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Der Israelit · 1930-02-20 · Heft 8 (20.2.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 8 (20.2.1930)
Date
1930-02-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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20. Februar 1930 Nr. 8 Frankfurt a. Nt., den 22 Schebat 5690 JH)| Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum I m § $ ffipflrilnhpf nnn Oofinrnnn Iw OTfnlwi Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. m Abonnement ab Juli 1&9: Deutschland 1.30 Mrr! monatlich: Ausland: Biertellahrpretfe (entsprechend dem deu^r^en Jnlandsprers zuzüglich Kosten des Ttreifband-Verfande») Deutsch-Lsterreich: Schling 6.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Franlre! h 28 Fr.; Belgien ab t. 7. u. Jetga 5; Holland 9 fl.; Italien ab 1.1 98.18 Lire; Jugoslawien 58 Din.; Litauen 7.50 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 97. 150 Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecho-Slowaket 98 Kronen; Ungarn Pengö 3 ab I.Juli 1937; Dänemark 3.80 Krön.; Norwegen 8.50 Krön.; Schweden 8.8O Krön. Einielnummer vierzig Doldvstn riae. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldpf. für die stebengespaltene Nonpareille-Zetle. Abonnenten »ahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeige» nur 40 Pf. Die 78 mm breite Reklamezei'er letzte Tertsctte 8.— ML, vorletzte T^lsette 9.6O Ml.; Thiffregebühr in?ö;e eines dop . Fernbriefyortos. Rabatt nach Taiif. Bei lausende« Inserataufttäge« tarifm. Preis-, höh rng jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch de« Verlag des Israelit 13. m. b. Frankfurt a. M., Rechneigrabenstraße 7, Tel. Hansa 8848 sow. durch sämtl. Annoncen»Exped. des In- und Auslands. Alleinige Jnferatenann. für Franks. Geschäftsanf.: Jul. Schmidt» Laageftr. 7, H. Tel. Hansa 4841. Platzvorichr. ohne Verbindlich!. Zahlungen direkt an den Verlag auf Posticheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19809. — Außerdem an: Poftsoarkalle Wien Nr. 79605. — Postsparkassrnamt Budapest Nr. 18434. — Postscheckkoato Warschau Nr. 190767. — Postscheckamt Zürich Nr. 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Man war es gewöhnt in den Ostländern, den Juden nur als Objekt der Gesetzgebung zu betrachten und zu behandeln, man diktierte vom grünen Tische für ihn Gesetze, die sich zumeist gegen ihn auswirkten, auch wenn sie für ihn gedacht waren. Und zogen die Herren Gesetzgeber jüdische Sachverständige bei der Ordnung innerjüdischen Angelegenheiten zu, d.ann waren es die „Privilegierten" aus der oberen Kulturfchicht, — und dann doppelt wehe den jüdischen Massen unter Gesetzen, die aus Schematismus herrschender Bürokraten und dem Religionshatz von halben Apostaten geboren waren! Die jüdische Tragödie im Rußland der letzten Zaren bietet eine lange Kette solcher über den Kopf der Juden „für die Juden" gemachten Gesetze und Bestimmungen. Zum Glück war der Lebenswille des jüdischen Ostens allezeit so intensiv, daß er die Prüfungen ohne Schaden überstand und sich von innen heraus, unbekümmert um äußere Umstände und Widerstände, immer neue Kraftquellen schuf, um sich zu erhalten und zu behaupten. Es kam anders. Die " Umwälzungen des Wettkrieges verlegten den Schwerpunkt des Ostjudentums nach dem wiederauferstandenen, vereinigten Polen. Polen ist ein Nationalitätenstaat mit nationalen Minderheiten. Hier blühte der Weizen für die aus der russischen Zeit herübergekommenen Vormünder und Volksversorger, die nach der veränderten Sachlage „national" kommen mußten. Die Juden konnten fordern und forderten auch eine Parlamentsvertretung, Gewährleistung ihrer bürgerlichen Rechte, eine Berücksichtigung ihrer sozialen, kulturellen und religiösen Bedürfnisse. Die G r ü n b a u m s in Warschau und W i g o d s k i s in Wilna waren zeitig aus dem Plane, „die Sache zu machen". Die Massen waren ja allezeit stumm, ihre Führer und Lehrer eingesperrt in ihrer eigenen Welt, die kein Fenster nach außen hatte. Warum sollten sie sich jetzt regen? Alle Gelüste, die an die Dinge in Deutschland zur Maienzeit der Emanzipation erinnerten, harrten ihrer Befriedigung. Eines Morgens, so dachte man wohl, steht die polnische Judenheit auf und hat eine Gemeindeordnung, mit K o n s i st o r i - u m und RelrgiösemOb errat, mit Kultusgesetzen und r a b b i n i s ch e n Verwaltungen nach dem Gusto der paar' Männer in den liberal-nationalen Klubs. Aber inzwischen war eine Agudas Jisroel als ,12»'? trnp nrrivi gegründet, die ihre zwei ersten Kongresse hinter sich hatte. In Polen ist sie, wie es dort die politischen Verhältnisse erfordern, auch ein Sammelwort und eine Parole für die Wahlen und ein Programm für eine parlamentarische Fraktion. Die Gesetzestreuen, die sich auf alle sozialen Schichten erstrecken, wollen und können nicht mehr „die Reserven im Hintergründe" sein, die von' f. r e m d e r Hand geführt werden. Sie/«haben ihre eigenen berufenen Führer, die handelnd in Aktion treten. Und dabei zeigt sich das Wunder, das eigentlich gar kein Wunder ist, sondern ganz natürlich anmutet, daß da, wo alle jüdische Politik und Diplomatie der alten Schule versagt, e i n Wort aus berufenem Munde, direkt zu den Ohren der Machthaber gesprochen, größten Eindruck macht und durchgreifende Erfolge erzielt. Wir erlebten in Warschau dieses: Just zur Stunde, da Hartglas und Grünbaum im Parlament ihre Zornreden gegen Regierung und Rechtsparteien hielten und, unter eisigem Schweigen oder höhnischem Lachen der Parteien, das Recht der Juden kategorisch forderten, das Recht, das man uns wirklich schuldet und durch solche Reden uns erst recht versagt, zur gleichen Stunde standen der greise „Chofez Chajim", die R e b - b es von Ger, Belz und Alexander in Begleitung einiger orthodoxer Politiker vor den Minkstern und fanden als Anwälte der jüdischen Religion und des jüdischen Rechtes, die aus den Tiefen der jüdischen Volksseele heraus sprachen, ihr Ohr. Man darf den Presseberichten schon glauben, daß die Herren Minister von solchen Erscheinungen und diesen nie gehörten Worten gerührt und tiefbewegt waren. Der „ C h'o s e z Chajim " sagte dem M i n i st e rpräsidenten Bartel: „Wir Juden glau- . den an die Göttlichkeit der Thora . Wer es wagt, dieHand gegen die Thora zu erheben, erhebt sie gegen den Himmel!" Der Gerer Rebbe dankte dem Ministerpräsidenten, daß er den religiösen Wünschen aus dem Munde derer entgegenzunehmen gewillt ist, die die legitimen Vertreter der Religion sind. Der Rabbi von Alexander spricht klar und offen in ähnlicher Weise. Der Belzer Rabbi belehrt Bartel über die unheilvollen Konsequenzen, die sich aus der Bestimmung über den Bildungszensus für die Rabbiner und für die polnische Judenheit ergeben. Alle weisen sie in ehrerbietiger, aber entschiedener und aus tiefstem jüdischen Herzen kommender Sprache die ruinösen Wirkungen des drakonischen Sonntagsruh e g e s e tz e s auf das wirtschaftliche und religiöse Leben nach. Die Herren Minister bekommen zum ersten Male d i e Juden zu Gesicht, denen die Lehre, die Gemeinde, der Sabbat, die Schule Inhalt ihres Lebens sind, hören zum ersten Male eine Sprache von Menschen, die nicht irgend etwas außerhalb ihres Lebens Stehendes verteidigen wollen, sondern die d i e Zunge ihrer Gemeinschaft sind. Sie sind gerührt und tief bewegt und, was die Hauptsache ist, ehrlich gewillt, die vitalen Wünsche des gesetzestreuen Volkes in Polen nach M ö g lichte i t zu e r f ü l l e n. Man hat kein Recht, nach den in solch verbindlicher und bindender Form gemachten Zusagen an . dem Erfüllungswillen des Ministerchefs zu zweifeln. Was die große Rabbinerversammlung in Warschau mit ihrer Arbeitskommission und der Delegation an die Regierung über das nicht zu unterschätzende Demonstrative hinaus an praktischen Resultaten für den Tag und die nächste Zukunft gezeitigt hat, ist noch nicht klar zu übersehen. Vor allem scheint uns das Schicksal des geplanten Oberrates, der in Wahrheit zum Schicksal der polnischen Judenheit werden könnte, noch sehr ungewiß. Sicher steht aber, wie uns von kompetenter Stelle mitgeteilt wird, daß die von gewisser jüdischer Seite schon so gut wie bewirkte Erweiterung des Vildungszenfes für Rabbiner rückgängig gemacht wurde. Die von der liberalnationalen Koalition bei der Regierung durchgesetzte Prüfungskommission für Rabbiner — man bedenke,die Regierung sollte die Rabbiner ernennen, die das Recht auf Erteilung

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