Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 52 De r Is ra e l i r 24. Dezember 1929 „Wir wollen zum „Adam" gehören."; gangen. Keiner im Hause -darf seinen Namen „Wie? . . Der Rabbi verstand nichts.! aussprechen. Und diese Kommunisten haben „im Und als sie sich ihm nun ganz offenbarten, Namen des Staates" alle Lehrhäuser und Syoerstand er erst recht nicht. Juden mit Bart und >nagogM> geschlossen. Vater sagt: „Gottes Hand Pejoth wollten Juden werden?! Hatte sich, wie lastet über uns! Wir werden schwer geprüft!" in alten schlimmen Zeiten, Spione, Verräter ins j Alle diese Gedanken schwirren dem Jungen Lehrhaus eingeschlichen? Drohte Unglück? Nein,1 im Kopfe herum, der mit einem Bündel bepackt Verräter waren diese jungen Männer ganz gewiß nicht, so sind, so sprechen keine Verräter. Was denn? Er beschloß, den portugiesischen Chacham zu Rate zu ziehen. Dort verstanden sie sich auf der-' lei Dinge besser. Zu ihnen kamen die Proselyten aus Spanien täglich, und sie hatten Erfahrung. Rabbi Dawid Israel Elias kam, ein rüstiger Greis mit ungemein klugen Augen. Als er den Sachverhalt vernahm, zeigte er nicht die Spur von Ueberraschung und hielt die beiden Jüngdringen ungebeten ein. über die Straße geht. Würde einer es öffnen, er fände viel bunten Kram, der aus Vaters früherem Laden stammt: Spiegel, Döschen, Pfeifen, Kämme. Dreimal in der Woche nachmittags geht der Junge „so verkaufen", immer auf anderen Umwegen, um durch schmutzige, enge, winkelige Gassen in den „Cheder" zu gelangen. Ach! Der Cheder ist ein dumpfer, feuchter Keller. Aber was soll man machen? In allen Stuben vermuten die Kommunisten „etwas" und linge für M a r r a n e n aus Spanien oder Portugal. Er ließ es sich auch dann nicht ausreden, als sie ihm ihre polnische Herkunft durch Papiere klar bewiesen. Das wollte nichts heißen, meinte er, Marranen seien auch nach Polen gegangen, seier« dort Fürsten und Grafen geworden, wie sie daheim Granden waren. Menschen, die s o sind und noch dazu Gmoro lernen, könnten nur Marranen mit jüdischem Blute in den Adern sein . . . Und solche müsse man aufnehmen, wieder aufnehmw hieße das. „Dem dreimaligen „Zurück", das man einem Proselyten entgegenhalten sollte, war in diesem Falle übrigens mehr als Genüge getan. Einmal sollte man die reine Ab s icht prüfen, ob nicht äußere Motive, wie Liebe zu einem Weibe dabei mitsprachen. Es stand fest: eine große Liebe trieb sie unwiderstehlich, wie die Pflanze zum LickA, hierher, die Liebe zur göttlichen Wahrheit. Zum zweiten sollte man den, Heilsuchenden nicht verheimlichen, daß das Judenvolk schweres Schicksal im Weltenleben zu tragen hatte: ein Lamm unter siebenzig Wölfen, vom großen Hirten gehütet. Wer Anschluß an dieses Volk suchte, nahm hartes Geschick, Galuthgeschick auf sich. Sie wußten es, wie kaum andere. Der Vorgang an der Kathedrale, das erstaunte und erschrockene Judenmädchen stand wie dag der Jungfrau Zion! lebendig vor Valentins Augen, als er die Frage über das Wissen um das jüdische Leid beantworten sollte. Gott erheischt Opfer von seinem Volke. Sechshundertdreizehn Ge- und Verbote, soviel Gebote wie die Glieder und Asderchen am menschlichen Organismus; soviel Verbote, wie die Tage im Sonnenjahre, jeder Tag eine Mahnung, ein Memento, jeder Sonnenauf- und Untergang ein Band, das uns mit Gott verknüpfte — im Gegensätze zu den anderen, die nur sieben Gründgebote zu beachten hatten. Das alles wußten sie genau und sie lebten längst danach wie der Frömmsten und Gelehrtesten welche. (Fortsetzung folgt.) Amderecke. Der Eharmkahleuchker. Von Schoschanath Jaakow. Simon geht nun in eine staatliche Schule. Früher lernte er den ganzen Tag im Cheder und nebenbei Lesen, Schreiben und Rechnen. Heute ist es umgekehrt. Die Sowjets haben alle Kinder in die Staatsschule gesteckt, wo sie alles lernen! Nur nicht von Gott und Seiner Lehre. Aber das ist noch nicht das' Schlimmste, denn nach der Schule wäre ja noch Zeit zum Thoralernen. Aber auch das darf man nicht. Es sind schlimme Zeiten! Und was das Erbärmlichste ist — auch Simons Bruder ist unter die Kommunisten ge- Nun sind die Kinder im kleinen Kellerloch beisammen. Sie müssen ihre Mützen, Mäntel und Shawls anbehalten,, denn es ist bitter kalt! Sie sitzen auf morschen Kisten. Zwei Kerzen verbreiten ein unheimlich flackerndes Licht, das gespensterhafte Schatten im Gewölbe erscheinen läßt. — Der Lehrer tritt leise ein. Er führt kein Buch mit sich, ein entdeckter Talmud würde unabsehbare Folgen nach sich ziehen. Er ist nicht nur ihr Lehrer,, er ist ihr Freund. Selbst jung, versteht er sie wie ein älterer Bruder. „Wir feiern jetzt Chanukah," beschließt er heute der. Unterricht, „das Fest der Erinnerung an den wunderbaren Sieg der kleinen, hasmonäischen Schar über das mächtige Heer der Feinde. Tausende Jahre liegen zwischen dem Geschehen von einst und dem Gedenken von jetzt, Geschlechter kommen, Geschlechter gehen, aber die Lichter am Leuchter verkünden ewig das Heldentum unserer großen Ahnen und Gottes Beistand in ihrer Not! Kinder! Sähe ich euch nicht hier, ich würde sagen: „Juda Makkabi! Du und die Deinen, Ihr habt vergebens gekämpft! Seht! Wir muffen Euch bekennen, wir haben das Erbe, das Ihr uns hinterlassen, schmählich verraten! Tausende unseres Volkes verlassen, den Hellenisten gleich, die Thora und ihre Gebote! Und würdest Du Juda Makkabi aufstehen und fragen!: „Wie viele sind noch treu und werden mit ihm kämpfen?" Wir müßten sagen: „Wenige! Wenige!." Wir zählen das Jahr 1929. Ihr müßt im Keller sitzen, um zu lernen, die Thora vor Vergessenheit zu bewahren! Ihr jungen Kinder, Ihr seid die Wächter, Ihr seid die Hüter, Ihr seid die Tapferen, die Scharen Juda Makkabis! Und seid gewiß, Gott wird Euch helfen! Bedenket der Worte, die Mattisjahu vor seinem Tode seinen Söhnen sprach: „Bedenket, was von Geschlecht zu Geschlecht geschehen ist, so werdet Ihr finden, daß alle, die auf Gott vertrauen, nicht unterliegen. In diesem Sinne entzündet die Lichter an der Menorah!" , Sie folgen ihm, einer nach dem anderen in kurzen Abständen auf die Sttaße. Jeder geht nach Hause. Simon schreitet seinem Clternhause zu. O, er wird bald so groß fein, daß er kämpfen kann für Freiheit im Beten und Lernen! Er wird die Getreuen um sich scharen, und Juda Makkabi gleich den Sieg erringen! Heute vermag er noch nichts zu tun. Cr muß geduldig warten, bis er erwachsen ist. Aber es sollte mal einer wagen, ihn zu belästigen oder ihn. auszufragen! Dem würde er zeigen, daß er Mut und Kraft besitzt! Mit hellen Augen und roten Backen tritt er in die Stube, wo Vater, Mutter und die kleine Sonja auf ihn warten. Da stehen die Leuchter auf dem Tisch, Vaters und seiner. Vaters Leuchter, wie der funkelt und blitzt! Wo in ganz Rußland findet man nach solch eine herrliche Menorah?! Sie ist ein Familienstück, uralt und. schon alleine darum von bobem Wert! Ihr Ursprung geht auf Spanien zurück, und Vater erzählte einmal, daß sein Urahn, der in Eodroba lebte, bei einem Synagogenbrcmd die Thorarollen und diesen kostbaren Leuchter unter Lebensgefahr aus dem Feuer rettete. Zum Dank und als Anerkennung für feine hsldenmüttge Tat durfte er die Menorah behalten. Und nun geht sie, ein kostbares Heiligtum, von Geschlecht zu Geschlecht. Sie ist aus schwerem Sil- 1 6er. Zwei Löwen halten den wuchtigen Stamm, ' aus dem die Aeste sich zweigen, in ihrer Spitze, wie Blätterschalen die Oelampeln tragend. Die Augen der Löwen sollen früher funkelnde Diamanten gewesen sein, — heute sind sie erloschen, 'd. h., sie sind schon lange verschwunden, — man 'sagt sie wurden geraubt. — Aber dennoch bleibt die Menorah schön«! Später einmal wird sie ihm gehören, so hat Vater gesagt. „Komm Simon! Träume nicht! Es ist höchste Zeit zum Entzünden!" Vater hat das Streichholz in der Hand. Plötzlich entdeckt der Knabe, daß der Leuchter auf dem Tisch steht. — „Vater," sagt er, „wir müssen doch am Fenster entzünden! — Ach! Und die Gardinen sind ja vorgezogen!" — Schon eilte er, die Vorhänge zurückzuschlagen. „Simon!" ruft die Mutter entsetzt, „willst du uns unglücklich machen?! Weißt du denn nicht, daß wir uns in die größte Gefahr begeben, wenn die Bolschewik: unsere Leuchter sehen?!" „Aber Mutter!"' antwortet ernst das Kind, „wir müssen tapfer sein und ihnen zeigen, daß wir sie nicht fürchten! Kennst du nicht die Geschichte von Juda Makkabi?!" - „Simon!" wendet der Vater ein, „wir sind zu schwach, um so stark sein zu körnen! Mein Kind! Ihr müßt im Keller sitzen, um zu lernen,-—und wir hinter Gardinen die Lichter entzünden! Ziehe den Vorhang rasch wieder vor!" Aber das Kind hört deini Vater nicht. „Vater, sieh wie schön! Viel, viel schöner, als auf dem Tisch!" Beide Leuchter stehen am Fenster. Da! Es klopft! Mutters Gesicht verfärbt sich! Alle bleiben stehen. — Stille. — Es klopft zum zweiten Mal. (Schluß folgt.) ♦n v n xn’mxT pxrrayü nx np *i xn"->ix-r mwaa axi -2 omnx^ D’irn N2i z •orrn N2iin xsam Sally Rothenberg, Frankfurt a. M. ♦I O N C E N B II R O JULIUS SCHMIDT ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN LAHGESIRASSE 7 IEL. HANSA 4641 POSTSCH.-KONTO-FRANKFURTMAIN 142,353 EINZIGE INSERATEN- FÜR FRANKFURTER GESCHÄFTS INSERATE DES »ISRAELIT" AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN,WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN ANNAHME VON DRUCKSACHEN HANDEL*GESCHAFTE*PRIVATE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRUCK 9903