sa snaw bv 21 stützen wird, wenn auf Kinder oder Pflegebedürftige Rücksicht zu nehmen ist.) (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. Vorfrühling. Von Jsaac Schönberg. 1. Hauch des Satten, licht umkost, dürstender Seele knospender Trost, 2. still, wie der Herzschlag im jungen Gefild zagend Hoffen dir leise entquillt. 3. Ewigen Odem werdender Flur, strömendes Walten himmlischer Spur 4. ahnest auch Du im wechselnden Reigen deines Schicksals großem Schweigen. (Weuzeilliche Knmanität). In der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin hielt Herr Dozent Dr. I. Heinemann aus Breslau einen Vortrag über: „Die geschichtlichen Wurzeln des neuzeitlichen Humanitätsgedankens". Der Vortragende ging davon aus, daß die Idee der Humanität, deren Geltung sich für das 18. Jahrhundert von selbst verstand, inzwischen starke Anfechtungen erfahren hat. Insbesondere befürchte man von ihr eine Gefährdung der Willensstärke und der Hingabe an den näheren Pflichtenkreis. Der Redner zeigte, daß der Humanitätsgedanke im Altertum keineswegs, wie feine Gegner glauben, aus Kräften des Verfalls und der Zersetzung erwachsen ist, allerdings aber zu verwandten Konflikten geführt hat, die ja auch heute zu Tage treten. Plato und Aristoteles vertreten den Gedanken der Menschheit, aber nicht den der Menschlichkeit'; die Cyniker vertreten den Kosmopolitismus, geben aber die eigentümlichen Werte der menschlichen Kultur preis. Die Stoa verbindet Menschheits- und Menschlichkeitsgedanken, legt aber quietistische Ergebung in den Naturlauf nahe. — In Israel erwuchs aus dem Glauben an den einen Gott die Idee der einen Menschheit; und da dieser eine Gott zugleich als Gott der Gerechtigkeit und der Liebe erkannt wurde, trug der Menschheitsgedanke zugleich humane Züge. Die Ueberwindung der Schwierigkeit glückte hier leichter, da Unterordnung unter den Willen Gottes gefordert wurde, der nicht Ergebung, sondern gerechte Tat von uns verlangt. Daher sind die Vertreter der Humanität im Judentum zugleich stärkste Willensmenschen gewesen. Die Ueberwindung des Gegensatzes von Partikularismus und Universalismus gelang auf dem Wege, daß man an die Sendung Israels glaubte; der Jude soll daher seinen Eigenwerten treu bleiben, um sie der Menschheit zu verkünden. Nicht Philantropie, sondern Mitgefühl fordert der jüdische Humanitätsgedanke.