Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1929)
- Date
- 1929-12-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Arärkyrergeschichte nach Mlnaec Akten. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). „Und Hadrian beruhigt sich dabei?" „Er hätte es vielleicht schon getan. Aber da sind die Ratgeber und Höflinge, ihr Name sei verttlgt. Sie sagen, die Götter werden es rächen, Abfall und Erhebung drohen, wenn solche Tat ungesühnt bleibt. Und Akilas wird dem Scheiterhaufen zugeführt. Aber die Flamme im Herzen des Akilas lodert weiter und ergreift viele. Der Henker selbst, der das Feuer schürt, vermehrt die Flammen, um den Qualen des Akilas rasches Ende zu bereiten und stürzt sich dann in die Glut mit lautem Bekenntnis zum Gotte Israels. Akilas hatte ihm für diese letzte Liebestat Anteil an der „künftigen Welt" versichert." „Wo habt Ihr die schöne Geschichte her?" . Wo? Menachem Leib hotte, einen Traktat aus dem Schranke, dessen vorderste Fächer mit Flaschen und Gläsern angefüllt waren, schlug mit sicherm Griff die-Stelle auf und las sie, Wort für Wort übersetzend, vor. „Es war zur Zeit der Apostel," sagte Sarembo, „deren viele ähnlichen Märtyrertod starben." „Die Apostel starben als Juden", meinte Valentin, als lag ihm daran, den Eindruck der Erzählung nicht abzuschwächen. „Der Römer kannte keine Christen, er kannte nur alte Juden und Reujuden, und letztere schienen ihm noch gefährlicher als die ersteren." „Es ist nicht so sehr der Tod, was in der Geschichte packt," sagte Sarembo nachdenklich. „Die Menschen glaubten damals und glauben heute noch — Walhalla oder Kirche — Gott viele Tode schuldig zu sein, aber daß die Erzählung heute noch so lebendig, allzeitlich und gegenwärtig wirkt, das ist das Wunderbare." „Die Ware fällt und steigt, das ist Judenschicksal, es ist das Judentum. Ist oben und unten fast zur gleichen Zeit. Tief darnieder und hochauf, klein und riesengroß, wie mans gerade sieht Md wo. mans sucht. „Israel gleicht den Sternen am Hirstmel und dem Staub der Erde," sagte uns unser Meister." „Man denke," ergänzte Valenttn, „an den kleinen Juden mit seinem zu Bodenliegenden uKinde vor der Kathedrale und dann qn die verklärten Gesichter in der kleinen Schul! Getreten oder gehoben, es gibt kein Drittes. Und dann gar das Haus ihres Rabbi Elie! Etwas lebte und lebt in ihnen und um sie, was sie immer in Bewegung hält, hebt und senkt." „Dieser. Jude von einem Schankwirte ist selber Symbol seines Volkes, das zwischen Staub und Sternen lebt ..." „Seltsames Volk, diese Juden!" VI. . In der kleiner: Lernstube hinter dem Schanktische wurden große Probleme ausgetragen. Menachem Leib ließ sich selten und ungern vom festen Boden des Geschriebenen ablenken. Das Grübeln und Philosophieren lag ihm nicht. Es verletzte ihn schon, wenn man eine Schrislstelle als gut oder schön lobte. Wer wird davon reden, ob und wodurch dieM u t t e r schön ist? ‘ Er lernte mit den juMen Leuten, wie Man mit Jüngern lernt, wie er selbst einst gelernt, und vergaß ganz, daß sie anderer Nation und Denkart, anderen Glaubens waren. Man ging von Text zu Text, von der offenen Schrift zu den Folianten der mündlichen Lehre «über. Waren sie unter sich, so gab jedes neue Wort, jeder neue Satz neue Anregung, neuen Anlaß zur Vertiefung in die verschlungenen Schächte des Glaubens und Denkens. Mit ihm ließ sich nur lernen, nicht forschen... „Ist das nicht alles gar zu formal?" äußerte Sarembo Bedenken. „Dieses liebevolle Eingehen auf die letzten Ausläufer der Buchstaben, das starre Festhalten an der Vorschrift! So viel Tat, so viel Gesetz und so wenig Glauben! Kulte bis ins Schlafgemach und in die letzte klein-- menschliche Betätigung hinein, und so gut wie gar keine Dogmen. Versickert nicht das Flamm-, chen Ethik unter den immer mächtiger anwachsenden Holzhaufen von Bräuchen, Riten, Ge- und Verboten? Wer kann mit solchem Ballaste leben?" „Und dennoch, Sarembo, siehe Dir die Menschen dieser' Gebote an, sie leben, leben sogar ein höheres Leben. Die Ethik liegt im Blute der Menschen, wie im Blutlaufe ihrer Gesetze. Hast es noch nicht gemerkt, Sarembo, daß, wenn sie formale Vorschriften lesen, diese nur Rahmen sind für das, wps wir Ethik nennen und in dicken Büchern behandeln, damit es darin wohl gehütet bleibt?" „Du meinst ..." „Ja, ich meine das von gestern Abend. Wir lasen mit ihm von den Grenzen, über die man am Sabbat hinaus und hineinreichen darf oder nicht darf. Und vor uns stand unvermerkt, als lebendiges Beispiel, der Arme am Fenster des Hausbesitzers und zeigte, wie er das ihm gereichte Brot am Sabbat empfangen und nicht empfangen darf. So ist ihr Canon. Hier wird nicht gesagt: Reich dem Armen von deinem Brote. Wer wüßte das nicht im jüdischen Lehrhause? Aber der Arm-e, der an des Juden Türe nicht fehlen darf, zeigt die Grenze der am Sabbat erlaubten oder verbotenen Hantierung. So baut sich in tausend Fällen, was unser Meister gar nicht weiß, ihre sogenannte formale Halacha auf einem ethischen Untergründe auf, der wie vom ersten Tage her feststeht. Schöpfung und Erlösung reichen hier aneinander." „Du hast die Sache besser und tiefer erfaßt, als ich, Valentin. Aber gerade deshalb mache ich mir Gedanken um Dich." „Gedanken?" „Ja. Du weißt, auf Seminar und Konsistorium traut man unsnicht mehr so recht. Wir waren vielleicht auch nicht sehr vorsichtig mit unseren philosemitischen Aeußerungen." „Du meinst, als der Dominikaner, . .Bruder Andreas, seinen Studenten im Kolleg einreden j wollte, es fei gute, gottgefällige Tat, diejenigen' weiter zu drücken und zu verfolgen, die Gott Vater seit bald achtzehnhundert Jahren verbannt, .weil sie dessen Sohn verleugneten?" | „Da hättest Du nicht gleich mit dem Talmud kommen müssen und dem Gleichnis des i Rabbi A k i b a. Was ist Talmud, wer ist Rabbi Akiba für den Dominikaner? Den Rabbi haben die alten Römer verbrennen lasten — vielleicht aus Furcht vor der damals aufkommenden christlichen Kirche, in der man jüdischen Aufstand sah. Seinen Talmud verbrennen heute die dominikanischen Hüter der Kirche." „Aber best Du nicht gemerkt, welchen Eindruck das Gleichnis auf sämtliche Theologieaspiranten machte." > „Um so schlimmer für uns. Das wird uns Andreas nie verzeihen. Aber überlegen wir einmal ehrlich: stimmt das Gleichnis auch? Steht dort ri'cht Gleichnis gegen Gleichnis, von denen doch das erste schließlich auch etwas für sich hat? Der Kaiser fragte: Liebt Euer Gott die Armen, warum verläßt Er sie denn? Hat Er sie aber verstoßen, woher leitet Ihr für Euch das Recht ab, sie aufzunehmen? Darf Jemand den . vom König verbannten Sklaven in Liebe ausnehmen, ohne schwerer Strafe für solche Widersetzung gewärtig zu sein? Und der Rabbi? Er erzählte die Geschichte von dem vertriebenen Sohne, der sich in kalter Fremde bessern sollte. Gewiß wird der königliche Vater allen reich lohnen, die sich seines Kindes annahmen. Ob Sklave oder Sohn, darum geht die Frage, und sie ist nicht entschieden." „Für das alte Rom nicht. Dort kannte man nur Herren und Sklaven. Für das neue Rom, die Kirche, gilt, wie für das alte Israel, die Lehre des Rabbi von der Gotteskindschaft aller Menschen, und das Recht der Armen müßten auch die Juden für sich in Anspruch nehmen können." „Bruder Andreas geriet aber in wilden Zorn ob dieser Talmudweisheit." „Well er sie nicht widerlegen konnte." „Valentin, wir ^vollen die Besuche bei Menachem Leib und die Studien aufgeben." „Du ängstigt Dich, Sarembo?" , „Das gerade nicht. Aber es geht nicht gut aus, Valentin. Wir find auf schiefem Wege." Valentin sah den Freund scharf am: „Du bist zum Priester des Lichtes und der Wahrheit geweiht und gesalbt und schrickst zurück vor dem Licht, nennst den Weg dev Wahrheit schiefen Weg?" „Es ist mir bange um Dich, Valenttn." „Hast Du nicht an Onkelos gedacht, Sarembo?" „Gerade an diesen habe ich gedacht, aber auch an den königlichen Oheim Hadrian, die Grafen, Fürsten und hohen kirchlichen Würdenträger m Deiner Familie. Sie verstehen sich auf Scheiterhaufen besser als auf Talmudweisheit, womöglich noch besser als der alte Heide Hadrian." „Und Du willst die Augen vor dem Lichte schließen?" „So lange es Zeit ist, ja. Um deinetwegen. Mir kann nichts passieren. Losgelöst von Dir bin ich ein armer Teufel, um den sich kein Hadrian kümmert. Ich kann leben, wo und wie ich will. Du aber bist Graf Valentin, Sohn des Grafen Potocki. . „Hast Du das erschrockene Engelsgesicht des Judenmädchens in Wilna noch in Erinnerung?" fragte Valenttn unvermittelt. Sarembo verstand den Sinn dieser Frage in diesem Zusammenhänge nicht: sollte wohl nur Ablenkung sein. , - Valenttn standen aber die flehenden Kinderaugen, wie so oft m Stunden der Erregung, lebendig vor der Seele. Arese Augen hatten eine Botschaft für ihn, sie hatten ihn in die Judenstadt geschickt und zu Rabbi Elie; sie geleiteten ihn nach Paris und führten ihn dem alten polnischen Juden Menachem Leib zu. Sollte es einmal zum Bruche mitt Pater Andreas und allem, was ihn mit der Helmat verband, kommen, so waren es diese kleinen Judenaugen, die zwischen ihm und der Vergangenheit standen. VII. Als nach Monaten der unvermeidliche Bruch mit Pater Andreas kam, dieser die aufsässigen und „freigeistigen" polnischen Priesteraspiranten vor ein kirchliches Tribunal zitierte, das mit Index drohte und Exkommunikation,, wenn sie nicht Reue bezeugten und schwere Bußen auf sich nähmen, als all dieses über sie niedergeprasielt kam, waren sie bereits so weit, daß es sie gar .nicht mehr traf. Innerlich hatten sie längst mit der Kirche gebrochen und sie hielten sich an die Verordnungen des hohen Tribunals gar nicht mehr gebunden. Sie waren inzwischen mit Hilfe des polnischen Schenkwirtgelehrten und im Wege eigener eifriger Studien so weit gekommen, daß sie fließend im Urtexte der heiligen Schriften lesen und auch die kleinen schwarzen Punkte in den Kommentaren entziffern konnten. Sie be-