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Der Israelit · 1930-01-23 · Heft 4 (23.1.1930) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 4 (23.1.1930)
Date
1930-01-23
Page
– (sequence 17)
Language
German
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f 21 (äff er fierausgegeßen vom dev fandesoegattifafion dev flgudas-Jisvoel in Deuffefiland. 6. Jahrgang Hamburg, 23. Januar J930/23. Tebet 6690 Nummer 2 Schriftleitung: Wolf S. Jacobfon in Kawbnrg. Der größte Teil unserer Gruppen ist mit den Rosch Lhaudesch-Spenden für Monat Teweth im Rückstand. Wir bitten dringend im Interesse unserer Schulen um baldige Ueberweisung auf das Postscheckkonto Nr. 53 900 Frankfurt a. M. der Palästina-Zentrale der Agudas Iisroel. Die Stellung der Aguda zu Palästina. Unterredung der IPZ mit Dr. Pinchas Kohn, Leiter der politischen Exekutive der Agudas Jisroel- Weltorganisation. Sie legen mir fünf Fragen vor; ich glaube, es dient dem Verständnis, wenn ich diese Fragen .zusammenhängend zu beantworten versuche. Ihre Fragen lauten: 1. In welcher Weise fordert die Agudas Iisroel die Durchführung der Balfour-Deklaration? 2. Wie stellt sich die Agudas Iisroel zum arabisch-jüdischen! Konflikt in Palästina? - 3. Welche Auffassung hat die Aguda bezüglich der Tempelmauer? 4. Wie verhält sich die Aguda zur Verftändi- Zungs-Politik des „Vnth-Schalom"? 5.. Denkt die Aguda im jetzigen Moment an eine politische' Zusammenarbeit mit der Zionistischen Organisation und -der Jewish Agency? Da wäre nun zunächst zu sagen, daß die Aguda möglichst der historischen Kontinuität Rechnung zu tragen versucht. Liegt doch in diesem Prinzip oder in> seiner Nichtbeachtung überhaupt die Erklärung für manche Nachkriegserscheinung. A la gtierre comme ä la guerre, In Kriegsmaßnahmen, sowie in Verträgen, die noch unter der Kriegs- oder Sieges- oder Niederlage-Psychose geschaffen wurden, wird diese Kontinuität außer Acht gelassen. Auch unsere Konstruktion der. Weltlage, die wir gemeinhin unter dem Stichwort „Messianische Zeit" verstehen, unterbricht diese Kontinuität, aber gerade deshalb können wir sie nur unter den Aspekten eines Wunders erhalten, d. h. unter einem außergewöhnlichen Eingreifen der Vorsehung. Das hat die Valfour- Deklaration, die doch eine Kriegsmaßnahme ersten'Ranges war, übersehen. Da aber im normalen Verlauf der geschichtlichen Dinge die Kontinuität sich immer wieder Raum zu schaffen sucht, ergaben sich für die Mandatsmacht a priori die Schwierigkeiten, über die wohl in diesem Zusammenhang nicht zu reden ist. Nun sieht die Aguda kraft ihrer Grundanschauung in jedem Geschehen auch einen Sinn, den Sinn einer Frage an die Thora und ihre Bekenner. Was heute allgemein als eine Fiktion erkannt ist, der Traum eines auf Grund von Menschenwoll e n die Historische Kontinuität unterbrechenden jüdischen Staates, hat Aguda von vornherein abgelehnt. Hier darf wohl eingeschaltet werden, daß übrigens auch die Anerkennung des White Paper seitens der Zionistischen Organisation eine logische Folge dieser Grundeinstellung war. Aguda sah und sieht in der Balfour-Deklaration eine Möglichkeit, losgelöst von politischen Aspirationen auf heiligem Boden ein heiliges Leben zu führen, die „mizwas jischuw hoorez" zu erfüllen, ein Leben, das in der Erde und ihren Bedürfnissen wurzelt und doch dem Augenblick einen Ewigkeitswert über sich hinaus erteilt. Dazu gehört aber unbedingt ein den historischen Bedingungen gerecht werdendes friedliches Verhältnis zu den Arabern, das im alten Jischuw, der dem Ideal eines den thorageschichtlichen Bedingungen im heiligen Lande entsprechenden Alltagslebens gerecht zu werden versuchte, tadellos funktionierte. Ich muß noch weiter ausholen, ehe ich Ihre Fragen bündig beantworte. Palästina ist leider ein klassischer Boden des Konflikts zwischen Ortentalisierung und Europäisierung geworden. Ich darf bei dieser Gelegenheit vielleicht daran erinnern, daß ich vor VA Jahren eine Artikelserie über Europa und Orient in Bezug auf Palästina veröffentlichte, in denen reicht auf Grund einer prophetischen Kunst, sondern lediglich auf Grund zwangsläufiger geschichtlicher Notwendigkeiten die Grundlinien der nun zur Tatsache gewordenen Entwicklung gekennzeichnet sind. Die Araber aber sahen in den jüdischen Emigranten die Herolde der Europäisierung und auch dagegen wehren sie sich. Daß geschickte Faiseure diese tragischen Gegensätzlichkeiten in grobes, demagogisches Geschütz umwandelten, ist die Signatur der Ereignisse in Palästina. Würde der „Brith-Schalom" es verstehen, die Wurzeln, der Differenzen bloßzulegen, so wäre es ein wunderbares Werk. Die Konsequenz — und das ist das Programm der Aguda — wäre ein neues „white paper", eine neue Interpretation der Balfour- Deklaration, etwa im Sinne von Achad Haam. Palästina als ein Heim der jüdischen Kultur, wie es Achad Haam meint, der jüdischen Religionskultur, wie die Aguda es nennt. Das wäre die richtige Linie zwischen den politischen Bedürfnissen Englands, der Befriedigung der Araber und den Notwendigkeiten für die Juden. Es würde schon lohnen, daß alle in Frage kommenden Faktoren sich dieses Projekt einmal suß 8peeie aeternitatis gemeinsam überlegen. Damit haben Sie auch die Antwort auf Ihre vierte Frage. Das gemeinsame Interesse ntüßte über alle Organisationen hinaus sich wirksam erweisen. Ich spreche absichtlich nicht über die Tendenzen der Jewish Agency, die sich an rein finanziellen Erwägungen orientieren. Allein es ist klar, daß, aus dem bösen Traum des Sachlichkeitswahnes erwacht, die jüdische Gesamtheit einsehen wird, was der Augenblick erfordert. Aguda hat der Administration! der Agency die Beschlüsse der zweiten Kenessio Gedaulo bekannt gegeben. Ist der Wille zum Weg gegeben, so ist ein Weg. Was nun endlich die Tempelmauer betrifft, so ist d.er Standpunkt der Aguda klar. Sie lehnt alles ab, was aus dem wailing wall ein Politikum macht; was wir brauchen, ist das Träumen und Beten an diesem Ort, begleitet von dem heiligen Lachen, das sich Rabbi Akiba entrang, als er die Heiligen Sättten in ihrer Verlassenheit sah. Mehr nicht. Im Westen doch was Neues! 1. Em wenn auch nur kurzer Aufenthalt in der Schweiz berechtigt zu dieser frohen Feststellung und läßt für die Zukunft von der Aktivität und gesamtheitsverbundenen Einstellung unserer Freunde in diesem Lande noch viel Schönes erhoffen. Wenn ich feststelle, daß ich am ersten Tag meines Aufenthalts einem Lernen der S ch w e iz e r nmn v"D beiwohnen, dann das nma -Gebet in der prächtigen Synagoge der Basler R e l i g i o n s g e s e l l s ch a f t verrichten, daß ich an der Gründung der Schweizerischen F r a u e n g r u p p e der Agudas Iisroel teilnehmen und schließlich in ber ü^n yy nn’W1 in Montreux die tiefsten Eindrücke in mich aufnehmen konnte, dann erkennt auch der Draußenstehende, daß es im Westen Neues, gutes Neues gibt. .Und wenn man erwägt, daß diese Schweizer inan v"w ihre Gründung dem Manne verdankt, der zugleich den letzten Anstoß zur Schaffung der Agudas Iisroel gegeben, dem Basler Raw, Dr. Arthur Cohn ^X"?, daß die Religions-Gesellschaft in Basel wie die N2'V in Montreux von führenden Aguidisten geschaffen wurden, daß schließlich die Gründung der Schweizer Frauengruppe wie die Arbeit der allweltlichen Agudajugend, die ihren Ausgangspunkt von Zürich nahm, Zeichen ungebrochenen, agudistischen Arbeitswillens sind, dann sollte dies doch denen zu denken geben, die glauben, „kühl bis ans Herz hinan" beiseitestehen zu dürfen, die abwarten wollen, bis ihre „politische Zickzacklinie", ihr „verwaschener Kurs" — ich zitiere Aeußerungen Prominenter — Agudas Iisroel auf den toten Punkt gebracht haben. Ein Baum, der neue Aeste setzt, stirbt nicht ab. Deckt Euch rechtzeitig ein, ihr, die ihr a la baisse spekuliert habt, d. h.: Rechnet nicht auf einen Abstieg der Agudas Iisroel, hofft mit uns auf ihren Aufstieg, hoffet mit uns und befördert ihn, indem ihr mithelft. 2. In der Entwicklungsgeschichte der Agudas Iisroel gebührt der Schweiz ein breiter Raum. Sie hat in den letzten Kriegsjahren und bald nach dem Waffenstillstand, begünstigt durch ihre Lage und geleitet von hingebungsvollen Führern, die Fäden zwischen den Ländern, wiedergeknüpft, die Züricher Konferenz (1919) einberufen, mit der der zweite Abschnitt agudistischen Werdens beginnt. Daß.sie weiterhin zur Festigung agudistischer Weltanschauung beitragen will und wird — dies bezeugt die Basler Religionsgesellschaft — daß sie weiterhin zur Herbeiführung agudistischen Strebezieles: minn pp rram Mitwirken will mb wird — dies bezeugt die Isechiwo in Montreux. Hier wie dort floß das Werk aus Hirn und Herz Einzelner, um dann stolzer Besitz Vieler zu werden. Hier wie dort mußte es den Widerstand der Zaudernden überwinden, doch die Vorwärtsschauenden, Vorwärtsschreitenden überzeugten die Abwartenden, die Zögernden und so gesellten sich zu den D’DVna die üwjöijJ' So wurde das Stagnierende vom Fortschritt, in des Wortes edelstem Sinn, überwunden. Hier wie dort legt das Gewordene Zeugnis ab von dem Weitblick, dem Opfersinn und der Ueberzeugungskunst agudistifcher Menschen. 3. Die Basler Religions-Gesellschaft: Als Mitglieder nimmt sie nur ■now mp auf! Ich verzeichne diese eine Tatsache als Charakteristikum! Und gewohnt, alle Dinge auf ihre Beziehung zu Agudas Iisroel hin zu prüfen, drängte sich mir die Erwägung auf: die gleichen Menschen, die in dem nun überholten, weil für alle ehrlichen Agudisten abgepaßkenten. Streit um 8 4 sich scharf und offen für seine Abschaffung ernsetzten, sie schufen diese Bestimmung, die uns fast untragbar scheint. Schufen sie aus dem Gedanken heraus: Je stärker ich meine eigene Festung baue, desto großzügiger darf ich das Land um sie herum frei geben. Ich habe nicht nachzuprüfen, ob diese Erwägung richtig! ist. Ich halte sie fest, weil sie ein Beweis dafür ist, daß man auf verschiedenen Wegen zum gleichen Ziel Vordringen kann. Man soll dem, welcher einen anderen Weg geht, darum nicht vorschnell vorwerfen, daß er ein anderes Ziel meine. Ich darf hier eine Begebenheit verzeichnen. Ich traf auf der Straße in Basel einen süddeut-

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