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Der Israelit · 1929-12-12 · Heft 50 (12.12.1929) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 50 (12.12.1929)
Date
1929-12-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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'Bfätfcr fievausgegeßen von dev Candesovganifalion dev j)gndas»Jisvoe( In deulfeftfand. J5. Jahrgang , Hamburg, \2, Dezember ^929 / ^0. Rislew 5690 Nummer 2\ ' Schriftleitung: W0tf S. Jacoöfon in KamKurg. Zur Sothel Maarowi-Arage. Der Mandatkommifsion des Völkerbundes hat, wie vor acht Tagen gemeldet, ein Antrag der britischen Regierung Vorgelegen, der unsres Erachtens, wenn er nicht an den juristischen Bedenklichkeiten einiger Mitglieder der Mandatskommission vorläufig gescheitert wäre, wahrscheinlich ein taugliches Mittel dargestellt hätte, um trotz alles Borgefallenen Juden und Araber wenigstens an einen Verhandlungstisch zu führen und die dringend notwendige unmittelbare Fühlung unter den beiden aufeinander angewiesenen Volksgruppen in Erez Jisroel herzustellen. Die britische Regierung hatte, gestützt auf Artikel 14 des Mandates, das 'die Bildung einer gemischten Kommission „für die heiligen Stätten" vorfieht, die Bildung einer Sonderkommission für die Kothel Maarowi vovgeschlagen. Es läßt sich zwar nicht leugnen, daß es eine gewisse Gewaltsamkeit der Interpretation bedeutet, wenn man statt der von dem erwähnten Mandat-Artikel verlangten Gesanttkommisston -eine einzelne heilige Stätte herausgreift und für sie ein Spezialorgan bildet. Aber in einer Lage wie der heutigen, .da es sich um Schutz von Leben- und Eigentum und um Befriedung des ganzen Landes. handelt, sollte man wirklich nicht über juristische Zwirnsfäden stolpern, die bei gutem Willen, wenn nicht von den Juristen selber, so doch von den Politikern aus dem Wege geräumt werden können. Da die Mandatkommission keine endgültige Stellung zu dem Vorschläge der britischen Regierung genommen, sondern nur auf die Entscheidung des Völkerbundrates verwiesen hat, so möchten wir immer noch die Hoffnung hegen, daß dieser der Anregung der Mandatarmacht kurzerhand Folge leisten möge, ohne jedoch für die Erledigung dieser dringlichen Angelegenheit etwa bis zur Erstattung des Berichtes der Untersuchungsksmmission zu warten. Bis dahin kann die Lage bis zur Hoffnungslosigkeit zugespitzt und die Bildung einer gemeinsamen- Kommission von Arabern und Juden überhaupt unmöglich geworden fein. Wir sagen also: In diesem Zusammenhang möchten wir auf eine interessante Aeußerung Hinweisen, die im Jerusalmeer „Kol Jisroel" vorliegt und die endlich Gedankengängen und Stimmungen offenen Ausdruck verleiht, die seit Monaten in führenden Kreisen -des palästinensischen Judentums vorchanden sind. Es heißt da wie folgt: „In weiteren Kreisen greift die Anschauung Platz, daß man p r a k t i s ch d a v 0 w a b - s ehen sollte, die K 0 t h e l Maarowi überhaupt noch z u b e s u ch e n. Für diese Auffassung sprechen zwei Momente. Erstens wird man durch Fernhaltung von der Kothel Maarowi der systematischen Hetzarbeit des obersten muselmanischen Rates und der arabischen Exekutive den Gegenstand entziehen. Der Schwerpunkt dieser Hetzarbeit liegt auf religiösem Gebiete. Den primitiven, phantasiebegabten Elementen des arabischen Volkes schwebt noch heute der Sieg ihres Glaubens kraft der Schärfe des Schwertes vor; die geringste Andeutung von angeblichen Eroberungsabsichten der Juden auf die Omar-Mofchee, wie sie offenbar durch den Mufti und seinen Kreis hinausgetragen worden sind, regen diese Volksschichten bis auf den Grund der Seele auf. Nimmt man dieser aus Lügen und Entstellungen zusammengesetzten Hetzarbeit die Grundlage weg, so ist damit ein großer Schritt vorwärts getan. Das jüdische Volk, das sein Land aufbauen will, wünscht keinerlei; religiöse oder rassische Reibungen mit den Arabern. Es will nichts weiter als Trümmer aufbauen, Wüsten in Wohnstättenumwandeln, und eine gesunde wirtschaftliche Tätigkeit entfalten. Wennmitten in diese Bestrebungen der unglückliche Zufall an derheiligen Mauer sich ereignete und die Hetzapostel diesen Zwischenfall leider benutzen konnten, um die Leidenschaften bis zur Siedehitze zu schüren, so sollten diejenigen, denen es mit dem Aufbau des Landes ernst ist bestimmt durch die jüdische Aufgabe, die überall die gleiche ist oder wieder angestrebt wird. Es ist selbstverständlich, daß mir zur Beobachtung nur jener Kreis jüdischer Menschen zur Verfügung stand, mit denen mich meine Aufgabe, der Zweck meiner Reise in Verbindung brachte. Das ist in Litauen und Lettland! der engere Kreis der Gesinnungsgenossen, in Estland und Finnland hingegen! die ganze jüdische Bevölkerung, im Vortragssaal, in der Synagoge, im Em»n ira und in den einzelnen Häusern, Wenn ich schlagwortartig — nur zur schnellst, den Arabern klar erklären, daß niemand 'leren Verdeutlichung der Situation und ohne dadaran denkt, an die Grenzen der heiligen mit mehr wie den oberflächlichen Eindruck des -eiligen Reisenden wiedergegeben zu haben — die Jüdischkeit bezw. die Geistigkeit in den verschiedenen Ländern umschreiben sollte, dann würde ich sagen: die gesinnungsgenössische Judenheit Lettlands repräsentiert ungefähr unseren deutschen Stätten der Moslemiten auch nur anzurühren. Erft beides zusammen, die völlige Fernhaltung von der Kothel Maarowi und eine öffentliche Erklärung dieses Inhaltes wirdwenn nicht auf die Hetzer selbst, so doch auf die moslemitischen Kreise in Syrien, Mesopotamien, A e g y pt e n und Indien einen stark beruhigenden Einfluß ausüben. Je gründlicher dieser Stein des Anstoßes enffernt wird, desto stärker kann die Politik der Mandatarmacht im Lande geführt werden. Ferner wird auch durch die Fernhaltung von der Mauer jeder Zwischenfall verhindert und es bedarf wohl keines Hinweises, daß jeder kleine zufällige Zwischenfall solcher Art das Feuer des Haffes wieder lichterloh aufflammen lasten kann. Man hat dannauch nicht nötig, sich mit der Regierung über den berühmten Status quo zu unterhalten-, ein Schlagwort, das lediglich geeignet ist, die rechtlichen Ansprüche der Juden zu schädigen und zu neuen Auseinandersetzungen mit den Arabern Anlaß zu geben." Wenn auch die Schriftleituin'g des „Kol Jisroel in einer Fußnote erklärt, daß sie mit den Ansichten des Artikelschreibers nicht übereinstimme, so halten wir sie doch für sehr beachtenswert. Wir begreifen, daß man in diesem Augenblick jeden Anschein der Schwäche vermeiden will und bei den Arabern nicht die Vorstellung erwecken darf, daß Mord und Totschlag Erfolg verheißende Mittel des politischen Kampfes feien. Aber um diese gefährliche Vorstellung zu beseitigen', gibt es u. E. andere vorzügliche Mittel, sobald nur die Mandatarmacht gewillt und in der Lage ist, ohne Seitenblicke nach Aegypten und Indien von diesen Mitteln Gebrauch zu machen. Mindestens könnte ehre praktische Ausschaltung der Kothel Maarowi aus dem politischen Kampfe erwogen werden bis zum Zusammentritt einer vom Völkerbund einzusetzenden Verftändigungskommifsion. Den jüdischen Rechtsansprüchen wäre damit nicht das Mindeste vergeben. günf-Länderfahrt. Von Wolf S. Jacobson in Hamburg. Niemals noch bei meinen Fahrten für Agudas Jisroel oder Keren Hatauro ist mir die bunte Vielfalt, die die jüdischen Kibuzim in geistiger und seelischer Beziehung darstellen, so zum Bewußtsein gekommen, wie dieses Mal, wo ich in schneller Fahrt durch fünf Länder — Deutschland, Litauen, Lettland, Estland und Finnland — fuhr. Nietnals.aber auch habe ich so deutlich wie -dieses Mal gespürt, daß diese äußeren Unterschiede nur verschiedene Formen sind, hinter denen sich gleicher oder doch ähnlicher Inhalt verbirgt. Die äußeren Formen sind beeinflußt durch das Milieu, das überall verschieden, der Inhalt j dieser Gemeinde, pH ITT Dy nun — Typ, mir mit einem starken Einschlag chaffMschen Wesens, wodurch dort die ganze Jüdischkeit etwas mehr verinnerlicht und inniger erscheint als die bei uns in Deutschland. Die Judenheit Estlands und Finnlands ist durchaus nationaljüdisch eingestellt, eine Einstellung, die sich jedoch keineswegs gegen Leute „unseres Glaubens" so feindselig äußert wie etwa bei uns. Der litauische Typ ist bei uns bekannt, auf Einzelnes komme ich noch zurück. Ueber Lettland habe ich bei früherer Gelegenheit schon berichtet, so folge heute eine kurze Schilderung der anderen Länder. - Estland. Mein Aufenthalt dort war nur kurz, mein Bericht stützt sich daher zu einem Telle auf die Mitteilungen des Revaler Raw, der den Lesern des „Israelit" ja aus seinen zahlreichen Aufsätzen gut bekannt ist: Rabbiner Dr. A. Gomer. In seinem gastfreundlichen Hause — die Gattin ist eine Tochter des Rigaer Raw— macht alles Station, was als oder sonstwie nach Finnland fährt. Die Mentalität der jüdischen Menschen hier wird am besten durch die Taffache illustriert, daß die schärfsten Gegner feiner erst von dreiviertel Jahren erfolgten Wahl — Zionisten, die den Agudisten Gomer ablehnten — ihm heute die treueste Gefolgschaft leisten, nicht nur, weil sie gesehen haben, daß die Agudisten keine direkten Menschenfresser sind, sondern auch — und vor allem — weil ihre Seele einfach nach Jüdischkeit dürstet. Dieser starke Drang, der sich m. C. nur deshalb zum Teil zionistisch auswirkt, well eine andere Betätigungsform dank unserem Versagen sich nicht bot, läßt sich dadurch erklären, daß der Kern« der hiesigen Gemeinden, alle ziemlich jungen Datums, aus jenen „Kantonisten" bestand, denen Nikolaus I. nach 25jähriger Militärdienftzeit Wohnrecht in diesen sonst den Juden verschlossenen Rayons gewährte. Wer 25, 30 und mehr Jahre — manches Mal mit 6 Jahren schon wurden die kleinen Juden durch die sogenannten „Chapper" von der Strohe weggestohlen, in entfernte Gegenden verschleppt, bei Bauern aufgezogen und dann zu 25jährigem Dienen ins Heer eingereiht — wer ein halbes, ein ganzes Menschenleben seinem Judentum die Treue gehalten, der hat auch seinen Kindern von diesem ffsjn rrroa vererbt, und es lebt in ihnen, ob sie es wissen oder nicht. So hat der junge Raw in seiner seit Jahrzehnten ohne Raw gewesenen Gemeinde eine ö"W -Chewra einrichten können, die einen täglicher! Besuch von 50—60 Hörern aufweist, so eine umfassende nrown. Und es spricht für den Geist die in ihrer überwiegenden

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