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Der Israelit · 1930-01-09 · Heft 2 (9.1.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 2 (9.1.1930)
Date
1930-01-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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m m 10.' 1 30 ‘ <<L 9. Januar 1930 Frankfurt a. 2TI., den flR^]] Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum fl[0| k fff Dearündet non Dr. Pphmrrnn in Main». «11 J Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1919: Deutschland 1.30 Mark monattich: Ausland: Bierteljahrpretfe (entsprechend dem deutsche» Inlandspreis zuzüglich Koste» des Streifband-Ber» sandes) Deutsch-Ssterreich: Schilling; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich W Fr.; Belgien ab 1.7. £1. Belga 5; Holland 8 fl.; Italien abl. > 88.18 Lire; Jugoslawien 88 Di».; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 87. 180 Lei; Polen 4 deutsche Toldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecko-Slowakei 88 Kronen: Ungar» Pengö 8 ab 1.JuU19S7; Dänemark 8.80 Kro».; Norwegen 8.80 Krön.; Schweden 8.s0 Krön. Einzelnummer vierzig Doldpfk» rtge. Der Israelit erscheint jeden,Donnerstag.^Inserat» 80 Eol . für die stebengesxoktrn» amilienanzeigeu nur 40 Pf. Nonpareille-Zeile. 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Zahl ist Quantität, — und das Judentum wägt die Qualität. Es gibt aber Fälle, in denen sich^ von der Zahl aus auch Schlüsse auf biß Qualität ziehen lassen. Hierin beruht die große Bedeutung einer richtig gehandhabten Statistik. In München wurden in den letzten Zwei Jahren 68 beiderseitig jüdische Ehen und 77 nur ein s e i t i g jüdische Ehen geschlossen! Die Mischehen übersteigen also bereits die rein jüdischen Ehen. Rechnet man dazu die Geburtenverringerung bei den einst so fruchtbaren Juden, dann steht plötzlich wie ein Gespenst der Untergang der Juden vor Augen, -—und dies in einer Zeit der Regenerierung, der zionistischen und der agudistischen Bewegung. Das Prophetenwort"nwvnKty Nur ein Rest wird zurückkehren" scheint wieder einmal zur Wahrheit werden zu wollen. Immer größere Massen der Judenheit haben das jüdische Problem, durch ihre Selbstvernichtung gelöst, indem sie Mischehen eingingen. Die Situation wird m ihrer grauenvollen Nacktheit noch nicht gesehen. Wenn nämlich in einer Mischehe der Mann Jude ist, dann leistet er meist: seine Beiträge zu den Institutionen der jüdischen Gemeinschaft weiter, — aber seine Kinder bleiben in der Regel bereits Christen, — und er ist so das letzte Glied in der jüdischen Generationenkette. Man macht heute in Deutschland den Versuch, durch eine soziale Organisation die Eheschließungen zwischen Juden-und Juden zu erleichtern, In dem. engen Rahmen, in dem sich die Organisation bewegt, kann es sich nur um einzelne Fälle handeln, die vor der Mischehe bewahrt werden,—und die Zahl neuer Mischehen geht allein in Deutschland jährlich in viele Hunderte. Nurwenn für diese Organisation einige großzügige Philantropen einen bedeutenden eisernen Fonds stiften > würden und wenn es.sich durchführen ließe, daß jeder Jude in Deutschland einen freiwilligen Beitrag leistet, nur dann könnlen Bedingungen - geboten werden, die eine größere Zahl mitgiftloser jüdischer Mädchen vor der Mischehe bewahren. Es gibt nämlich nicht wenige jüdische Männerdie ohne weiteres eiine mitgifilose Christin.heiraten, die unbemittelte Jüdin aber ablehnen. Der Wille, sich zu assimilieren, fällt da in die Wagschale. Andererseits heiraten Christen häufig unbemittelte Jüdinnen, da deren ausgeprägter Familiensinn und ihre Wirtschaftlichkeit sie anziehen. Selbst bei Höchstleistungen kann die Organisation nur eine Zahl schädlicher Folgen durch Vermeidung der Mischehe beseitigen, aber nicht die Ursachen, welche jüdische Massen so weit weg vom Judentum geführt haben. Die Ursachen gilt es zu beseitigen. Da aber türmen sich Schwierigkeiten auf. Eine tiefere 'jüdische Verwurzelung muß er* strebt werden! Doch das Charakteristische der geistigen Strömungen unserer Zeit ist im Gegensatz zu ihren materiellen Entwicklungen Zersplitterung. Verwurzelung verlangt aber Zurückziehung der Seele auf sich selber, Konzentrierung. Die indifferenten Massen, die sich von den Traditionen des Judentums und von seiner Gedankenwelt losgelöst haben, für deren Leben der Sabbat, die Speisegesetze usw. und für deren Denken die - Thora nichts Verpflichtendes mehr bedeuten, — diese Massen müssen erst Boden finden, ehe sie wieder Wurzel fassen können. Die Arbeit kann nur bei der Jugend beginnen, denn Erwachsene sind Gewordene und nicht Werdende und sie lernen in der Regel nicht mehr um. Es muß genügen, daß die Erwachsenen die Möglichkeit zu einer neuen Erziehung der Jugend geben. An der Hand der niederschmetterinden Zahlen der Statistik müssen die führenden Kreise in den jüdischen Gemeinden es einsehen, daß es wie bisher n i cht w eitergeh en darf. Und nun das Ceterum-Eenseo der Gegenwart an die jüdische Oeffentlichkeit: Gebt der Jugend die Beherr's ch u n g der hebräischen Sprache als Grundlage des Religionsunterrichts! Nur fo wird in den indifferenten Massen über alle nationalen und sprachlichen Verschiedenheiten hinweg ein waches Interesse für das Wohl und Wehe der jüdischen Gesamtheit erstehen, nur so wird bei ihnen eine Annäherung auch an die inneren Werte des Judentums, an die Traditionen seiner Welt- und Lebensanschauung, Platz greifen und so eine Verwurzelung wieder günstigen Boden finden. Alle Regenerationsversuche werden dann ungeahnte n Zuzug, und Bardo p p e l u n g d e r K ras t erhalten und nicht mehr an Hemmungen scheitern. Freilich kann das Werk nur gelingen, wenn es beherzt angepackt wird! Zuerst müssen die Lehrer auf hebräischen Sprachunterricht eingestellt werden, was durch Lehrer aus Palästina bewirkt werden kann. Wo die Kinder infolge des allgemeinen Schulunterrichts nur einen wenigstündigen Religionsunterricht genießen, ist es eine unumstößliche Forderung, in dem Iah re vor der Schulzeit bereits die Grundlagen des hebräischen Unterrichts zu legen. Das Judentum a l s e r st e s vor dem allgem e i n e «Schulunterricht wird auf das ganze Leben des Kindes einen unauslöschlichen Eindruck Hervorrufen, — und mit solchem Interesse und solcher Vorbildung wird der Religionsunterricht erst die Wirkung bekommen, die ihm bisher meist fehlte, und die er haben sollte. Nur auf solche Weise ist der Weg zu einer Besserung in den großen, bisher indifferenten Massen geebnet. Alles andere wird dann von selber kommen, '— und schließlich wird auch die Orthodoxie außerhalb ihrer bisherigen Reihen den Dank dafür finden, daß sie das Judentum, trotz aller Ungunst der Zeiten in Treue gewahrt hat. * Man wird gegen diese Gedankengänge vielleicht einwenden, die Orthodoxie habe heute mehr, als ihre Kraft es erlaubt, mit sich selber zu tun und könne sich nicht noch dazu um die indifferenten, von der Orthodoxie losgelösten Massen kümmern. Man wird ferner sagen, der Ruf könne nur „Zurück zur Thora" lauten. Beide Einwendungen stimmen. Mit allen ihren' Sorgen ist aber unsere Orthodoxie ihrer VerpflichtungM der jüdischest Gesamtheit gegenüber nicht ledig, und wenigstens Nachdenken soll sie über die Mittel, die Kreise der Judenheit, die in den Strudel der Assimilation hineingezogen sind, den jüdischen Interessen — wenn auch in ihrn weitesten Formen — wieder näherzubringen. Diese Schichten müssen auch erst einmal dazu gebracht werden, ihr Ohr dem Ruf „Zurück zur Thora" zuzuwenden. Dieser'Moment .tritt aber erst dann ein, wenn durch die hebräische Sprache ein n e u e s G e s a m t h e i t s b e w u ß t s e i n an der Stelle, «des bisherigen Willens zur selbstmörderischen Assimilation erstandein' ist. Die hebräische Sprache ist kein Allheilmittel. Ein Jude, der die Thora hält, ist ein guter Jude, auch wenn er das Hebräische nicht beherrscht, — und ein

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