Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1930)
- Date
- 1930-03-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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JcHHieto» Der Israelit nr. >3 1430 Abraham Sohn Abrahams - Eine Helden- und Märlyrergeschichte. VonS. Schachnomitz. (Fortsetzung). : £ie Achtung, die der blondbärtige fremde Rabbi aus weiter Ferne mit seinem bißchen Griechisch in. diesem . Kreise erwarb, stieg geradezu ins Unermeßliche, als er bei den weiteren Gesprächen allgemeines Wissen? offenbarte, das in grundlegenden Dingen das ihrige weit übertraf. Was war das für ein Mann, der im langen Rock, mit VollbarL und Seitenlocken, fließend und rein wie ein Prälat Latein sprach, vollauf bewandert war. in der antiken Literatur und die verschiedenen philosophischen Systeme genau kannte? Auch in Grammatik, Physik und Astronomie konnte er mitreden und von metaphysischen 'Dingen sprechen, als hätte er sich fein Lebtag mit nichts anderem beschäftigt! Friedländer, der beste Laune hatte, den fremden Rabbi zu Hänseln,, verstummte und hatte die großen. Augen eines erstaunten Kind-e^, „Herzchen" sprang aus und reichte ihm in hellster Begeisterung die Hand. Seit Rabbi Elje aus Wilna, sagte auch Wessely in ehrlicher Bewunderung, habe er keinen gesehen, der soviel formales Wissen mit religiösem Glauben vereinige. Ob auch er aus Wilna komme, ob er ein Schüler Rabbi Eljes sei, fragte zuletzt auch Salomon Dubno. ' David Friedländer und Herz Homberg waren gegen ihre.sonstige Art ganz ernst geworden und sie erwogen, wie dieser seltene, vielwisfende Mann für ihre Sache, je eher je lieber, zu gewinnen sek. Es konnte gar nicht fehlen, .daß ein Mann von soviel Welt und Wissen sich mit seiner ganzen Seele und seinem ganzen Können, in den Dienst der Aufklärung stellen würde. Abraham schlug in die dargebotene Hand nicht ein. Die neue Bekanntschaft stimmte ihn wehmütig, die hier genossene Verehrung beunruhigte ihn, und er machte aus seiner Abneigung und seinem Unbehagen kein Hehl. Damit zog er die Jüngeren, wie ein Mysterium, nur noch mehr am . . Nochkoynte Abraham die Besuche im-Hause D.y.niel..LWsiMLcht umstellen, 'da Hm dtzMlfe unh Unterstützung des vielmögHW HoWktors für. seinH Mission uchentbMrlich'Wem "u?E i Mann lernte AbrähmstMer HMtz) der zunächst sein gstnzes ÄnteMsWn AMruch ncchm. -He MstntM W?nür D i ch t d vr". Fnedlärider 'scherzte, wenn der Dichter noch nicht da war: „wo bleibt nur die rote Mh?" Rothaarig war er und K u h hieß er huch, E p h r a i m Kuh. Dünn, schlank, mit. rotblondem Haare, das in langer Mähne bis zum Nacken herabhing, sah er beinahe selber wie ein Gedicht mit Jamben aus. Mit^Aeinen zwMUndm,Kügle.rn sah er wie abwesend und übeMenschlichim Kreise?um sich. Bisihm Friedländer durch ein bissiges Witzwort die.Junge löste. Dann .rezitierte ex Gedichte, . deutsche EpigrätttMe ~ eigener Schöpfung. Von der alten, verschimmelten Weisheit Dubnos und Wesietys hielt er so wenig, wie diese von feisten deutschen Versen, die ihn, wie sie witzig wgten, vor d e u ts ch en Hi e b e n nicht schützten.?Das wußte Ephraim Kuh, und er litt darunter schwer. Wie ein Mensch, der die Brücken nach hinten abgebrochen und. die neuen nach vorne versperrt fand, daß er im leeren Raum zwischen Zwei Welten taumelte. . Ja, die n e u e B r ü ck e, das wAr es, was chn heute so sehr mit Aerger und Mißstimmung erfüllte, neben dem'Weltschmerze, der gewissermaßen zu seinem Metier gehörte. „Was denkt Ihr, Freunde," Hub er an, „warum ich so lange nicht kam? In Leipzig ist mir. etwas Böses passiert. Komme ich da über die Grenzbrücke ins Weichbild der Stadt, und sie verlangen von mir den I u d e n l e i b z o l l. Was habe ich mit den Juden zu tun? sage ich, bin deutscher Dichter. Ich komme hinüber, aber drüben halten sie mich fest, nehmen mir zwanzig Dukaten mb und stecken mich für eine Woche in den Turm, weil ich meine Religion verheimlicht hätte „zu betrügerischen Zwecken", wie sie sagten. Aber verlaßt Euch daraus, ich habe mich gerächt--" „Hast Du den Sachsen den Krieg erklärt?" spottete Friedländer. „Den Krieg, natürlich, wie ihn der Dichter erklärt und führt, den Federkrieg."? „Vorsicht, er schießt mit Jamben, und Epigrammen! Ist schwer geladen!" lachte Friedländer. . - Ephraim Kuh las wirklich ein paar satirische« Sätze vor, ein Zwiegespräch zwischen Zöllner und Jude. Es schloß mit den Worten: „Du fragst, warum? .Weil Du Jude bist. Wärst M ein Türk', ein Heid', ein Atheist, So "würden wir nicht einen Deut begehren. Als einen Juden müss.erp wir-Dich scheren? Die Korona flatschtein die Hände und brüllte vor Freude. : " - . Der.Dichter schüttelte sehr - geschmeichelt und selbstbewußt die rote Künstlermähne. Faft-ver-- söhnt mit seinem Leipziger Mißgeschick sagte er: „Mich, gerade m ich strafen sie, weil ich Jude wäre.".,.-, »- ..... tfSchon gut, Ephraim," tröstete -Friedländer mit scharfer Zunge, „dort in der anderen Welt wirst Du gestraft, weil Du kein Jude bist. Das gleicht sich dann aus . . ." „Pah, die andere Welt, das künftige Leben..." Herz Homberg, der diese Bemerkung tat, hielt still, als ihn. ein strafender Blick aus dem düsteren Auge Wesielys traf. „Habt Ihr gesehen und gehört," griff Wessely das ins Leere gefallene Wort auf, „was „er" jetzt über diese Dinge geschrieben hat, über künftige Welt) Fortleben der Seele?" Keiner wußte was. Nur Wessely war ge- Friedländer! vi e lzu' feierlich - sem vertrÄÜte der große HeWye auf dem Sterbe bette sein Wisseck üm ditz?Seele) ihr Fortbestehrst und ihr. ferneres Leben außerhalb-tze/ uns bekannten Lebensform an. Es rstaber nicht-Sokrates und nicht Phaedon;'der da zü nns spricht, es ist M os es , der erste der. Propheten;, M o - s e s , des Prophetenvaters^ größter Interpret aus dem Hause Maimuni im zwölften Jahrhundert und Moses, der große Deffauer, von heute. Der Seele ewige Substanz ist des ewiaen?Gotte^daseins em Feil. Geht doch schon, der Lfß niW ümer?' sondern verwandest sich in andere Elemente, um wieviel weniger die Seele. Die Seele selbst spricht für ihre Unsterblichkeit, ihr ist der Gedanke ihrer Ewigkeit vertraut, und der gütige Gott, der ihr diesen Glauben eingepflanzt, kann sie nicht getäuscht haben?— So und ähnlich ist darin zu lesem Und dann die S p r a che , dieser Stil! Das Buch wird der Welt die Augen aufreißen . . ." Salomo Dubno, der. am aufmerksamsten zugehört Hütte, zog bedächtig beide Bartspitzen und meinte: „Warum schreibt der Dessauer nutzt he b r Lisch? Warum gibt er sein Bestes den Anderen?" „Das Einzige, was auch ich am Buche auszusetzen hatte," sagte Wessely. „Aber er hat, wie für alles, was er tut, auch hierfür feine Gründe." „Kann ich verstehen," platzte Friedländer heraus. „Würde noch gerade fehlen, den Stockfrommen hier und in. Polen philosophische Bücher in ihrer heiligen Sprache zu schreiben! Wer wird ihn dort verstehen? Was er beweist, wird schon als Ketzerei bei denen angesehen werden, die nicht nur das Gesäuerte vor dem Passahfeste Mit Licht in allen Löchern und Ritzen suchen . . . Würde bei den Zeloten, besonders in Polen, gut damit ankommen! . . ." Ephraim Kuh, der, abwesend, den. Kopf voll neuer Reime, von der Vorlesung über die Unsterblichkeit der Seele nur einzelne Worte gehört hatte, wachte jetzt auf: „Laßt mir die Hand von den Polen, sage ich Euch! Von dort und nur von dort strömt uns die neue Kraft zu . Diese unverbrauchte Genialität, die nach Entladung sucht. Kommt , da dieser Tage ein spindeldürrer Jünger aus Litauen, mit Empfehlungen zu mir, Salomon heißt er, den Familiennamen will er sich später selber dazu geben. Kaum, daß er zwei deutsche Sätze kann, liest er in Königsberg Kants „Allgemeine Na-, turgeschichte und Theorie des Himmels". Er ist kaum Sechszehn und hat hundert Fragen, „Kaschjes", wie er sagt, auf Kant. Und meint Ihr, was er tut?" „Na, was wird.er tun?" maMerte FriedläK- -der einen« polnischen Bächur. „Wird ins Beshamidrasch gegangen sein, um seine Kaschjes mit einem „Rämbam" mejaschew zu sein (auszugleichen)." „Gefehlt," triumphierte Kuh, „ er begab sich schnurstracks zu Kanten und diskutierte, oder, wie er sagt, lernte mit ihm stundenlang über die Entstehung der Planeten und der Milchstraße. Kant sindet ungemein Gefallen an dem litauischen Jungen und protegiert ihn. Nun, was sagt Ihr jetzt zu den Polen!?" „Wehe ihm, wenn er heimkehrt, mit.den Planeten, der Milchstraße und der. Dunstballung und ohne Schlqfenlöckchen," spielte Friedländer seinen Trumpf mit einem Witze aus. Abraham wurde es recht unbehaglich in. dieser Gesellschaft, und je mehr, je eifriger sie ihn mit Anerkennung und Schmeicheleien umwarb. Er sagte, all die Wissenschaft, We er sich: in der Jugend angeeignet, hafte, seien für ihn nur Basis und Stufenleiter für die höchste WWnschaft, für die EMnNtnis Gottes in-'^Mer^MuhM-'r-und'^ Reinheit.!?????' /LMe-Einheit und Reinheit - GWst,„?Haran hingest sie-Me. Diese wollten M'Mt /hundert Beweisen bekräftigen. Aber, meinten sie, habe nicht die Enge und der Druck im Ghetto des Mittelalters viel Schutt und Staub geschaffen, ganze 'Berge von Unnützen Und schädlichen Bräuchen gehäuft, die-jetzt unter einer besseren Sonne abgetragen werden müßten) damit die Juden selbst und die. Völker die Reinheit und Schönheit des Judentums in seinem inneren Kern sähen!? ... Das verstand Abraham nicht. Was abzutragen und zu beseitigen wäre, das war einzig: der Zank und der Streit, der Satan, der zwischen den Weisen und Gelehrten, die. im Grunde das Gleiche wollen, seinen wilden Tanz aufführte. Diese Hindernisse zu beseitigen, machte seine Hoffnung, seinen Beruf und seine Aufgabe aus. Sie lachten über den merkwürdigen Idealisten. Friede in Israel hätte $s . ni e gegeben Und würde e's nie geben. Vielleicht, wenn, sie sich alle einmal im großen Lichtkreise der Weltkultur finden und in diesem Lichte einsehen, wie kleinll