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Der Israelit · 1929-12-19 · Heft 51 (19.12.1929) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 51 (19.12.1929)
Date
1929-12-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Serbe 14. Nr. 51 Der Israelit 19. Dezember 1929 herrschten mehrere Traktate von Mischna, einige Partien des Talmud, und talmudisches Denken und Reden waren ihnen fo eigen, als hätten sie von Kindheit auf nichts anderes getan. Sie hatten den Ikkarim gelesen, den K u s a r i, und vieles aus M a i m o n i d e s und Nachmanides. Sie kannten jetzt die Grundlagen der jüdischen Glaubenslehre so genau, wie irgend ein junger Rabbi. So traten sie den Büßgang zum Episkopat, der mit solcher Einstellung nicht ganz ungefährlich war, gar nicht an, gingen stattdessen ins Teehaus zu Menachem Leib, gleich in den Hinterraum, wo nicht Tee und Schnaps, sondern Wissen ausgeschenkt wurde, und Valentin sagte geradeaus: „Meister, wir haben genug gelernt, wollen nun zur T a t übergehen. Nehmt uns ins Judentum au f." Menachem Leib, der im Laufe der gemeinsamen Studien längst die Grenze vergessen hatte, die ihn von den fremden Jünglingen schied, erschrak jetzt bis ins Innerste, sein Gesicht verfärbte sich und er sprang auf wie bei heranziehender Gefahr. Die Sache schien ihm, so er nachdachte, immer schon nicht ganz geheuer. Ein dunkles Etwas sagte ihm, es würde nicht lange so weiter gehen, gut oder schlecht, aber keinesfalls glatt ausgehen. Nun kams . . . „Wer bin i ch?" sprach er die hebräischen Worte Mosis beim Feuer des Dornbusches. Das besagte für ihn mehr als glatte Abweisung. Es drohten Gefahren, er wußte nur nicht, wo und wie. Was wußte ein armer polnischer Schenkwirt von derlei Dingen? Irgend etwas Dunkles stand ihm vor Augen und sagte, so was könne unmöglich gut ausgehen. (Fortsetzung folgt.) Das Welkzentrum des Antisemitismus. Graf R. N. C ou denho v e-Ka lemgi, der bekannte Vorkämpfer der Paneuropa-Jdee, gibt das 1901 erschienene Buch seines Vaters, Dr. Heinrich Graf Caudenhove-Kalergi, „Das Wesen des Antisemitismus" im Paneuropa-Verlag (Wien-Leipzig-Paris) neu heraus. Er schickt der Neuausgabe einen Essay über die Judenfrage unserer Zeit unter dem Titel „Antisemitismus nach dem Weltkrieg" voraus, der einen besonderen Abschnitt „Deutschtum und Judentum" enthält. Darin heißt es: „Vor dem Kriege war Rußland das Welizentrum des Antisemitismus. Heute ist es Deutschland. Außerhalb Deutschlands ist der Antisemitismus in Europa nur noch lebendig in einigen Mittel- und Kleinstaaten Osteuropas." Diese Tatsache sollte den deutschen Antisemiten zu denken geben. Sie werden sich dann wahrscheinlich nicht sehr wohl fühlen in der Gesellschaft, in der sie sich befinden. Denn die drei anderen europäischen Großmächte lehnen den Antisemitismus kategorisch ab. England hat feit DisraeK unter feinen, politischen Führern zahlreiche Juden und kennt weder einen politischen, noch einen sozialen, noch einen wirtschaftlichen Antisemitismus. Frankreich hat seine antisemitische Phase in der Doeyfus-Krise überwunden. Diese Ueberwind-ung des Antisemitismus fällt zusammen minder nationalen Regeneration und Gesundung Frankreichs," die ihm die Kraft gaben, den Weltkrieg durchzuhalten. Auch das ertrem nationalistische I t a l i en lehnt den Antisemitismus ab, der in den Augen Mussolinis ein barbarisches Vorurteil ist. Italien hat bewiesen, daß sich der Kommunismus auch ohne antisemitische Schlagworte überwinden läßt, und daß der stärkste Nationalismus auch ohne antisemitischen Einschlag lebensfähig ist. Indessen hält Deutschland an der antisemitischen Einstellung fest und baut eine Theorie nach der anderen um dieses Vorurteil. Es behauptet nach wie vor, daß das Judentum nur Talente, aber keine Genies heroorb ri n g t — obgleich das anerkannteste unter den lebenden Genies heute ein deutscher Jude ist: Albert Einstein; und der berühmteste lebende Oesterreicher ein zweiter.Jude ist: Siegmund Freud. Andere Theoretiker gehen von der These des jüdischen Maieriuliismus und Mammonismus aus und übersehen, daß kein Volk so stark und so lange für seinen Glauben und seine Ideale gelitten hat, wie das jüdische . . . Daß im Judentum neben seinem Realismus ein ungeheurer Idealismus steckt, em Idealismus, der so stark ist, daß er der Welt das Christentum und den Sozialismus geschenkt hat. "°Das deutsche Volk hat im Weltkrieg an sich selbst erfahren, wie ungerecht auch der Haß einer ganzen Welt ein Volk treffen kann. Der Haß gegen das Judentum und gegen das D e utschtu m sind verwandt. Beioe Völker wurden gehaßt, verfolgt und verleumdet, weniger um ihrer Fehler willen, als um ihrer Vorzüge. Der Weltostrazismus hat Esempel statuiert. Der Deutsche wurde als Feind der Menschheit empfunden, weil er tüchtiger, fleißiger, sachlicher war als die meisten anderen Völker, und ihnen so den Konkurrenzkampf erschwert. Das gleiche gilt von den Chinesen in Südostasien, den Japanern in Kalifornien. Das gleiche gilt von den Juden. Heute ist die Mißachtung gegen die Deutschen in der Welt mindestens so stark verbreitet wie der Antisemitismus. . . . Nur langsam setzt sich di« Wahrheit über Deutschland 'iltv _ der Welt durch. Gerade die große deutsche Nation, die dieses schwere unverdiente Schicksal erfahren hat, sollte in der Beurteilung anderer vorsichtiger und kritischer sein. Gerade Deutschland sollte den kleinen antisemitischen Nationen vorangehen in der Kritik und Revislvn der Judenfrage. ... Die Revision der Judenfrage ist darum nicht Sache der Juden, sondern besten Deutschen. Wenn Deutschland den Antisemitismus ebenso überwindet, wie dies' Frankreich vor einem Menschenalter in der Dreyfus-Krise tat, ist der Antisemitismus in der Welt erledigt; denn sowohl die Verenrigten Staaten als auch die Osteuropäer werden sich hier der' deutschen Autorität beugen. Diese Revision ist tim Gewissenspflicht Deutschlands, die Befreiung aus einer schweren Schuld und einem schweren Irrtum. Wer darum den Antisemitismus bekämpft, hilft nicht nur dem Judentum, sondern auch dem Deutschtum. . . . Wer Gerechtigkeit fordert, sollte danrit beginnen, sie zu üben. Deutschland fordert von der Welt Gerechtigkeit und moralische Gleichberechtigung; es sollte damit beginnen, sie den^ Juden gegenüber zu üben und der Welt zu zeigen, wie ein großes Volk die Kraft findet, falsche Vorurteile zu überwinden und von sich zu werfen." Ls war in der Mitternacht... Gedanken zur jüdischen Gegenwart. Von Zofe al Zion. Im Dunkel der Nacht symbolisiert dr« MMernarht die Ohnmacht des Wöstens und der Wäne des Menschen. GoH muß sie bestätigen, damit! sie WiirklrchkeÄ werden. L ' L> Wenn selbst undurchdr>mgbare Finsternis Arm und Fn.r . . tjuueu, kann plötzlich ein Licht aufleuchöen, — und alle Hindernisse sind verschwunden, und der Weg vorwärts Kegit frei. Die kritischsten Momente der jüdischen Geschichte, die wie eine Fesselung der Mitternacht iü Banden hielten, sind stets zur befreienden ReÄuiny geworden. DA großen Linien im Werdegang des jüdischen VoMes zeugen für diese Wahr heit. Wenn es schon gar nicht mehr gehen wollte, dann trat etwas ein, mit dem die Klugheit der Klügsten und die Kühnheit der Kühnsten nicht hatte rechnen können. Diplomatenkunst wurde zu Schanden, — weil Gott triumphierte. Ob das jüdische Volk heute wiederum an einen Wendepunkt der Mitternacht herangenaht ist? Die Siituatlcm ist so, daß die Besten des jüdischen Volkes ihre Pläne nur im Bewußtsein ihrer eigenen Ohnmacht fassen können. Die alte Parole: iV won in >an „Wer das Rechte will, dem hilft Gott" gibt ihnen die Kraft, für die jüdischen Jnitevessen, sich zu mühen, wenn es auch scheint, als geschehe ihr Tun in einem Faß ohne Boden. Die vor wenigen Jahren noch ungeahnten Entdeckungen von Naturgeheimnissen und die sozialen Nachwirkungen des Krieges Habens die Menschheit mit einem chaotischen Wirb eisturm ersaßt. Wir Juden> aber sind die Quecksilbersäule der Menschheit, wir reagieren am feinsten und am sichtbarsten auf ihre Beränderungsn. So reagieren wir jetzt aus ein Chaos und sind nun selber «>in Chaos geworden. Hineingerissen in das Tohuwabohu der geistigen Sirömungen, vermögen die meisten von uns ihre originale jüdische Welt sich nicht zu erhallen!. Dieser Vorgang nennt sich Assimilation. Me Wechselwirkung der Assimilation bedeuitet freilich die Folge der Beziehungen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Das Entscheidende und das Unterschiedliche ist aber, ob man das andere seinem Wesen assimiliert oder sich dem anderen assimiliert und so eine eigene Art und Welt ausgibt. Dies letztere ist heute das Charakteristische in der Entwickllung 'der Mehrheit der Juden. Darum muß der, welcher den Kamps gegen diese Entwicklung! aufnimmt, tn größtem Optimismus sein Ganges geben, jedoch nicht mehr als das Bewußtsein seiner Pflichterfüllung als Lohn erwarten. Ein Blick in die jüdische Presse der Gegenwart gibt ein düsteres Siiu-ativnsbild. Systematische Ausrottung des Judentums durch die staatlichen Gewalten tot Rußland wie in der Türkei, eine ins Maßlose angeivachsene politische und soziale Hetze gegen Äe Juden tot den Ländern Mitteleuropas, eine Verschlechterung der polMschen und sozialen Position auch böi den Juden Amerikas, Kriegszustandmit den verwerflichsten Mitteln des Krieges gegen die Juden Palästinas, das die jüdische Hoffnung der Zukunft sein soll. Dazu, wie gesagt, in den wÄAsten Kreisen der Judenheit das seilbstimördsrlsche Streben der Assimilation, so daß awM»» überall nur eine Minorität sich den Weg zur Thora zur Lebensparole erkoren Hai. Aber MnorMt, die Orthodoxie, muß schwer um ihre Selbsterhabtungi kämpfen, denn das Weltgetriebe brandet auch ständig an ihre Peripherie an. Wohl weiß die Orthodoxie aus Resultate hinzuweGen, die «ine Besserung, >Lin VorwäntsschireGen bedeuten. Die Hemmungen sind aber zu gewaVitze, und darum muh es trotz positiver Resultate in der ArbeM der Orthodoxie gesagt werden, daß das jüdische Geschick sich heckte in der Mütternachtswende befindet, di «nach götMcher 'Hilfe ausblickt. UNS bleibt nichts übrige, als' zu Gott zn flehen! in den alten Myrten des Sederabends: „Bestelle Wächter für Deine Stadt Jerusalem den ganzen Tag und die ganze Nacht. Laß' hell werden wie Tageslicht das Dunkel der Nacht". Karpfen sowie alle andere Sorten Flussu.Seefische ferner Fischkonserven kaufen Sie für die FEIERTAGE am besten im »NORDSEE« Kronprinzenstr.42 Sch weizer str. 27 Börneplatz Markthalle-Hasengasse Bergerstr. 107 Gr. Bockenh. Str. 29 Telefon Hansa 4895 Der Große Brockhous, Bd. 4 (Chi-Dob) (824 Seiten, Preis in Ganzleinen GM 26.—, bei Umtausch eines alten Lexikons GM. 23,50.) Die Gesamtzahl der Zeichen in der heutigen chinesischen Schrift beträgt etwa 50 000, für den täglichen Bedarf kommt man mit „nur" 3 4000 aus. Die rechte Vorstellung über die Schwierigkeiten dieser Sprache erhalten wir aber erst, wenn wir die Tafel „Chinesische Schrift" in dem soeben erschienenen 4. Band des „Großen Brockhaus" betrachten, und wir empfinden rechtes Mitleid mit den kleinen chiinesifchen Abc-Schützen, die sich durch diesen Urwald von Zeichen hindurcharbeiten müssen. Die mit China zusammenhängenden Artikel dieses Bandes umfassen 80 Spalten; 86 Abbildungen und 10 Karten tragen willkommenes Material zusammen. Der Kunstfreund wird bei diesem Band besonders auf ferne Kosten kommen, er schlage nur die bunten und einfarbigen Tafelseiten nach: chinesische Kunst (6 Tafeln mit 43 Abb.), dänische Kunst, Chrrstusbilder, Deckenmalerei. Der neue Band ich dadurch bemerkenswert, daß er das Stichwort „Deutsch" enthält, öasanit allen seinen Zusammensetzungen 180 Druckseiten umfaßt und so eine übersichtliche Monographie des Deutschtums mit einigen hundert Abbildungen und 45 Karten und Statistiken darstellt. Daß dabei auch die allerjüngste Zeit Berücksichtigung gefunden hat, zeigen — um nur einige Beispiele zu nennen - die Abbildung der Stahlkirche auf der „Pressa" in Köln und Hugo Lederers „Läufergruppe", die erst vor kurzem an der Heerstraße in Berlin aufgestellt worden ist. Beachtenswert ist die Zeittafel zur deutschen Literaturgeschichte, die vom Hildebrandlied bis zu Remarque reicht. Statistische Tafeln unterrichten über Bevölkerung, Volkswirtschaft, Handel, Verkehr, Berufsgliederung, staatliche Fürsorge und vieles mehr. Das seit etwa hundert Jahren unter dem Romen Cafe Goldschmidt bestehende bekannte Frankfurter Cafe haben wir den neuzeitlichen Ansprüchen entsprechend umgestaltet und trägt jetzt den Namen Cafe Handelshof. In den Parterre-Räumlichkeiten ist durch Aufstellung von Automaten, kalten Büffets rc. Gelegenheit zum Selbstbedienen gegeben, während' die altbekannte.Kutscherstube unverändert weitergeführt wird. 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