Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1930)
- Date
- 1930-02-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450607--76704-2534295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 14 Nr. 7 Der Israelit trus Veronika ist schweigsam wie das stille Grab XIII. Man hatte Menachem Leib wieder in seine düstere, kalte Kellernische gebracht. Er hatte die erste Tortur gut überstanden — weil ihm die Qualen fein falsches, verräterisches Wort abpreßten. Sein Körper war siech, seine Glieder wund, in seiner Seele wohnte etwas von Märtyrerglück; ein winzig Helles Flämmchen in einem Scherben von Menschenleib. Warme Decken lagen auf der harten Steinbank, und er wußte nicht, woher sie kamen. Er war zu müde und zerbrochen, um darüber rachzusinnen. Sie gaben Wärme, und schon war er ein wenig eingenickt. Er erwachte, als schwarze Schatten am Gitterfenster zur ebenen Erde lange Gespenster malten, die Nacht anmeldeten. Der Schmerz der Glieder, der eine Stunde geruht hatte, erwachte. Jedes Glied schmerzte für sich und alle zusammen. Es brannten die Daumen, als steckten sie von neuem in den Schrauben, die Füße steckten voller spitzer Nadeln. Irgendetwas lag zentnerschwer auf der Brust und in der Kehle, als wollte es ihm Luft und Leben auspressen. Er langte mühsam nach dem Beutel in der Steinkluft. Noch war nicht ganz Nacht, man durfte noch den Segensspruch über den Gebetmantel sagen. Er wollte sich aufrichten, nach dem Wasferkrug langen, aber wie ein Strang war ihm um die Lenden geschlungen, der eng und enger wurde und den Oberkörper vom Unterkörper fast trennte. Die Hände fuhren aus, die Brust hob sich, aber die Beine wollten nicht mit. Er zog mühsam den Gebetmantel über den Kopf und kauerte auf den Decken, von denen er nicht wußte, woher sie kamen. Gebete rangen sich' aus seiner schweren Brust und sickerten löschend wie kühlender Balsam in die brennenden Wunden. Märtyrerglück! Wie war dieses? Woher kam es? Von Helden und Heiligen wußte man, daß lichte Gestalten der Vergangenheit ihnen erschienen, mit ihnen den Scheiterhaufen betraten und mit sanften Armen ihr letztes Weh in Glück und Freude verwandelten. Er, Menachem Leib, sah zur Türe, wartete, daß er komme, zu ihm in seine düstere Not hinabsteige und ihn mit der letzten Kraft wappne: Rabbi E l i e aus Wilna, der in der selbstgewählten Goluswanderung gewiß nicht fern war und alles wußte . . . Ganz dunkel wurde es im Kellerraume, man sah die vergitterten Glasscheiben nicht mehr. Menachem Leib lief der Frost wie Regenschauer den wunden Rücken hinab, er hatte keine Kraft, die warme Dckee enger um sich zu ziehen, den Gebetmantel abzulegen. Die Wunden brannten wilder denn je. Dann drang ihm letzter Schweiß aus allen Poren und um seine Sinne legte sich dichter Nebel. Ein Feuerherd war in ihm entzündet, die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er langte nach dem Wasserkrug und konnte ihn nicht erreichen. Er schloß ganz die Augen und sah klarer denn je im Leben: Er sah in sich und aus sich heraus, wach und 'hell. Wie wohl und warm es ihm auf einmal war! Alle Gestalten aus Kindheit und Jugend hoben sich aus dem Dunkel, traten ins klare Licht. Er lag geborgen in Mutters Schoß. Es mußte schön sein, wie seine Freunde im Cheder, auch einen Vater zu haben, er hatte seinen nicht gekannt, hatte nur eine Mutter, die immer um den Vater weinte ... Wo nur die Wärme herkam? Er lag auf der Schlafbank im kleinen Häuschen, der Strohsack unter ihm war hart und die Decke über ihm dünn. Aber die Wand, davor die Bank stand, war Ofenwand, und es war Freitag früh, die Mutter war vor Tag aufgestanden, hatte den Ofen eingeheizt, sich wieder ins Bett gelegt, um eine Stunde später die Sabbatbrote zu backen. Daher die Hitze, immer mehr und stärker ... (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Lhamischo-Osor. Von Edith Levi in München. Wer seinen Geburtstag feiern darf, der kann sich freuen. Und wenn er ihn mit noch vielen andern zusammen begehen darf, dann ist das ganz besonders schön. Die kleine Mirjam war so ein Glückskind. Am Chamischo-Ofor-Bischwat da hielt sie Geburtstag mit all den Bäumen draußen in der weiten Natur. Die waren aber auch ihre lieben Freunde; denn sobald im Frühling die Sonne ihre ersten Strahlen ausschickte, war sie bei ihnen und freute sich an den herrlichen Blüten und den zarten Blättlein. Und im Sommer tummelte sie sich bei den Blumen auf der Wiese, und wenn sie müde war vom Spiel, legte sie sich unter einen großen schattigen Baum und träumten Mirjam kannte jeden Baum und jeden Strauch, der da auf dem Felde stand und jeder einzelne von ihnen war ihr ein besonderer Freund. Bon jedem kannte sie seine Geschichte. Aber am besten verstand sie sich wohl mit dem alten Kirschbaum, der mit seinen starken, knorrigen Aesten gerade zu ihrem Fenster hereinsah. Dem lauschte sie manches Geheimnis ab, wenn in linden Sommernächten der Mond auf seine Zweige schien und die Glühwürmchen um seinen alten zerrissenen Stamm tanzten und der laue Nachtwind leise durch seine Blätter raschelte. Ja, der wußte so manches zu erzählen aus längst vergangenen Tagen. Ach und wie geheimnisvoll und bezaubernd konnte er von all dem sprechen! Morgen am Chamisch-Osor wurde Mirjam 9 Jahre. Ach, wie sehnlich wartete sie immer auf diesen Tag. Aber jetzt, da er so nahe war, freute sie sich gar nicht auf ihn. Denn draußen war es bitter kalt. Die Fenster glichen einem Kristallvorhang, so waren sie von oben bis unten mit Eisblumen bedeckt. Der Schnee lag als harte Kruste auf den Feldern und Bäumen. Der Himmel hing voll grauer, düsterer Wolken und schaute gerade so traurig drein wie die kleine Mirjam. Da sollte sie morgen ihren Geburtstag feiern und sich freuen! Nein, das konnte sie nun wirklich nicht. Betrübt saß sie am Fenster in ihrem gemütlichen Stübchen und sah hinaus zu den armen Bäumen, die so frieren mußten. Und wenn sie hinüber sah zu dem alten Kirschbaum, da standen ihr die Tränen in den kleinen, blauen Augen. Sie hatte sie ja auch alle gar zu lieb. Es war Abend geworden und Chamischo-Ofor wollte leise und unmerklich seinen stillen Einzug bei den Bäumen halten. Da, als es dunkel wurde, nahm Mirjam ihr Mäntelchen und ihr Wollmützchen und schlüpfte leise' und ohne daß jemand etwas merkte, hinaus in den Garten. Auf den Zehenspitzen huschte sie hin zu ihrem alten Freund, dem Kirschbaum, der mit seinen herabhängenden Aesten versonnen und ernst dreinsah. Und auch all die anderen Bäume standen frierend und zitternd in der eisigen Winternacht. Hätten oben am Himmel nicht ein paar Sternlein herabgeschaut, sie hätten wohl alle geglaubt, daß keiner an sie denke. Wie nun die kleine Mirjam so auf einmal unter ihnen stand, da ging ein leises Raunen durch die Zweige. Und Mirjam glaubte nicht anders, als daß sie ihr alle ihr Leid zu klagen hätten. Von einem zum anderen schlich sie und redete freundliche Worte mit ihnen: „Verzweifelt nicht, unser lieber Vater im Himmel wird Euch nicht vergessen. Wißt Ihr denn nicht, daß wir morgen zusammen unser» Geburtstag haben, da wollen wir alle rech herzlich an den denken, der uns alle Feste feiern und erleben läßt. Er wird uns ganz gewiß morgen nicht vergessen. Seid nur mutig und vertraut auf ihn." So sprach Mirjam und lauschte immer noch auf das Lispeln der Bäume. Sie wußte nicht, daß diese in dieser Stunde bereits Kunde erhalten hatten von Chamischo-Osors Ankunft. Da schüttelte der alte Kirschbaum leise und sinnend seine kahlen Aeste, der Apfelbaum, der Birnbaum fingen unmerklich an, mit ihren Zweigen zu rascheln, Walnuß und Kastanie, Pflaume und Mandel nickten leise mit ihren Wipfeln. Das Raunen wurde immer deutlicher und mit einem Male hörte klein Mirjam ganz klar, wie all das kahle Geäste und Gezweigs ihr ins Ohr lispelte: „Und warum bist Du traurig, liebes, kleines Schwesterchen! Wir wollen uns morgen alle zusammen freuen und uns vor keinem Frost und Eis mehr fürchten. Und wenn Dich liebes kleines Schwesterchen je eine Sorge bedrückt, dann komme zu uns, wir alle wollen Dir immer helfen." Und dann schlich Mirjam ebenso leise wie sie gekommen war, wieder ins Haus und legte sich schnell ins Bett. Innig und freudig sagte sie ihr „Hinne, lo-jonum" und dachte dann noch lange an ihre lieben, armen frierenden Bäume und ob denn der liebe Gott auch wirklich ihr Gebet erhört haben möge. Dabei schlief sie mit ganz roten, aufgeregten Bäckchen ein. Am anderen Morgen, als sie ihre kleinen Aeuglein aufschlug, da war es schon ganz heller Tag. Der Himmel hatte sein schönstes blaues Kleid angelegt und die Sonne strahlte wie ein großer Goldball auf die Erde. Schnell war da die kleine Mir- 13. Februar 1930 Molliges Heim Nur durch einen guten Budems-DanerbrandoSen diesen kaufen Sie besonders preiswert bei E. HAGE & Co. Am Eschenheimer Tor 3 jam aus dem Bettchen und ebensoschnell steckte sie in ihren Kleidern. Ach, heute hatte sie doch Geburtstag, sie und ihre Freunde da draußen. Und als ob sie alle zu neuem Leben erwacht wären, standen sie in strahlendem Licht, die Zweige hinauf zum Himmel gestreckt. Lächelnd nickte Mirjam ihnen zu und sie wußten alle, was sie ihnen sagen wollte. Nun konnte das Schwesterchen von ganzem Herzen fröhlich sein. Ach, wie schön war es, sich nun mit den andern freuen zu können. Am Nachmittag aber da wurde bei der kleinen Mirjam ein richtiger Chamischo - Osor gefeiert. Eine ganze Gesellschaft von Kindern war bei ihr versammelt und da wurde gespielt und gesungen und tüchtig geschmaust von all den süßen Sachen, die auf dem Tische standen. Aber den Glanzpunkt bildete ein großer Korb mit fünfzehn verschiedenen Früchten, die klein Mirjam selbst eingekauft und geordnet hatte. Die lachten so lustig die Kinder an, als ob sie ihnen etwas Schönes zu erzählen hätten. Freilich verstanden. hat sie keines außer Mirjam. Diese aber sagte nichts. Wer hätte sie auch verstehen können. Wer hätte ihr ihr Abenteuer geglaubt. Es war ja keiner so mitleidig und gütig wie sie. (Die jüdischen Generale Franz Josephs I.) Vor einigen Wochen ist in Brünn der pensionierte jüdische General Karl Schwarz gestorben, der es in der österreichisch-ungarischen Armee.als Jude zum höchsten, Rang gebracht hat. Die Prager Blätter haben seine bis an sein Lebensende bekundete Treue zum jüdischen Glauben hervorgehoben. Es verdient bemerkt zu werden, daß die Mehrzahl der jüdischen Generäle aus der Zeit Franz Josephs aus den Reihen der ungarischen Judenschaft hervorgegangen war, so auch der erst vor kurzem verstorbene General Simon Vogel, ferner General Martin Zöld von Siogard und General Julius Bauer von Krüpjecz. Die glänzendste Karriere unter den jüdischen Offizieren hat ohne Zweifel der erst vor zehn Jahren verstorbene General Eduard Schweitzer gemacht. Er war Geschäftsreisender aus dem Balkan, als er zur Ableistung seiner dreijährigen Militärdienstzeit einrücken mußte. Die bosnische Okkupation hatte er schon als Feldwebel mitgemacht. Da ereignete es sich, daß ein ungarisches Detachement eine Befestigung gegen den Ansturm der . Herzogewiner heldenmütig verteidigte und schon im Begriffe war, die Stellung aufzugeben, als Feldwebel Schweitzer, der die Sprache und Gewohnheiten der dortigen Gegend sehr gut kannte, es unter Gefährdung des eigenen Lebens unternahm, mit dem Truppenkörper die Verbindung herzu stellen und die befestigte Stellung zu retten. Die Heldentat des jüdischen Feldwebels wurde dem Kaiser- König Franz Joseph gemeldet, der nach der Beendigung des bosnischen Feldzuges die Aufnahme des jungen jüdischen Feldwebels in die Kadettenschule anordnete. Nach Absolvierung der Kadettenschule hat Schweitzer seine glänzende militärische Karriere fortgesetzt und es schließlich zum General und zum Ritter gebracht. General Eduard Ritter von Schweitzer wurde Kommandant des in Esztergom stationierten Infanterie-Regimentes, das den Namen des Großfürsten Michael trug und das damals nach Wien verlegt wurde. Seine Kameraden, Vorgesetzten und die Hofkreise gaben sich alle Mühe, ihn zum Glaubensübertritt zu bewegen, er hat aber jedes derartige Ansinnen brüsk mrückgewiesen. Als der Inhaber. des unter seinem Kommando stehenden Infanterie-Regimentes, der russische Großfürst Michael, sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feierte, war es unmöglich, den jüdischen Regimentskommandanten zu umgehen, Oberst Schweizer aber wies den ihm aus diesem Anlaß neuerlich zugemuteten Glaubensübertritt kategorisch zurück. Schließlich war die Ofseziers- Abordnung genötigt, unter Führung des jüdischen Regimentskommandanten am Zarenhofe zu erscheinen. Der Zar mußte ihn in Privataudienz empfangen und hat ihn mit dem Großkreuz des Sankt Anna-Ordens mit den Brillanten dekoriert. Bald darauf wurde /General Schweitzer als Brigadekommandant nach Kaschau versetzt. Während seiner Budapester Dienstleistung war er der Begründer mehrerer Wohltätigkeitsirstitutlonen und lange Zeit hindurch Vorstandsmitglied der Chrvra-Kadischa. Die Generation aus der Vorkriegszeit weiß sich noch lebhaft an den schneidigen General zu erinnern, der an jedem Freitag abend in Paradeuniform im Tempel in der Dohany-Ucca zu erscheinen pflegte und an den Feiertagen sich zum Gottesdienst pünktlich einfand. Er fühlte sich. stets geehrt, wenn er gelegentlich zur Thora aufgerufen wurde. Beranlrvwtttch für den allgemeinen Teil und das Feurlle S. Schachnowitz, Frankfurt a. M; Inserate i. B : S. Schc nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer Kaufmann in Sprendlingen- (Kr. Offenbach). — Ver Israelit", ©. m. b. H., Frankfurt a. M. - Druck: Hermo» Ber und Druckerei, Fra nkfurt a. M.