Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1930)
- Date
- 1930-02-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450606--76682-2534272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Jsraelit Mraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Mrtyrergesthichle nach Wilnaer Akten. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). XI. Im Nordwesten von Paris, da rvo die Seine wie eine grüne Riesenschlange mit kühnem Schwünge einen Bogen um kleine Vorstadthäuser beschreibt, stand, mit dem Ostflügel ganz ins Wasser hineingebaut, das halbverfallene Schloß, als Fortsetzung des St. Germaini, mit der ehemaligen Benediktinerabtei, in der jetzt die D o m i n i k ane r als die Herren im Haufe walteten. Wer nächtlicherweise hier vorbeikam und« im Gespensterlichte des nahen Schifferhafens die steilen Ruinen aus dicken Grundmauern, hohl und grau, in den Himmel ragen sah, wandte sich rasch ab, wie von einem verwunschenen Schloß, in dem die dunklen Geister der Nacht chr Spiel treiben. Aus dem grauen, brüchigen Gesteine kam der Seufzerch o r, die Balken und Schwellen ächzten und stöhnten. Es konnte auch der Wind sein, der, vom anderen, freien Seineufer kommend«, durch die Löcher und Ritzen im Gemäuer blies und heulte. Viel früher hatten hier Raubritter ihre Zwingburg, die sie in hartem Fehdekampfe gegen Angreifer verteidigten. Später erwarben die Benediktiner und zuletzt die Dominikaner das Gelände und bauten auf der Anhöhe ein weit sichtbares Kloster. Die alte Burg blieb, wie man sagte, zu „besonderen Zwecken", sie diente als Domizil der kirchlichen Gerichtsbarkeit, die in bestimmten Fällen, der Kurie zugebilligt blieb. Am Tore dieser Klosterburg hatte die Gewalt der weltlichen! Justiz ihr Ende erreicht. Durch eine ganz kleine, schmale Pforte trat man da in einen länglichen, kahlen Hof voller Schutt und Gerümpel bis zum Wachthäuschen, worin der Posten, halb Mönch halb Korporal, einmal feierlich in Positur, einmal auf der Holzbank sich reckend, aber stets die Weinkanne vor sich, „Dienst tat". Halsbrecherische Steinstiegen führten hinauf und hinunter, hinauf in Zimmer und Säle, in denen allerlei Waffen und Panzer hingen und viele Becher und Zinngeräte von reichen Gelagen und lauten Tafelfreuden zeugten. Im offenen Kamin saßen Rost und Riesenkesfel, in dem man einstens zur Ritterzeit ganze Ochsen briet, darüber allerlei Schnörkeleien und rätselhafte Zaubersprüche — gegen die bösen Geister des Herdes ... Tief hinunter führten die schmalen, brüchigen Steinstufen in düstere Gänge, die durch unförmliche Steinwälle in Einzelgelasse geteilt waren. Unten harte, kalte Erde, oben Steine; Stein die Bänke zum Sitzen, Stein die Pritsche zum Liegen. Der lange Gang vor den offenen Gelassen erhielt schwaches Licht durch Luken und Schießscharten in der Mauer knapp über der Erde oder dem Wasser der Seine. Eine schwereiserne, festverrammelte Türe zwischen Zwei Luken pflegte sich in früherer Ritterzeit — vielleicht auch jetzt noch unter den Dominikanern, die Mauern waven verschwiegen — zuweiten aufzutun, wenn ein Gefangener unten zwischen den kalten Steinen, weit voN Licht und Sonne, seinen letzten ' Seufzer ausgehaucht hatte und seine Leiche ins Lasier hinausgestoßen wurde, daß sie den Strom hinabtreibe. ' In den zur ebenen Erde gelegenen Räumen über den Katakomben und unter den Festsälen lagen die Gerichtszimmer der Dominikaner. An der Fensterwanddes großen Saales stand der lange fchwarzeichene Tisch mit den kunstvoll gezackten Füßen wie in den Steinboden eingebaut. Eine Türe war zu einer abgedunkelten Kammer geöffnet, in der sonderbare Pfähle, Bänke, Räder, Stricke und Schrauben,--fast symmetrisch verteilt, standen. Mitten im Saale sah man eine bis zur halben Deckenhöhe reichende Holzfäule, an der, wie man sagte, stütz er Hexen mit glühenden Zangen das Bekenntnis herausgepreßt wurde, bevor sie auf den Hof zum Scheiterhaufen hinausgeführt wurden. Jetzt kamen solche Hexenfälle nur noch höchst selten vor. Für Delinquenten, die sich irgend gegen die Kirche vergingen, hatten Gerichtssaal, Dunkelkammer und ihre Einrichtungen ihre Bestimmung nach wie vor.. Ein hölzernes Viereck zeichnete sich auf dem Steinboden unweit des Richtertisches, eine Art Klapptüre, die sich hob, wenn morgens das Gericht zusammentrat, und durch die ein Sünder, um Umweg zu sparen, direkt aus dem Dunkel heraufgeschoben wurde. Nach hochnotpeinlicher Verhandlung ging die Klapptüre auf und ein gequälter, geschändeter Menschenleib wurde hinabgestoßen, ins Dunkel . . . In einer Nische unten zwischen kalten, harten Steinen kauerte Men achem Leib. Ihm war Heil widerfahren. Er hatte, wie durch ein Wunder, seinen Beutel mit Gebetmantel und Gebetriemen bei sich . . . Wenn der erste graue Streifen durch Luke und Schießscharte der Mauer in den Keller drang, erhob sich Menachem Leib, wusch aus dem zerbrochenen Wasserkrug Hände und Augen so gründlich, daß kaum noch Wasser zum Trinken übrig blieb, legte seinen Gebetmantel an, band sich die Gebetriemen um und blieb so stehend, gehend auf der Steinbank hockend, in Beten und Sinnen versunken, bis die Schatten durch die Ritzen drangen und, wie ein wildes, schweigend grollendes Untier die Nacht herankroch. Ein Gebetbuch hatte er nicht, auch sonst keine Bücher der Andacht oder Lehre. Die Gebete konnte er alle auswendig, auch die meisten Psalmen. Wie hatte doch der große König mit der Harfe in der Hand an seinen Fall, Menachem Leibs, gedacht... „Ein Stufengesang. Aus der Tiefe rufe ich Dich, Gott, an. Gott höre auf meine Stimme, laß Deine Ohren geneigt sein meinem Flehen!" Mancher Partie im Talmud ließ sich hier besser nachsinnen als daheim beim offenen Buche, mitten im Lärm der Gäste, und in stiller Einsamkeit gingen ihm Pforten der Weisheit auf. . . Nur das eine war nicht zu ersinnen und zu erraten: Warum war er hier? Wie lange schon? Wie lange noch? Wie war das alles gekommen? Er mußte angestrengt Nachdenken. Er war mit dem Talisbeutel, als ginge er ins Pechaus, dem Magistratsboten in die Präfektur gefolgt. Dort saß ein älterer Herr am Tische, der ihn ganz freundlich fragte, was mir seiner Gastwirtschaft sei und welche Leute dort verkehrten? Er, Menachem Leib, zuckte mit den Achseln. Wie konnte er es wissen? Sie kamen, tranken, aßen, zahlten, spielten und gingen. Wie konnte er es wissen, woher sie kamen, wohin sie gingen, was sie sprachen und taten? Er schenkte ein und nahm das Geld. Man mußte ja leben, und er hatte seine Lizenz Jahr für Jahr pünktlich bezahlt. Es gehe nicht darum, sagte der Herr am Tisch. Die Dominikaner verlangten nach ihm, wegen einer anderen Sache, eines verschollenen jungen Grafen aus Wilna, der bei ihm nachgewiesenermaßen verkehrte und, wie sie sagen, durch ihn von der Kirche abwendig gemacht wurde. „Wir haben," sagte der Magistratsherr, „gar keine Dr. 6 1930 Freude daran, den Dominikanern Opfer m die Hand zu spielen. Aber, wenn es sich bewahrheite, daß es in dem Schanklokale nicht so sauber zuging, wird wohl die Auslieferung nicht zu umgehen sein." Menachem Leib verstand diesen Zusammenhang gar nicht. Ob er nun gehen dürste? Er würde sonst die Zeit des Morgengebets versäumen, sagte er und deutete auf den Beutel. „Was das anbelangt," meinte der Amtsherr zuvorkommend, „so könnt Ihr in dem Gemache, das Euch vorerst als Gewahrsam angewiesen wird, ganz ungestört beten. Wir sind keine Dominikaner und keine Gottesrächer und machen es unseren Gefangenen nicht gar zu grausam. Ihr werdet schon noch eine Weile da bleiben müssen, bis die Sache mit dem Schanklokale geklärt ist." Nun' war Menachem Leib, wie er sich erin-- nerte, in Gewahrsam, in einem Zimmer, in dem es nicht viel anders aussah, als in allen anderen von Menschen bewohnten Räumen. Sogar ein Bett stand darin. Am frühen Morgen wurde er aber wieder vor den Amtsherrn geführt. Dieser zog finster die Brauen zusammen und sagte: „Es steht schlecht um Eure Sache. Man hat gestern abend Eure Bude ausgehoben und manchen guten Fang gemacht. Die Aemter können Euch darum nicht schützen. Das Auslieferungsdekret ist unterzeichnet." Wie ein Dolchstich traf es Menachem Leib mitten ins Herz, als ihm langsam der Sinn der Worte ausging. „Mein Weib, meine Kinder!" stöhnte er auf. „Das hättet Ihr früher bedenken müssen," sagte der Magistratsherr und wandte sich ab. Schon nach wenigen Minuten, erinnerte er sich jetzt, waren die Kapuzenmänner da, die ihn abholten. Seitdem saß er hier in dem dunklen Erdgelaß zwischen den kalten Steinen. Er wußte nicht mehr, wie viele Tage es schon waren. Kaum war hier der Tag von der Nacht zu unterscheiden. Zweimal bereits war er im großen Saale im Erdgeschosse von dem hohen Tribunal vernommen worden. Schon der Anblick der schwarz verhüllten Männer mit den Riesenbaretts auf dem Kopfe erfüllte ihn mit Angst und Grauen. Dann die goldenen Kreuze über der Brust. Das Bild vor der brennenden Kerze auf dem Richtertisch. Man riß ihm den Hut vom Kopf. Entblößten Hauptes mußte er dastehen und Antwort geben auf Fragen, deren Sinn er kaum verstand. Wo der junge Graf fei, den er für das Judentum abgerichtet hätte, wollten sie von ihm wissen. „Ich weiß es nicht, nicht einmal seinen Namen kenne ich." . „Wo hält er sich zur Zeit auf und wie wäre er zu fassen?", fragten sie unerbittlich weiter und überhörten glatt seine Beteuerungen, daß er nichts davon wisse. ' Eine ölige, einschmeichelnde Stimme sprach zu ihm: „Ihr habt schwer gefehlt, Jude, ein Christenkind, noch dazu einen Priester von hohem Adel, mit dem Geiste des Widerspruchs und des Ungehorsams gegen die Mutter Kirche zu erfüllen. Aber sei es drum! Davon später! Vielleicht. . ." — der Richter zwinkerte mit den Augen und betonte das „vielleicht", als wäre es ein lockendes Kosewort, — „vielleicht kommen wir auch nicht mehr darauf zurück, wenn Ihr vernünftig seid und redet, uns dazu verhelfet, den jungen Grafen hierher zu bekommen." „Ich weiß es nicht," flehte Menachem Leib, „ich kenne seinen Aufenthalt nicht. Fern war es von mir, ihn von der Kirche abwendig zu machen. Ich habe mit ihm Hebräisch gelernt, weil er mich bat, ihm darin zu helfen. Er müsse als Priester hebräisch lernen, sagte er. Ich schwöre bei Gott,