Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1930)
- Date
- 1930-01-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 1 Der Israelit Seitenfront, darin Rabbi Jakob Emden fein Lehr- und Wohnhaus hatte. In einem niederen länglichen Anbau mit Glasscheiben, die die halbe Wand einnahmen, starken Männer an Setzerkästen. Im Lernzimmer daneben fand Abraham einen hageren,^gebeugten Mann mit angegrauten Haaren, schütterem dünnem Barte und etwas geröteten Augen, die unter dicken Brauen streng hervorschauten. Uebernächtig und vergrämt saß er m seinem kleinen Lehrhause, das sich zu den Gebeizeiten mit vielen Besuchern füllte. Auf dem Pulte lag das aufgeschlagene alte Buch, daneben große Korrekturbogen, vollbedeckt mit blassen, krausen Schriftzeichen. Eine schmale Wendeltreppe führte hinauf zu der aus nur einem Zimmer bestehenden Wohnung Rabbi Jakobs. Aus dem Nebenraume, nur durch eine dünne Wand vom Lehrhause getrennt, drang das Rattern einer Handmaschine. Dort befand sich die Druckerei des Rabbi Jakob Emden. (Fortsetzung folgt.) Rinderecke. J&*>' Oec Lhanukahleuchter. Von Schoschanath Jaakow. (Fortsetzung.) Vater knöpft seinen Rock zu und geht an die Haustüre. Es klopft zum dritten Mal. „Wer ist denn da draußen?" — „Ein Jude!" antwortet es. — Was Hilsts? Geöffnet muß doch werden. Eine große, breite Gestalt tritt mit Vater in die Stube. Ah, was für ein vornehmer Herr! Mutter atmet erleichtert auf, und Simon betrachtet den feinen, runtergeklappten Hut, den kostbaren Pelz, die Stiefel mit den Gamaschen. — Vater hat die Gardinen schnell vorgezogen. ■— Der Fremde zieht höflich den Hut, gibt Vater eine kleine, weiße Karte und sagt: Rosenfield ist mein Name." Dann sagt er in merkwürdigem Russisch eine Entschuldigung. Er wohne in Amerika, stamme aus Moskau, wäre hier geboren und als Kind „rüber" gekommen. Er wolle sich jetzt seinen Heimatsort anfehen, dies fei sein Geburtshaus. Und da er zu seinem größten Erstaunen die Leuchter am Fenster gesehen, habe er sich getraut anzuklopfen. Vater und der Amerikaner sind bald im Gespräch vertieft. Sie sprechen über russische Zustände. Mutter bringt Sonja zu Bett. Simon darf auf sein Betteln noch etwas aufbleiben. Er versteht nicht ganz, was Vater erzählt, aber doch soviel, daß er dem Bruder klagt, was ihm verloren ging. „Sehen« Sie," sagt er und holt seinen Leuchter, „das ist noch mein einziges Wertstück, was ich besitze. Ein Erbstück." — Der Herr betrachtet entzückt den Leuchter von allen Seiten. Simon beobachtet sein Gesicht mit Stolz. „Wundervoll!" murmelt Herr Rosenfield immer. Dann spricht er wieder etwas „fetten". Plötzlich sagt er zu Vater: „Hören Sie! Ich habe von draußen gesehen, daß diese Menorah ein außergewöhnlich hohes Alter haben muß. Und ich will ihnen offen sagen: Auch si e hat mich.zu Ihnen gelockt. Ich bin nämlich Sammler solch alter Stücke. Würden Sie sich von dem Leuchter trennen? Und was verlangen Sie für ihn? Es ist eine wundervolle Arbeit!" — „Was?" denkt Simon, „der möchte wohl die Menorah kaufen? Was der sich wohl einbildet? Na! Dem wird Vater aber was erzählen!" — Aber Vater springt nicht auf und sagt nichts. — Er blickt nur mit starren Augen auf den Leuchter in der fremden Hand. — „Ich möchte erst meine Frau fragen," sagt er endlich, „du Simon, erzähle dem Herrn inzwischen etwas!" und draußen ist Vater. — . Simon aber ist stumm. Dys kann ja gar nicht möglich sein! Mutter wird das niemals zugeben und er — Simon — auch nicht! j Wie der Mann da sitzt und immer noch den! Leuchter betrachtet! Er wiegt ihn in seiner Hand! I„Ja, wieg du ihn nur!", denkt Simon, „du kriegst ihn nicht!" — Er haßt den Mann aus tiefstem Herzen! Mit lauerndem Blick verfolgt er jede seiner Bewegungen. Wie, wenn der Fremde auf einmal jetzt mit der Menorah davontiese? Das soll er aber nicht können! Simon schleicht hinaus, schließt die Haustüre ab und versteckt den Schlüssel. Als er zurückkommt, ist Vater wieder da. Sie sprechen sehr leise. Vater hält den« Leuchter in der Hand. Nun dreht er sich um . . . küßt ihn . . . und stellt ihn wieder auf den Tisch. O, Simon hat alles gesehen! Der Fremde nicht. Der hat ein langes, dünnes Heft aus der Tasche gezogen und schreibt. — Simon steht, die Fäuste in den Hosentaschen, und würgt. Nur nicht weinen! — „Simon, gehe und hole einen großen Bogen Papier!" — Simon bleibt stehen. „Nun?" Er steht. „Nun?" — „Nein!" schreit er und immer lauter, mit dem Fuße stampfend, „nein! nein! nein! nein! Er bekommt den Leuchter nicht!" Er heult, das Gesicht in Tränen gebadet. „Und mir gehört der Leuchter und dir gehört der Leuchter! Und er bekommt ihn nicht!" Mit einem Satz ist er am Tisch, ergreift den Leuchter, stürzt hinaus, in die Schlafstube, ins Bett, den geretteten Schatz unter der Decke verbergend. — Achwie wohl tut es, zu weinen, all den verhaltenen Kummer des Herzens hinauszuschreien! Er hält die Menorah an sich gedrückt. — „Simon! Simon!" — Leise und gütig beschwichtigt die Mutter ihn. „Nun höre auf zu weinen! Du sollst ihn ja behalten, ja, d u sollst ihn haben! Siehe, Vater meinte es ja nur gut mit uns! Der Herr wollte viele tausend Rubel dafür bezahlen. — Nun sei vernünftig und stehe auf, wasche dir die Tränen ab und gehe hinein und entschuldige dich bei dem Herrn. Und gib den Schlüssel zur Haustüre! Siehst du, du wolltest ein tapferer Jungs sein! Denkst du an die Geschichte von Juda Makkabi?!" Drinnen in der Stube aber erzählt der Vater Herrn Rosenfield, warum der Leuchter am Fenster stand. Da schleicht er heran, „Simon Hamakkabi", die Augen zu Boden gesenkt. — „Entschüldigen Sie!" sagt er schnell, und — schwups ist er draußen und holt den Schlüssel aus seinem Versteck. Der Fremde ist schon lange fortgegangen. Alle haben sich zur Ruhe gelegt, aber keiner, außer Sonja, schläft. — Simon wirft sich unruhig hin und her. Das ganze kam nur daher, weil die Leuchter am Fenster standen! Und daran war er schuld. Hätte er aber Vater und Mutter gehorcht, dann wäre sicher nichts passiert. Dann wäre der Fremde ja gar nicht reingekommen! Das war bestimmt die Strafe Gottes! Aber er wollte doch tapfer sein! Er wollte doch eine gute Tat begehen! Wie schwer das doch alles ist. Da hört er Vater vor seiner Türe. „Schläfst du noch immer nicht, Simon?" — „Nein!" — Vater sitzt an seinem Bett. (Schluß folgt.) Das kleine LhanukaLichklein. Von Hermann Seckbach. Es war einmal eine Seele. Ihr wißt ja, liebe Kinder, der Schöpfer gab uns allen eine Seele. Zwar sehen wir sie nicht, aber, sie lebt. — Sie lebt in uns und gibt uns Menschen erst den Lebenszweck. Denn unsere Seele erfüllt unser ganzes Dasein zum Guten oder zum — Bösen, Je nachdem wir selbst mit unserem eigenen Willen dazu beitragen, können wir sie gestalten. Also, es war einmal eine Seele,.die fühlte sich recht unglücklich und verlassen. Sie war in einem Kinderkörperchen untergebracht, und da ging es ihr garnicht gut. Der Besitzer dieser Seele war ein kleiner Junge, der trotz seiner Jugend gar arg mit dem Leben zu kämpfen hatte und mit dem besten Willen sich garnicht um seine Seele kümmern konnte. Aermliche häusliche Verhältnisse, Krankheiten und was alles dann sich noch, hinzugesellte, raubten ihm die Möglichkeit dazu. Ja, und das Traurige war, daß man selbst in der Schule die „seelische" Not des Kleinen nicht erkannte. 2. Januar 1930 Ja, liebe Kinder, schaut Euch in der Klasse oder im Schulhof, mal richtig um, irgendwo gibt es immer so ein armes, verkümmertes Kerlchen, dessen Seele vielleicht viel zu leiden hat. Mit ein paar lieben Worten könnt ihr eine gottgefällige Tat vollbringen, seht Euch dann die dankbaren Äugen des Schulkameraden an, und ihr werdet eme reine, große Freude erleben. Die Seele unseres kleinen Jungen war nun immer sehr betrübt, daß sie so einsam bei den vielen vergnügten Kindern weilen mutzte. Jahre und Jahre vergingen so. — „Geduld, Geduld", sagte gar oft der Junge zuseiner Seele, „später einmal wird gewiß alles anders. Dann gehen wir unter die Menschen und suchen das Glück und suchen das Licht. — Ja, das Licht, das uns nach all dem Trüben entgegenleuchten mutz." Und als die Zeit herbeikam und aus dem Kinde ein Jüngling wurde, da sagte der Jüngling zur Seele: „Komm, laß uns suchen." — Und der Jüngling ging mit sseiner Seele hinaus ins Leben. Düster und öde schien ihnen die Welt. Sie wanderten und wandelten, aber kein Licht erleuchtete ihren Weg. Sie kamen durch Städte, sie kamen in Paläste, in denen Reichtum in Hülle und Fülle vorhanden war. Jedoch die Menschen hatten alle keine Zeit für den Jüngling mit seiner armen Seele. Da endlich, als sie müde und abgespannt waren und kaum mehr gehen konnten, sahen sie von der Ferne ein Häuschen, das ganz im Dunkeln lag; nur am Fenster leuchtete ein Lichtlein, das ihnen den Weg zeigte. Und der Jüngling schleppte sich mit seiner Seele noch bis dorthin. „Weißt Du", sagte da die Seele, „mich sieht man ja nicht; ich bleibe immer bei dir. Gewiß wird man dich einlassen, und du wirst hier rasten können." Und siehe da, die Türe wurde geöffnet, und ein gar freundlich dreinblickender älterer Herr begrüßte in gütigen Worten den Jüngling. „Aber, aber, so späten, lieben Besuch bekomme ich noch! Es ist doch gut, daß heute Chanucka begann, und das erste Lichtlein in die Nacht hinausleuchtete; sonst hättest du, mein Junge, gewiß den Weg zu mir nicht gefunden." „Das war aber lieb gesagt", raunte die Seele ganz heimiich dem Jüngling zu. „Nun tritt näher und warte einen Augenblick." Und der gütige Mann drückte auf einen Knopf, und schon sprangen von allen Seiten dienstbare Geister herbei. Der eine nahm dem Jüngling den Ueberzieher ab, der andere den Hut, der dritte bürstete seine Kleider und Schuhe. Ganz eigen wurde ihm zu Mute, und die Seele kicherte stillvergnügt, „ach, wie tut das wohl." Dann wurde er ins Haus geführt und kam dabei aus dem Staunen nicht heraus. Es war nicht die Pracht der Räume, die herrlichen Bilder, die kostbaren Teppiche, die er bewundern mußte, sondern die liebevolle Art, mit der jeder Einzelne hier ihm entgegen kam. Merkwürdig, als er mit seiner armen Seele durch die Städte wanderte> wie waren da die Straßen, die Häuser, die Räume so hell erleuchtet, und doch konnte man nicht warm, nicht glücklich dabei werden. Die Menschen merkten garnicht, wie alles Licht um sie herum verschwand, wenn man sich ihnen mit seiner Seele nähern wollte. Und hier, ein Chanuckalichtlein zeigte ihm und seiner hungrigen Seele den Weg. Nicht nur äußerlich in die Welt hinaus, sondern auch im Innern des Hauses strahlten die Chanuckalichter so wonnig, so warm, entzündet von gütigen, herrlichen Menschen. Lange, lange durfte der Jüngling in diesem Hause verweilen. Von hier aus nahm er und seine Seele Edles, Gutes und Schönes mit hinaus ins Leben. „Siehst du", sagte ihm später seine zuftiedene Seele, die kleinen und die großen Kinder finden gar oft nicht den Weg zueinander." Sie leben in Lichtfülle und sollten doch wissen und empfinden, daß ein kleines Lichtlein bereits im Stande ist, Glück zu verbreiten, — wenn es mit Liebe entzündet wird — — —! SfyaiU, C&ClfvWCWfW jk Xber t{A!SEfl-Borax muß es sein in der bekannten roten Originalpackung- Überall erhältlich/ verantwortlich für ven allgemeinen Lei! und das S-. Schachnowitz, Frankfurt a.M:; Inserate i. B.: _ nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: L Kaufmann in Sprendlingen l«r. Offenbach). — .Israelit". G.m.b.H.« Frankfurt a. M. — »Me -- iengesrllschaft, Frankfurts! r er _ erlag ermo« Verlag«»