Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-01-02 · Heft 1 (2.1.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 1 (2.1.1930)
Date
1930-01-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450601--76591-2534176
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 1 Seite 3 2. Januar 1930 haltbar. Ob juristisch der Begriff des „Mädchen-: Handels" einen besonderen Tatbestand dar-' stellt, das ist eine Doktorfrage, für den sich die; Staatsanwälte und die Richter interessieren mögen. Tatsache ist, daß gerade in der Verschleppung vo>r> Frauen nach fremden, nach übers e e is ch e n Ländern, in der völligen Unbekannt h e i t der von den gewinnsüchtigen Agenten auserkorenen Opfer mit dem totsicheren moralischen und physischen Untergang, dem sie entgegengehen, das Hauptmoment für das Gelingen dieses Mensche^exports liegt. Das grenzt den Tatbestand soziologisch und ethisch jedenfalls so deutlich gegen den Komplex der „normalen" Unsittlichkeit in der heimischen Sphäre ab, daß man schwer begreifen kann, wie verantwortungsbewußte Menschen versuchen können, durch theoretische Bedenklichkeiten die moralische Entrüstung abzuschwächen und damit auch die praktischen Wirkungen solcher Entrüstung zu dämpfen, die sonst ganze andere Kräfte-der Abwehr aus den Plan rufen würde. Man mag verschiedener Meinung darüber sein, ob Bertha Pappenheim recht hat, wenn sie mit so ungeheurer Energie die Veröffentlichung des gesamten Materials der internatiönalen Kommission beim Völkerbund fordert — richtig ist aber jedenfalls, daß man mit der Seelenruhe des historischen Materialismus der sittlichen Verantwortlichkeit der jüdischen Gesamtheit nicht gerecht werden kann. Mögen noch so viele „Fälle" dank der Sensationslust unserer Presse übertrieben, mögen auch noch so viele Einzelheiten gefälscht und, in Widerspruch mit den Tatsachen', der jüdischen Gemeinschaft an die Rockschöße gehängt werden, es kommt, nicht auf die Z a h l an, wo es sich um M e n s ch e n s e e - len handelt. Jedes einzelne jüdische Mädchen, das aus der östlichen Massensiedlung, ob auch scheinbar freien Willens, 'hinweggeführt mit» der Schande überliefert wird, bedeutet vor dem Richterstuhl der jüdischen Sittlichkeit eine furchtbare Anklage gegen die jüdische Gesamtheit in ihrer Solidarität. Ob die in London seit langem bestehende oben erwähnte Gesellschaft ohne die tatkräftige Unterstützung aller anderen europäischen und amerikanischen Ländler die genügende Energie und die genügenden Geldmittel aufzuwenden vermag, um dem Uebel, an dessen Bekämpfung sich Rabbiner, Männer des praktischen Lebens, Aerzte, Juristen, Frauen mit aller Kraft beteiligen müßten, in genügendem Umfang zu Leib zu gehen, entzieht sich unserer Beurteilung. Bertha Pappenheim verneint die Frage j und verlangt eine ganz andere Einsetzung von : Energien, als sie bisher geleistet wurde. Eines steht jedoch für uns fest. Das beste. Der Israelit! Mittel, um unbeschadet aller Repressionsversuche 'durch Polizei und Staatsanwälte das Uebel an; der Wurzel zu fassen und der internationalein' Verbrecherbande der Händler das Handwerk zu legen, ist die Erziehung der jüdischen Frauenwelt des Osten s selber. Wenn alle Energien der gesamten Judenheit sich darauf konzentrierten, aus den 20 000 Mädchen, die heute die B a j s I a k o w - S ch u l e n besuchen, 300 000 zu machen, so wäre dies die sicherste Gewähr dafür, daß es — trotz aller wirtschaftlichen Notstände — in 10 oder 15 Jahren die Schmach des Mädchenhandels, nicht oder nicht mehr in erheblichem Umfange gäbe. Eine weibliche Persönlichkeit, in deren Innerem die Triebkräfte des sittlichen Selbstgefühles, der religiösen Reinheit und des unerschütterlichen Gottvertrauens einmal lebendig geworden sind, wird in 99 von 100 Fällen in jeder Lebenslage die Kraft und vor allen Dingen auch die vorausschauende Intelligenz besitzen, um sich dem Zugriff der Menschenjäger zu entziehen und lieber zu sterben oder in Armut zu leben, als den sittlichen Tod bei lebendiaem Leibe, auf sich zu rehmen. Im Dienste dieses Zieles zu wirken, wird keine Sysiphusarbeit fein. Dieser Hinweis auf die entscheidende Bedeutung des Erziehungsproblems für die Tilgung der Mädchenhandelsschmach ist das einzige, was wir in dem roten Hefte Bertha Pappenheims vermissen. Es kommt in einer Aeußerung Paula Ollendorfs in der erwähnten Nummer der Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege wohl zum Ausdruck, müßte aber unseres Erachtens noch viel stärker als bisher beachtet werden. Das Arbeitslosen-Problem vom jüdischen Standpunkt aus betrachtet. Von I. Aotheustein in Gaflek. In den Großstädten gibt es zurzeit eine überaus große Zahl von Arbeitslosen, unter denen auch viele Juden sind. So zählt man in Berlin etwa 6000 jüdische Arbeitslose, in anderen Städten die entsprechende Zahl. Was haben uns nun diese Zahlen zu sagen? Es hat eine Zeit gegeben, in der Almosen verteilt worden sind, in der Schnorrer von Stadt zu Stadt zogen. Das war einmal. Heute sieht die Hilfeleistung anders aus. Aus dem freiwilligen Almosen und der gelegentlichen Hilfeleistung ist die F ü r s o r g e p f l i ch t i des Staates, der Kommur'sn und der jüdischen j Gemeinden geworden. — Arbeitslosigkeit ist picht jnur ein. Problem der Wirtschaft, sondern ein .seelisches Problem. Wer einmal in einer so- WIRTSCHAFTSBERÄTUNGS- U. REVISIONSGESELLSCHAFT M. a H. AUFSICHTS RATSVORSITZENDER: LEOPOLD MERZBACH GESCHÄFTSFÜHRER: CARL WEIL'HANS MARCUS FRANKFURTS BLEICHSTR.55 TEL. HANSA 5239 zialen Sprechstunde gewesen ist und gesehen hat, welche Qual es für einen Menschen bedeutet, monatelang, jahrelang nicht zu wissen',' was beginnen, erkennt, daß das oftmals schlimmer ist, als nichts zu essen zu haben. Das Gehirn eines solchen Arbeitslosen ist zermartert und die Langeweile wächst hier zu einer ungewöhnlich hohen Qual. Wir haben heute keinen gesicherten Mittelstand mehr, und auch in der Altersgliederung hat sich alles geändert. Der heutige Arbeitsmarkt produziert nur noch mit jungen Menschen und ein Mann von 40 Jahren gilt bereits als zu alt. Hinzukommt, daß eine große Zahl von Betrieben Juden' systematisch aussperrt. Kann man daher als verantwortungsbewußter Mensch, als Jude, dieses ungeheure Elend der Arbeitslosigkeit und besonders des Abbauens der älteren Leute noch mitansehen und dulden, ohne sein Gewissen zu belasten?! Die evangelische Landeskirchen-Versammlung hat sich letzthin in Frankfurt gegen den allzuscharfen Abbau des Personals in den größeren Vettieben atusgesprocher' und fiir die älteren Angestellten ausreichende Altersversorgung gefordert; es ist daher an der Zeit, daß auch von jüdischer Seite in der Sache ewas geschieht. Dürfen wir die Arbeitslosen im Stich lassen, müssen wir nicht vielmehr dazu beitragen, daß es anders werde? Es gibt jetzt keinen Tag ohne Selbstmord. Wir sind leider schon abgestumpft dagegen. Aber jeden Tag füllt sich das Zimmer irgend eines zermürbten Menschen mit Gas. Wir fragen': ist es möglich, daß Menschen gegen dieses Elend stumpf bleiben und daß auch die Tagesgeschehnisfe nicht imstande sind, sie zu wecken? Und wir sind davon überzeugt, daß es bei gutem Willen auch eine Lösung der Arbeitslosenfrage gibt. Wir richten an alle jüdischen Arbeitgeber die Bitte, darüber nachzusinnen, ob sie nicht imstande sind, noch einen Menschen zu tragen, der vielleicht etwas langsamer arbeitet als ein junger Mensch, der aber dafür Zuoerlässigkeit und Erfahrung besitzt. Wenn die Arbeitgeber für nicht helfend einspringer der wahren reinen Gotteserkenntnis, bis daß die Menschen und die Völler anerkennen das Prophetenwort: '»niia vrr'2 N22 rri-i i"N2 rri>Nicht durch Heeresmacht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist . . . misn 1332 nw» rminb Tion- Verboten ist beim Scheine des Chanuckalichtes Geld zu zählen." Unter der Weihe, die von diesen Lichtern ausstrahlt, soll sich unser Sinn vom Materiellen loskösen. Nicht alles darf dem Eelde und seinem Erwerbe dienstbar werden. Wer diese Weisung beherzigt, der wird nicht über die Opfer Nagen, die mit der Erfüllung der im» verknüpft sind, der wird sich bescheiden und gehoben fühlen in dem Bewußtsein, daß. er sich das Oel seines Bekenntnisses rein erhält und damit es wert ist, treu in Reih und Glied mit den anderen um die Menora sich zu scharen. Nur ein Pharao träumt immer von Ueberfluß und Fülle, von Mangel und Entbehrung. Ein wahrer und echter Gottesdienst aber vergißt über die Sorge um des Hauses Wohlfahrt und Gedeihen nicht die geistigen Güter und Werte. Des mögen wir uns gerade in unseren Tagen voll bewußt bleiben, damit - wir die große Verantwortung fühlen, die wir tragen, wenn wir nicht alles daran fetzen, um in unserer von schweren materiellen Kämpfen erfüllten Zeit die unserem überlieferten Judentum drohenden Gefahren abzuwehren. Wir dürfen da erst recht nicht erschlaffen und sollen "linni «pw» immer weiter Selbsthilfe leisten, die Heiligkeit des Sabbats uns zu wahren 'und damit das Fundament unseres Judentums unversehrt zu erhalten. p'pv» inv^ san Diesen heiligen Bestrebungen wird der dauernde Erfolg nicht ausbleiben. Solchen Geist mögen, allenthalben in Israels Häuser die Chanuckaflammen pflanzen, dann sind sie heilig und bleiben ein Quell der Weihe und Erleuchtung. Kleines Feuilleton. Ein Predigkbuch und mehr. Aus nachgelassenen Schriften Von Rabbiner Dr. Salomon Breuer Erster Teil. I. Kaufsmann, Verlag, Frankfurt a. M., 1930. Sinnend und bedächtig ruht mein' Blick auf einem der köstlichsten und gehaltvollsten Predigtbücher, aus einem der wundervollsten und aufschlußreichsten Sforim von Chiduschei Thauro die vorhanden sind. Da steht ein Mann nachträglich in der einen Seite seiner Größe auf, die man letzten Endes nur erahnt, nur erfühlt, nicht aber wirklich in ihren Tiefen begriffen hat. Trächtig von hohen und reinen Gedanken wandelt er durch die Gefilde der Thauro. Er belauscht hellhörig die Herztöne derselben, er erkennt mit der inneren Leuchte seines Geistes, was uns darin dunkel und umnebelt war. Alles fügt sich und rundet sich zu einem geschlossenen Bilde voll Schönheit. Ewigkeitswerte und Ewigkeits^lorte werden mit der Zeitlichkeit verknüpft, der Zeitlichkeijt, dem Zeitgebundenen als Prüfstein hingestellt. Eingekapseltes Gemüt bricht durch — hier, da,, dort. Die sittliche Würde des Menschen und des Juden wird hochgerüttelt. Den Waltungsweisen Gottes, der Frevler anscheinend emporsprießen und Gerechte scheinbar verdorren läßt, wird in ehrfürchtiger Hingabe nachgespürt. Der einsam stolzen Würde des Juden, der berufen ist „seinem Gotte in der Dunkelheit (der Völker) voranzuleuchten", wird rühmend und anfeuernd gedacht. Judentugenden, aus abrahamitischem Born geflossen, sprudeln schimmernd auf. Filigranstickerei der jüdischen Frau prangt. Unentwirrbares Rätsel der Notwendigkeit, das Recht des Erstgeburtssegens zu erringen, hellt sich — die grandiose Darstellung Samson Raphael H i r s ch s ergänzend und erweiternd — auf. Wertmesser des Schattens und des Lichtes im jüdischirdischen Leben werden aufgestellt. Kraftzentren des jüdischen Bewußtseins werden aufgedeckt. Die Gebrechlichkeit des menschlichen Blicks, für den alles, aber auch schlechtweg jedwedes und alles irw aiv werden, uns zur Mahnung und zum Ansporn vergegenwärtigt. Ein Panzer blinkt, in den sich der Jude als Kämpfer für den nvrr, allen lauten und leisen Verlockungen gegenüber, hüllen soll. Schleier fallen von uns seltsamst anmutenden Verknüpfungen und Verknotungen unserer Weisen. Kurzum, das Buch ist „herrlich wie am ersten Tag". Umberto Urbano singt in Bad Homburg. Wer kennt nicht den berühmten und schönen ersten Bariton der Mailänder Skala? Wer ihn einmal gehört und gesehen, vergißt ihn nicht. Der Wunsch, ihn wieder einmal zu sehen, ist verständlich und so wird es sicherlich ein großer Tag am 7. Januar im Kurtheater in Bad- Homburg werden, an dem Urbano einen seiner glanzvollen Abende geben wird. Für Frankfurt hat das Konzertbüro Lina Schott den Vorverkauf übernommen. Man wird gut tun, sich rechtzeitig einen guten Platz zu sickern, zumal die Preise für Frankfurter Verhältnisse billig sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.