Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1929)
- Date
- 1929-12-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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fiST Der Jsraelit V» Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Wärlyrergefchichte nach Wilnaer Akten. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). Es kamen Polen, Juden, Litauer, Allerweltmenschen, Vaganten, Komödianten, Abenteurer, Flüchtlinge, Missionare, Agenten, verkrachte Politiker, abgedankte Minister. Sie lachten über das sonderbare Polnisch des Wirtes und der roten Beilke. Aber sie kamen wieder. Der Tee war gut und billig, und hier in der Judenbude suchte sie kein Auge des Gesetzes. Menachem Leib war Inhaber eines Klubs, in dem neben kleinen zweifelhaften Geschäften große politische Pläne geschmiedet wurden, und er wußte es nicht. Hier traute keiner keinem und die Gespräche paßten in ihrem Flüstern gut zu dem ewigen Gesumme des Samowars. Jeder konnte ein Baron oder ein Spion oder beides zugleich sein. Hinter der Theke sah aber Menachem Leib, der Herr des Ganzen, schenkte' Tee ein, gab karge Antwort und lernte aus der alten Gmoro. Paris hatte er gar nicht zur Kenntnis genommen, so wenig wie ehemals Wison. Valentin Potocki hatte sich in den Kopf gesetzt, diese Festung aus Granit, die Mauer aus Stolz und Unnahbarkeit zu nehmen. Wäre er, wie die anderen, mit dem vorgestreckten Glase an ihn herangekommen, Menachem Leib hätte es gefüllt, das Geldstück in den Tischkasten geworfen!, ohne ihm einen Blick und ein Wort zu widmen. Valentin Potocki kam aber mit dem Buche und das war etwas anderes, war eines Aufblickens wert. Erft jetzf sah Valentin, daß der Mann gute graue Augen unter buschigen Wimpern hatte, die wohl durch das viele Lesen gerötet waren und nervös zuckten, und eine breite Denkerstirn, die an Wilna und seine Judentypen erinnerte. Ein kleines hebräisches Buch, und Menachem Leib sah voller Staunen auf. „Seid Ihr Jude?" „Jude nicht, aber Hebräer", lachte Valentin. Das verstand der alte Jude nicht, und Valentin erklärte: * „Wir lernen auf dem Priesterseminar Hebräisch und die Bibel im Urtextes Ist riesig schwer für einen Christenschädel. Wollt Ihr mir nicht dabei behilflich seiti?" i, . Mit einem Pichtjuden Thora lernen? Menachem Leib überlegte. Sie verstehen es zumeist nicht und vieles ganz anders. Es ist schon mancherlei Uebel daraus entstanden . .... Aber der junge Mann hatte klaren Blick und flößte Vertrauen ein. „Wer seid Ihr und wo kommt Ihr her?" fragte er. „Ein armer, fahrender Scholast, aus Wilna.". „Wilna", wiederholte der Alte mit einer Inbrunst, mit der man ein ganz liebes und heiliges Wort in den Mund nimmt. „Wilna, ach die Stadt der Weisen und Schriftgelehrteni, die Stadt des Gaon!" Menachem Leib erhob sich leicht vom Sitze, als er den Namen des Gaon nannte.^ „Ihr meint, Rabbi Elie?" „Ihr kennt auch ihn?" ■ - „Wir waren vor der Abreise bei, ihm"und er sprach mit uns; eine Stunde läng." Menachem Lejb stand auf, sein Gesicht glühte, wie die dünne Flamme' cküs dem Kaminrohre des surrenden Samowars. Solches Glück war einem beschieden, der nicht einmal Jude war und ihm, Menachem Leib, war es noch nicht gegönnt, ins heilige Antlitz zu schauen. Er saß in einer Stadt der leuchtenden Fassaden hinter einer Theke und schentte Tee aus, hörte polnische und sranzösische Worte, indes dort ... Er nahm Valentin und dessen Freund ins Hintergemach hinein. Wie durfte man im Angesichte und vor den Ohren dieser Menschen, die da mit ihren Gläsern und Würfeln herumsaßen, vom Wilnaer Rabbi Elie sprechen? . . . Sie erzählten und erzählten, und so viel sie auch zu berichten wußten, Menachem Leib war nicht befriedigt. Und wenn sie die eine und andere Aeußerung nicht mehr im Gedächtnis und Einzelnes nicht mehr wußten, sprang Menachem Leib auf und lief erregt hin und her. Der ganze Mann brannte wie von einer inneren Flamme erfaßt. Was heißt das? Menschen haben das unerhörte Glück, Rabbi Elie zu sehen und zu hören, und merken sich nicht genau jede Silbe, prägen sich nicht für alle Zeiten jeden Zug, jede Geste, jede Bewegung ein?! Von diesem Abend datierte die enge Verbundenheit zwischen den beiden Scholasten und dem polnischen Juden. An diesem Abend lernten aber Valentin Potocki und Boris Sarembo Rabbi Elie und in ihm das Volk der Juden erst richtig kennen. So waren sie, das war ihre Lehre, die von Wilna bis Paris, vom Heiligen in der einsamen Klause bis zum Schenkwirt hinter der Theke, ja, von ihrem Abraham und Moses bis zu ihren Elies und Menachem Leibs reichte. V. Abend für Abend saßen sie zu dritt am Oellichte im kleinen Zimmerchen beim Studium der hebräischen Texte. Ein seltsamer Lehrer war dieser alte Jude aus Polen. Kam man ihm mit der auf dem Seminar so mühsam erworbenen grammatikalischen Weisheit und etymologischen Feststellungen, saß er still und verständnislos da und starrte sie mit grauen, kalten Augen an, als wollten sie feststellen und ihm erzählen, daß er lebe und warum und wieso er lebe. Ob das Wort diese oder jene Form hatte, dieser oder jener Sprachwurzel angehörte, was kümmerte es ihn? Es war da und lebte in ihm wie seine Seele. Ging es an den inneren und innersten Sinn, dann lebte er auf und leuchtete sein Gesicht, dann ergossen sich geheime Quellen, in ihm war selber ein Stück der Materie, die sie behandelten. Er lernte nicht und lehrte nicht die Schrift, er lebte sie, wenn er sie in allen Spielarten auslegte., er stand nicht, wie die Herren Theologen und Magister auf dem Katheder, über und neben ihr, er leibte und lebte in ihr. Der ganze Körper kam in Wallung, das hagere Gesicht glühte wie gelbe /Blätter in der Herbstsonne. Solche Beziehung eiUes Menschen zu einem Gegenstände, gar zum Buche, hatten die jungen Leute, die gewiß viele Menschen und Bücher kannten, noch nicht erlebt. Das war der Text^.unter den Buchstaben die Vokale, die die Leseart bestimmten, und oben die Tonzeichen, die die Singweise angaben. Und das alles sprach und sang von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrtausend zu Jahrtausend, vom Tage an, da der Sinai in der Wüste rauchte, ja, vom Tage an, da Gott seine Welt erschuf. „Bereschith! Wegen des Refchith — das ist die heilige Lehre — erschuf Gott Himmel und Erde . . ." „Wer. sagt Euch das alles?" „Wer? Der heilige Talmud, der Midrasch, und Raschi unten gibt , es wieder, so höret doch . . ." Also, was sich da uHen in krauser, kleiner Schrift ohne Punktation zusammenballte, war Raschi. Er hätte es mit seiner Schreibart und Ausdrucksweise armen jungen Theologie-Scholasten wahrlich etwas leichter machen können. „Dieser Salomo Jzchaki lebte um Tausend herum, ungefähr zur Zeit der K i r ch e n v ä t e r, die die Schrift ebenfalls, aber auf ihre Weise deuteten," wußte Valentin aus Geschichtsbüchern zu melden. „Es war ungefähr um die Zeit des Gottfried v. Bouillon, dem heiligen Kreuzträger. Wird dem Jzchaki kein angenehmer Zeitgenosse gewesen sein," suchte Sarembo die schwere Geisteskost mit einem Scherzwort zu würzen. Diese Herrschaften kannte Menachem Leib überhaupt nicht. Was hatten sie mit Chumisch und Raschi zu tun? „Ihr wißt, Meister, — sie nannten ihn nur Meister — es ist damals viel Judenblut in den Rhein geflossen?" Ja, das wußte er, es stand ja manches davon in den S l i ch a u s und Trauergebeten des neunten A w. Die waren für Fasttage bestimmt. Was hatte das mit Raschi zu tun? „Wenn man lernt, lernt man", entschied Menachem Leib gegen den Ablenkungsversuch. „Und das da an der Seite, in kleiner quadrater Schrift, mit Vokalen?" „Das ist Targum Onkelos, die wörtliche aramäische Uebersetzung von Onkelos, dem Ger Onkelos?" Von ihm stand was im Talmud. Das lohnte sich schon eher, zu erzählen. „Onkelos — oder hieß er Akilas? Wer kanns wissen? Es waren damals deren so viele, die von Rom und Griechenland zum Judentum kamen. Also, sagen wir, Akilas war vom höchsten römischen Adel, Graf oder Fürst oder noch mehr. Sein Oheim war der römische Kaiser Hadrian. Und dieser sprach: „Akilas, Du siehst abgehärmt aus, was drückt Dich?" „Ich will in die Welt hinaus, mich umsehen und in Geschäften umtun." „So gehe in die Welt," willigte der Kaiser ein, „und nimm meinen Rat mit: Ist eine Ware ganz tief im Werte gesunken, so erwirb Dir recht viel von ihr, sie wird steigen." „Und was tut unser Akilas? Geht, wie er darußen ist, ins jüdische Lehrhaus, lernt das Gesetz, übersetzt die heilige Schrift und kommt als jüdischer Weise nach Rom zurück." „Und was sagt -der kaiserliche Oheim dazu?" fragten beide, ganz gebannt von der eigenen primitiven Art, in der Menachem Leib erzählte; als handelte es sich um sein ureigenes Erlebnis von gestern. „Hadrian? Der machte Augen. „Was hast Du eingekauft, wo ist Deine Ware?" forschte er. „Die trage ich in mir," sagte Akilas, „es ist die göttliche Thora der Juden, bin Jude und halte zum Gesetze." Und wie Hadrian schreit und tobt, sagt der Neffe in aller Seelenruhe: „Hast Du nicht selbst geraten, das zu erwerben, was tief zu Boden liegt? Wer und was wird heute so tief zu Boden gedrückt, wie das Volk der Juden und feine heilige Lehre? Ich habe sie erworben, sie steigt hoch nach oben und ich mit." (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. Moses, unser Lehrer. Von Edmond Fleg?) Von dem Tag an, da Gottes Gegenwart hermederstieg, um in der Stiftshütte zu wohnen, war die Art, tn der das Wort des Herrn an den Propheten erging, *) Aus dem kürzlich erschienenen Werk: Mose, von Edmond Flog, Verlag P!per & Co., München.