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Der Israelit · 1930-01-16 · Heft 3 (16.1.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 3 (16.1.1930)
Date
1930-01-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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16. .Januar 1930 Der Israelit Nr. 3 Seite 13 - London, 1Ö. Jan, Die Bestattung von Rabbiner Dr. Viktor S ch ö n f e I b die am Donnerstag voriger Woche stattfand, gestaltete sich zu einer überwältigenden Kundgebung der Verehrung und Anhänglichkeit, Dichte Mengen waren vor dem Trauerhause versammelt, während der älteste Sohn des Heimgegangenen, Moses Schönfeld sowie der Präsident der Adaß Jisroel- Gemeinde. Mr. Fleischmann, Hespedim hielten. Der Zug begab sich dann zu der Synagoge in Burma-Road, wo Chacham Dr. G a st e r eine groß angelegte Trauerrede hielt. Alsdann sprachen Rabbiner Ferber sowie der zweite Sohn des Heimgegangenen, Salomon Schönfeld. Auf dem s"nn n'2 ergriffen Rabbi Zimmermann, Rabbiner Silberber g aus Warschau und eines der führenden Mitglieder der Adatz Jisroel-Ech meinde, Mr. Kestenbaum, das Wort. Letzterer brachte namentlich? die intimen menschlichen Beziehungen zum Bewußtsein, in denen der Heimgegangene Rabbiner zu allen Mitgliedern seiner Gemeinde gestanden hat. Der Bestattung wohnten so ziemlich alle offiziellen Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinschaft und an ihrer Spitze der C h r e f- Rabbi und die Mitglieder des B e s d i n bei sowie zahlreiche Rabbinen, Lehrer und Gelehrte aus der englischjüdischen Gesellschaft. Darmstadt, 10. Jan. Im gesegneten Greisenalter von 83 Jahren wurde Frau Berta M ayer ihrer Familie und dem großen Kreis der sie hochschätzenden Freunde und der tieftrauernden Gemeinde entrissen. Als Schwiegertochter des um die hiesige Israelitische -Religionsgesell, schüft hochverdienten Baruch Mayer, setzte sie im eigenen Heim den Geist des Elternhauses fort. Für die zahlreiche. Familie bildete sie den geliebten Mitttelpunkt, für die semp man war sie lange Jahre als Führerin richtunggebend in edelster Ausübung der n"a nixn. und ihr auf Frieden und Wohltun gegründetes Wesen erwarb sich ungewollt die Zuneigung aller jüdischen Kreise. Trotz ihres hohen Alters war die rührige regsame Frau allgemein als Freundin und bewährte Ratgeberin hochgeschätzt, und ihr unerwartetes Ableben erweckte überall herzliche Teilnahme. Am Grabe würdigte Rabbiner Dr. Merzbach in. beredter Weise das Wesen der edlen Frau und Herr Carl Lehmann ries ihr namens der Frauenman Worte des Dankes nach. n"ax3n. Sulzburg (Baden), 13. Jan. Eine der markantesten Persönlichkeiten unserer altehrwürdigen Gemeinde, Herr Moses Bloch', begeht s. G. w. am Sonntag, 19. Januar, in körperlicher und geistiger Rüstigkeit seinen 75. Geburtstag inmitten' eines großen Familienkreises. Der Jubilar ist seit Jahrzehnten ehrenamtlicher Bal-Tefilloh - an allen Feiertagen' des Jahres und zeichnet sich besonders durch seine wunderschöne lyrische Tenorstimme aus. Unser Wunsch lautet: „Ad meoh weesrim schonoh". Hamburg,!. Jan. Der Chanucka brachte einem großen Kreis der Hamburger Gemeinde einen furchtbaren Verlust, der die Festfreude stark mit seinem Schatten verdunkelte. Ganz plötzlich wurde Edith Goldschmidt, die Gattin des Herrn Samson Goldschmidt, die würdige Tochter des seligen Oberrabbiners Dr. Löb aus Altona, im 65. Lebensjahre von der Erde abberufen. Die Kunde wirkte umso schreckhafter, als die Verstorbene bis zum letzten Augenblick in ihrer umfassenden Tätigkeit mitten im Leben schassend und wirkend gestanden hatte und keiner den Gedanken fassen mochte, sie für ewig missen zu müssen. Ihr Tod hat die Erinnerung an ihren großen Vater m ganz besonderer Weise wieder lebendig gemacht. Er hatte keine Söhne, über besonders diese Tochter, die einzige, die in Hamburg verblieben ist, hatte viel vom jüdischen Wissen und der rabbinischen Kraft des Vaters übernommen. Edith Esther Goldschmidt konnte „lernen", hatte eine ausgebreitete Kenntnis des Tenach, wußte selbständig die religiösen Gedanken in sich zu verarbeiten. Eine ausgesprochene Rednergabe befähigte sie, dem Wort der Religion in wunderbarer Zartheit Ausdruck zu geben. Auch eine poetische Ader war ihr zuteil und sie benutzte sie, um bei jeder Veranstaltung der Gemeinde in Lied und Gedicht die Herzen zu erheben,' für Purim und Chanucka hat sie eine ganze Serie von Festspielen geschaffen, die dem Druck übergeben wurden. So hochbegabt und vollgehaltig machte sie das Haus ihres Gatten zu einem geistigen Mittelpunkt, worin die schönste Gastlichkeit mit der Weihe tiefer Religiosität und echter altjüdischer Frömmigkeit vereinigt waren. Allgemein wurde sie als eine der bedeutend st en Frauenpersönlichkeiten in der Gemeinde geliebt und verehrt. Die große Ueberlegenheit ihres Geistes, die sich mit großer Bescheidenheit paarte, empfand jeder als etwas Wohltuendes, für einen Beweis, wie hoch das Wirken einer Frau in den Wänden ihres Hauses ist, und daß es nicht des Hinaustretens in die Oeffentlichkeit bedarf, um dem jüdischen Weibe die Möglichkeit des Auslebens ihres reichen Herzens und ihrer reichen Geistesgaben zu ermöglichen. Mit der Klugheit verband sie Güte und Hilfsbereitschaft gegen Rah und Fern; unendlich viel an Wohltätigkeit hat diese Frau geleistet. Ganz besonders war sie für das Hamburgs jüdische Mädchenwaisenhaus als Vorsteherin tätig, und es ist ihr in erster Linie mit zu danken, daß diese Anstalt in so echt frommem Sinne geführt wird. Höher aber noch als alles dieses war das einzigartige Gottvertrauen dieser Heldin des Lebens, die in allen Erschütterungen und Wechselfällen des Daseins wie eine echte Zaddekes Leid und Not zu überwinden wußte. So hat sie echten jüdischen Adel betätigt, wie es einem Kinde der edlen Familien Lob und Auerbach, denen sie entstammte, geziemt. Ihr Leichenbegängnis gestaltete sich daher zu einer imposanten Trauerkundgebung, an dem alle Kreise der Hamburger Judenheit, ja der Deutschen Judenheit, teilnahmen. Hoch und niedrig, arm und reich fühlten, daß sie etwas Unersetzliches verloren haben. Manche Träne fiel auf das Grab, das ihr auf dem neuen Friedhof zu Ohlsdorf am 6. Tage Chanucka bereitet wurde. An der Bahre selbst wu^de das Esches Chajil-Lied von Herrn Oberrabbiner Dr. C a r I e b a ch - Altona verlesen. Bei dein Vers nni ntf>3 b's 9tng - ein Schluchzen tiefer Ergriffenheit durch die unendliche Schar der Versammelten. In der Trauerwoche widmeten dann Rabbiner Dr. Jsak Auerbach, Halberstadt, alsVerwandter, Rabbiner Dr. Jakobsohn, Hamburg, Rabbiner Duckesz und Oberrabbiner Dr. Carlebach, Altona, der Dahingegangenen tiefempfundene Nachrufe. Möge dem tiefgebeugten Gatten und den Kindern aus dem vollendeten -Lebensbilde dieser Frau und aus ihrem segensreichen Wirken das Bewußtsein des Trostes in ihrer schweren Trauer erwachsen. Ihr Andenken wird zum Segen sein! Vermischtes. Diez a. d. Lahn, 5. Jan. Zu einer Chanuckafeier, für deren Gelingen den Vorstandsdamen besonderer Dank gebührt. hatte der Frauenverein eingeladen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache der stellvertretenden Vorsitzenden und einem schön gesprochenen Prolog folgte ein Vortrag des Obersekundaners Heinrich Felsen, Zögling des Deutsch-Israelitischen Kinderheimes, über „Chanucka und die heutige Zeit", der reichen Beifall erntete. Anschließend folgten einige sehr nette Gedichte und Theaterstücke, die starken Anklang fanden. Eine kleine Verlosung beschloß die in echt jüdischem Geiste verlaufene Feier. Fürth, 5. Jan. Einen großen Genuß verschafften uns die A. J.-Jugendgruppen Fürth am Sonntag, den 29. Dezember, durch den Jüdischen Lrederabend, zu dem sie Leo Rosenblüth aus Frankfurt a. M. berufen hatten. Mit Genugtuung konnten wir feststellen, daß das geschmackvoll zusammengestellte Programm in jedem Teil, in jeder Nummer eine Bekundung künstlerischer Reise verlangte. Als Interpret jüdischer Volkslieder (Jargongesänge) brachte der Sänger eine neue Note seines Könnens, seiner Vielseitigkeit. Wir vernahmen Herzenstöne. wehmutvolles leises Klagen, rührendes Ausströmen tiefer Elternliebe, kraftvolles Bekennen dem Schöpfer, demütiges Unterwerfen vor ihm. Dichter und Sänger waren verschmolzen zu einer Person, die tröstete, erhob, beglückte. Besonders starken Beifall fand das „Lied eines Hausierers", der mit Juda Makkabi ins Feld zog, aus S. Rosenblüths Drama „Juda Makkabi", das der Sohn zum Gedenken an seinen großen Vater, Rabbiner Dr. S. Rosenblüth sang. Das schmissige „Ol chanuke", welches ganz vortrefflich begleitet wurde, nmßte wiederholt werden und reizvolle Zugabeii wurden mit stürmischen Dankesäußerungen begrüßt, an denen auch die temperamentvolle Fürther Pianistin, Frau Leonie Schächter, mit vollem Recht teilnehmen konnte. Unvergeßlich wird uiis Dieser stimmungsvolle und künstlerisch hochwertige Abend sein. Stuttgart, 5. Jan. Am 5. Januar fand hier die Chanuckafeier des Chewras-Bachurim im großen Saal des oberen Museums statt. Herr Gerson K a tz begrüßte die Anwesenden und forderte sie auf, die Ziele des Vereins zu unterstützen. Musik, Theateraufführungen und Rezitationen gaben dem Abend ein besonderes Gepräge. Hervorzuheben sind noch die Leistungen des Herrn Max Tanne, der seine ganze Kraft in den Dienst der guten Sache stellte. Die Feier bedeutet zweifellos einen schönen Erfolg des jungen Vereins. Altona, 25. Dezember. Am heutigen Nachmittag fand in der hiesigen Klaus ein doppelter Sijum auf Eittin und auf Tehillim statt. Diese, von zwei Awelim freiwillig spendierte, aber zu einer echten mnv n xö bv ausgestaltete Veranstaltung erfreute sich eines ungewöhnlichen Zuspruchs und zeugte somit von der Lebendigkeit und Beliebtheit unseres altehrwürdigen Bethamidrasch. Hatten sich doch auch auswärtige Gäste eingesunden, sogar von Uebersee. Die Herren Klausrabbiner Duckesz und Cohen feierten das Ereignis mit begeisterten Thoraworten. Ein junges Vorstandsmitglied erwiderte kurz und prägnant mit einem Bekenntnis gerade der jungen und berufstätigen Mitglieder zu unserer Klaus. Durch alle Reden ging die Freude über die stete rege Teilnahme an den jahrhundertealten täglichen Klausveranstaltungen. Als Gast kam auch Rabb. Dr. Cohen, Friedrichstadt, mit Glückwünschen aus Sidra und Chanuckageschichte zu Wort. Die Klaus bewährt die einigende und belebende Kraft an Ost und West, Jung und Alt.- So war es mehr als ein Sinnbild, daß, nach der kurzen Glückwunsch-Droscho eines Rabbi aus Amerika, alle Anwesenden, ohne Unterschied von Lebensalter, Herkunft und Gelehrsamkeitsgrad, sich an einem kurz, aber echt inszenierten Chassidimtanz beteiligten, womit die kleine Feier ihren würdigen Abschluß fand. Herr Oberkantor Ziegel verschönerte das Fest mit Gesang und Humor. Schlüchtern, 29.. Dezember. Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich am Schabbos Chanucka das Fest der Einweihung einer Thorarolle, die Herr Saffra-Darmstadt in längstbekannter Meisterschaft angesertigt hatte. Die mit herrlichen, aus freiwilligen, Spenden aufgebrachten Kle Kaudesch geschmückte Rolle, an derdas von den Familien Jakob Hirsch und Lea Rothschild gestiftete Mäntelchen besonders gefällt, wurde vor der Thoraverlesung von den Vorstehern ejngeholt und mit allen anderen Sforrm um den Almemor geleitet. Herrliche Gesänge des Synaqoaenchors unter der bewährten Führung des Herrn Leo Stern, klangschöne Soli unseres Kantors, Herrn Brünn, umrahmten die weihevolle Handlung. In seiner Festpredigt feierte der am 1. Januar 1930 scheidende Lehrer, Herr Kohn, den Tag im Glanze des dreifachen Lichts: in dem der Wellschöpfung, der Thora und des Chanuckafestes. Mögen die Hoffnungen, die der bedeutungsvolle Tag geweckt hat, sich in reichstem Maße erfüllen!? Arosa, 5. Januar. Aus Arosa (Schweiz) wird uns geschrieben: Schon lange wäre es nötig gewesen, hier ein koscheres Restaurant zu haben. Unter großen Schwierigkeiten hat Herr B. L e v i n, tatkräftig unterstützt von Herrn Simon Erlanger jun., Luzern, dem rührigen Präsidenten des „Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser in der Schweiz", eine koschere Pension hier eröffnet. Der große Besuch aus den verschiedenen Ländern wie: Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland. England (Sportler und Erholungsbedürftige) beweist, daß man einem dringenden Bedürfnis nachgekommen ist. Durch vorzügliche Verpflegung und Bedienung wird jedem der Aufenthalt in diesem wunderbaren Hochgebirgskurort angenehm gestaltet. Eine stattliche Anzahl hier weilender jüdischer Kurgäste fand sich am Schabbos Chanucka abends zu der ersten Aroser Chanuckafeier ein, die einen gelungenen Verlauf nahm. Die Feiertage in diesem schönsten Fleck der Schweiz werden jedermann aufs Höchste befriedigen.___- Sprechsaal. Das Arbeitslosen-Problem vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet. In der letzten Nummer macht ein Herr Rothenstein den Vorschlag, zwecks Milderung bezw. Behebung der Arbeitslosigkeit die jüdischen Firmeninhaber zu veranlassen, ihren Personalbestand zu prüfen, ob nicht doch noch eine Kraft eingestellt werden kann. Dieser Vorschlag scheint vollkommen abwegig und auch in keiner Weise den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Der jüdische Unternehmer ist schon allem durch die Sabbatheiligung seinem nichtjüdischen Konkurrenten gegenüber im Nachteil. Soll man da auch noch von ihm verlangen, daß er Leute beschäftigt, die der Betrieb nicht unbedingt benötigt? Diese Frage wird wohl, niemand bejahen wollen. In der heutigen Zeit wird, ob mit Recht oder Unrecht ist hier nicht zu untersuchen, sehr viel von dem Wirtschastsantisemitismus gesprochen. Es gibt Firmen, die es strikte ablehnen, jüdisches Personal zu beschäftigen. Es gibt nichtjüdische Kreise, die es mit Bedacht ablehnen in jüdischen Geschäften zu kaufen, ja es ist sogar vorgekommen, daß bereits gekaufte —: noch nicht bezahlte Ware — im letzten Augenblick zurüägegeben wurde, da die Käuferin in der Zwischenzeit erfahren hatte, daß der Besitzer des Geschäftes ein Jude ist. Auf Grund des vorstehend Ausgeführten muß die Forderung erhoben werden, daß die jüdischen Hausfrauen — diese sind doch in den meisten Fällen die Einkäufer in den Familien — ihre Einkäufe in den Geschäften tätigen, die jüdisches Personal beschäftigen und demselben die Möglichkeit geben nav zu halten. Es muß weiterhin gefordert werden, daß die jüdische Allgemeinheit mehr den jüdischen Handwerker beschäftigt. Man komme nicht mit dem Einwand, der jüdische Handwerker sei teurer als der christliche Konkurrent. Es mag dies in einzelnen Fällen zutreffen. Dies kommt jedoch nur daher, daß der jüdische Handwerker von seinen Glaubensgenossen nicht genügend Aufträge bekommt, um von seinem regulären Verdienst sich und seine Familie erhalten zu können . Es muß fernerhin selbstverständliche Pflicht des jüdischen Unternehmers sein, nur jüdisches Personal zu beschäftigen. Hier haben z. B. die Gemeinden allein schon eine Möglichkeit, helfend einzugreifen . Es gibt — man sollte es nicht glauben — Firmen, die ihr Geschäft nur durch die von der Gemeinde gewährte Aufsicht haben und trotzdem fast kein jüdisches Personal beschäftigen. Hier ist es Aufgabe der entsprechenden. Gemeindebehörden, für Abhilfe zu sorgen. Es ist sicher nicht leicht den „Wirtschaftsantisemitismus" im eigenen Lager auszurotten. Möglich ist jedoch, daß durch entsprechende Zusammenarbeit der Rabbinen, Gemeindebehörden und Vorstände einerseits und auch nur etwas gutem Willen auf seiten des Publikums die Lage des jüdischen Arbeitslosen ganz wesentlich gebessert wird. I. Ein Problem der jüdischen Erziehung. Der Verfasser des Aufsatzes im „Israelit" Nr. 45: „Ein Problem der jüdischen Erziehung" scheint mir weder vom pädagogischen noch vom ärztlichen Standpunkte die alte Frage im richtigen Lichte betrachtet zu haben. Er behandelt den Gegenstand ungefähr in dem Sinne wie ihn veraltete medizinische Volksbücher (z. B. Bock) oder etwa gewisse chassidische Mussarsforim zu behandeln pflegten, d. h. lediglich in diktatorischer und theologischer Auffassung, also unter einem recht engen Gesichtswinkel. Nach ihm möchte man glauben, daß ein großer Teil unserer Jugend dem Laster zum Opfer fällt und damit für das ganze Leben Schuld auf sich lädt. Dem ist gewiß nicht so. Weder zu großer Optimismus noch zu weitgehender Pessimismus sind hier am Platze. Der Fehler hat zu allen Zeiten existiert. Ich kann aus langer Erfahrung durchaus nicht behaupten, daß die Verfehlung in der Gegenwart häufiger auftritt oder schlimmere Formen an-, nimmt. Ich möchte fast das Gegenteil behaupten, was auch ganz verständlich erscheint, wenn man die zahlreichen Möglichkeiten richtiger Aufklärung in dererlei Dingen in unserer Gegenwart sich veranschaulicht. Es fehlt allerdings der Heranwachsenden Jugend im allgemeinen die moralische Hemmung — auch bei bester Belehrung — gegenüber Trieben, welche die Natur in uns gelegt hat, und welche gerade bei den normalen Individuen, ich möchte sogar behaupten gerade bei den am besten angelegten, in maximaler Stärke sich aufdrängen.

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