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Der Israelit · 1929-12-24 · Heft 52 (24.12.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 52 (24.12.1929)
Date
1929-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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SST’ Der jsraelit ml MS»-- Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Alärlyrergefchichte nach Wilnaer Akten. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). . Sie gingen zusammen zum Rabbiner. Ein kleiner Mann m bescheidener Behausung, Jzchak Fereira hieß er, dem die Angst der portugiesischen Ahnen im Blute saß. Erhörte genau, sah Valentin scharf an und! wollte seine Gründe wissen. Ob er ein jüdisches Weib ehelichen wollte. Nein, er war zum Priester geweiht und hatte somit nie an Weib und Ehe gedacht. Da erschrak der kleine Rabbi noch mehr. Priester? So was könnte Magbares Unheil über alle Juden in Frankreich und im Elsaß, wo zur Zeit ohnehin die Geistlichkeit &as Volk zu Judenverfolgungen ausstachelte, bringen. Noch dominieren die Dominikaner in Paris, die mit Argusaugen über ihre Rechte wachen und. auch dis Krone in ihrer Gewalt hätten. >,Wir sind im Galut," sang der Rabbi im Tone eines -Klageliedes. „Wären wir hier so weit wie etwa in Holland, Amsterdam, dann ..." Das Wort war gefallen. Holland! Amsterdam! Noch in derselben Nacht verließen Valentin Potocki und Boris Sarembo Paris, wo bereits nach ihnen gefahndet wurde, um sich nach dem freien Holland zu begeben. Menachem Leib sandte ihnen mit geschlossenen Augen und zitternder Stimme den Priestersegen nach. ' -VIII. Den Juden Hollands und gar Amsterdams blühte die Freiheit heran nicht wie anderswo zwischen einem Gehege von Gesetzen und Paragraphen unter einem Geröll von Mißstimmung und Anfeindung. Sie schlug ihnen frisch und froh aus dem guten Herzen eines Volkes entgegen, bevor sich noch dessen Herrscher und« Räte zu Freiheits- und Gnadenakten in großer,' voller Form finden konnten. Darum war es die wahre Freiheit, eine reife Frucht, aus gutem Boden unte^,günstiger Sonne reif geworden. .j! IM 1600 etwa, fast hundert Jahre nach dem Jnqmsitionsedikt Ferdinandsi in Spanien noch-vleuchteten Scheiterhaufen in Madrids Sevilla 'und LMabon.—f klopfte nachts ein Dutzend gedrückter Judengestalten, ganz verkappt und einf'Mllt.zn ihre spanischen Kapuzenmäntel, ans ensterchen des Rabbi Mosche Uri in der Judengasse zu Emden. Sie hatten eine Segelfahrt von Monaten auf stürmischer See hinter sich. Ihre letzte Habe nahmen ihnen die Matrosen weg. Halb verhungert, gebrochen, die Kirchenglocken der Heimat in den Ohren unddie Mammen, darin Menschenleiber rösteten, vor Augen, hatten sie nur einen Wunsch im Herzen. „Rabbi, laßt uns hinein, nehmet uns auf. Wir kommen wieder, sind Söhne jüdischer Pater und in Geheimkellern hat man uns gelehrt, den Gott Israels anzurufen. t Aber drauße hatte uns die Kirche in ihren eisernen' Armen. Wir sind ihr entronnen und hierher verschlagen worden. Nehmet uns auf." Und der kleine, scheue, ganz seinem Gotte zugewandte Rabbi Mosche Uri öffnete behutsam die Türe, nahm die Flüchtlinge auf. Cs waren zu viele für seine kleine Behausung, man öffnete ihnen die Bet- und Lehrhäuser. Er labte sie mit Speis und Trank und' ging mit ihnen aus dem kleinen Emden, wo alles Fremde sehr in die Augen! fiel, nach dem großen Amsterdam, allwo die Menschen weniger Zeit hatten, nach einem kleinen Rabbi und einem Dutzend fremder Gesichter zu schauen. In einigen Stuben an der Amstel richtete sich die erste Mische Gemeinde zu Amsterdam ein. Im Flusse wuschen sie nach Vorschrift die unjüdische Vergangenheit von sich ab. Die Jüngeren, die das Zeichen des Abrahamsbundes an ihrem Leibe noch nicht trugen, erhielten es durch die geübte Hand Rabbi Mosche Uris. Das Gesetz, dem sie entfremdet waren, erfuhren sie aus seinem Munde und es klang so neu und so nahe, wie die Stimme des eigenen Blutes nach langer Stauung. Der Versöhnungstag kam, der erste in Amsterdam. Im tiefen Keller des alten verlassenen Schifferhauses, wo es nach Pech, Teer und' Fische roch, war rasch Thoraschrank mit heiligem Inhalte ausgestellt, Pult und Gebetbücher herbeigeschafft. In weißem Totenkleide standen sie bei vielen flackernden Wachskerzen um Rabbi Mosche Uri herum, der ihnen Gebet und Gesetz vortrug und von der Heimkehr der Kinder in Vaters Haus sprach. Tränen füllten die Augen der Beter. Glocken läuteten, Feuer knisterten', Meereswellen rauschten — und das alles war weggespült vani einer Woge, die sich aus jüdischem Herzen ergoß. Der Gesang wurde lauter, lebhafter. Man hörte ihn jetzt oben. Nachbarn, denen die fremden Gestalten schon lange nicht geheuer schienen, hörten was, witterten geheime Verbrechen, riefen die Polizei. Diese glaubte, einer Verschwörung aus der Spur zu sein. Die Beziehungen zwischen Spanien und Holland waren mehr als gespannt. Und es waren „Spa n i er", die spanisch sprachen, sich spanisch trugen und wohl auch spanisch dachten. Versammlung im geheimen Keller . . . Heraus mit den Spionen! ... Die Männer, die man mit dem Feuerbesen aus der spanischen Heimat gejagt, werden in Holland als Agenten der spanischen Politik angesehen«. Echtes Judenschicksal! Wie sie zitterten, die weißen Gestalten. Sie kannten nur e i n e Sorte von Häschern-, die der Inquisition, sahen schon die Scheiterhaufen auslodern . . . Ihr „Al Chet" war letztes Sündenbekenntnis . . . Aber ihr Führer, Rabbi Mosche Uri, war der Sprache des Landes kundig und wußte die Aemter zu nehmen. Die Herren! des Magistrats lachten, als sie den Sachverhalt erfuhren. „Wenns nichts weiter war, dann betet in Gottes Namen. Pom Beten ist noch nie Böses'entstanden. Aber, bitte, oben, im vollen Lichte' des Tages! Wir sind hier nicht in Spanien . . (. . Damit begann um ltz'00 ohnä'MÄere Umstände Äie Religionsfreihest für 8le 'erste'' jüdische Gemeinde in Amsterdam. Die Zuwanderung und der natürliche Zuwachs gingen rapid'vor sich. Als jetzt, hundertfünfzig Jahre später, Valentin und Sarembo auf gsitem Wege mit gräflichen Pässen und Geleitbriefen versehen, nach Amsterdam kamen, hatten bork drei jüdische Gemeinden ihre Synagogen, Rabbiner, Lehrhäuser sind Begräbnisstätten. Die große P o r t u g i e s e n g e m e i n d e mit ihrer damals größten und schönsten Synagoge in Europa hatte Rabbi Dawid Israel Elias zum Chacham. Die deutsche Gemeinde, die nicht viel jünger war und mit ihrem großen Lehrhause hohes Ansehen in der Welt genoß, war von Rabbi Arie Löb Löwe nst a mm geführt. Daneben aber bestand auch eine jüngere Gemeinschaft eingewanderter polnischer Juden mit eigenem Bet- und Lehrhause. Hier fanden Valensin und Sarembo den ersten und natürlichen Anschluß. Sie ließen sich auf dem Wege nach Amsterdam Bärte und Schläfenlocken wachsen, und legten den jüdisch-polnischen Langrock an. -Keiner konnte in ihnen etwas anderes, als polnische Talmudjünger sehen. In ihrer Denk- und Sprechweise unterschieoeN sie sich kaum von den anderen, in ihrem jüdischen Wissen überragten sie viele. Ueber ein Jahr blieben sie hier und versenkten sich ganz in die Tiefen jüdischen Wissens, nahmen ganz die Lebensgewohnheiten der jüdischen Umgebung an, daß sie fast selber vergaßen, aus welch fremder Welt sie.herkamen. Nun aber ertrug es Valentins Ehrlichkeit nicht, das Spiel noch länger zu treiben. Der Bruch mit der Vergangenheit mußte auch formell, der Anschluß an die Religion der Wahl und Wahrheit g a n z vollzogen werden. In der polnischen Kolonie fhlte es an «den autoritativen Männern für solche offizielle Handlung, so wandten sie sich an Rabbi Arie Löb Halberstamm, den Lehrer und Führer der deutschen Gemeinde. Sie fanden einen hochgewachsenen Mann in schneeweißen Haaren auf einem Löwenkopfe über einen Folianten gebeugt. Er nahm sie auf, wie man Jünger ausnimmt, die er täglich in seinem Hause sah. Bei den engen Beziehungen zwischen der deutschen und polnischen! Gemeinde hatte er sie schon öfters im Lehrhause gesehen und er hielt sie für Jünger unter Jüngern'. So selbstverständlich war die Aufnahme, daß sie zuerst gar nicht den Mut fanden, ihm ihr Anliegen und Vorhaben vorzutragen. Welche schwierige Stelle im Talmud sie drücke und, zu ihm führe, fragte er. Valentin fiel doch rasch eine Stelle ein, die zu ihrem Falle paßte. Ohne Talmud würden sie so wenig den Eingang zu'ffeinem Herzen finden, wie ohne Schlüssel den zu einem verschlossenen Gemache, das sahen sie bald ein. „Ist es so, Rabbi," fragte Valentin, „daß auch ein Nichtjude Anteil an der Thora haben kann?" „Es ist aus der Schrift zu ersehen," zitierte Rabbi Halberstamm wörtlich aus Talmud, „daß selbst ein Nichtjude, der sich mit dem Thorastudium besaßt, geachtet sei wie der Hohepriester." „Wird nicht anderswo gerade umgekehrt gesagt, daß nur Juden sich „Adam" nennen dürfen, nicht aber die Völker der Welt?" Ein Widerpruch in talmudsichen Quellen. Wozu waren all die Schriften, all die Rabbis, wozu Löb Mandelstamm, wenn nicht, um diese Rätsel zu lösen?.. ... Das führte zu einer scharfen Analyse talmud sicher Begriffsbildung und Worterklärung. Feinste Nuancierungen wurdest herausgearbeitet. Es-war das Gleiche und' doch nicht das Gleiche. An'einem Buchstaben, an-emem Zeichen hing es. lind alles stimmte am Ende, wie eine Zeichnung aus Strich und Gegenstrich.' Und zuletzt noch eine Meinung Rabbi E l i e s, des Gaon von Wilna. Die jungen Leute erschauerten. So weit ging das Weltreich des jüdischen Geistes. Der bescheidene Mann in seinem kleinen, dürftigen Stübchen in der schmutzigen Wilnaer Gasse schickte Strahlen aus, die nach Amsterdam reichten. Ein Jude war nirgends in der Fremde. Ueberall wehte Heimatlust. Ja, Rabbi Elie erklärt das Ganze mit einer sprachlichen Eigenart. „Ihr müßt wissen, dieser Rabbi Elie beherrscht alle siebenzig Sprachen und sieben Weisheiten.. — Von den verschiedenen Bezeichnungen für „Mensch,, wie „Jsch", „Enosch", „Adam", hat dieses „Adam" -eine Mehrzahlform, bezeichnet Mensch Md zugleich Menscheneinheit, Volksorganismus. Nur Israels Söhne als eine Gotteseinheit können als „Adam" bezeichnet werden. Die Anderen, die sich in Völker, Nationen, Rassen und Religionen gliedern, sind, als Gemeinschaft gesehen, alles, nur nicht Adam „eine Menfcheneinheit".

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