Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1930)
- Date
- 1930-03-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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ST Der Israelit 'AiY Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und TNärtyrergeschichte. Von S. Schachnomitz. . (Fortsetzung). Rasch sank der kurze, kalte Schewat-Sabbat in die Nacht. Auf dem Maine glitzerten ein paar einsame Lichter von Kohlenschiffen und- Holzflößen -auf. Auf den Steinpostamenten der Alten Mainbrücke leuchteten einige Laternen blaß und gespenstisch. Kalte Lustwellen wehten von Nordosten her. Oben schwamm der volle Mond in . einem-' schwarzgrauen Nebelmeere und spiegelte sich, so oft er eine freie Insel erreichte, im kristallblauen Wasser. Nie hatte der Main, nie hatte die Brücke, nie hatten die Anwohner des Fischer¬ und Brückentores so viele dunkle Gestaltenmit Brustlaternen und Pechfackeln über den Strom geistern gesehen. Schweigend sahen die Bürger den Juden zu, wie sie ihrem toten Rabbi entgegenzogen. Konstabler waren von der Stadt gestellt worden, um darüber zu wachen, daß der Juden Trauer durch keinerlei Insulten, und fürwitziges Gerede gestört werde. Vom Domturm dröhnten über die Fahrgasse die Glocken und läuteten den Sonntag der Mainstadt ein. Die dunkle Flut zitterte leise unter dem Dröhnen. Es war schon späte Nachtstunde, als der Zug. mit der Bahre von Offenbach her am Sachsenhäuser Ufer anlangte, wo sich ihm die harrende Gemeinde anschloß. Mit Pechfackeln und Laternen schritten Männer voran. Unter Führung von Rabbi Mosche Rapp und Moses Kann trugen die Dajanim und Gemeindevorsteher die Bahre durch die nächtlichen Straßen. An beiden Ufern standen, dicht gedrängt, die Menschen und sahen sich das seltsame Bild des Geisterzuges an. Viele entblößten ehrfurchtsvoll das Haupt. Innerhalb des Fischertores am Eingang der Gasse erwarteten die Knaben der Thoraschulen mit ihren Lehrern den Zug, schritten in mehreren Re ih en/der Bahre voran und san gen am flackernden Kerzenlichte leise und weinerlich Psalmen. /M .den .Haustüren standen Fraueü und, fchttjchzse^ läi!ch C w. Hiß^asse his zur inahe^dex Schul gelegenen. AgHiMchohlprüg hMen sie .für, den Einzug, dch faMi'^M. Freitag" Mit KaWengxßn chxstreüM Id^-^o,,MschMÜckte Straße, Mo. das. matte . KHeKlM-rtzit,; dem GM,M> sMamemKeister-' glanze zusammenschmolz, zog nun der tote Rabbi ein. In der Schul waren sämtliche Röhren an Leuchtern, Kandelabern und Ständern mit frischen. .Kerzen besteckt^ zur Feier:, her Mederein-' führung. Man konnte sie, als kürz vor'Sabbat die Feier abgesagt wurde, nicht mehr herausnehmen. Nun brannten sie alle, wie am Vorabend zum Versöhnungstage/ als'jetzt die Bahre im dichtgefüllten Gotteshause zwischen Almemor unh der heiligen Lade cmfgestelÜ, würde, Zu beiden Seiten der noch geschmückten Kanzel, nahmen der Senior der Dajanim,, Rabbi Mosche Rapp und der Rabbiner und Vorsteher Rabbi Moses Kann Aufstellung. . .. Dieser, der. innigste Freund des. Rabbi, ergriff das Wort zu zwei Sätzen:,^ ‘ 2 „ Wir wollten Dich, Meister, - in diesem Raume ehren, nun ist es die l e tzt e Ehre. Du hast uns verboten, in Reden zu klagen und Dich zu feiern, Dein Wille ist uns heilig!" . Rabbi Mosche Rapp, ein Mann, derselten öffentlich das Wort nahm, sprach, da er es nun tat, so leise und bewegt, daß die ersten Worte nur ans Ohr? der Nahestehenden gelangten: „Mein Väter, mein Vater, Wagen Israels, und fein Vorreiter! Wir haben Dich von uns scheiden gesehen, darum werde wie Elisa unserem Doppelwünsche Erfüllung! Dein Heimgang sei uns Sühne und in Deiner Gemeinde kehre ein der Frie . . Er konnte das Wort nicht zu Ende sprechen. Schluchzen erstickte seine Stimme und brach das Wort mitten durch. Langsam, mit dem nicht zu Ende ausgesprochenen Wort.in der Seele, setzte sich die Menge mit der Bahre in Bewegung, mit zitternden. Wachskerzen und Trauerpsalmen. Bis man durch das Osttor der Gasse hindurch am Friedhofe anlangte, dessen Pforten weit geöffnet standen. Hier gab D eine kleine Störung. •“!' Baruch Sturmbein sprang von'einem zum anderen und pendelte, aus etwas hinweisend, aufgeregt mit den Händen, als wollten seine Glieder auseinanderreißen. Diesmal fand er Beachtung. Er wies auf fremde Menschen, seltsame Gestalten, hin, die sich schöne in Offenbach an die Bahre heranzüdrängen suchten, aber sanft zurückgeschoben wurden. Hier mühten sich die Zudringlichen, die Stangen der Bahre zu erfassen. Einem breitschulterigen Manne in schwerem Pelze, mit hoher russischer Fellmütze auf dem fest im Stiernacken sitzenden Kopfe, suchten Freunde unter Stoßen, und Drängen offenbar den Platz an der Bahre freizumachen. Auf diesen Unbekannten deutete Sturmbein: „Das sind sie, die neuen Offenbächer mit ihrem Führer, Jakob Frank soll er heißen." Die Stunde war zu ernst für Gewalthandlungen. Ganz unauffällig umringten Dajanim und Vorsteher die Bahre und das offene Grab, daß kein Unbefugter durch , diese Mauer schlüpfen konnte. Bis die harten, festgefrorenen Schollen auf die Bretter kollerten. - Von der Domzinne kündeten zwölf getragene Klänge die Mitternachtstunde. Vereinzelte Lichter flackerten noch eine Weile und erlöschen. nacheinander. Eine dunkle Menge verrauschte in die Nacht. Einzelne abgebrochene Stimmen klangen, als kämen sie aus den Gräbern. Die Ehrenreihe im „Hause des Lebens" zwischen den. .winterfiarxenHüt^^d...MHn..rtz^ schneeweißen Kronen haste sich ümein^Gräyver- .Mehrt-' fa dem" ein karNW- und We^sMeD. Lechem letzte PM^gefundenHatte.^J ^. Ä wMm Herze^:Mrließ.Mräham,>MHn MrähaMs,: M.Sonntag, öse Städt-. üM W'chei- 8r, gen OstM zu begehem Seine" FranDrter Hoffnung wat^ mit dem 'Rabbi' ins ' Grab gesunken. XVHI. In. Berlin hielt sich Abraham auf feiner Reise .-yach dem Osten nur kurze Zeit. auf. Die-Gemeinde, war jung, bedrängt von außen und innerlich zerrissen und hatte keine Autoritäten von Bedeutung an, der Spitze.;; Im. Hause des reichen Hofjuden D a-n i esi I tz i g hatte er Gelegenheit, das jüdische Gemeinwesen in der Stadt des großen: Friedrich in all seinen Schattierungen kennen zu lernen. Er kam aber hier auch mit einer Bewegung in Berührung, von der er bis jetzt nur vom Hörensagen etwas wußte und eine ganz unklare Vorstellung hatte. Daniel Jtzig war ein breitschultriger Mann von etwas gedrungener Gestalt, mit glattemovalen Gesichte ,in der die kräftige-Nase wie gemeißelt saß und ruhigegroße Augen Klugheit- Güte und Herrschsucht widerspiegelten. Im langjährigen Verkehr mit Königen und Fürsten, mit Ministern und Höflingen hatte er Df. 12 M» viel von ihrer Art zu -reden, zu denken und sich zu geben angenommen. Innerlich treu zum alten Gesetz stehend, war er doch in seiner äußeren Lebensart schon meilenweit über das enge Ghetto hinaüsgewachsen. Wenn er in seinem Salon im hochlehnigen, vergoldeten.Sessel bei seinen Gästen saß, selbstbewußt, gütigMug und herablassend, angetan mit einem Haustalar mit breitem Atlaskragen um die Schultern, eine Art Burnus auf der gutsitzenden Perücke, so sagten die Freunde scherzend im Gedanken an den großen König: Jtzig der Große! Sein Haus, das schon benähe einem Palaste glich und vor dem fast täglich livrierte Diener und Lakaien die Wagen anfahrender Fürstlichkeiten empftngen, stand Jedermann offen. Wer ein Anliegen an die Behörden hatte, kam zu Daniel Jtzig. Sendboten aus aller Herren Ländern, Rabbiner, Gelehrte, Menschen, die sich mit einer Mission herumtrugen, füllten sein Haus und waren Gäste an seinem Tische. Hier fanden auch die Vertreter der Aufklärung gastliche Aufnahme und auch Gelder für ihre Bestrebungen. Sie hüteten sich wohlweislich, den Magnaten richtig in ihre Karten schauen zu lassen, und die großen Geschäfte, die ihn tagsüber im Banne hielten, ließen ihm keine Zeit noch Muße, all den Dingen auf den Grund zu gehen. Er liebte die Lehre und die Bildung in jeder Art. Von den „Aufklärern" wußte er nur so viel: es waren Gelehrte, geistvolle Menschen, wollten jungen Brüdern helfen, materiell oder geistig, mit Brot oder Bildung, und Daniel Jtzig hatte für so etwas stets offenes Herz und ofene Hand. Ein ganz merkwürdiger Klub war es, den der wandernde Abraham im Salon des Hof- und Münzjuden antraf. Da war Salomon D u b n o . der polnische Gelehrte in östlicher Rabbitracht, mit langem, rötlichem, zweispitzigem Barte und wie Schraubenzieher gedrehten Schläfenlöckchen. Ein Meister der grammatischen Formeln, der die vierundzwanzig Bücher der heiligen Schrift alle, von Anfang bis zu Ende, so lückenlos auswendig beherrschte, daß man ihm nur ein Stichwort zu geben brauchte, damit er unaufhörlich bis ins Endlose weiter zitieren konnte; der für jedes schwierige Satzrätsel in den Propheten ein halbes Dutzend eigene Lösungen hatte, neben den Erklärungen der Kommentatoren, die er ebenfalls im Kopfe herumtrug. Er sprach noch in der Sprache der Heimat und gestikulierte lebhaft mit den Händen,:., Pflegte, Man. philosophische Gespräche, saß;,er. gelangWeilt. da,:chitz?er,:mit einem neuen-,rryönr,chm verfaßten?, Gichichte. chineinfuhr,; um.dgM, am, Ende.',-ochr guf. .WM Grammatik MdBiM.erAärung überMgehen- 3 Salomon .Hpbny -ging - jm Hause DanW Htzjigs. als Hehrer .seiner,.Höhne aus und M. »1?: v n: Da-wffäDavid Friehländer, sehr-jung und sehr gepflegt. Es war allbekannt, daß David, Sohn eines angesehenen Königsberger Seidefabrikanten, zum Schwiegersöhne des Hofjuden ausersehen war. Und wer es nicht wußte, konnte es an der heiteren Selbstsicherheit merken-, mit der sich Friedländer, obwohl der Jüngste in der Korona, im vornehmem,Hause bewegte.. Was er von den höheren Dingen, die zur Unterhaltung standen, nicht verstand- — und er verstand vieles davon nicht — ersetzte er mit Witz und, wenn es ihm gut schien, mit einer beißenden Ironie, .von der die Menschen so wenig wie altgeheiligte Einrichtungen verschont blieben. Es fiel längst nicht mehr auf, daß er bei Anwesenheit des Hofjuden sich Schranken auferlegte und besonders in seinen Aeußerungen über religiöse Dinge größte Vorsicht und Zurückhaltung übte. Da saß wieder ein bartloser Mann, der trotz der überlangen Nase so aussah, als käme er direkt aus einer Klosterschule, und den sie Herz H o mb e r g nannten. Nicht viel älter als David Friedländer, schien dieses „Herzchen", wie ihn die