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Der Israelit · 1930-03-27 · Heft 13 (27.3.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 13 (27.3.1930)
Date
1930-03-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Einheitsgememde. Von dem Büro der Rabbiner Hirsch- Gesellschaft wird uns geschrieben: Der konservative Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M., Herr Dr. Hoffmann, hielt vor kurzem über das Thema „ Einher t s g e m e i n d e" eine Rede, die eine so geschickte, übersichtliche und zusammenfassende Darstellung der Anschauungen der sogenannten G e - m e i n d e o r t h o d o x i e bietet, daß diese Rede ihren Eindruck auf unkritische Zuhörer nicht verfehlt hat, und auch solche Hörer, die dem Milieu der Frankfurter Religionsgesellschaft entstammen und von altersher gewohnt sind, ihre gemeindepolitischen Direktiven von der Kanzel ihrer Kehilla zu empfangen, unter dem Eindruck dieser wohlüberlegten, klar aufgebauten, cm heute überall vorhandene Strömungen und Stimmungen anknüpfende Rede ein gelindes Schwanken ihrer in manchen Fällen nur von Gewohnheit gestützten Ueberzeugung verspüren mochten. In kurzen, aber nicht minder eindrucksvollen Ausführungen hat der Gemeinderabbiner der Jsraelitischey. Religionsgesellschaft, Herr Rabbiner I. Horöwitz, in einem seiner Sabbat-Vorträge, den wesentlichsten Punkt aus den Ausführungen Rabbiner Hoffmanns, den religionsgesetzlichen, herausgegriffen und es, ganz wie seine Vorgänger, vom halachischen Standpunkt als unzulässig bezeichne^ in der Hoffnung, sich später einmal durchsetzen zu können, einer neologen Gemeinde anzugehören, auch dann, wenn neben den Stätten des Abfalls Institutionen vorhanden sind, die eine praktische Befriedigung der konservativen Bedürfnisse ermöglichen. Indessen sei es verstattet, etwas ausführlicher, als es die Kanzel tzestattet, auf die Ausführungen Rabbiner Hoffinanns einzugehen., UN fachstch R e ü.e m freilich bietet feine Rede nichts^ Es sind immer wieder die alten Gedam kengänge, die in geschicktem-Appell an d^e blutmahig begründete Sehnsuchi der äußerlich und' innerlich zersprengten Glieder des jüdischen Volkes, zü Wedlicher Einheit anknüpfen und aus dem, was fein müßte und sein könnte, den Maßstab .der Beurteilung herleiten für das, was in Wirklichkeit i st. Wer möchte leugnen, daß es richtig ist, was Herr Dr. Hoffmann gleich zu Beginn seiner Rede betont, daß die jüdische Gemeinde die Gemeinschaft aller ortsansässigen Juden ist, und daß es zu allen Zeitenwie im jüdischen Volke, so auch in der jüdischen Gemeinde verschiedene „Spiegelungen und Schattierungen" gab? Fromme und Nichtfromme, Gerechte und Ungerechte hat es in der Tat zu allen Zeiten gegeben. Wenn aber Herr Dr. Hoffmann weiter geht und es als unvermeidbar bezeichnet, d a ß d i e Ab k e h r von d e r Th o r er i n nerhalb der Gemeinde nach Ausdruck und Gestaltu n g rin g t, so Möchten auch wir dieses R i n g e n nach Wsdrzick und Gestaltung als eine, natürliche FöMerscheinung jener Abkehr bezeichnen, wir möchten aber doch gleichzeitig mit allem Nachdruck betonen, daß' wenn diesem Ringen der Abkehr von der Thora nach Ausdruck und Gestaltung innerhalb der Gemeinde ein Erfolg beschieden ist, eine Erklärung der Unvermeidbarkeit dieses Erfolges objektiv einer Bankrotterklärung des Thorawillens gleichkommt. Wann i n^a Iler Geschichte habensichthorat r eN e I ud e n m i t einem e r f o l g r e i ch e n R i n - gen des Abfalls von der Thora nach Aus druckundGe st altung innerhalb d er G e m e in d e als e i npr unvermeidbaren Tatsache abgefunden, und es als einen Sieg des Thoraherrscherwillens in alle Welt verkündet, wenn der siegreiche Abfall zum Zweckeseiner Erhaltung es duldet, daß neben ihm und unter ihm auch die Thoratreue als konservative Erscheinungsform eines dem THorawille nübergeordnetenJudentu ms sich etabliert? Denn auf diese objektive, wenn auch nicht gewollte Anerkennung eines dem Thorawillen übergeordneten, nicht ihn darstellenden, mit ihm identischen Judentums, läuft die Rede Dr. Hoffmanns in ihrem wirksamsten Teile hinaus. Unseres Wissens ist noch von keinem Wortführer der Gemeindeorthodoxie die rein nationalistisch orientierte Neutralität des jüdischen Gemeinde- und Volksbegriffs so offen proklamiert worden, wie von Herrn Dr. Hoffmann, der kein Bedenken trägt, Klall Jisroel und die jüdische Kehilla als die großen Allversorgerinnen aller jüdischen und aller jüdisch sich e t i k e t ti e r emd e n Strebungen im Judentum zu begreifen und aus der um ihre entarteten Kinder weinenden Mutter Zion ein ohnmächtiges Mütterchen zu machen, daß alle ihre Kinder, erzogene und unerzogene, mit gleicher Liebe und Zärtlichkeit betreut. Der Vorwurf andererseits, den. Herr Dr. Hoffmann, gegen die „Austrittsmentalität" erhebt, daß sie aus einer assimilatorischen Konfeft sionalifierung des, /Juhentumsi hervorgegangen sei, ist uns aus den Gedankengängen der 'ziomM schen Mentalität M' Wnüge bekannt. Es kam schon öfters vor, daß man die Aüstrittsorthodoxie mit dem Stigma eines Verrates am jüdischen Volkstum belegte, ohne sich zu überlegen, ob nicht vielleicht gerade umgekehrt, der Austritt aus einer 'Gemeinde, die den Boden des echten jüdischen Volkstums, nämlich des T h o r a g e-- setz es mit sein em alles Tho raw id - r i g e v e r n e i ne n d e n G e l t u n g s an - s p ruch, verlassen hat, der einzig mögliche. Weg zur Rettung des jüdischen Volkstums ist. Die Beweismittel aber, die.Herr Dr. Hoffmann zur Stütze dieses Vorwurfs und der gesamten Anschauung der Gemeindeorthodoxie heranzieht, und zwar solche h o m i l e t i s ch e r, geschichtlich er und re li-g i o n s g e fe tz licher Natur können, wie wir zeigen wollen, einer gründlichen Prüfung nicht standhalten. Was soll man dazu sagen, wenn die bekannte Allegorie, welche die Trauben mit den Thoragelehrten, bie Reben mit den frommen „Baale battim", die Blätter "mit den „Am-Hooorez", die saftlosen Adern Mit den „Leeren in Israel" vergleicht, von Herrn Dr. Hoffmann dazu benutzt wird, um das h armoni sche Ne beneinander von T h ora und N i cht t h o r a in einer jüdischen Gemeinde, als die natürlichste Sache von der Welt hinzustellen, die auch von uns e r e n T a l m u d w eise n gebilligt u tt d g e s e g n e t werde! Weil die Weisen des Talmuds auch die „Leeren in Israel" im Organismus der jüdischen Gemeinde nicht missen wollten, vielmehr auch sie, ja vor allem gerade sie der Unterweisung unterden erzieherischen Einfluß der „Lehrer in Israel" als im höchsten Grade bedürftig erachtet haben, darum entspricht es nach der Meinung des Herrn Dr. Hoffmann durchaus den talmudischen Anschauungen vom Wesen der jüdischen Gemeinde, daß in der Frankfurter Israelitischen Gemeinde neben Herrn Dr. Hoffmann zu Ehren der Thora auch neologe Rabbiner amtieren! Herr Dr. Hoffmann hat in seiner Rede ausdrücklich betont, daß er in der religiösen Bewertung der Neologie mit d e r A u st r i t ts o r t sto d o xi e s i ch v ö l l i g einig weiß. Wir gehen also nicht fehl, wenn wir sagen, daß Herr Dr. Hoffmann gleich uns die rabbinifchen Wortführer der Neologie n i ch t als „Lehrer in Israel", sondern als „Leere in Israel" betrachtet. Und gleichwohl sollen wir es verstehen, ja, wir sollen es ganz im Sinne jener talmudischen Allegorie als einen von den Weisen der Thora gebilligten und gesegneten Zustand begrüßen, wenn die Frankfurter jüdische Kehilla die „Leeren in Israel" zur Würde von „Lehrern in Israel" emporhebt, ohne daß infolge dieser naturwidrigen Umkehrung des Wesens einer jüdischen Gemeinde, die Gemeinde aufhört, sich auf die talmudische Tradition berufen zu dürfen? Kann man saftlose Adern in den Rang, von köstlichen Trauben erheben, ohne das We.s e n des Weitistöcks Zuvernichten? Ebensowenig zutreffend ist.eine zweite homiletische Ausdeutung, die Mos ch e h R a b b e n u g e w i sts ermäße l!s je in e n a'ü f Gottes Befehl zu d e.n Ä n.sch au u.ng e n der G e m e^i n d e o r t h o d o x i e r e u m ü t i g z urück kehr enden Separatisten darzustellen v e r s u ch t. „Das jüdische Volk war in der Wüste in Sünde und Verderbnis geraten. Es hatte das. goldene Kalb angefertigt. Von Scham und Schmerz und .Zorn überwältigt, verließ Mauscheh, der treue Hüter seines Volkes, das jüdische-, Lager. Die Thora erzählt: Und Mauscheh Nahm das Zelt und richtete es außerhalb des Lagers auf, fern vom Lager und nannte es Stiftszelt, und jeder, der ihn suchte, sollte hinausgehen in das Zelt, das außerhalb des Lagers war, Gott aber, so bemerken unsere tiefblickenden Weisen im Talmud, Gott aber sprach zu Mauscheh: Wenn Gott dem Volke zürnt und auch Dü, der Lehrer und Führer, das Volk im Stiche läßt, was sollte dann-aus Israel werden, wie könnte es. dann den Weg zu seinem Gotte und zu sich selbst Zurückfinden? Und Mauscheh sah seinen Irrtum ein und kehrte ms Lager zurück." Schade, daß diese Darstellung des Austritts von Mauscheh Rabbenu als einer von Gott selbst getadelten und von Mauscheh nachträglich gut gemachten Verirrung schon durch den einfachen Wortsinn der biblischen Erzählung aus den An-

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