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Der Israelit · 1930-02-06 · Heft 6 (6.2.1930) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 6 (6.2.1930)
Date
1930-02-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Nr. 6 Der Israelit 6. Februar 1930 nie was von der Kirche mit ihm gesprochen zu haben." „Wo ist er?" fragten die Richter unbeirrt. „Ich kenne seinen Aufenthaltsort nicht, will auch das beschwören." Er konnte es beschwören: Er kannte Abrahams Aufenthalt nicht. „Der Jude ist verstockt," sagte der Richter ärgerlich, „und wir werden andere Mittel anwenden müssen, um ihn zum Reden zu bringen. Wir hätten es uns und ihm gern erspart . . ." Und er deutete vielsagend auf die offene Türe zur dunklen Kammer. „Dort sind Schrauben, Maschinen und Räder, die Dir die Zunge lösen, Jude. Willst Du nicht lieber freiwillig reden?" „Ich kann nicht mehr reden, als was ich weiß und die Wahrheit ist." „Wir lasten Dir noch Zeit, Jude, vielleicht nimmst Du Vernunft an. Eine freiwillige Aussage wiegt mehr. Morgen oder übermorgen sprechen wir wieder." Damit wurde Menachem Leib wieder hinuntergeführt. Gebeugt, ganz in sich zusammengeschrumpft, folgte er dem Wachtposten. Seinem Herzen aber entrang sich ein Dankgebet: „Herr im Himmel, ich danke Dir. Hast mich nicht in Versuchung geführt!" XU. Abraham, Sohn Abrahams, hielt sich noch in Paris auf. Es war Gefahr im Anzuge, aber gerade diese Gefahr hielt ihn im Banne, ließ ihn eine Flucht als Feigheit und Lieblosigkeit ansehen, Lieblosigkeit gegen den Mann, der unschuldig mit in die Gefahr hinsjngezogenwurde. Das alte polnische Adelsblut lehnte sich in seinen Adern rebellisch auf. Alter Stolz machte es ihm unerträglich, das Opfer eines Menschen, noch dazu eines Mannes, den er hoch verehrte und liebte, dem er so viel dankte, anzunehmen. Noch wußte er vom Schicksal Menachem Leibs nichts. Als er nach zwei, Tagen an das Teehaus kam, fand er die Türe geschloffen, die Fensterläden heruntergelassen. Nichts Gutes ahnend, stieg er durch das Tor in der Seitengasse die Stufen hinauf bis zur Dachkammer, wo die Familie Menachem Leibs ihre kümmerliche Wohnung hatte. Dort empfing ihn eine zeternde, ganz aufgelöste Frau, mitten in einer weinenden Kinderschar. Beile schluchzte, schimpfte, betete in einem Atem, klagte ihr Schicksal an, schalt ihren Mann als „Golem" und „Batlon", der nur Unglück auf sich und seine Familie laden konnte, und feierte ihn zugleich als H e i l i g e n, dessen Staub zu küssen sie nicht wert sei. Alles in einem Schwall von wirren Worten, daß es Abraham ganz dumm im Kopfe wurde. „Was hatte er ihr nur angetan," weinte sie. „Mußte er sich mit Leuten, Hergelaufenen, Tagedieben, die nichts besseres zu tun hatten, als einen Mann, Vater von.Kindern, zugrunde zu richten, abgeben und mfk ihnen Dinge treiben, die ihn ins Gefängnis brachten?" Abraham erschrak. So weit war es also schon! „Von je her," weinte die Arme weiter, „hatte i ch alle Last zu tragen. Was e r tat, brachte nur Unglück. Aber der arme Mann, ein Gelehrter, ein Heiliger. Er hatte doch nichts Unrechtes getan. Konnte keiner Fliege an der Wand etwas zuleide tun. Was wollten die Bösewichte, Gott vertilge ihren Namen, nur von ihm?!" Wo sollte sie hin mit ihren Kindern? Die Bude geschlossen. Kein Brot im Hause, kein Mietzins für den Hausbesitzer, keine Schuhe und Kleider für die Kinder. Was er, der Fremde, überhaupt wolle? Vielleicht auch so einer von denen, die Unglück ins Haus brachten! Ob es wohl noch nicht genug sei! Vielleicht aber hätte er Hunger, so könne er mit ihnen essen. Es sei nicht viel da, aber wenn man sich einteilt, würde es schon reichen. Wenn nur der liebe Gott ihrem Manne , beistehe, sie wolle schon arbeiten, wie ein Tier, ihm alle Sorgen abnehmen, ihm wie einem König dienen ... Abraham wußte genug. Er lehnte die Einladung dankend ab und legte einen Beutel auf den Tisch. Dann stürzte er, so rasch er konnte, die Treppe hinunter. Die Frau kam ihm nachgelaufen. Er habe etwas liegenlasten. „Behaltet es!"- rief er hinauf. Was sie mit dem Gelde solle? Ob man damit ihren Menachem Leib befreien körne? „Vielleicht! Ich komme noch einmal her und sage es Euch, wenn ich erst was in Erfahrung gebracht habe? Bis dahin verbraucht es für Euch und Eure Kinder; der Betrag wird, wenn nötig, aufgefüllt." Sie sagte noch was. Aber er stürzte weiter, ohne es zu hören. (Fortsetzung folgt.) Die roke Inquisition und ihre Opfer. (Aus einem im Newyorker „Hadoar" veröffentlichten Privatbrief aus der Sowietukraine.) „ . . . Von zuhause konnte ich Dir.nicht schreiben, aus welchem Grunde ich nach St gehen mutzte; denn ich fürchtete, mich zu verraten. In unserem Postbüro werden in letzter Zeit all unsere Briefe nach Erez Israel und nach Amerika geöffnet. Von hier aus schreibe ich Dir nun direkt. Aus welchem Grunde ging ich hierher? Ich mutzte es tun wegen meines Neffen; er ist ein lieber Junge von 16 Jahren, der die Lehren seines verstorbenen Vaters nicht vergessen hat und der eifrig und liebevoll Hebräisch lernte. Dieser Junge wurde von der I e w - se k z i a festgenommen, weil er die Partei der kommunistischen Jugend, der er angehörte, „verraten" hat und für Zionismus und hebräische Kultur unter seinen jungen geworben hatte. Die Jewsekzia hatte ihn schon lange in Verdacht gehabt und hatte all seine Schritte überwachen lassen. Er aber war ein kluger Junge und verstand es, vorsichtig zu sein. Aber eines Tages fand man im Partei-Klub ein Blatt Papier, auf dem ein Gedicht von Vialik abgedruckt war. Sofort begann eine peinliche Untersuchung, wie in einen rein kommunistischen Klub dieses verbotene Gedicht kommen konnte. Endlich erfuhr man, daß das Papier aus der Tasche eines Jungen gefallen war; der Junge war nicht stark genug und gab zu, daß mein Neffe zuweilen vor einigen Jungens der Partei hebräische Gedichte deklamiert. Mein Neffe wurde verhaftet und wegen Verrates und Aufruhrs als gefährlicher Konterrevolutionär angeklagt. Ungefähr sieben Monate satz er im Gefängnis der Kreisstadt Br-b., bevor es zur Verhandlung kam. Der Prozeß fand in K-now statt. Die Richter waren Christen, ehrliche Kommunisten mit einfachem, geradem Verstand. Sie zogen die Jugend des Knaben mildernd in Betracht und verurteilten ihn zu neun Monaten Gefängnis unter Anrechnung der sieben Monate Untersuchungshaft. Der Junge nahm seine Strafe entgegen und wurde bald frei. Aber die Jewsekzia war nicht beruhigt. Sie begnügte sich nicht mit dieser „kleinen" Strafe, erhob ein Geschrei, veröffentlichte in ihrer Presse Briefe und forderte das Urteil aufzuheben und den Jungen aufs neue vor ein der Jewsekzia treues Gericht zu stellen. Ihr Bemühen war von Erfolg gekrönt und ein neuer energischer Befehl wurde von Charkow erlassen, den Prozeß aufs neue zu verhandeln und ihn vor das Oberste Gericht zu bringen. Der Junge wurde wieder verhaftet und wurde nach K. geschickt. Die Untersuchung war dem Untersuchungsrichter Mr-z übertragen, einem eingefleischten Jewsektionisten, der uns von ganzem Herzen haßt und sich bemüht, uns nach Möglichkeit Böses zu tun. Das Resultat der neuen UnUtersuchung lautete dahin, daß der Junge seine Partei verraten und noch dazu seine jungen Kameraden dazu aufgestachelt habe, und nicht genug damit habe er an den Grundlagen des herrschenden Staatssystems gerüttelt, „um die Regierung zu stürzen" (so heißt es wörtlich in der Anflage); er müsse daher als Staatsverräter verurteilt werden, was mit Todes st rafe durch Erschießen gesühnt werden soll. Auch hatten wir inzwischen erfahren, daß von dem Zentralbüro der Jewsekzia in Moskau eine Weisung an das Kreisgericht in K. ergangen war, den Jungen nach der ganzen Strenge des Gesetzes zu strafen, um die anderen abzuschrecken. Der Junge ist Waise. Seine Mutter haben im Jahre 1919 die Haidamaken (Petljuraleute) getötet; seinen Vater tötete die Tscheka im Jahre 1922 auf Grund emer Anklage jüdischer Kommunisten, er führe illegale Literatur ein. Bei einer Haussuchung fand man bei ihm zuhause einige Nummern der „Hazefirah" und des in Krakau erscheinenden „Hamizpeh". Ohne Prozeß und ohne Gericht wurde er in den Kellern der Tscheka erschossen. Die Schwestern des Knaben drangen nun in mich, nach K. zu gehen und mich zu bemühen, ihren jungen, gequälten, unglücklichen Bruder den Klauen des *extraparjfumierF , ffirjodon, derjich Jelhst ra/Siert. Todes zu entreißen. Ich sträubte mich anfangs; denn ich wußte: was kann heute ein Jude in seinen Bemühungen bei unseren jüdischen Feinden erreichen und noch dazu für einen jüdischen Jungen, der wegen der verräterischen Tat angeklagt war, Gedichte von Bialik deklamiert zu haben? Wenn ich es noch mit christlichen Kommunisten zu tun hätte, aber jetzt, wo sein Schicksal in die Hand der Jewsekzia gelegt war, wußte ich, daß es kein Erbarmen gibt. Aber wie könifle ich meine Hilfe einer Waise verweigern? Ich nahm meinen Wanderstab und ging nach K. Die acht Rubel für die Eisenbahn besaß ich nicht; so ging ich zu Fuß. Und so war es auch: Alle Tore des Erbarmens waren für den Jungen verschlossen. Vergeblich waren meine Bemühungen durch bekannte, vielleicht weniger hartherzige Jewsektionisten. Nichts nützten meine Bitten und mein Flehen. War es denn möglich gewesen, der Inquisition in Spanien und Portugal ein Opfer zu enttwn der Jewsekzia die Zionistenund orthodoxen reißen? Mit derselben Grausamkeit verfolgt die Jnquisi- Juden. Meine Hoffnung auf eine Rettung des Jungen hatte ich aufgegeben; denn zu seinen Richtern waren drei jüdisch eRichter bestimmt, eingeschworene Jewsektionisten. Da ereignete sich diesmal wirklich ein Wunder vom Himmel: zwei der Richter erkrankten schwer und an ihrer Stelle wurden zwei christliche Richter ernannt. Die Jewsekzia bemühte sich, den Prozeß zu vertagen, indem sie betonten, daß nur jüdische Richter ein gerechtes Urteil gegen einen jüdischen Verräter fällen könne. Aber der Vorsitzende und der christliche^ Verteidiger willigten nicht ein, den Prozeß zu vertagen. Ja, sie schlugen vor, das ftühere Urteil zu bestätigen. Doch machte sich der Einfluß der Jewsekzia schließlich geltend und das Urteil lautete: Das Verbrechen, dessen der Junge angeklagt ist, ist nach den Paragraphen des Gesetzes mit dem Tode zu sühnen. Da man jedoch die Jugend des Angeklagten mildernd in Betracht ziehen müsse, verurteilt ihn das Gericht zur Verbannung in den Distrikt Turkestan für fünf Jahre! Einer der Unseren erzählte mir später, daß es in der Anklageschrift, die das örtliche Büro der Jewsekzia eingereicht hatte, hieß: „Das Gericht in K. möge gegen den Angeklagten mit der ganzen Schärfe des Gesetzes vvorgehen; denn er hat die Heiligtümer der Partei der kommunistischen Jugend entweiht; seine gefährlichen Taten waren imstande, die Grundlagen der Partei zu erschüttern. Wenn er mit einer leichteren Strafe davonkäme, dann würde die ganze Arbeit der Jewsekzia, die jüdische Jugend für den Kommunistischen Bund zu gewinnen, vergeblich sein." Eine Woche nach dem Urteilsspruch wurde mein Neffe in die Verbannung geschickt. Mein Lieber, wenn es Heilige gab in der langen Geschichte unserer Verbannung, dieser Junge zählt zu den heiligsten. Wenn es Gequälte gab in unserer Geschichte, dieser Junge schreitet voran. Wie sehr wollte ich, daß unsere Brüder in dem stillen und satten Amerika dabei gewesen wären,' als man den Jungen aus dem Gefängnis zur Bahnstation brachte. In einem zerfetzten Hemd mit Fetzenresten von Schuhen bekleidet, mit tief in den Höhlen liegenden Augen, das Gesicht weiß wi eder Tod. Kraftlos und mit einer Kette gefesselt, ging er hinter dem Soldaten. Alles, was seine Schwester hatte, 21/, Rubel, gab sie ihm. Alles, was ich besaß, 45 Kopeken, übergab ich ihm. Der Wachsoldat erlaubte mir, an den Wagen heranzugehen, um mich von meinem Neffen zu verabschieden. Vielleicht war dies der letzte Abschied; denn wieviele junge Menschen voll Leben finden in der Verbannung ihr Grab, sterben an Hunger und Krankheiten? Aas Koket K e y k, Scheveningen, hat voriges Jahr zum ersten Mal das Hotel während Peflach. geöffnet und 50 Personen haben davon Gebrauch gemacht. Die Gäste waren über die prächttge Besorgung und Verpflegung äußerst zufrieden und sowohl aus Holland und England für dieses Jahr ihre Zimmer reservieren lassen. Der Aufenthalt auch in dieser Saison ist sehr angenehm. Die Luft ist gesund und der Verkehr am Platze ist reich an Abwechselung durch elegantes Haager Publikum stark besucht usw. Wochenkalender. v. 8.—IS. Februar 1830 \ v. 10.—17. Schebat 8680 Samstag 8 10 tu Sonntag 9 11 Montag 10 12 Dienstag Feb. 11 tnw 13 Mittwoch 12 14 Donnerstag 13 15 ->vs nrwn Freitag 14 16 Samstag 15 17 ni’B? rm nVw

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