Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1930)
- Date
- 1930-02-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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27. Februar 1930 Nr. 9. Seite 7 Der Israelit In der Diskussion nahm zuerst Herr Carl Weil in sachlichen Bemerkungen zu der neuen Steuerordnung, das Wort. Er befürwortet die Anrechnung der Kopfsteuer auf die Kultussteuer. Ferner sei es unzweckmäßig, der Besteuerung allein die Reichseinkommensteuer zugrunde zu legen, da die Fälle sich häufen werden, in denen kein oder nur geringes Einkommen privater Zensiten vorhanden sein, während ein beträchtliches Vermögen durch hilfsweise Heranziehung der Reichsvermögenssteuer erfaßt werden könne. Das Problem der Doppelmitglieder verdiene besondere Aufmerksamkeit. Wenn zahlreiche Mitglieder beiden Gemeinden angehörten, so sei das auf deren Seite kein Luxus und kein Uebermut, sondern diese Mitglieder fühlten sich eben durch ihr Gewissen gebunden, sowohl die selbständige orthodoxe Gemeinde als auch den orthodoxen Flügel der anderen Gemeinde zu stärken. Es sei aber unbillig, von diesen Kreisen 40 Proz. Kultussteuer zu verlangen. Man sollte die Bestimmung der Steuerordnung, die sich auf Mitglieder mit doppeltem Wohnsitz bezieht, durch einen entsprechenden Zusatz auf Angehörige zweier Gemeinden am selben Orte ausdehnen. Die Religionsgesellschaft habe nach Ansicht des Redners nicht die wirtschaftliche Kraft, um auf die Dauer ihr ausgedehntes Schulwerk allein zu tragen. Es müsse auf diesem Gebiete eine Verständigung mit anderen Kreisen gesucht werden. Man sollte diesem Gedanken näher treten, bevor es zu spät sei. Herr Louis Kahn tritt dem Vorredner scharf entgegen. Von irgendwelcher Konzession an die Doppelmitglieder dürfe aus religionsgesetzlichen Gründen keine Rede sein. Ganz im Gegenteil müßten dem Vorstand seine bisherigen „Fehler und Verfehlungen" bei der Rabbinerwahl zum Vorwurf gemacht werden und auch seine ungenügende Propaganda für den Austritt aus der Richtlinien-Gemeinde. Redner führt einen Midrasch an, auf Grund dessen er den Vorstand für die wirtschaftliche Krise verantwortlich macht. Hungersnot sei die Folge ungenügender Ehrung von Verstorbenen. Vom Vorstandst'sch erwiderte Herr R o s e n h e i m, daß die Anregung des Herrn Weil hinsichtlich der Reichsvermögenssteuer durchaus beachtenswert sei, daß der Vorstand aber Bedenken getragen habe, als einzige jüdische Gemeinde in Preußen mit der Heranziehung der Reichsvermögenssteuer voranzugehen. Die Kopfsteuer sei nicht zu hoch, auch der Zuschlag von 25 Prozent zur R. E. St. erscheine nur unter großstädtischen Gesichtspunkten hoch. Mittelgemeinden erheben, trotzdem sie kein Schulwesen unterhalten, ganz andere Sätze, so z. B. Emden in diesem Jahre 60 Proz. Es sei nicht die Schuld des Vorstandes, daß die öffentliche Besteuerung leider erst jetzt in einem Augenblicks tiefster wirtschaftlicher Depression in Kraft treten könne und daher zu spät oder zu früh komme. Seit 6 Jahren bemüht sich der Vorstand um die Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen für die Zwangssteuer, und hätte der staatliche Apparat nicht so überaus langsam gearbeitet, so wäre es bereits früher zur Einführung der Zwangssteuer gekommen und damit das Anwachsen der Schuldenlast verhütet worden. Der Vorstand betrachte es jetzt als feine ernsteste Aufgabe, den Etat um jeden Preis zu balanzieren, auch wenn zu diesem Zwecke schmerzliche Eingriffe unvermeidlich sind. Sei der Etat balanziert, so bedeute eine Schuldenlast von 300—400 000 Mark, wenn man sie in eine langfristige amortisable Anleihe umwandeln kann, keine Gefahr mehr. Wichtig sei, daß gerade nach Einführung der Zwangssteuer der Geist der freiwilligen Opfersreudigkeit nicht Rot leide. Hinsichtlich der Doppelmitglieder könne sich der Vorstand die Linie seines Vorgehens nicht durch halachische Meinungsäußerungen einzelner Mitglieder bestimmen lassen, sondern er werde sich ausschließlich an die maßgebende religionsgesetzliche Entscheidung des Gemeinderabbiners halten und im übrigen das Gemeindeinteresse als oberstes Gesetz betrachten. Der Vorsitzende spricht Worte warmen Dankes für das ausscheidende Vorstandsmitglied, Herrn Moritz F e l s e n st e i n , aus, woraus dieser in herzlicher Weise erwidert. Ebenso wird den aus dem Gemeinderat ausscheidenden Herren Prof. Dr. Schüler und Leopold Oppenheimer vom Vorsitzenden des Gemeinderates, Herrn Sally G o l d s ch m i d t, warmer Dank für ihre wertvolle Mitarbeit ausgesprochen. Die Wahlen ergaben Wiederwahl der Herren Philipp Posen und Dr. Willy Hofmann, sowie Neuwahl der Herren Siegfried A. Loew e n t h a l und Simon M u g d a n in den Vorstand; Wiederwahl des Herrn Sally Golds ch m i d t und Neuwahl des Herrn Studienrats Dr. Markus Lange in den Gemeinderat. Die Wahlbeteiligung (etwa 225 Stimmen) war äußerst gering. Eine Demonstration für Hebräisch. In der Aula der Realschule fand sich am Samstag abend ein überaus zahlreiches Auditorium ein, um einige Reden in und über Hebräisch anzuhören und eventuell einen gesetzestreuen Kreis für hebräische Sprache und Literatur zu gründen. Den Vorsitz führte Herr Studienassessor Max Feuchtwanger. Nach kurzer Ansprache und Begrüßung erteilte er dem ersten Referenten, Herrn Rabbiner Jonathan H o r o v i c z - Jerusalem, das Wort über „Die hebräische Sprache in den verschiedenen Epochen unseres Goluslebens". In einstündiger Rede führte uns der Referent in fließendem, klassischem Hebräisch die Entwicklungsetappen der heiligen Sprache von der biblischen Zeit bis zur Gegenwart vor Augen. Der geschichtswissenschaftliche Teil baute sich auf biblischen und talmudischen Aussprüchen auf. Er konstatierte dann, daß unsere Alten zu keiner Zeit aufhörten, in der hebräischen Sprache eine lebendige Sprache zu sehen und sich ihrer als einer solchen für ihre Schriften und Briefe zu bedienen. Auch beute steht die ’ Orthodoxie in Palästina nicht der hebräischen Svrache feindlich gegenüber, sondern den Menschen, die sie für uniüdische Gedanken mißbrauchen und ihren Schriften . Als es darum ging, .im Technikum zu Haifa die deutsche Sprache als Ümgangssvrache einzuführen, gaben die Rabbinen, unter ihnen Rabbi Chajim Sonnenfeld, ein Gutachten ab. in dem zwar gesagt wird, daß es mit der Sprache allein nicht' getan sei, daß die Thora Inhalt des jüdischen Volkes sei, auf der anderen Seite aber die Schule davor gewarnt wird, eine andere als die heilige Svrache als Unterrichtssprache einzuführen. Als zweiter Redner spricht Herr Redakteur Schachn o w i tz , erst hebräisch und dann deutsch, über den tieferen Sinn des Wortes --av d®. sich im Ganzen den Gedankenaänaen des Vorredners anschließend. Er schlägt einige Thesen vor. Herr Dr. S. Ehrmann svricht (einleitend hebräisch, dann deutsch) in ähnlichem Sinne. S. R. Hirsch habe seine Werke deutsch geschrieben, damit die kommende Generation Hebräisch beherrsche, darum könne die Gründung eines solchen Vereines nur im Sinne von S. R. Hirsch sein. Wir lieben nicht darum weil sie in hebräischer Svrache gehalten sind, sondern umgekehrt; die hebräische Sprache ist heilig, weil die Thora in ihr geschrieben ist. Der Vorsitzende gibt Kenntnis von einem Lebrvlan S. R. Hirschs für hebräischen Unterricht in der Schule. Die Diskussion ist nur für praktische Vorschläge zugelallen, ergibt aber nur wenig wesentliche Momente. Herr Margenfeld appelliert an die Jugend. Herr Abraham Sa f f r a steht der ganzen Gründung ablehnend gegenüber. Man solle in alter Weise und »-nj lernen. Herr Ielen saat, man solle Hebräisch lernen, um in den jüdischen Geist einzudringen. Herr Hans M e n e r von der Jeschiwo wendet sich an die Bachurim mit Ratschlägen, an Hand der Gemoro Hebräisch zu lernen. Herr Lehrer Reich macht Mitteilunaen über die Umgestaltung des hebräischen und Tnach-Unterrichtes in der Schule. In später Abendstunde schließt der Vorsitzende die Versammlung. Ueber die Konstituierung des Vereins und Aufstellung seines Arbeitsvlanes soll in einer späteren Versammlung Beschluß gefaßt werden. Schriftliche Anmeldungen für die hebräischen Kurse und Arbeitsgemeinschaften sind zu richten an Herrn P. Bollmann, Frankfurt a. M., Am Tiergarten 28 (b. Falk). Frau Elemenkine Kann n"V- In der vorige Woche entschlafenen Frau Clementine Kann ist eine jener edlen Frauengestalten dahingegangen. deren Verdienst es war, daß wir die Schwere des Golus überstehen konnten. Einer alten Karlsruher Jichusfamilie entstammend, hatte sie — von einer tief innigen Frömmigkeit beseelt — als Tochter des würdigen Mener Levis sowie als Gattin des noch in unser aller Erinnerung stehenden langjährigen Baltokeo unserer Synaooge und Vorsitzenden der hiesigen o”>on -Kivve, Bernhard Kann V-t die Traditionen der beiderseitigen Familien stets hochgehalten und in ihrem Leben verwirklicht. Eine „grande dame" im besten Sinne des Wortes, befaß sie dabei eine Güte des Herzens, sowie eine Vornehmheit der Gesinnung, die sie zu einer Jdealgestalt machten, die sich den Besten unter den früheren Generationen dieser beiden alten Familien würdig anschloß. Möge ihr jetzt der volle Lohn für ihr so selbstloses und segensreiches Erdenwallen werden, und möge ihr ninT ihren Kindern und Enkelkindern, die ihr in grenzenloser Liebe und Verehrung zugetan waren, stets beistehen. — All denen, die ihr im Leben näher stehen durften, wird sie stets unvergeßlich bleiben. Purimfest des Jüdischen Turnerbundes. Die Vorbereitungen für unser diesjähriges Purimfest am 15. März im großen Saal des Zoo find im vollsten Gange und verspricht dasselbe ein ganzer Erfolg zu werden. Die letztjährige Veranstaltung hat bewiesen, welche Zugkraft der Jüdische Turnerbund hat, weshalb das bevorstehende Fest im großen Saal des Zoo stattfindet, um jedem die Gewähr für Sitzgelegenheit zu geben. Karten im Vorverkauf laut den aushängenden Plakaten. Jugenddienst. Der I u g e n d d i e n st des Jüdischen Frauenbundes (Geschäftsstelle Frankfurt a. M., Langestraße 3) will alleinstehenden Jugendlichen beratender Helfer sein. Der Jugenddienst soll als freie Liebestätigkeit die Sorge für die Jugendlichen zugleich zentralisieren und dezentralisieren. Er will in der ganzen jüdischen Frauenwelt! Deutschlands das Verantwortungsgefühl für das Schicksal der im Erwerb stehenden, aber auch der erwerbslosen vüer arbeitslosen Jugendlichen wachmachen, bevor sie durch den Engpaß der Gefährdung der Verwahrlosung verfallen. („Blätter des Jüdischen Frauenbundes", Januar 1930. Seite 8, Bertha Pappenheim.) Frankfurter Vereinskalender. Verein Mekor Chajim. Samstag morgen nach Schluß der Synagoge „Dinim", Herr Dr. E. Posen. — Nachmaittag 3u Stunde vor Mincho, Mikro, Herr Dr. Hofmann. — Eine '/§ Stunde nach Nacht (ebenso Sonntrg vormittag 8 Uhr), „Gemoro", Herr Joachim Soffer. Sonntag morgen nach Schluß der Synagoge (ebenso . Mittwoch) im Hörsaal, bis «n, Herr Redakteur S. Schachnowitz. — Vormittag 91'4 Uhr (ebenso Dienstagabend 6' -■ Uhr Vereinslokal) „Gemoro", Her»' R. A. Gerson Posen. — Abends 6 Uhr Geschichtsvortrag des Herrn Red. S. Schachnowitz. „Die Reformflut in Frankfurt und ihre Abwehr bis S. R. Hirsch". Montag morgen nach Schluß der Synagoge (ebenso Donnerstag), im Hörsaale, Mischnalernen der Mitglieder. — Zu gleicher Zeit im Sitzungszimmer Friedberger Anlage von Montag bis einschließlich Donnerstag, „Gemoro", Herr Dr. S. Ehrmann. — Abends 7 Uhr (ebenso Mittwoch) im Vereinslokale, „Gemoro", Herr Rabb. Dr. I. Breuer. — 8 'i2 Uhr, (ebenso Donnerstag), „Gemoro", Herr Dr. E. Posen. Dienstag morgen, nach Schluß der Synagoge, (ebenso Freitag), „Mischna", Herr Dr. E. Posen. Von Sonntag bis einschließlich Donnerstag abends 8^/4 Uhr „Schaslernen", Herr Herz Holpern. Jahrzeitsstiftungen. Tinp, 1. März. Gabriel Rothschild- und Bettchen Ginsberger geb. Schönberg-Stistung. Sonntag, 2. März. Theo Riesu. Julius Stern-Stiftg. Montag, 3. März. Frau Justizrat Dr. Naftali Hirsch- Stiftung. Donnerstag, 6. März. Louis Joseph-Stiftung. Freitag, 7. März. Karl Guggenheimu. Joseph Rosenfelder-Stiftung. Agudas Jisroel-Jugendgruppe. Mifchnajaus-Schiur unter Leitung von Herrn Dr. Hirsch. Ab kommenden Schabbos findet dieser Schiur fortan in der Wohnung d. Dozenten; Merianstraße von I61/2 bis 17t/2 statt. Arbeitsgemeinschaft: „Politik", Jacob Landau. Der achte Abend dieses für Damen und Herren bestimmten Zirkels findet am Mauzoe Schabbos, 21 Uhr, Schwanenstraße 12 statt. Ueber Judenhaß, Boykott, Abwehr, Berufungsfragen und weitere eng damit verknüpfte Fragen spricht am Sonntag, den 16. März — genauere Zeit und. Ort werden noch bekanntgegeben — für die Agudas Jisroel Jugendgruppe Herr Dr. Marx, Syndicus des C. V. Unter Aufficht der Ri'ualkommiffion der Israel. Gemeinde hat Herr I. R o s i n e r im Hause Zeil 44 ein modernes Restaurant eröffnet. Die Preußische Landesvfandbri.'fanstelt ie Berlin (Grundkapital und offene Reserven über 31 Millionen RM.), die satzungsgemäß Da lrhen zur Herstellung und Erhaltung von Klein- und Mittelwohnungen gewährt, weist in ihrer Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil darauf hin, daß sie in der Zeit vom 27. Februar bis 19. März 1939 einen Betrag von 5 Mi.lionen Goldmark ihrer achtprozentigen Goldmarkpfandbriefe, Reihe XVII/ XVII! zum Vorzugskurse von 93.53 Prozent zur öffentlichen Zeichnung auslegt. Die P and b riefe sind reichsmündelsicher; sie werden an den Börsen in Berlin und Frankfurt a. M. mik 97 Prozent notiert und sind bei der Reichsbank in Klaffe A lombardfahig. Die Stücke siid zu GM. 130.—, 200.—. 500.—, 1000.— und 5000.— lieferbar . Alle durch den Verkauf der Papiere auskommenden Beträge werden ausschließlich dem Wohnungsbau zugesührt.