Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1929)
- Date
- 1929-12-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14. Nr. 49 Der Israelit 5. Dezember 1929 wieder auseinanderspritzt, wie Splitter vom Steine, wenn der Hammer darauf schmettert... In Erinnerung hatte er eine Grenze, wo Soldaten auf sie schossen, Länder und Städte, in denen die Pflastersteine unter jedem Schritte schrieen: „Heraus mit euch!" Dann waren sie nach langer, langer Wanderung auf einmal in Paris. Gott verläßt die Seinen nicht. Ueberall Juden, überall Schul und Lehrhaus. Wer war es, der ihm zuerst den Rat und Geld gab, ein kleines Teehaus und eine Schankwirtschaft aufzumachen? Beile, die die ganze Wanderschaft wie ein niieversagender Feldherr geleitet und überall wie aus dem Felsen Brot und Wasser zauberte, griff das Wort „Schankwirtschaft" wie der Ertrinkende einen Anker auf. Ein dampfender Samowar und ein paar Likörflaschen standen bald nahe genug an der offenen Türe, daß sie jeder Vorübergehende sehen, riechen und hören mußte. Am Fenster in großer polmscher und jüdischer Schrift: „Polnisches Teehaus". „Hier wird Polnisch gesprochen!" Das wirkte Wunder. (Fortsetzung folgt.) «Der Sempener". Lin Ausschnitt aus dem Leben des TNalbim. Im Jahre 1844 wurde Malbim, mit Namen Meier Leibuch ben Jechiel Michel, bis dahin Rabbiner in Wrefchen, zum Rabbiner von Kempen mit 138 Stimmen gegen 106 Stimmen, die auf feiner« Gegenkandidaten', Rabbi Jakob Simcho Rehfisch, fielen, gewählt. Eine Reformpartei, die damals schon, von Berlin genährt, ihr Unwesen in der Provinz Posen trieb, schlug Lärm. Kannte man doch die Unentwegtheit dieses Gaon und großen Bibelforschers im Kampfe gegen alles, was gegen die Tradition verstieß. Am meisten fürchteten die „Gebildeten" seine profane Bildung, die dazu angetan wäre, ihre ganze Aufklärungsarbeit lahmzulegen. Rach alten Mustern arbeiteten sie mit Verleumdung und elender Angeberei. In einem Protestschreiben an das Ministerium gegen die Wahl wurde behauptet, daß Malbim ein Finsterling sei und die Juden mit Kaftan und Cheder zurück ins Ghetto führen will, undalle, auch von der Regierung propagierte Bildungsarbeit illusorisch machen würden. Außerdem, sagten sie, sei er ein Ausländer, lein „Litwak" und habe überall mit. seinen unversöhnlichen Reden Bildung verhindert und Zwietracht gesät. Zuletzt behaupteten sie noch, daß bei den Wahlen Unkorrektheiten vorgekommen wären und allerlei Machenschaften mitgewirkt hätten, die schon allein genügten, die Wahl zu annullieren. In einem zweiten Schreiben hielten sie dem neuen Rabbiner vor, daß er die deutsche Sprache nicht beherrsche und zu viel Gehalt verlange, wiewohl er sich ein ansehnliches Vermögen angeheiratet hätte. 28 Gemeindemitglieder, vornehmlich aus der Familie H e n s ch e l, unterschrieben diese Briefe. Diese Proteste führten dazu, daß sich der Amtsantritt verzögerte. Auch die andere Partei ruhte nicht. Es gelang ihr, die unlauteren Absichten der „Aufgeklärten" nachzuweisen, so daß endlich Malbim sein Ratüinat antreten konnte. Kaum hatte Malbim seine Wirksamkeit begonnen, als schon wieder ein Protestschreiben der Gruppe Henschel an die Regierung gelangte, mit der Anklage gegen den Rabbi, er habe erstens sein Versprechen, die deutsche Sprache zu erlernen, nicht eingehalten. Sodann agitiere er in feinen Predigten gegen den Schulzwang. Bei der Geburtstagsfeier des preußischen Königs habe er von der Kanzel herab so gesprochen, daß die anwesenden Regierungsbeamten kaum ein Wort davon verstanden/. Das Ministerium beschloß, eine Untersuchung einzuleiten. Auf Grund dieser Untersuchung erstattete die Posener Regierung einen Bericht nach Berlin. Es wüte ein heftiger Kulturkampf zwischen den beiden Parteien in dieser zweitgrößten Gemeinde der Provinz Posen, heißt es im Berichte. Ueber Malbim habe'die Untersuchungskommission festgestellt, daß er ein fanatischer Feind der Bildung sei. Die Regierung aber habe Interesse daran, die Juden mittels der modernen Schule aus dem Mittelalter mit seinen Bräuchen und Gesetzen in die Kultur einzuführen. Man könne aber andererseits dem Rabbi nichts anhaben, da er klug genug sei, den Kampf gegen die Schulen nicht öffentlich zu führen, sondern mehr in der Form einer passiven Resistenz. Und außerdem müsse bemerkt werden, daß Malbim mit großem Eifer die deutsche Sprache lerne. Die Ausstreuungen über die Rede an der Geburtstagsfeier des Königs rühren von gegnerischer Seite her, der man nicht glauben kann. Auf diese Weise gelang es der Gegenpartei doch nicht, die Bestätigung Malbims zu Hintertreiben. Ein zweiter Versuch im Jahre 1846 mißglückte wiederum. Malbim konnte bei all den Schwierigkeiten, die ihm die gefährlichen Gegner bereiteten, in seiner Kempener Zeit seinen Kommentar z u g a n z T a n a ch fertigstellen. Früher schon hatte er in Breslau sein Werk nun» zu Schulchan Aruch herausgegeben. Der Bibelkommentar des Malbim hatte einen gewaltigen Eindruck auf die gesamte jüdische Welt gemacht, der heute noch frisch ist. Er nimmt darin bewußt Stellung gegen die Kurpfuscher der Reform, die den Zusammenhang von schriftlicher und mündlicher Lehre ableugnen. In der Einleitung äußert er sich scharf über die Männer, die sich a-ism omi nennen und in Braunschweig zusammentraten, Edelpflanzen im jüdischen Garten, zu zertreten. „In diesen Tagen nahm ich mir zu Herzen, daß es an der Zeit sei, für Gott, die schriftliche und mündliche Lehre zu wirken." Fünfzehn Jahre wirkte er in Kempen, von wo er dann nach Bukarest berufen wurde. Seine Leiden und Kämpfe in Bukarest sind bekannt. Im Jahre 1878 starb Malbim auf dem Wege nach Krementschug, wohin er ehrenhalber Berufung erhielt, in Kiew und kam dort zur ewigen Ruhe. Ei« Werk jüdischer Nächstenliebe in den Bergen. Leysin liegt 1400 m ü. M. in den Waadchländer Alpen, an hinein nach Süden Gerichteten., äußerst sonnigen und gegen Nordwinde geschützten. B/ergo/bhang. Man genießt von Leysin aus eine herrliche Aussicht auf das Rhon-etal, und auf die benachbarten Pergspitzen. Dieser Höhenkurort besitzt demnach ein gesundes Klima, und wirken folgende Faktoren besonders günstig auf die Gesundheit. Zunächst durch die Trockenheit und Reinheit der Luft. Sodann. auch durch seine fonnenueiche Lage, die Leysin nicht nur zur Behandlung der Lungenkrankheiten, sondern auch für alle Arten der Knochentuberkulose geeignet macht. Diese Behandlungsart der Besonnung der erkrankten Stellen verdanken wir in erster Linie dem hervorragenden Arzte Prof. Dr. A. Rollter, dessen wachsender Rus im Lause der Jahre immer mehr Kranke nach Leysin zog. Die Tuberkulose, die unter allen Schichten der Menschheit wütet, hat leider auch einen großen Teil unserer jüdischen Brüder und Schwestern ersaßt. So dürsten sich seit einigen Jahren^ wohl ständig auch Juden eingefunden haben, um in dem gesunden Klima von Leysin Genesung tfyrer kranken Glieder zu suchen. Durch den Umstand, daß eine jüdische Klinik fehlte, und' bte Juden deshalb zerstreut in den verschiedenen nichtjüÄischen Kliniken für Jahre ans Bell gefesselt waren, kam.es bis vor ca. 3 Jahren Nie zu einem Kontakt unter den Kranken. viel weniger konnte sich ein jüdisches Leben entwickeln. So kam es, daß mancher Kranke, der vielleicht zu Hause nicht aus den vier Ellen der Halacha trat, dessen Leben stets erfüllt war von Tauroh und jüdischer Geistesbildung, sich nun plötzlich in eine ihm wesensfremde Abnosphäre versetzt sah. deren Sprache und Sitten ihm fremd und deren Kultur ihm unbekannt waren. Gelang es jetzt dem Erwachsenen, der mit dien jüdischen Geistesgütern und der Tradition innig verbunden war. sich dem mchtjüdischen Einfluß mit Erfolg zu entziehsn, so bestand bei dem in der Entwicklung stehenden jüdischen' Kind, das unn den: hütenden Auge seiner Eltern. und Lehrer für Jahre entzogen wurde, ständig die nicht zu unterschätzende Gefahr, die jüdischen Lehren und Gebräuche zu vergessen und sich so seinem Gotte und Volke zu fremden. Sc gesellten sich zu den gewiß schweren physische'! Leiden noch seelische Qualen. Man vergegenwärtige sin, einmal die geistige Verfassung eines Juden., der fern von seiner Heimat, seiner ihm teuren Familie entrissen, gezwungen ist, trese zu essen, kurz, auf alles zu verzichten, was einem Juden teuer und heilig ist. Den eigentlichen Auftakt zur ersten Besserung der Lage verdanken wir Herrn E. Pecker, selbst Patient, der den Verein „Ahatvas Achim" gegründet 'hat, mit dem Ziel, die Patienten wenigstens mit jüdischer Literatur zu versehen. Frau Botschko aus dem benachbarten Montreux, deren Herz schon immer warm für die Leidenden schlug, besuchte zu dieser Zeit oft die Leysine/r Patienten. So wurde sie bald Zeuge der hier herrschenden körperlichen, geistigen und auch matertellen Nöte dieser Armen. Nachdem sie zunächst eine längere Zeit aus privatem Wege für die unbemittelten,. Glaubensgenossen wiederholt Gelder aufgebracht, die allein oft die Durchführung der Kur ermöglichten, ries sie dann vor einigen Jahren den Verein Pro Leysin ins Leben'. Die Einsichtigen sahen aber bald ein, daß die Arbeit einer Organisation nicht allein aus den Schultern einer Frau und einiger Helferinnen lasten durfte, denn 'diesen, war es im Laufe der Zeit trotz der großen Liebe und Aufopferung,, mit der die Damen am Werke waren, doch fite die Dauer nicht möglich, der sich immer steigernden Not Herr zu werden. Zu diesem Zwecke berief Frau B. in ihrer Eigenschaft als Präsidentin des Pro Leysin-KoMitees, einige Monate später eine Versammlung ein, .um m dieser Situation Rat zu schassen. So fanden sich denn auch ln Lausanne Vertreter jüdischer Gemeinden der französischen und deutschen Schweiz ein. Tatsächlich ist es dagelungen, einen, großen Teil der jüdischen Gemeinden für dieses Werk der jüdischen Nächstenliebe zu gewinnen, der ganzen. Angelegenheit eine breitere Plattform zu geben und die gesamte Schweizer Judenheit für die Ziele 'des Pro Leysm-Komiitees zu interessieren. Unter der vorbildlichen Führung, seines heutigen Präsidenten, Herrn' Brunfchwig. Lausanne, der Mit der ihm eigenen echtjüdischen Begeisterung unter Zurücksetzung seiner eigenen Interessen für die Leystn-Jdee arbeitete, erfuhr der Verein einen solchen Aufschwung,, daß heute ca. 25 Kranken eine monatliche Unterstützung und einigen die gesamten Kurkofken gewährt werden können. Aus den Hauptloistungen des Komitees soll u. a. erwähnt werden, daß anläßlich der verschiedenen jüdischen Feiertage, hier eine koschere Küche errichtet wurde, und von hier aus die Juden in den Kliniken mit Kofchsrspsistn versorgt wurden, was für diese einen Lichtpunkt in ihrem sonst betrübten Leben bildete. Leider war der Verein Pro Leysin vor einigen Monaten finanziell noch nicht so gestärkt, daß er an die Gründung einer eigenen jüdischen Klinik schreiten durfte, so arbeitete Frau Botschko, die mittterwetle den jüdischen Glaubensgenossen eine sorgende Mutter wurde, mit nie vers.agender Energie daran, wenigstens einen Privatinteressentsn zu finden', der eine jüdische koschere Klinik eröffne. In der Tat ist es ihr gelungen, in der. Person der Frau Eisenberg, eine mit dem Ktinkbetrieb vertraute Person zu finden, die nun in einem neurenovterten Haus eine erstklassig geführte, streng koschere Klinik eröffnet har. Dadurch -ist dem schon ,lange .empfundenen Mangel einer jüdischen. Klinik abgeholfen, denn das Bewußtsein, in einer fremden Atmosphäre zu leben und nicht koscher verpflegt zu werden, führte bei. manchem orthodoxen Kranken zu seelischen Depressionen und behinderte .oft den Heilungsprozeß. So strömen nun heute die- .ersten Patienten' dem ersten neuerstandenen jüdischen Hause in'Leysin in tiefer Dankbarkeit zu, in der festen Hoffnung, m. G, H. unter einem jüdischen- Dache schneller die ersehnte Heilung von oben zu finden.. M. K. (Trauring). Bon rabbinischer Seite wird uns geschrieben: Es greift die Sitte um sich, daß der Bräutigam der Braut bereits bei der Verlobung einen goldenen Ring aushändigt und häufig werden dann diese Ringe, ob von der Braut getragen oder nicht, vor der Trauunng dem Bräutigam wieder zurückgegeben, um mit ihnen die Trauung zu vollziehen. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß wegen der daraus wachsenden Gefahren es das Richtigste ist, sich dieser Sitte nicht anzuschlietzen, jedenfalls aber nicht diesen Ring noch einmal zur Trauung zu benutzen. Die religiöse Trauung hat nur dann Gültigkeit, wenn der Ring vorher völliges Eigentum des Mannes und erst jetzt Eigentum der Frau wird, während wenn er schon zur Verlobung geschenkt war, bereits vorher der Frau gehört und der Bräutigam ihr garnichte neues übergibt. Molliges Heim Nur durch einen guten Buderus-Datierbrandofen! diesen kaufen Sie besonders preiswert bei E. HAGE & Co. Am Eschenheimer Tor 3 i -»örtlich für ben allgemeinen Lei! und das Muillkt-n i F-chuchnoioitz» Frankfurt a. M.; Inserate i. B.r K.8chs.tfv- | n vMi L, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehren ‘> ÄLururann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Der! ' -ettl", Frankfurt s. M. — Druck Hrrmou Bett?.« I Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.