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Der Israelit · 1930-01-02 · Heft 1 (2.1.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 1 (2.1.1930)
Date
1930-01-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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.tobr Abraham Sohn Abrahams. Line Helden- und TNärtyrergeschichle nach Wilnaer Akten. Von K. Schachnomitz. (Fortsetzung). Btt-eb nur noch, die letzten Vorbereitungen zu treffen: Die Einführung in den Abrahamsbund und das Reinigungsbad. Darin hatte die portugiesische Gemeinde eine Erfahrung von mehr als zweihundert Jahren. Seit 1600 kamen und kamen die Marranen über Land und Meer in die holländischen Zufluchtsorte, suchten und fanden in der Fremde die geistige Heimat wieder. Es gab Männer in der Gemeinde, die den schmerzlichen Liebesdienst an den früheren Brüdern mit einer Gewandtheit ausführten, die jedem modernen Chirurgen Ehre gemacht hätte. Graf Valentin Potocki und Boris Sarembo waren nun in aller Form Juden geworden. Ersterer erhielt den Namen Abraham, S o h n A b r a h a m s, sein Freundhieß Baruch, Sohn Abrahams. Ein langer Weg war beendet, ein Wunschtraum erfüllt, ein leuchtendes Ziel erreicht. Abgeschlossen lag eine lange mühsame Etappe hinter ihnen. Und ein neuer Scheideweg stand vor ihnen, neue Sorgen begannen, Sorgen anderer Art, Sorgen, die ihnen! in den Jahren inneren Ringens gar nicht aufgekommen waren. Die Geldquellen aus Polen über Paris, die unerschöpflich schienen, versiegten. Von Wilna aus fahndete man nach ihnen, besonders nach dem einen, nach Valentin. Sie durften nunmehr keine Beziehungen zu Paris mehr pflegen, wollten sie nicht anders die Meute, die hinter ihnen her war, auf die Spur bringen. Das zuletzt in Paris abgehobene und nach Holland -mitgenommene Geld war nicht unbegrenzt. Es ging mählich zur Neige. Boris Sarembo hatte feimen Plan. Er wollte nach Palästina, wo sich damals die ersten jüdischen Niederlassungen, aus den Anhängern der Chassidim wie des Rabbi Elfe bestehend-, bildeten. Er wollte dort ein kleines Leben in Einfachheit und Heiligkeit führen, vielleicht auch auf Grund seiner vielfachen Kenntnisse dem Kolel und dem Sammelwerke, das damals in der ganzen Melt einsetzte,, sich nützlich machen. Für Bei« der Ausreise hätte das Geld noch gerade gereicht/ Abör Abraham Valentin zog nicht röcht. Etwas saß in ihm, das ihn zwang, hier zu bleiben, inmitten der Diaspora. Wie eine geheime Stimme sprach. zu ihm im Traume und Wachen von großen Aufgaben, die hier seiner harrten. Warum hatte Gott grade ihn, den verwöhnten Grafensohn, auserkoren^ einen undgewiß nicht den bedeutendsten von ungezählten Millionen, um ihn ans Licht zu ziehen? Wer wußte es, wie und wo sich Gott feine Werkzeuge holte und'sich deren bediente? Er kam aus einem Lande, wo. das Volk Gottes unter schwerem Drucke litt. War er berufen/, zu helfen, zu erlösen? Er erschauerte bei dem Gedanken. Es war gewiß überheblich, so zu denken. Hundert Jahre hatten die Wunde, die ein Sabbatai dem . Volke geschlagen/ nicht vernarbt. Gerade in Amsterdam sah man noch genug der blutigen Spuren. Man hörte jetzt schon von neuen Umtrieben irregeleiteter und irreleitender Menschen unter der Führung eines gewissen Jakob Frank. Die ganze jüdische Welt stand in Flammen. In Hamburg- Altona führte Sytanseine höllischen Tänze auf zwischen zwei Rabbis, die beide gleich groß waren und gemeinsam das Volk großen Zielen entgegenzuführen berufen waren. Kampf in Prag, Kampf in Frankfurt. Und in der litauisch-polnischen Heimat, in Wilna, war es der große Rabbi Elje, der Bannstrahlen gegen die fromme Partei der Chassidim warf. Indessen arbeiteten Männer in Berlin, neue Bildung und neue Begriffe in die jüdischen Häuser und Herzen zu tragen. Warum, großer Gott, läßt Du Dein Volk so leiden-, warum so oft das Licht zur Flamme werden, das verzehrt und vernichtet? Wollte er helfen, retten, lindern? Wie so oft bei solchen Gedankengängen wurde ihm das reine, engelschöne Gesicht des Judenkindes sichtbar. Stand nicht auch in diesem Kindesgesichte diese Frage, dieses Staunen? Warum o Gott?! Sie gingen noch einmal zu Rabbi Arje Löb Halberstamm. Wie er über die Ausreise nach dem heiligen Lande denke, wollten sie von ihm hören. Das heilige Land! Der stämmige Mann in den weißen Haaren stand auf. Wie eine Riesentanne vom Feuer an der Krone erfaßt. Sein helles Gesicht verklärte sich, als hörte er ferne Musik. Das heilige Land! Wem das vergönnt ist! „Aber nicht Jedermann ist dafür auserwählt. Ich selber träumte ein Lebenlang diesen Traum. Ich ging zu Rabbi Elje in Wilna undbefragte mich, und er war damals noch ganz jung. Und ich hörte die Worte aus feinem heiligen Munde wie höhere Botschaft: Der König hat verschiedene Diener, Diener in seinen inneren undinnersten Gemächern, Diener, die im Außenhof und am Portale Wache stehen, aber auch Diener, die weitab vom Palaste für den König tätig sind. Es ist nicht zu sagen, welcher von den Dienern besser auf seinem Platze und welcher Dienst wertvoller fei. Jeder auf feinem Posten! Wohl dem, der gewürdigt wird, dem König in seinem Palaste zu dienen und ihm täglich ins Antlitz zu schauen. Aber man kann ihm ebenso, oft noch mehr, draußen dienen und' nützen. Er selbst, der Gaon, rüstete sich damals für die Ausreise nach dem heiligen Lande. Er war aber damals des noch nicht gewiß, wollte sich noch prüfen, für welchen Dienst er im Gottespalaste bestimmt sei, und er kehrte, wie jetzt allbekannt, von Königsberg aus nach Wilna zurück.-" „Ich selbst," sagte Rabbi Halberstamm, „kam weiter,, prüfte mich und mein Werk. Einem meinesgleichen wird die Gottesstimme nicht so rasch und unmittelbar offenbar wie dem großen Rabbi Elje. Ich mußte bis nach, Höllan d kommen, und ich blieb in Amsterdam. Ihr müßt, junge Freunde, mit Euch^ ernstlich zu Rate gehen, und Gott, der feine Menschen hier und dort braucht, zeigt Euch den Weg." Boris-Varuch ben Abraham schiffte sich schon nach acht Tagen in Rotterdam nach Jaffa ein. Keinen Augenblick ließ ihn die Stimme des Herzens über Weg und Ziel im Zweifel. Abraham ben Abraham begleitete ihn an den Hafen und kehrte zurück nach Amsterdam. „Wie beneide ich Dich," sagte er ihm zum Abschied. „Du hast ein klares Ziel vor Augen. In m e i n e m Innern ist es verworren. Wie an einem Scheidewege sehe ich mich und am Wegweiser sind die Zeichen verwischt und weisen nach vielen Seiten . . ." „Du bist größer und besser als ich," sprach der andere, „Md daher von Gott zu höheren Zwecken auserkoren." Abraham, Sohn Abrahams, blieb fürs erste in Amsterdam, und zwar in der Nähe von Ehacham Elias, dem er, als guter Lateiner, die besten Dienste im Berkehre mit den Behörden leisten konnte. Die volle Emanzipation, der holländischen Judenheit war auf dem Wege. Keiner in' der Gemeinde konnte so schöne und saubere Schriftsätze ausarbeiten, wie Abraham, Sohn Abrahams, der frühere Studiosus der Theologie. So verging ein ganzes Jahr. Abraham hielt es nicht länger in Amsterdam. Am Ziele angelangt, war er doch erst am Anfang. Etwas in ihm ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, trieb ihn vorwärts. Gewiß hatte ihn die Vorsehung nicht, wie Vater Abraham, dessen Namen er jetzt trug, mit einem „Gehe!" aus Land und Vaterhaus herausgerufen, daß er hier in der Kanzlei des Chacham Elias Schriftsätze anfertige. „Gehe!" sprach Gott undsagte nicht wohin. Er mußte das Land seines Wirkens suchen und es traf sich gut, daß ihn das Amsterdamer Rabbinat mit einem Aufträge nach Hamburg schickte. Es konnte dies die Pforte zu seiner Mission fein. In Hamburg-Altona war ein Feuer entbrannt, das seine Funken bis nach Amsterdam und weiter hinaus sprühte. Hier, wo die Wunden der Sabbataiverwirrung noch nicht alle vernarbt waren, lagerte noch Zündstoff genug, der, von Flammen erfaßt, zu einer neuen Gefahr auch für die holländische Judenheit werden konnte. Jakob Emden, fast Amsterdamer Kind, war hier in feinem Eifer und seiner Maßlosigkeit bekannt. Sein Kampf gegep« den Oberrabbiner der Dreigemeinde Jonathan E i b e n s ch ü tz nahm mählich Formen an, die drohten, die gesamte jüdische Welt in Brand zu stecken. Eine Schmähschrift nach der anderen gelangte nach Amsterdam. Rabbi Arje Löb Halberstamm, der eine Schwester Emdens zur Frau hatte, beschwor seinen Schwager, Rabbi Jakob in Altona, sich um der Ehre Gottes und Israels wegen zu mäßigen. Gerade um der Ehre Gottes, der Thora und Israels wegen müsse er kämpfen und Heuchler entlarven, lautete Emdens unerbittliche Antwort. Man schlug vor, den Streit und die Sache der Kameoth vor einem Kollegium angesehener Rabbiner zum Austrag und zur Entscheidung zu bringen. Rabbi Jakob war einverstanden und nannte die Namen der Rabbinen. Rabbi Jonathan glaubte in ihnen zum Teile persönliche Freunde Emdens, zum anderen Teile Widersacher seiner, Jonathans, Person oder Schriften zu erkennen, und lehnte ab. Der Kampf tobte weiter, wurde von Zwischenträgern sorgsam geschürt und lohte immer höher und- Heller auf. Andere Gemeinden wurden angerufen-. Aber sie hatten ihre eigenen Sorgen und Kämpft/ Frankfurt hatte nicht den inneren Frieden in der Gemeinde. In der W i l n a e r großen Schul kündete die Posaune des Gerichtes Fluch und Verdammnis gegen die Chassidim des Ladyer Raw. In Amsterdam hatten sie zur Zeit mehr Ruhe und Muße, sich den Dingen in Altona zuzuwenden. Abraham, der vielgereiste, sprachgewandte und weltkluge junge Ger, schien der richtige Mann, die Mahnungen und Vermittlungsvorschläge nach Altona zu Überbringern Mit Briefen und ftsten Aufträgen begab er sich zu Schiff nach Hamburg. Sein Herz schlug gewaltig, als das Schiff aus dem Hafen hinausfuhr. Mit schwellenden Segeln und schwellender Brust eilte er der Mission zu, für die ihn wohl einstens der Gott Israels durch zwei erschrockene Kinderaugen zu sich gerufen hatte. Israel, das Volk der Gotteswahl rmd Gotteswahrheit, hatte nicht den Frieden in sich. In Hamburg-Altona wollte er sein Werk beginnen, vielleicht es in Wilna beenden. Der Name Rabbi Elies wird Brennpunkt sein, um den sich alle Strahlen sammeln. Und dem geeinten Volke schlug bald die Erlösung. Vielleicht war er, Abraham, Schrittmacher Elijahus. In der Breitestraße zu Altona fand er leicht das Giebelhaus mit - dem Holzbalkone m der

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