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Der Israelit · 1930-03-13 · Heft 11 (13.3.1930) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 11 (13.3.1930)
Date
1930-03-13
Page
– (sequence 14)
Language
German
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-Leite 10 Nr. 11 Der Israelit schon auf dem Wege nach Frankfurt. Man traf umfassende Vorbereitungen, fegte und scheuerte in der Altschul, schmückte den Rabbinerplatz und die Kanzel, von der herab der Rabbi am Sabbat wieder zu seiner Gemeinde sprechen sollte. Am Freitag Morgen kamen Gasse und Schul in fiebernde Aufregung. Das Reimgungswerk war beendet. Löb Meier, der Schammes, steckte mit Hilfe von Jokew, dem Schulklopfer, neue Wachskerzen in sämtliche Röhren der Leuchter und Kandelaber, wie zu ein^m hohen Feste. Die Wohnung des Rabbiners wurde instand gesetzt und der Weg vom Ghe'ttotor bis zum Hause mit Tannengrün bestreut. Baruch Sturmbein lief aufgelegt und aufgeregt von einem zum anderen und gab mit den Händen Befehle, die keiner beachtete, sprach hohe Worte, die keiner hörte, nannte große Namen, die keiner kannte. Man schickte sich an, zu Fuß und zu Wagen hinaus zu eilen, um den wiederkehrenden Rabbi schon vor der Stadt zu begrüßen. Da kam atemlos ein Bote aus Offenbach mit der Nachricht: „Rabbi Jakob Jofua ist gestern nacht, von Worms kommend, in Offenbach erkrankt, liegt dort im Haufe des Rabbiners schwer zu Bett und wird zu Sabbat nicht nach Frankfurt kommen." Bestürzung bemächtigte sich der Gemeinde. Dumpfes Schweigen. Nur Baruch Sturmbein fand das erste Wort: „Sagte ichs doch gleich! ..." schrie er. Keiner wußte und kümmerte sich darum, ob und warum er was sagte. Kurz vor Sabbatanfang kamen die Männer der Deputation rach Frankfurt zurück und in die Schul — ohne den Rabbi. Sein Zustand habe sich ernstlich verschlimmert. Die Aerzte sprächen von einer schweren doppelseitigen Lungenentzündung. Man habe alles aufgeboten. Noch vor Beginn der Sabbatweihe stand eine Gemeinde in der alten Schul, andächtg und zerknirscht bei Psalmgebeten für die Genesung ihres Führers, dem mancheiner manches abzubitten hatte. Die Tränen und Seufzer geleiteten nur langsam in das Frohlocken des Sabbatlie - des über, und neue Hoffnung zog in die Gemüter. Rabbi Moses Rapp und Rabbi Moses Kann waren nicht in der Schul. Sie waren mit noch einigen Männern in Offenbach am Krankenbette des Rabbi geblieben. Wie man sich am Sabbatmorgen in der Schul zum Gebets sammelte, stürzte Johann Wegmeister, einer der wenigen Nichtjuden, die im und vom Ghetto lebten, der Botengänge machte und die Post zwischen der Umgebung und der Gasse vermittelte, herein. .Er hatte ein rotes, aufgeregtes Gesicht, schlug mit seinem derben Stecken auf, als zauberte er die harten Worte aus dem Boden und rief, ohne die aufgerissene Türe zuzumachen und in den Raum zu treten, mitten in das Adon Olam-Gebet hinein: „Ich komme von Offenbach. Euer Rabbi ist heute nach Mitternacht gestorben. Wird heute nacht nach Frankfurt gebracht!" Spruchs und verschwand, als fürchtete er, als Unglücksbote gesteinigt zu werden. So stille wurde es plötzlich im Raume, als hätte ein Sturmwind alles Leben weggefegt. Der Vorbeter hielt mitten im Satze still. Die Männer hüllten das Gesicht in ihre Gebetmäntel. Ein Kind fing an, spontan zu weinen. Das wirkte beinahe erlösend. Lautes Schluchzen ging durch die Gemeinde von einem Ende der Schul bis zum anderen. In der Ecke hinter dem Almemor stand der Fremde, in sein Talrth eingehüllt, wie eine starre Leiche an den Ständer gestützt. „Herr im Himmel, auch diese Hoffnung zunichte. Ein Lichtstrahl, und schon ist er von Nacht und Nebel aufgezehrt. Herr, Du bist ein Richter der Wahrheit! ..." (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Oie „Minjonäre". Von Hermann Seckbach. „Minjonäre"! Nicht wahr, liebe Kinder, diesen Ausdruck habt ihr wohl noch kaum gehört? Millionäre, Milliardäre, diese Bezeichnungen für sehr, sehr reiche Leute sind euch gewiß geläufig. Im Geiste seht ihr da gewiß vor euren Augen Menschen, die viel, viel Geld haben, die in herrlichen Häusern wohnen und die sich alle Wünsche erfüllen können. Und doch, glaubt mir, ist hier, nicht immer alles Gold, was glänzt, und Glück — so wie wir es in unserem Sinne uns denken — ist da nicht immer vorhanden. Es gibt Millionäre, bei denen trotz ihres Reichtums — oder gerade vielleicht deswegen — noch nicht mal ein, freundliches Gesicht oder ein gütiges, liebes Wort hervorgezaubert werden kann. Aber, Minjonäre!?? das war eine Gruppe von Menschen, deren Lebensschiff sanft und gelinde dahinschwamm, gesteuert von einem jüdischen Magnaten. Von ihm und seinen „Minjonären", liebe Kinder, möchte ich euch heute erzählen. Vor kurzem war der Jahrzeitstag von Baron Wilhelm Carl von Rothschild. Bald 30 Jahre sind es, daß dieser große Mann dahingegangen ist, und die jetzige junge Generation hat wohl kaum eine Ahnung von seinem gottgeweihten Wirken, von seiner großen seltenen Frömmigkeit und — von seiner kaum überbietbaren Anspruchslosigkeit. Prachtvolle Schlösser inmitten von herrlichen, meilenweit dazu gehörigen Parkanlagen nannte er sein Eigen. Sein eigentlicher Wohnsitz jedoch war Schloß Grüneburg in Frankfurt a. M. Aber nicht in den prachtvollen, fürstlichen Räumen des Schlosses, in denen die auserlesenen, seltenen Kunstschätze des von Rothschild'schen Familienbesitzes sich befanden, hielt er sich auf, sondern seine Gemächer waren in einem Seitenflügel des Schlosses. Eine einfache, schmale Treppe führte zu ihnen hinauf. Und hier, fern von allem Luxus, völlig losgelöst von dem Reichtum, den er besaß und den er kaum für sich beanspruchte, widmete er sich nur seinem Gotte und der heiligen Lehre, die er in seinen Jugendjahren mit dem unvergeßlichen Rabbi Salman Posen b'^t und später mit seinem Hausrabbi, dem edlen und gütigen Rabbiner Fromm b0n durchforschte. Um nun zu jeder Zeit richtig Minjan abhalten zu können, hielt der fel. Baron seine eigenen Minjanleute. Und es ergab sich von selbst, daß man sie kurz die „Minjonäre" des Herrn Barons nannte. Denn überall, wo der Byron weilte, war auch sein Gotteshaus. So befindet sich heute noch auf der Zeil im „von Rothschild-Haus" eine herrliche, stimmungsvolle Synagoge mit eingebautem Oraun Hakaudefch. Dort wurde Freitag abends Gottesdienst abgehalten. Für Schabbos vormittags, nachmittags und abends befand sich eine Synagoge im Nebengebäude der Villa des Herrn von Goldschmidt-Rothschild. Ebenso wurde in der gleichen Synagoge der Wochengottesdienst vormittags abgehalten, während abends im von Rotyschild'schen Bankhaus in einer dort eingerichteten Synagoge gebetet wurde. Der Glanzpunkt aber war gewiß am Rösch Haschonoh und JauM Kippur, wo der Baron von Rothschild auf seinem Schlosse Grüneburg im feierlich-festlich hergerichteten Prunksaal des Hauses Gottesdienst abhalten ließ. Welch unvergeßliche Erinnerungen, liebe Kinder, werden da wach für die, die das Glück hatten^ an all diesen Gottesdiensten teilnehmen — und in die wundervolle Lebenssphäre des Vahrhaft edlen, frommen, trotz des Reichtums selbstlosen Mannes Einblick erhalten zu dürfen, 13. März 1930 der stets und immer in tiefer Andacht vor seinem Gotte stand und seine Tefillaus, Wort für Wort langsam sprechend, zum Allgütigen richtete! Gerade den „Minjonären" war es vergönnt, viel Schönes, Erhabenes, Edles und Gutes von diesem Großen in Israel in sich aufnehmen zu können. Einfache, bescheidene Menschen waren es meist, die an diesen Gottesdiensten teilnahmen, unter ihnen aber echt jüdische prächtige Gestalten. Wie wundersam berührte es, wenn Reb Silbermann am Schabbos nachmittag in. der Dämmerung! sein „Schir Haschirim" im litauischen Original dahinsang und so die Pause zwischen Mincho und Maariw im Winter ausfüllte. Blieben doch alle Minjonäre in Schul. Denn der Weg nach dem Ostend — wo alle wohnten — lohnte sich nicht. Na, und wenn der „Bart"-Kaufmann, so genannt nach feinem kleinen Stutzbart, jedes Jahr ein neues „Bobbelchen", das ihm seine Frau schenkte, dem Baron melden konnte; war das fein! Regelmäßig sagte der Baron nämlich, erfreut über den reichen Kindersegen: „Masseltof, gehen Sie zu meinem Sekretär". Na, und der Sekretär veranlaßte mit seiner gütigen Gattin schon, daß Mutter und Kind gut versorgt wurden! Und so waren manche „Originale" unter den „Minjonären" noch vorhanden, davon zu erzählen man ein dickes Buch schreiben könnte. Heute, liebe Kinder, verbleibt nur noch die Erinnerung, die uns sagen will, daß wahres Glück nur da zu finden ist, wo, losgelöst vom Reichtum, ein reines, edles Menschentum — wie dies bei dem fel. Baron von Rothschild der Fall war — sich enthüllt. Molliges Heim Nur durch einen guten Buderus-Dauerbrandofen diesen kaufen Sie besonders preiswert bei E. HAGE & Co. Am Eschenheimer Tor 3 ♦i A N N C E N JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN LAHGESTHASSE7 TEL. HANSA 4641 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN ,42 353 EINZIGE INSERATEN-ANNAHME FÜR FRANKFURTER 6ESCHKFTS-INSERATE DES »ISRAELIT« Ü R O (♦ AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN.WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN ANNAHME VON DRUCKSACHEN HANDEL«GESCHAFTE»PRIVATE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRÜCK

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