Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 8 Der Israelit und hatte ein Hinterstübchen, es war der Durchs gang und die Pforte zu einer höheren Welt. Auch Du, Abraham, bist durch sie gegangen. Gehe weiter und vollbringe! ..." Kinderstimmen schluchzten das Kaddischgebet. Etwas abseits stand der Mann mit dem blonden Vollbart, ganz geknickt, mit verschleierten Augen. Seine Lippen bewegten sich, er sprach das Kaddischgebet für die Seele des Märtyrers mit. Es war ihm, als stände er an der eigenen Bahre- An diesem blonden, vollbärtigen Mann, der. nachdem alle gegangen waren, noch eine Weile am frischen Grabe blieb, machte sich jetzt ein rothaariger, ungeschlachter Mensch in sasfianumsäumten langen Stiefeln heran. Ob er ein Sohn, ein Verwandter des Verstorbenen sei, ob er sonst was näheres von ihm wisse, wollte er von ihm erfahren. Aus verschleierten Augen sah Abraham dem Mann ins aufgedunsene Gesicht, darin ein paar lauernde Augen unruhig zwinkerten. Es war ein Pole. Was wollte der hier und gar von ihm? Da Abraham mit der Antwort zögerte, setzte der rote Pole lebhaft fort: „Ihr seid, wie ich sehe, fremd am Platze. Aus Polen? Auch ich bin Pole, der gern unter seinen Landsleuten ist. Wollt Ihr mit mir gehen?" „Im Augenblicke halten mich dringende Geschäfte davon ab, vielleicht später einmal." Geschäfte? Darauf hatte der Rote gewartet. „Ihr seid Jude, und Juden machen gern Geschäfte, was kein Tadel sein soll. Könnte Euch etwas zuweifen, das eindringlicher ist, als alte Kleider und dergleichen. Wollt Ihr mir helfen?" „Gewiß läßt sich ein Jude ein Geschäft nicht entgehen. Was wünscht Ihr von mir?" „Wir suchen jemand, sind ihm auf der Spur. Hat etwas mit dem hier bestatteten jüdischen Schankwirt zu tun. Ihr wißt vielleicht, nach Eurer Teilnahme an der Trauer zu schließen, mehr davon. Es wäre dabei für Euch ein Schatz zu verdienen. Wollt Ihr nun mit mir gehen?" Abraham fühlte, wie er erbleichte und gab sich zugleich einen Ruck, größte Ruhe und Gleichgültigkeit zu markieren. „Ich glaube," sagte er, „Euch schon in manchem dienlich sein zu können. Muß nur erst in mein Quartier, einem Geschäftsfreund Bescheid sagen und einiges ordnen. In zwei Stunden können wir uns treffen. Wo?" „In der kleinen Gastwirtschaft am Fischerhafen." „Gut, in zwei Stunden." Abraham lief, was ihn die Beine tragen konnten, in fein Quartier, packte schnell seine Ranzen und begab sich auf verschlungenen Feldwegen nach dem nächsten Dorfe. Dort erhielt er abends eine Bauernfuhre nach einer größeren Stadt, wo er Anschluß an den Postwagen erhielt. Lange Tage wanderte er, teils zu Fuß, teils mit Wagen oder Schiff, bis er über das Alpenland und das Vorarlgebirge die böhmische Grenze erreichte, hinter der sich Flüchtlinge der dominikanischen Inquisition sicher und geborgen wußten. (Fortsetzung folgt.) Eine versunkene Skadk. Von Martins. Irgendwo im Norden liegt, tief in einem Walde versteckt, ein See. Harmlos blank glitzert feine Fläche in der Sonne, den Wanderer zum Bade ladend. Doch wehe dem, der sich den Fluten des Gewässers anvertraut, ohne die Tiefe seiner Abgründe zu kennen. Eine Stadt ist hier versunken. Ein Fluch stürzte sie in einen Abgründ. Mit ihren Türmen, ihren Zinnen ist sie an den Boden der Tiefe gebannt. Manch Neugieriger, der nach ihr suchte, wurde ein Opfer der Untiefe. So ruht die Stadt in der Verborgenheit, wartet auf den, der sie aus ihrer Verwunschen- und Versunkenheit erlöst. Klingt der Name Prag ans jüdische Ohr, erwachen Lied und Sage. Von „Praga hamaatira" singt die Selicha des Versöhnungsfestes. Die Prager „Sippurim", ein wahres Volksbuch, befestigten tief im Herzen des jüdischen Kindes das Ahnen und Wissen um die Geschichte des uralten jüdischen Prags. Um Feiertage im Erzgebirge damit zu krönen, machte ich einen Abstecher nach der vieltürmigen Stadt. Lange Strecken fährt die Eisenbahn der Moldau entlang. Schon die Moldau begann, aus der Vergangenheit zu erzählen: An ihren Ufern, weit von Prag, sah sie einst den Hohen Rabbi Löw mit zwei seiner Schüler Heraufziehen. Stumm zogen sie einher, ernst blickten ihre Gesichter. Das Zeichen der Erfüllung auf der Stirn des Rabbi, das Zeichen der Erwartung auf der Stirn seiner Schüler. Sie gelangten an eine breite Stelle des Gestades. Der Rabbi zog mit seinem Stock magische Kreise in den Lehmboden, und unter Gebeten und Beschwörungen vollzog sich die Schöpfung des Golem. Sie gaben ihm Kleider und führten ihn mit sich in die Stadt. Der Golem diente dem Rabbi als Knecht. Die Leute nannten ihn Josele Golem oder auch Josele Stummer, denn sprechen konnte der aus Menschenhand Geschaffene nicht. So erzählte die Moldau, während ich aus dem Fenster des Zuges schaute. Da plötzlich sah ich einen Vogel von einer Hochspannungsleitung tot abstürzen, und mir, wurde wieder bewußt, daß wir im 20. Jahrhundert leben. Es gibt welche, die die romantische Erzählung der Moldau so deuten wollen: Den Josele halten sie als Kind ausge setzt. Er lebte im Walde und lernte nicht Sprache noch Sitte. So trafen ihn der Rabbi und seine Schüler. Der Josel-e Golem, der ungebildete Josele und der stumme Josele, kann ein geschichtliches Faktum sein. Mit diesen Gedanken betrat ich die Stadt der Sage, um Geschichte zu sehen. Ich fand sie nicht, die Stadt. Sie liegt versunken im Meer der Zeit. Schaut man hinunter, sieht man nur noch wenige Spitzen ragen, die ganz leise widertönen von dem einst so regsamen Leben. Nur ein mit den Tiefen des Zeitmeeres, der Geschichte, Vertrauter vermag den Spuren nachzugehen, die spärlich hier entgegentreten. Es war Sabbat, und ich ging, um an einer der ältesten Stätten Europas zu beten, an der Juden sich zum Beten versammeln: in die Alt-Neu-Synagoge. Trotz Brand und Verfolgung in der Judenstadt steht das Gotteshaus durch Jahrhunderte an seinem Platz. Die Judengasse, die Judenstadt, die Josesstadt sind verschwunden. Als einzigen alten Vertrauten hat die Synagoge das — zwar bedeutend jüngere — jüdische Rathaus mit der jüdischen Uhr in ihrer Nähe. Und die alten Vertrauten drinnen? Es tönen in ihr die alten Klänge, Prager Klänge, mit dem eigenartigen Lokalakzent, ein Gemisch aus polnisch und aschkenasisch. Und doch war es mir, als paßten alle die modisch gekleideten Männer nicht hinein in das alte Gewölbe mit seinen Leuchtern, Gestängen und bewegbaren Pulten. Nur gut, daß die alte Bauart die völlige Unsichtbarkeit des Frauenraumes bedingte. Ber den Männern konnte der Talis die Stimmung noch retten, bis bei Verlesung der Thora ein Mann mit lautem Getöse Geldstücke in den Opserstock fallen ließ. Da mochte ich nicht mehr bleiben. Die Freude an der uralten Bauweise der Synagogenfenster, „Schekufim atumim" die von keiner modernen Kirchenglasphantasie zu übertreffen ist, die Freude an einer Tafel mit Bestimmungen aus der Zeit des Maharal und an vielen anderen nicht aufzuzählenden Einzelheiten war mir verdorben. Ich zog hinunter zur Moldau. Brücken führen hinüber zur anderen Seite der Stadt, wo der Hradschin, die Burg liegt. Hier am Fuße des Hradschin soll die erste Ansiedlung der Juden bestanden haben. Die große Brücke, die hinüberführt, ist die Karlsbrücke. Ein noch so bezauberndes Stadtbild kann nicht mit dem Bewußtsein versöhnen daß von dieser Brücke Ketzer und Dersoigie aller Konfessionen, nicht am wenigsten Juden, in die Moldau gestürzt wurden. Geschah das wirklich im Namen all der Heiligen, deren Statuen jetzt die Brücke zieren? (Doch diese Frage nicht allein für Prag.) Eine Statue hat sogar eine hebräische Inschrift. Ein Jude mußte sie „als Strafe für eine Schmähung wider das heilige Kreuz" errichten lassen. Als ich am nächsten Tage wieder an das andere Ufer wollte, mied ich die Karlsbrücke. Ich ging zum Friedhof. Beinahe wäre er ein Opfer eines „Stadtverschönerungsvereins" geworden. Doch gab es in Prag Verständige, die es zu verhindern wußten. Das muß überhaupt lobend registriert werden, daß die Tschechen sich mit Liebe und Verständnis der Erhaltung ihrer Kulturschätze widmen. Und „wie es sich christelt, so jüdelt es sich." Aber die Juden neigen zur Uebertreibung: ein jüdisches Museum ist nicht berechtigt, die Schau so zu veranstalten, daß jeder Unbefangene annehmen muß: das ganze Judentum ist nur noch Gegenstand von Museen und Archiven. Was hilfts? Die Stadt ist versunken. Vom Friedhof wollte ich sprechen. Große Männer fanden hier ihre Ruhe, die für Prags Juden und für die jüdische Gesamtheit Großes bewirkt und geschaffen. Da. fällt mir die Geschichte ein, die man von dem mährischen Städtchen Holleschau erzählt. In Holleschau liegt einer der größten Autoren der Gesetzesliteratur, der Schach (Sabatai Hakohen), begraben. Die Leute von Holleschau waren brave Leute, die ihrem Großen ein ehrendes Gedächtnis bewahrten, aber mit seinen Werken waren sie wenig vertraut. Einst kam ein Fremder nach Holleschau. Man fragte ihn bald, ob er nicht das Grab des weltberühmten Schach besuchen würde. Cr ließ sich gern hinführen und am Grabe des Gelehrten sprach er: Hier in Hollesau ist der Schach tot und begraben, aber draußen in der Welt lebt er. (Auch das ist nicht nur für Prag gesagt.) Die Eesamtstimmung des Friedhofes läßt sich nicht beschreiben, man verweile dort und höre, was die Steine sprechen. Die seltsame Form mancher Denkmäler, die aus mehreren Platten zu Sarkophagen gefügt, ist schon oft Gegenstand kunstgeschichtlicher Betrachtung gewesen. Sehr interessant sind die Epitaphien der Denkmäler, nach 20. Februar 1930 ihrem Inhalt und nach ihrer For'm. Eine Ueberlieferung sagt, man lese keine Grabschriften, deren Buchstaben auf dem Stein erhaben sind; es ist schädlich für das Gedächtnis. Es sind viele solche Inschriften dort zu lesen. Ich hoffe, mein Gedächtnis hat keinen Schaden genommen. Nachdenklich stimmte mich die alte Sitte, auf Gräbern derer, die man „besucht", eine „Besuchskarte" in Form eines kleinen Steines zu legen. Ich grüßte die Toten und begab mich ins Archiv der Gemeinde, um Schriften dieser Toten oder über sie zu lesen. Das Archiv ist im Rathaus. In demselben Rathaus, auf dessen Boden der Staub des zerstörten Golems ruhen soll. Ich fragte natürlich nach diesem Staube. Man zeigte mir aber nur den Staub auf den Akten. -Der Archivar meinte, Prag könne stolz sein, nur einen Golem (Ungebildeten) besessen zu haben. Und nach dessen Staub sucht man noch nach Jahrhunderten, gab ich zur Antwort. Ich erkundigte mich nach Einzelheiten, die mich gerade interessierten. Das soll man aber nie tun (auch das nicht nur für Prag gesagt), sonst wird einem eisrigst ein großer Vortrag gehalten, in dem die gestellte Frage mit keinen, Wort berührt wird. Nachdem ich so mein Wissen bereichert hatte, zog ich weiter durch die Altstadt. Ich gelangte auf einen Platz, dessen Winkel zwei Denkmäler zieren: Das Denkmal eines Ritters und das Denkmal des Hohen Rabbi Löw. Der Ritter kehrt dem Rabbi und seinem Geschöpf, das bei ihm ist, den Rücken. Die Weisheit des Rabbi und seine magische Kunst sind nicht von dieser Welt. Das Geschöpf des Rabbi, ein naktes Kind ist sein Symbol, hängt sich an die Knie des Meisters. Der Meister erhebt abwehrend die Hände. Fürchtet er sein eigenes Geschöpf oder das Geschöpf des Bildhauers? Zeigt dieses Denkmal auch nicht den jüdischen Rabbi, so zeigt es doch den bei allen Kreisen verehrten großen Geist. Auch der Nichtjude weiß hier vom hohen Rabbi Löw und seinem Golem, selbst ohne Gustav Meyrink gelesen zu haben. Das böhmische Prag erhebt sich aus seiner Versunkenheit. Auf allen Gassen merkt man sein Erwachen. Oft viel zu stark, sodaß man sich fürchtet, deutsch zu sprechen. Ich fragte einen Schutzmann in deutscher Sprache nach dem Weg.. Er brummte einige Worte, die für mich böhmische Dörfer waren. Ich versuchte es noch einmal und zwar auf französisch, da gab er mir die Auskunft in — deutscher Sprache. Die Juden, sagte man mir, sind meist radikaler als dieser Schutzmann, und mit einem Juden wäre die Verständigung wohl schwieriger gewesen. Ich stieg auf den Laurentius-Turm, den höchsten Punkt Prags, und dachte darüber nach. Ich sah vor mir weithin das wundervollste Panorama einer Stadt und ganz tief unten in der Versunkenheit sah ich die Judenstadt. Ich weiß, daß die Erlösung aus der Verwunschenheit nicht weit sein kann, denn es leben noch Männer in Prag, die das Judentum mit Stolz zu seinen Besten zählt. Uinderecke. Die alle Turmuhr. Von Heinrich Einstädter. Eine ganze Schar Kinder hat sich aus einem freien Platze versammelt, und alle schauen mit erwartungsvollen und vergnügten Gesichtern empor zur Turmuhr. Dabei werden die verschiedensten Ausrufe laut: „Paß auf! Jetzt kommts!" Arme werden gehoben, alle Kinder schauen gespannt empor, und nun noch einen Augenblick, — und es geht los: „Bum, bum, buix, bum, bum, bum, bum." Die Kinder biegen sich vor Lachen. Es ist nämlich vier Uhr, sie haben schon den Nachmittagskaffee eingenommen, die Schulaufgaben sind gemacht, und nun kommt die Freizeit, die Spielzeit, und die alte Turmuhr schlägt „acht!" „Hans, wo hast du deinen Schulranzen? Auf in die Schule!" „Schau mal, ob der Fritz nicht noch im Bett liegt! Es hat schon acht geschlagen!" „Nein, es ist ja acht abends! Du mußt heim ins Bett!" In dieser Tonart geht es eine zeitlang weiter und indessen steht der Turm ruhig und unbeirrt da, und die Zeiger der Uhr kümmern sich weder um die Zurufe noch um das Gelächter. Ein alter Mann steht ernst daneben. Er schaut auf die munteren Buben und Mädchen und sagt zu einem, den er an der Hand führt, und der wohl sein Enkesl sein mag: „Auch bei alten Menschen geht zuweilen das Uhrwerk im Kopfe nicht mehr so recht, und manche mögen auch lachen/ wenn es dann falsch schlägt. Aber dem Menschen tut es weh, das Höhnen und Spotten. Manchmal ihm selbst zwar nicht, aber dann seinen Angehörigen destomehr. Dann zeigt sich, ob Kinder so gut erzogen sind, daß sie zwischen Gottes lebendigem Ebenbild und einem steinernen Turm unterscheiden können."