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Der Israelit · 1929-12-19 · Heft 51 (19.12.1929) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 51 (19.12.1929)
Date
1929-12-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Nr 51 Der Israeli: 19. Dezember 1929 Bannerträger ihrer Ideale. Hierin ist doch der einzige Rechtstitsl, von dem aus sie ihre Existe-ri-cheriechtWMg herzUlieiten vermögen, zu suchen. Bei uns aber stehen sie mit einem Fuße bereits außerhalb der Peripherie, wohl uns, wennsie den anderen nicht auch noch nach- Mehen. Der Steuerzettel bildet lediglich die letzte und einzige Beziehung, welche sie mit dem Judentu-me verknüpft. Wolllie sich einer wundern, daß unter solchen Bewandtnissen sie lediglich darauf Bedacht nehmen, diese Beziehungen über das denkbar schmälste Band laufen zu lassend Man hat also, wie eben gezeigt, für das aus der allgemeinen Schulpflicht drohende Verhängnis auf mancher Seite eine scharf geschliffene Formel geschaffen. Damit isst jedoch der Gefahr noch längst nicht begegnet! Handelte es sich doch damals dazu noch um eine Frage, über die erst die Zukunft eine Entscheidung bringen konnte. Der großen Mehrheit erscheint als Wahrheit stets nur das mit den Händen greifbare. Man hatte daher in jenen Aeußerungen mehr eine Ausgeburt des Fanatismus, also den Ausfluß einer vertieften, bis auf die letzten Gründe vordringeuden Erkenntnis erblickt! Davon ganz abgesehen: Beim Volke behalten nicht die Seher, sondern die Weisen— in diesem Falle die „Weiser" — Recht. Das sind eben die Männer, welche in den verwickelten Fragen, die das stets aufschäumende SDfreer des Lebens aufwirft, den richtigen Ausweg zu zeigen verstehen. Den rechten Ausweg aus der Misere des jüdischen Religionsunterrichtes zu finden, ist gewiß keine einfache Ausgabe. — Im Ghetto wurde die Jugend zwar den ganzen Tag hindurch mit dem jüdischen Unterrichte befaßt. Das Ergebnis war nichtsdestoweniger ein mehr als klägliches. In der gesamten jüdischen Literatur hallt diese Klage wider. Für die Lösung dieses Probl-emes fehlt es daher in der Ueb-ergangszeit an, jedem Anknüpfungspunkte. So wurde denn der Sprung, ins Dunkle, ins Unbekannte auf gut Glück gewagt. Selbst eine Schonzeit ward nicht einmal eingeräumt. Aus diesem Sprung ms Dunkle sind wir bis zum heüwgen Tage nicht heraus. Dem jüdischen Unlerrichie fehlt bis auf den heutigen Tag jeder methodische Stil. Wer wollte angesichts der Misere des üblichen Rekgi'onsünterrichtes>, in. der wir seitdem stecken, das Gegenteil behaupten! Nicht einmal soweit haben wir es gebracht, um zu erkennen, daß uns hier •ein schwieriges Emblem aufgegeben ist. Es ist nun einmal so unter uns Menschen: je tiefer ein Problem gelegen, je verwickelter und mannigfacher die M-ttel sind, die behufs feiner Lösung aufgerufen werdenmüssen, — desto weniger wird es als solches erkannt. Hier aber gilt es, die Gesamtheit geistiger Kräfte einzusetzen, soll eine Lösung gelingen,. (Fortsetzung folgt.) Mischer Geist i« jüdischen Schulen. 3. Teil: Der deutschkundliche Unterricht. (Alle Rechte Vorbehalten.) Von Studienrat Louis Rosenblatt in Kaiserslautern. (Fortsetzung). Bevor ich zum Schlüsse einige Anregungen zu Aufsatzthemen gebe, möchte ich noch an einigen Sentenzen Schillers zeigen, wie gerade die Lektüre Schillers für jüdische Schulen geeignet ist und wie überhaupt mit der Lektüre deutscher Klassiker jüdische Gefühls- und Geisteswett verknüpft werden kann. Ich brauche zu den, folgenden Goldkörnern aus Schillers Werken nichts hinguzufügen; der verehrte Leser ersieht ohne weiteres die Verwandtschaft mit jüdischer Gedankenwelt. 1. In der Not allein Bewähret sich der Adel großer Seelen. (Turandot 1, 1 vgl. Ps. 118) 2. Di« freie Tadelrede Ist des weifen Alters Recht, Wenn sich die rasche Jugend kühn vergißt (Braut v. Messina I, 7) 3. Ein guter Tag fängt an mit Gottes Preis; 's ist kein Geschäft so eilig als das Beten. (Macbeth II, 5) 4. Böses Werk mag untergehen, Rache folgt der FrevMat. (Das Siegesfest vgl. Schluß. Ps. 104) 5. Böse Früchte trägt die böse Saat. (Br. v. Messina I. 8) 6. Das eben ist der Fluch der bösen Tat, Daß sie fortzeugend Böses muß gebären. (Pic. V 1. vgl. Sprüche der Bäts-r 4, 2) 7. Ein tiefer Sinn wohnt in den alten, Bräuchen; Man muß sie ehren. (M. Stuart I, 7) 8. Nur von Edlen kann das Edle stammen. (Braut v. M. l, 7) 9. Willst du dich selber erkennen, so steh, wie die anderen es treiben. Willst du die anderen verstehen, bück in dein eigenes Herz. (Der Schlüssel) 10. Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet. Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born; Nur des Meißels schwerem Schlag erweichet Sich des Marmors sprödes Korn. (Das Ideal und das Leben) 11. Feuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen. Zeigt mir der Freund, was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll. (Freund und Feind) 12. Die Hauptsache ist der Fleiß; denn, dieser gibt nicht mir die Mittel Des Lebens, sondern er gb-t auch seinen alleinigen Wert. (Brief an Körner) 13. Will einer in der Welt was erjagen, Mag er sich rühren und plagen. (Wallsnfteins Lager 11) 14. Des Lebens ungemischte Freude Ward keinem Irdischen zuteil. (Der Ring des Polykrates) 16. Frellde, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt; Alle Menschen werden Brüde-r, Wo dein sanfter Flügel weilt. (An die Freude) 16. Krieg ist ewig zwischen List nnd Argwohn Nur zwischen Glauben und Berlrau'n ist Friede. (Wall. Tod III, 18) 17. Es kann der Frömmste nicht in Friede bleiben, Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt! (Tell IV, 3 vgl. Ps. 120 Schluß) 18. Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes Werden, als dienendes Glied schließ an, ein Ganzes dich an. (Pflicht für jeden) 19. Der Mensch bedarf des Menschen sehr zu feinem großen Ziele; Nur in dem Ganzen wirket er, Biel Tropfen geben erst das Meer, Viel Wasser treibt die Mühle. (Die Weltweisen) 20. Kannst du nicht allen gefallen, durch deine Tat und dein Kunstwerk, Mach es wenigen recht, vielen gefallen ist fch-Kmm. (Wahl) 21. Aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, Und die Gewohnheit nennt er seine Amme. (Wall. Tod I, 4) 22. Alles wanket, wo der Glaube fehlet. (Wall. Tod H, 7) 23. Das Wort ist tot, der Glaube macht lebendig. (M. Stuart V, 7) 24. Des Menschen Wille, das ist fein Glück. (Wall: Lager 7) 25. Bester ist's, ihr fallt in Gottes Hand Als in der Menschen. (Dell 1,1 vgl. Pst 114, 8 u. 9) 26. Wer frisch umh erspäht mit gesunden Sinnen,, Auf Gott vertraut und, die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Not; Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren. (Tell III, 1 vgl. Ps. 114) 27. Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren,! Wer besitzt, der lerne verlieren,; Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz! (Braut v. Mess. IV, 4) 28. Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme. Pics. III, 8) 29. Was sind Hoffnungen, was find, Entwürfe!, Die der Mensch, der vergängliche baut? (Braut v. Mess. HI. 5) 30. Zucht und Belehrung, lenkt der Jugend Bildsame Herzen früh zur Tugend. (Jph. in Aulis II) 31. Ja der Krieg verschlingt die Besten. (Siegesfest) 32. Der Krieg ist schrecklich wie des Himmels Plagen,. (Wall. Tod H, 2) 33. Wer erfreute sich des Lebens, Der in feine Tiefen blickt! (Kassandra) 34. Leidenschaften mißhandeln die Lebenskraft. (Räuber II, 1) 35. £>,, eine edle Himm-elsgab-e ist Das Licht des Auges; — alle Wesen leben Vom Licht, jedes glückliche Geschöpf — Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Licht. Sterben ist nichts. — doch lieben und nicht sehen, Das ist ein Unglück. (Tell st 4) 36. Es schwinden jedes Kummers Falten, Solang des Liedes Zauber walten. (Macht des Gesanges) 37. Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt. (Tell I, 1) 38. Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist Unsinn,; Verstand ist stets bei wen'g en nur gewesen. Man soll die Stimme wägen, und nicht zählen,. (Demetrius) 39. Früh übt sich, was ein Meister werden, will. (Tell HI, 1) 40. Em hohes Kleinod ist der gute Name (M. Stuar 1. 8 vgl. Koheleth 1) 41. Besser ist's, die Gletfcherbsrgeiim Rücken Haber Als die bösen Menschen. (Tell III, 3) 42. Noch niemand hat's erkundet Wie die große Mutter schafft. Unergründlich ist das Wirken Unerforfchlich ist die Kraft (Punschlied vgl Ps 8 43. Der Neid hat scharfe Augen. (M. Stuart Ist 9 44. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht. (Wall Tod VI, 2) 45. Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele! (Kraniche de< Jbykus) (Fortsetzung folgt.) Brief aus Baden. Den 1. Dezember 1929. Lieber Kollege! Ich kann es wohl begreifen, und verstehen, l. Freund und Kollege, daß Du als jüdischer Religionslehrer im alten, rückständigen Preußen die geschichtlichen- Vorgänge 'gewisser Wandlungen im Geschicke Deiner Kollegen iw badischen Musterländle mit interessierten, vielleicht auch! mit etwas neidischen Blicken verfolgst. Doch kann ich Dir, inein l. Freund, auch selbst ob einer Entgleisung, die der Neid geboren, nicht böse sein. Sind doch erst wenige Jahre verflossen,, seitdem uns badischen Religion,slehrern die Sonne einer menschlichen Behandlung Keuchtet. Mußten doch erst traurige Jahre des Elends vorangehen,, bis wir Badener uns durch ein Wirrwa>rr von Kämpfen auf das heute erreichte Niveau -emporgerungen. — Dank | gebührt in erster Linie den verdienten Männern und! Leitern unsrer badischen Mligion-sgemeinfchaft. die in 1 FL rechtem Ermessen wohl wissen, daß di« Vorbedingungen einer b-e-rufssreudigen Beamtenschaft der Landesjyn-agoge eine angemessene Besoldung, und eine von der i Willkür der Gemeinde-gewaltigenunabhängige Stellung j sind. Noch ist nicht alles Gold, was glänzt, noch sind wir Badener nicht so weit, daß uns unsre Position mit den Staatsbeamten in eine gleiche Linie bringt. Wir verkennen aber nicht, daß die verdienten Führer u-Nsves Lehrewereins in idealem Ein,vernehmen mit unsrer Behörde, mit dem Oberrat der Js-raebi-ten Badens und -den Führern der Synode manche Härten in unfern Anistieillungsbedm-gungen und unfern- Befoldungsverhältnifsen beseitigen halfen. Wir verkennen weiter nicht, daß nicht wir allein, sondern vor allem unsre Behörden, gegen Vorurteile und rückständige Anschauungen,, die in unfern Ge-m-ein-d-en gegenüber den Forderungen eines auf- -und vorwärts strebenden üehrsrstan-des bestehen, kämpfen mußten, und noch immer kämpfen müssen, bis das Gespenst des Meschubad. des geknechteten jüdischen Gemeindebeamiten gänzlich verschwunden sein wird. Denn nur in, freier, unbsengter Entfaltung seiner seelischen und physischen Kräfte kann der Beamte und besonders der jüdische Beamte für Emun-oh und Kehilloh wirken. Zur Sache, mein l. Freund! Unsre heutige Besoldung wurde in der jüngsten Synode im neuen Gemeindegef-etz verankert. Dadurch sind wir im großen und ganzen den andern- Lehrern gleichgestellt. Noch müssen wir bestimmte Abzüge, 10—15 Proz., uns als Abgeltung unsrer Kasualien gefallen lassen, die jedoch nicht im mindesten der wirklichen Höhe unsres Nebeneinkommens -entsprechen. Doch besteht große Hoffnung, daß auch hier gerechtes Verständnis für diese Ungerechtigkeit besteht und im Laufe der Zeit ein entsprechender Ausgleich erfolgen wird. In Zukunft muß der Lehrer mit Sitz und Stimme zu den Beratungen der Gemeindeverwaltung in Sachen des Kultus und Unterrichtes zugezogen werden. Jeder Religionsunterricht, auch der des Rabbiners, unterliegt der Beaufsichtigung. Prüfungsbescheid erhält der Oberrat, eine Abschrift -davon der Lehrer. Die Anstellung des Lehrers unterlieg,t der Aufsicht dse Oberrats. Der Lehrer ist Gemeindebeamte. Kündigung kann nur mit Genehmigung des Oborrats erfolgen, wobei nur Gründe bestimmter Disziplinarvergehen evtl, zugrunde Gegen dürfen. Nach 10 Jahren ist die Anstellung eine lebenslängliche. Nur bestens vorgebikdet-e Lehrer sollen angestellt werden. Nur in dringenden- Fällen kann Sine Ausnahme erfolgen. Der betreffende Kandidat muß dann aber den Bildungsgrad eines Grundschullehrers haben. So glaube ich Dir, l. Freund und Kollege, das Wichtigste aus Baden, das Dich interessieren dürfte, Mitgeteilt zu haben. Möchte doch in erster Linie der Preußische Landesverband sich endlich -einmal ein Vorbild cm unfern süddeutschen Verbänden nehmen; möchtendoch die Männer und Leiter desselben erkennen-, daß zu bestgeführten Gemeinden nicht allein tüchtige Parnosfim, sondern vor allem freie, berufsfreudige Lehrer gehören. Im U-ebrigen würde -ich -es als süddeutscher Lehrer als nicht sehr vorteilhaft betrachten, wenn wir mit einem solchen Gegengewicht in einem Reichs verband unter ein Dach kämen, mit einem Verbands, der, wie es scheint, vor lauter Vorurteilen gegen- Rabbiner und Lehrer Nicht lebenskräftig fein kann. Ein Verband, der k-siNen- Lehrer in seinem Plenum wünscht, der nur 1—2 Proz. Lan- . des-kirchensteuer erheben möchte und somit seine Aufgaben nicht erfüllen könnte. Doch dies letztere, 1. Kollege, ist nur die eigene, unmaßgebliche Meinung j Deines treuen Freundes M. Sch-. Nachwort -der Schriftleitung: Der Einsender belichtet uns in einem weiteren Briefe über die Verhandlungen der badifch-en Landessynode am 2. Dezember. Die aus allen Landbezirken geforderte Uebernahme der Lehrergehälter auf die Zentralkasse fand nicht die Zustimmung des Oberrats und der Synode. Heber die Abzüge bei Lehrergehältsrn wurde eine Resolution gefaßt, die dem Oberrat ausgib,t. die Angelegenheit neuerdings zu prüfen. Aotiz. In verschiedenen Nummern dieser Blätter war Herr Eh. Mandelbaum als Verfasser von rnir v mis, der Fibel nnnen nnjt zweiter Teil genannt worden. Wir stellen berichtigend fest, daß das genannte Buch auf seinem Titelblatte die Herren Eh. Mandelbaum, E. Mayer und K. Rothschild als Verfasser nennt.

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