Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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24. Dezember 1929 Frankfurt a. AI., den —22. wsii» seso flQf)]i Ein Centralorgan fOr da: orthodoxe Judentum I L /II Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Ul i ^Abonnement ab% Juli 19S9: Deutschland 130 Mark monatlich; AÄsland: Mertelgepretse (entsprechend dem deutsche» Inlandspreis zuzüglich «osten des Streifbänd-Ber- >es) DeutW-Lsterreich: Schilling 6.—; Amerika I Dollar; England 4 fh.; ab 1. Juli nkreichLSFr.; Belgien ab 1.7.27. BelgaK: Holland2 fl.;Italieno£ 1.1.28.18Lire; Jugo- ,ie» 56 Din.; Litauen 7.50 fl«.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche «oldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 5 Fr. Tschecho-Slowakei 26 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab1.Juli1837; Dänemark 8.80 «ron.; Norwegen8.80 Krön.; Schweden 8L0 «ron. Einzelnummer vierzig Doldpfen-rige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserat« 80 Toldpf. für die stebeugespalten» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahle» bet Stellengesuche« und Familienanzeige» nur 40 Pf. Die 75 mm breite ReNamezeUer lichte Textfette 2.— Ml., vorletzte Textsette 2.50 Mt.; Ehtffregebühr in Höhe eines dopv. Fernbriefportos. Rabatt «ach Tarif. Bei laufende« Jnserataufträge» tartfm. Preiserhöhung feder^. Vorbehalt. Jnferatenaanahme durch de» _ _ _ _ _ _ Jnferatenannahme. Verlag des Israelit G. m. b7H., Frankfurt "a. Ä., Rechnetgrabenstraße 7, Tel. Hansa 5842 fow. durch sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. Aueinige Inserate««»», für Franks. Geschäftsanz.^Jul. Schmidt, flangestr. 7, II, Tel. Hansa 4641. Platzoorphr. ohneBerbindlichk, 1 Frankfurt (Main) Nr. 19802. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 79805. — Postsparkassen««« Budcwest Nr. 18424. — Postfchükkonto;. VIII 7S54 — Inkasso-Bank Rotterdam^- Postscheckamt Amsterdam Nr. 24889 — Böhmische Untonbanr in Prag — öeoe» «»rm-^osed Sl-uck & Co.Jtt icdlonto j Zahlungen direkt an de» Berlag «.... Warschau Nr. 190737. — Postscheckamt Zür.^, _ ___ ____ —,..... Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Terichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a Biele in der Hand von Wenigen. Von Dr. C. C. in A. ' Die Menschen sind davon überzeugt, daß der Sieg stets bei den stärkeren Bataillonen liege. Unmöglich können, meinen sie, zehntausend Sol- Daten sich gegenüber einem Heere von huircherttausend durchsetzen, es sei denn, daß die-zehntausend bessere Waffen, bcffcre Taktik, bessere Kenntnis des Geländes oder besseren Kampsesmut besitzen, also die zahlenmäßige Ueberlegenheit der anderen durch Eigenschaften ausgleichen, die den Wert ihrer Truppen dem Wert der anderen Zleich oder überlegen erfchemen lassen. Ob also der Kampswert einer Armee durch die Zahl der Menschen oder durch andere Eigenschaften ermittelt wird, immer entscheidet der Wert der Truppen. Es gilt als ausgeschlossen, daß Truppen minderen Wertes die Oberhand über Truppen höheren Wertes gewinnen können. Und doch spricht das Al-Hamssim-Gebet von Ehanukah davon, daß die Vielenin die Hände von Wenigen gerietsni, ohne daß der Kampfwert der Wenigen durch anderweitige Kampseseigenschasten erhöht wurde; denn die wetteren Eigenschaften, die das genannte Gebet den Wenigen beilegt, „schwach, rein, schuldlos, thorabeflissen", können wahrlich kaum als soldatische Vorzüge angesehen werden. Der Soldat hat stark, rücksichtslos, draufgängerisch und tatenbeflissen zu sein, oder er ist ein Waschlappen. Wie war das Wunder möglich, daß damals die wenigen unsoldatisch-en Menschensiegten? Ist solches Wunder heute noch möglich? Ehanukah ist nicht deshalb ein Fest, um in tausenden von Reden, Predigten und Zeitungsartikeln immer zu wiederholen, daß nicht Macht und Heeresstärke, sondern der Geist Gottes den Sieg verleiht. Was nützt all das ewige Reden und Schreiben, wenn wir Menschen, wenn wir Juden doch Nicht daran glauben, wenn wir für unsere Gegenwart diesen Glauben für ein Märchen, für ein Phantom erklären. Wer nicht davon durchdrungen ist, daß jeden Tag, daß heute dasselbe Wunder sich wiederereignen kann, daß es in unserer Hand-liegt, dieses Wunder jeden Tag zu erneuern., in dessen Mund, in dessen Ohr klingt der Satz von der allesbezwingenden Kraft des Gottesgeistes wie eine Blasphemie. Wie, dies Wunder soll heute noch möglich fein? Viel ist doch stets mehr als wenig, 5 ist doch mehr als 2 oder 1! Unmöglich, daß 1 mehr sein kann als 5! Für unseren Verstand vollkommen unbegreiflich! Und doch nicht so unbegreiflich, wie es den Anschein hat. Von jeher war es Sehnsucht der Menschen, einen Golem, Roboter, Maschinenmenschen verfertigen zu können. Man stelle sich vor, es gelänge modernme Erfindergeist, einen künstlichen Menschen zu konstruieren, der alle Eigenschaften und Fähigkeiten des natürlichen Menschen in sich vereinigt. Eine Eigenschaft wird' und muß ihm fehlen: das Leben selbst. Der künstliche Mensch wird vielleicht sehen können, er wird gehen, schreiben, sprechen können, aber er wird niemals aus sich selbst, aus eigenem Gefühl, aus eigener Uebrelegung etwas zu tun vermögen; es wird immer eines Anstoßes von außen bedürfen, um ihn zur Tätigkeit zu bewegen. Es fehlt ihm eben das Leben, das Lebendige, das seinen Antrieb aus sich selbst empfängt; der lebendige Mensch handelt kraft seines eigenen Fuhlens, Wollens und Denkens. Er bedarf keines Antriebes von außen. Im Gegenteil, je selbständiger jemand fühlt und denkt, je mehr seine Tat seinem eigenen Innern entspringt, desto lebendiger ist er. Und kraft dieser Lebendigkeit ist er jedem Maschinenmstiischen überlegen, möge ihn dieser auch noch sehr an Quantität und Masse überragen, ja möge dieser sogar Fähigkeiten aufweisem die der natürliche Mensch gar nicht besitzt. Der natürliche Mensch wird immer den künstlichen lenken und daher auch überwinden können. Hier siegt nicht die Quantität, nicht die Zahl der Fähig? leiten und Eigenschaften, nicht der Kampfeswert und die Kraft, hier siegt das Leben. Leben ist stärker als Kraft; Leben ist stärker als Quantität; Leben ist stärker als Qualität; Leben ist stärker als Zahl. Gehen wir weiter vom Individuum zur Menschengruppe. so werden wir auf Grund der eben gemachten Feststellung uns sofort sagen müssen, daß diejenige Gruppe, die lebendig ist, ohne weiteres der unlebendigMi Gruppe überlegen ist, auch wenn die unlebendige an Zahl, Qualitätswerten und sonstigen Fähigkeiten vor der lebendigen noch so sehr im Vorteil zu sein scheint. Soweit wäre alles klar. Aber welche Menschengruppe ist lebendig und welche unlebendig? Ist jede Mehrheit von natürlichein» Menschen eine lebendige Menschengruppe? Nehmen wir einige Beispiele: Ich kann noch so viel lebende Zellen ZU einem Hausen zusammenfügen, niemals wird dieser Hause ein neues einheitliches Lebewesen, obwohl jeder zusammengesetzte Organismus — auch der Mensch — im wesentlichen eint Haufen von. Zellen ist. Ein anderes Beispiel: Niemals wird die willkürliche Anhäufung einer Anzahl Bienen in einem Bienenkorb ein Bienenvolk ergeben; nur das natürlich entstandene Bienenvolk wird zufammenbleiben; der künstlich zusammengetriebene Bienenhaufen wird nach Freigabe des Weges aus dem Bienenkorb wieder auseinanderfliegen. Daraus ergibt sich folgender Schluß: Selbst Organismen der gleichen Gattung werden durch keine äußeren Bindungen, ob diese nun selbstgewählt oder von anderen aufgezwungen sind, dazu gebracht werden können, zu einem neuen einheitlichen! lebendigen Gebilde zufammenzuwachsen. Ein lebendiger kollektiver Organismus, wie es etwa das Bienenvolk ist, kann nur auf natürlichem Wege entstehen, wachsen und leben. Wie eine Pflanze, wie ein Tier, wie ein Mensch, so -auch der kollektive Organismus Volk: Same, Geburt, Wachstum. Ein Staat ist eine künstliche MMschengruppe, zufammengehalten durch die willkürlichen Bindungen der Verfassung, der Gesetze, der Verwaltung und der Justiz. Das Militär, das Heer, die Armee ist vielleicht das extremste Beispiel einer künstlich zusammengeschweißten Menschengruppe: denn hier ist künstliche Regel (Reglement) und Disziplin auch für jeden Blinden sichtbar. Hier geht die Bindung des einzelnen so weit, daß der Zwang — jetzt Gehorsam und Unterordnung geheißen! — die Jndivdualität des einzelnen Soldaten fast auszulöschen in der Lage ist. Und doch ist die Armee kein neues lebendiges Wesen. Denn vollständig kann die Individualität auch durch die Subordination nicht ausgetilgt werden. Es kommen Augenblicks, in denen der einzelne den Druck fühlt, unter dem er steht, in denen der einzelne sich nach der Freiheit sehnt, die er nicht hat. Im lebendigen Organismus dagegen kann niemand Finger fühlt sich nur als Glied meines Gesamtorganismus wohl und fetzt jeglichem Bestreben, ihn aus der Struktur meines Gesamtorganismus oder aus dessen Zusammenhang zu befreien, den äußersten Widerstand entgegen. In einer Menschengrupps, Ae einen wirklich lebendigen kollektiven Organismus bildet, M! einem natürlich gewachsenen Volk wehrt sich jedes gesunde Glied, jeder gesunde 'Volksangehörige dagegen, von seiner natürlichen Gemeinschaft getrennt zu werden oder die naturgegebene Volksstruktur gestört zu