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Der Israelit · 1930-02-13 · Heft 7 (13.2.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 7 (13.2.1930)
Date
1930-02-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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. / AiY Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und TNärlyrergefchichte. Von S. Schachnowih» (Fortsetzung). Er kannte den Weg, erkannte das Haus; kannte das alles nur zu gut aus ferner Studienzeit. In trüber Nachmittagstunde stand er vor der grauen Seufzermauer, trat durch den schmalen Gang bis ans Wachthäuschen. Durch die Luke schob sich ein struppiger Kopf, wie der eines in seinem Gitter gereizten Tieres. Aus wulstigen Lippen kamen derbe Flüche. „Was will der Jude hier?" „Was wird ein Jude wollen?" antwortete Abraham in dem Tone, der für diese ihm wohlvertraute Sorte angebracht schien, „Was wird er wollen? Etwas verdienen wird er wollen, etwas verkaufen. Schöne Knöpfe, Bänder, warme Wolldecken." „Hier gibts nichts zu verdienen. Sind keine Juden und machen keine Geschäfte. Er schere sich gleich zum Teufel ..." „Zum Teufel? Ausgezeichnet! Dachte ich doch, es wäre hier der richtige Weg zum Teufel . . ." „W—a—a—a—s? ..." Der Zerberus an der Türe dieser Unterwelt machte blöde Augen und kapierte nur langsam und schwer. „Nur Gemach!" beruhigte der Jude. „Warum auch die Aufregung? Sie verzerrt das Gesicht und vergällt das bißchen Leben, das bei einem vollen Becher immer noch schön sein könnte! Aber ich sehe, Herr Kanonikus, die Kanne ist leer. Ihr sitzt im Trockenen, kein Wunder, daß man da gereizt ist?" Herr Kanonikus? Gar kein übler Titel. Sonst wurde er nur Torwart benamst. Er blies sich auf wie ein richtiger Kanonikus^ „Will mich der Jude verhöhnen, he? . . ." „Verhöhnen? Daß mich der liebe Gott davor bewahre, eines treuen, wackeren Dieners des Herrn zu höhnen. Soll ich die Kanne drüben im Ausschank neu füllen lassen?"!/,Jch habe kein Geld, Jude." ^^,Wer-spricht von Geld? Auch ein .Jude hat mabdinen Louisdor übrig für eine gute:Tat. So gehet doch nur die Kanne her!" . - ' j,Der -Jude will was," räsonierte der PoMm „auf der Hut sein, er-hat was imSinüe." Aber die Kanne reichte er hinaus. Schon nach wenigen Minuten war Abraham mit vollgefüllter Kanne wieder da. Er setzte sie auf das Tischbrettchen. Der Wein perlte und duftete. i Der Wächter - tat einen Schluck und noch einen und setzte die Kanne schmatzend mit Wucht ah. Seine Augen hatten grünen Glanz. „Nun sage doch der Jude schon-was er hier will.^ Seine Stimme klang schon um ein Bedeutendes milder. ' „EsW verdienstlich^ einem guten Christenmenschen 'und Kirchendiener den Durst zu stillen/ Vom Durst kommt aller Äerger und Weltenleid, Wübt es mir, Herr Kanonikus! W a s - ser! . '. v;i7' . . „Wasser!" schauderte der Wächter. „Wasser," philosophierte Abraham weiter, „ist. der^aräßje Wind der Menschheit, hat schon ganze Mädte überflutet und vernichtet, Schiffe mit Mann und Maus verschlungen. Hat man schon je vom Wer n e so was gehört?" „Nein," konstatierte der geistliche Torwart mit lleberzeugung Und tat wie aus Dankbarkeit noch einen kräftigen Zug aus der Kanne. „Und nun Dienst gegen Dienst. Ist nicht bei Euch da unten im Gewölbe so ein kleiner Jude, ein Schankwirt?" „Aha! Dachte ich es mir doch! Der Jude will mich ausfragen, zum Besten halten. Ich aber, Sebastianus Petrus Veronika, sage nichts, bin still wie das Grab. Was geht den Juden der alte Schankwirt da unten an? Ein Sohn oder ein Bruder? Aus Euren Bärten wird ja kein Teufel klug, wie alt einer ist." „Ein Sohn," lenkte Abraham ein, „beinah soviel wie ein Sohn. Wie geht es ihm?" Der Wächter tat noch einen Zug und setzte die Kanne wieder mächtig ab. Sie klang hohl, tönern, leer. Er wischte sich den Mund, und die grünen Augen bekamen jetzt feuchten Glanz. Dann schlug er mit mächtigen Fäusten auf die Schalterkante, warf sich zurück auf seinen Hockstuhl und streckte die Beine vor sich. In dieser Position brach er grundlos in ein schallendes abgehacktes Lachen aus, das von lallenden Worten unterbrochen wurde. „So etwas! Ha, ha, ha!'Kommt ein Jud e und will einen Klosterwächter betrügen, ihn aushören. Da kommt er recht zum Sebastianus. Sebastian ist schlau. Will wissen vom Jud da unten? Was soll man denn von ihm sagen? Er kratzt bald ab ... Ißt nichts und trinkt auch nichts. Betet den ganzen Tag." Sebastian schüttelte sich wieder vor Lachen. „Hat man schon gehört, daß jemand mit Beten Hunger und Durst stillt? Ich sage: So viele Litaneien, so viele Liter Alten! So denken alle unsere Klosterherren. Der da unten betet und fastet. Und wenn er erst gar in die Maschine kommt . . ." Er lachte dröhnend, als wären es lauter Witze. „Was will man von dem Juden unten?" „Was man von ihm will? Das sag' ichnich t. Warum auch? Er hat einem Priester die christliche Seele aus der Brust gerissen, so soll er ihn wieder herbei holen. Mehr sage ich nicht." „Und wenn er ihn herbeiholt?" Abraham griff wieder unauffällig nach der Kanne und schickte sich an, noch einmal über die Straße zu gehen, um sie von neum füllen zu lassen. Der Wächter verfolgte mit hungrigen Augen diese Bewegung. Aber der Jude zögerte noch ein wenig: „Und wenn er ihn herbeiholt?" „Dann haben wir Scheiterhaufen für b e i de, noch vielmehr, auch für Dich; Jude, wenn Dü Dich nicht bald . . ." Er sah die' Kanne und lenkte wieder ein. „Die Dominikaner haben viel, viel Holz. Er macheschleunigst,' daß er. davon komme." .. - .•:> Das tat auch Abraham und kam bald wieder mit der gefüllten Kanne. Ernhielt sie vor das Guckloch, ohne sie gleich hineinzureichen. „Man will von dem Juden, daß er den Priester herbeischafft. Wenn aber der Priester von allein kommt und sich meldet, werden sie nicht den Juden laufen lassen?" 7 . Sebastianus sprang auf, so schüttelte ihn der Lachkrampf. Nur ein dummer Jude, der das Taufwasser und damit die höhere Weisheit nicht erhalten hat, könne solchen Widersinn reden. „Ist d er Priester da, dann wird er sich wieder - zur Kirche bekennen. Für den Juden beginnt über erst der Prozeß, und wird auch gleich zu Ende sein. Der Jude wird verbrannt." Angestrengt von dieser langen Rede bei schwer lallender Zunge belohnte er sich mit-einem tiefest Schluck aus der neugefüllten Kanne, die er jetzt endlich herein bekommen hatte. / //Ich habe nichts gesagt, nichts gesehen und weiß gar nichts, und 'der Jude mache Beine." Sebastian wischte sich -dabei mit Behagen den Mund, daß die Worte nur stoßweise, abgehackt und wenig überzeugend heraus kamen. „Wißt Ihr es ganz genau?" „Ob ich es weiß? Ich führe ihn jeden Tag zum Tribunal, von unten herauf, durch die Klappe und bringe ihn wieder in sein Gelaß hinunter, stehe an der Türe bei der Vernehmung. Ob ich es weiß? Aber ich habe nichts gesagt. Von mir bekommt Ihr nichts heraus. Da kommt der Jude an den Unrechten. Sebastian läßt sich nicht bestechen." Abraham überlegte eine Weile. Ein kühner Gedanke sprang ihn an. Er sondierte vorsichtig, gedämpft, des Wächters Mienen genau im Auge behaltend: „Ihr sagt, Ihr führt ihn hinauf und hinunter, Ihr allein . . . Ist das nicht gewagt? Wie, wenn so ein Jude entwischt? Ihr seid ja nur ein Mensch und könntet doch gar nichts dafür. Nehmen wir an, der Mann hätte Freunde, sie kämen gerade im gegebenen Momente, entrissen Euch im Gange das Opfer und eilten davon. Was könntet Ihr dagegen tun?" Der erwartete Eindruck auf den guten Sebastian blieb aus. „Ich würde ihm nicht nachlaufen, i ch nicht," sagte er nur. . „Und der Mann könnte so ungestört entweichen?" „Wenn er am Wachthause im Flure glücklich vorbeikommt, j a. Aber drinnen sitzen zwanzig Reisige mit Speer und Lanze . . . Warten nur auf die große Fruede, mal losstechen zu können . . . Ich, ich habe keine Waffe, bin vom geistlichen Stande, vom geistlichen Stande . . ." lallte und lachte Hr wie mit fremden Zungen. Abraham ließ einen Dukaten in der Hand glänzen, ließ ihn von. ungefähr durch das Loch auf die Tischkante rollen. „He! . . .?" Der Wächter hatte keine Worte. Die grünglänzenden Augen hafteten auf dem Goldstück. Abraham sagte: „Er ist zu Euch gerollt, so wird er Euch wohl gehören. Solche Dinger wissen von selbst, wo sie hingehören. Der Himmel bringt keinen um seinen Lohn. Ihr seid ja nicht dazu da. Eure kostbare Zeit in Unterhaltung mit einem Juden zu verlieren. Und noch etwas: Hier die zwei Wolldecken!" „Was soll damit?" „Die bringet Ihr dem Juden ins Gelaß hinunter, damit er sich des Nachts zudecken kann." Der gute Sebastian tat den-Kopf in beide Hände und überlegte, so weit -die zwei Kannen dieses möglich machten/ - / 7' Eigentlich war es nicht klar, ob es statthaft sei. Und es -rystritWexhqM^N^cht..,xelchd- — Der Jude wollte'was:' —'Dieser'berda'mm^e unstillbare Durst! Aber wo stand es geschrieben, daß es verboten fei, einem Gefangenen eine warme Decke zuzustecken? Und was nicht verboten war, war erlaubt/ - / - Er betrachtete wohlgefällig die Goldmünze und steckte sie rasch in die Tasche, dann sah er wehmütig in die Kanne. Es war gar nicht zu begreifen, wie.rasch sie sich leerte. Wo war das alles hin?" Was bist Du Mensch, wenn so zwei Kannen Dich ümwerfen?" War das ein Wort aus einer alten Kirchenschrift, oder aus einem Landsknechtliede? Die Dinge fingen an, sich in seinem Gehirn ganz zu verschieben. „Na," sagte er, „ich werde ihm die Wolldecken bringen. Wehe aber, Jude, wenn es 'rauskommt!" - „Danke," verabschiedete sich Abraham. ,>Jch darf wiederkommen, Um alles Weitere über den Gefangenen zu erfahren.". - „Er komme nur immer zu," lachte und lallte ganz aufgeräumt der „Kanonikus". „Aber er höre, Jude, erfahren wird er von mir nichts, so wenig wie heute, gar nichts. Sebastianus Pe-

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