Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1930)
- Date
- 1930-02-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ßST Der jsraelit % Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Alärtyrergeschichle. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). Menachem Leib sah alle guten Geister der freudlosen Kindheit wieder. Was ein Duft vom offenen Kamin kam! Mutter blies das Feuer an, daß ihr dürres, knochiges Gesicht zu einem roten Blasebalge anschwoll. Sie kochte für den Sabbat. Drei Gänse hatte sie mit geborgtem Gelde Donnerstag auf dem Markte erstanden, sie schlachten lassen, gerupft, zerstückelt und die Teile einzeln an die Kunden verkauft. Etwas blieb übrig: die Füße, die Köpfe, ein Magen. Daraus bereitet Mutter die Sabbatspeise. Nun stürzt sie die Brode in den Ofen, und werms ganz Tag ist, wird sie auf die Arbeit gehen, da und dort aushelfen beim Putzen, Kochen, Gänserupfen. „Stehe auf, Menachem Leibele, bald Zeit zum Beten! . . . Nimm Jossele mit, übermorgen ist Jahrzeit, soll lernen Kaddisch sagen!-" Im B e s h a m i d r a s ch. Die Wand ist grün, besteht aus egalen, zum Teil beschädigten Kacheln und ist warm, daß der Rücken in Schweiß kommt. Davor der lange altersschwarze und wurmzerfressene Tisch. Die Talgkerze ist yeruntergebrannt und tropft, als würde sie weinen. Es ist sehr späte Nachtstunde. Donnerstagnacht! Auf, weiter lernen, weiter, noch lauter, um sich wach zu halten, noch rascher, bevor die Kerze ganz abgebrannt ist. Donnerstag nacht. Das Wochenpensum muß wiederholt werden- Wison! Die Bauernjungen, seine Schüler. „Kommt her, Kinderchen, ganz nahe heran, s o Ihr könnt nichts dafür, daß Euch der Himmel mit so harten Bauernköpfen gestraft. Ihr kennt nur den Gaul und die Kuh und den Stall. Nun, also noch einmal und noch einmal! „Odom" ein Mensch „ki jakriw", wenn er ist makriw, „Kordon", ein Kordon . . ." „Seht Ihr, Reb Joel, Eure Jungens haben — nie. bei Euch gedacht — Köpfe von Eisen, aber der Wille machts! Ihr seid ein gehetzter Mann, aber es steht geschrieben: „Und lehre es deine Kinder!" Ihr habt gute Fäuste . . . Aber halt, nicht g a r zu hart, es sind nur Kinder. Die Linke verstößt, die Rechte zieht heran . . ." „Setzt Euch, Reb Joel, wollen vernünftig miteinander reden! Was wollt Ihr? Ich soll für Euch Gan Eden mit verdienen, erlernen? Weiß ich, obs für m i ch ausreicht? Ihr wißt es schon? Ach ja, habe es nicht bedacht, Ihr seid schon seit zehn Jahren in der Welt der Wahrheit und wißt alles! . . ." Ach, Veile! Hat die Kinder am Arm und weint. „Warum weinst Du, Närrin?" „Menachem Leib," schreit sie, „was haben sie aus Dir gemacht? Kommt alles von Deiner Dummheit, Dich mit Dingen abzugeben, die nichts taugen . . . Habe es doch immer gesagt... Jetzt komm, erhebe Dich, was wollen die Mörder ,die Räuber von Dir? Wem hast Du je etwas zuleide getan? Komm, Schlemihl, komm, sage ich Das Bett ist frisch gemacht, gute Fische gekocht, die Stube ist warm, die Gmoro liegt auf dem Pulte, komm rasch . . . Siehst Du nicht, die Kinder weinen, gucken sich die Augen aus nach dem Vater, komm, satze ich, komtn! : . „Warum weinst Du, Närrin? Es ist schon wahr, Du hast recht, hast die ganze Last getragen, ich . . . Nun ja. Aber was wäre da zu weinen? . . ." „Siehst Du nicht das Licht, von oben, ganz von oben? Ich bin ein König und sitze aus goldenem Throne. Die Krone drückt und der Purpurmantel ist voller Nadeln . . . Ich bin König M o n a b a z. Andere sammelten unten, ich oben, andere häuften Geldschätze, ich Seelen; andere legten ihre Schätze schlecht an, daß sie Diebeshand erreicht, ich . . . Beile, mein Weib, verstell Dich nicht, Du hast Freude an meinem Tun, wenn Du auch oft zankst und zeterst und mich einen Nichtstuer gescholten. Sollst auch Dein gut Teil an all dem haben . . . Hast Du gehört, was Dein Vater sagte? Er ist in der Welt der Wahrheit und weiß alles . . ." >,Und nun, Beile, liebes Weib, gehe! . . . Mußt gehen. E r kommt zur Türe, Er, auf den ich schon so lange gewartet. Siehe, das Haus füllt sich mit Licht, gehe! Rabbi Elije mag es nicht gern, daß Frauen mit im Raume find. Gehe, Närrin, und weine nicht ..." Und da ging die Türe auf. Das war e r, kein anderer, mit dem hellen Gesichte, auf dem die Schechina ruhte. Er legte den Packen ab, stellte den Wanderstab hin und näherte sich ihm. „Gesegnet, großer Rabbi Elie! Verzeiht, ich kann nicht aufstehen. Sie haben mir einen schweren Stein auf die Brust gelegt, warum? Gesegnet, Rabbi, wie habe ich auf Euch gewartet!" „Ruhig! Menachem Leib, nun bin ich bei Euch und alles ist gut." „Rabbi Elie, Ihr seid in meinem Zelte, und ich kann Euch nicht bewirten. Der Stein auf meiner Brust . . ." „Ruhig, Menachem Leib, ich habe keinen Hunger, noch Durst, ich komme, Euch zu helfen. Wälzen wir gleich den Stein. So, so — schon leichter, schon besser-" „Großer Reb Elie, tausend Fragen habe ich zu fragen. Im Talmud und im Sohar, und im Leben . . . Wie habe ich auf die Stunde gewartet ..." „Seid ruhig, Menachem Leib, wir gehen in die Kammer hinter dem schwarzen Vorhänge, dort leuchtet ein großes Licht und dort lernen wir, bald, bald, Menachem Leib; alle Geheimnisse werden Euch offenbart! ..." „Rabbi Elie, heiliger Gaon!" Ein Schrei aus der Tiefe in die Tiefe, für keinen hörbar. Der Stein war fortgerollt . . . XIV. Als Abraham in aller Frühe an das Schloßtor kam, traf er den Mönchwächter , in gar übler Laune an. Nüchtern war er auch noch,, und der Eindruck eins bösen Erlebnisses lastete-auf seinen Sinnen, daß sein Auge trüb war und seine Sprache verworren klang. ,, „Kommt da der Jude schon wieder," brummte er1 auf, „nichts mehr zu machen. Alles aus!" „Was ist aus?" „Alles aus und zu Ende. Ist der Jude taub? Alles zu Ende, sage ich, und er schere sich selber zum Teufel." „Ist der angeklagte Jude verurteilt?" ließ sich Abraham nicht aus der Ruhe bringen. „Verurteilt?!" Der Wächter lachte böse auf. „So ein Schelm von einem Juden! Entwischt der heiligen Justiz und ich bekomme noch darob Scherereien!" „Der Jude entwichen?" „Seine Sünderseele ist aus dem Leibe gewichen. Sagte ich es doch gleich; nahm keine Speis noch Trank zu sich. Wer kann vom Beten allein leben?" „Menachem Leib ist tot!?" schrie es in Abraham auf. „Menachem oder Leib, oder nennt ihn, wie Ihr wollt, er ist tot und alles ist zu Ende." „Wie ist das gekommen?," zitterte Abraham. „Hat er mir nicht erzählt. Vielleicht erzählt er es ihm, wenn er Lust hat, hineinzugehen. Da liegt die Judenleiche, starr und stumm, ganz in das weiße Gebettuch eingehüllt, auf der Pritsche. Wußte es doch gleich, ein Mensch, der nichts ißt und trinkt und immerzu nur betet, betet . . . Gestern kam er in das Rad, und heute nacht war es aus mit ihm . . Sebastianus wollte mißvergnügt die Klappe zuschlagen. Abraham wich mit rascher Bewegung zurück. Er hätte beinahe die Finger eingeklemmt. In seiner Hand blinkte ein Goldstück. „Langsam, Freund," sagte Abraham. „Ihr habt mir traurige Botschaft gebracht, aber es ist nicht Eure Schuld. Saget mir, was geschieht jetzt mit dem toten Juden?" Der Wärter schob die Klappe wieder ganz zurück und sein Auge heiterte sich beim Niederrollen des Geldstückes auf sein Tischchen ein wenig auf. Er entsann sich aus etwas und sprach, wie um das Goldstück zu rechtfertigen. „Ich habe getan, was ein Chriftenmensch tun kann. Er ist inweichen Decken gestorben. Die habe ich ihm gebracht, obwohl es gegen die Vorschrift war." „Aber was geschieht mit dem Toten?" drängte Abraham. „Mit dem Toten? Eine schwierige Sache. Die werden sich drinnen schön ärgern, daß sie \mt keiner Walze mehr den Judenmund zu einer Aussage aufreißen können! . . . Aber die Leiche? Warte! Im Winter haben sie die Leiche eines ihnen entgangenen Ketzers in aller Förmlichkeit auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und die Klosterglocken haben dazu geläutet. Das war aber ein richtiger Ketzer, der gestanden hatte und verurteilt war. Man verfuhr mit ihm, wie es die Inquisition vorschreibt. - Hier — wartet — hier ist es anders. Der Jude hat kein Geständnis abgelegt. Er war noch nicht verurteilt, und ich glaube, das Kloster hat keinen Bedarf an Judenleichen. Werden uns gern die Arbeit des Einscharrens sparen." „Wir könnten die Leiche herausbekommen?" „Ich glaube, ja." Wieder flog ein Geldstück durch das Schalterloch. „Ihr haftet mir dafür, daß an dem Toten nichts geschieht, bis ich mit den Männern der Heiligen Bruderschaft wieder hier bin." Man konnte sich auf den Sebastianus verlassen. Als Nachmittag die „Heilige Bruderschaft" unter Führung Abrahams zur Stelle war, war alles bestens geordnet und Sebastian in ausgezeichneter Laune. Die Kanne vor ihm war vollgefüllt, nachdem sie inzwischen ein paarmal leer geworden war. Alle Formalitäten waren erledigt. Die Bruderschaft konnte ihren letzten Liebesdienst an einem fremden - Bruder üntreten. Auf dem kleinen Friedhof waren nur zehn Leute zugegen, als man Menachem Leib in die kalte Gruft senkte. Beile raufte sich die Haare vom Kopf und schrie, der liebe Gott im Himmel könne es doch nicht schweigend ansehen, wie ein Heiliger so von dannen gehe und ihren Kindern der Vater und Ernährer genommen werde. Man öffnete nach altem Brauche noch einmal die Bahre. Abraham sah wie gebannt ins kreideweiße, starre Gesicht. Es war nicht verzerrt. Frieden und Ausgeglichenheit, die Ruhe und das Glück der Erfüllung waren in den Zügen versteinert. Die toten Äugensprachen zu ihm, hatten für ihn eine Botschaft, wie damals — wie lange es schon her war, es lag ineinem anderen Leben — die erschrockenen Kinderaugen an der Wilnaer Kathedrale. „Abraham, eigentlich galt es Dir. Aber Deiner harrt noch Arbeit! Bist nicht von Gott für seinen Dienst gerufen, daß Du unbemerkt in einem Keller Dein Leben aushauchen sollst! Du hast eine Sendung! „Ich war mein Lebtag ein armer Schänker