Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1929)
- Date
- 1929-12-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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BST Der Israelit %S V'J'm VS Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Mrtyrergeschichte nach^ Wilnaer Akten. Von S. Schachnomitz. (Fortsetzung). IV. Seit vierzehn Tagen war der junge Gras Valentin Potocki mit feinem älteren bürgerlichen Freund Boris Sarembo in Paris, undsie dankten Gott und dem kleinen Juden aus dem Städtchen samt dem Zwischenfall vor der Kathedrale, daß sie endlich die enge, dumpfe Gasse vor der Ostrabrama zu Wilna mit der großen freien, strählenden Stadt an der Seine vertauschen konnten. Was war das eine Welt voll Licht und Glanz! Wer konnte man, wenn man abends die Priestergewänder ablegte, sich Freuden und Genüssen hmgeben, von denen man in Wilna soviel Vorstellung hatte wie etwa die Kirche vom wahren Paradiese. Was es da alles zu schauen und zu hören gab! Man hatte hier bei diesem bunten Menschengewimmel auch nicht zu befürchten, von nachspürenden Aügen gesehen und erkannt zu werden. Valentin Potocki hatte mittels seiner Empfehlungen bald Zutritt zum höchsten Adel und zu den Salons der besten Gesellschaft, wo mit Perücke und Frack in Sprache und Gebaren genau die höfischen Manieren markiert wurden. Das war ein wenig lästig. Aber schließlich hatte man in den guten Häusern Polens eine kleine Uebung in französischen Allüren genossen. Sarembo, vom leichteren Blute des polnischen Kaufmanns, fügte sich unwillig. Der Freund hatte ihm glatthin den Adelstitel erteilt, und damit auch ihm die von keinem weiter nachkontrollierte Eintrittskarte für die große Gesellschaft gesichert. Tagsüber wurde auf dem Priesterseminar auch allerhand gelernt. Die Linie war hier, am Sitze der Kurie, weitere gezogen und das Leben hatte größeren Horizont. Man stand hier der Weltwiffenschaftdoch näher, als'im dunklen Polen, denn die Kirche hatte sich hier einer neu aufstrahlenden Well voll Licht und Aufklärung gegenüber zu behaupten und mußte mit den Waffen der Gegenseite umzugehen wissen. Sie hatte sich zunächst der plastischen Kunst bemächtigt, auch der. Musik, und den jungen Leuten erschlossen sich neue Welten. ' Potocki, vom schweren Blut des polnischen Hochadels gehÄntnt, blieb beschaulich und nachdenklich vor allem Neuen stehen und ging'Dingen nach, über die'sein Freund Sarembo wie im Fluge dahinglitt. Das brachte die Freunde noch mehr und enger zusammen. Sie ergänzten sich, konnten hier in der Fremde vor dev! neuen Dingen einander gar nicht mehr entbehren. Beide hatten auch ihre verschiedengearteten Sehnsüchte. Sarembo hatte nationale Aspirationen. Er gehörte in Polen jugendlichen Verbindungen an, die ihre Hand dem polnischen Freiheitsgedanken und der panpolmfchen Sache geboten hatten. Es fehlte ihm hier in der Verbannung der Anschluß und die nationale Betätigung. Valentin Potocki lagen nationale .Belange viel weniger. Die letzten Eindrücke in der Heimat 8'Nigen mit ihm über die Grenze und begleiteten ihn in die Träume. Der erschrockene Blick des bleichen Judenmädels, dem er Hilfe bot, hatte sich für alle Zeiten tief in feine Seele eingegraben. Er träumte von Rabbi Este und grübelte feinen Worten nach. Lft erwachte er morgens mit schwerem Kopf und mußte sich aus die Worte entsinnen, die ihm im Traume neu geworden waren. Sarembo lachte und sagte, im großen, schönen Paris fei kein Platz für alte Judenköpfe und verschimmelte jüdische Weisheit. Inzwischen konnte auch ihm nicht entgangen sein, daß sich auf der schmalen, schiefgepflasterten Gasse am Strome eine kleine Wirtschaft befand', in der Abend für Abend viele Polen zufammenkamen und in der in polnischer Sprache recht viel philosophiert, debattiert und politisiert wurde. Man sagte, daß dort polnische Grafen, Fürsten und Generäle, Emigranten, die in der Heimat unter dem russischen Adler ihren Kopf verwirkt hatten, in einfacher Bürger- und Arbeiterkleidung verkehrten und ihre Pläne ausarbeiteten: daß das kleine Häuschen feinie geheimen direkten Verbindungen mit Wilna und Warschau hätte; daß alles, was dort von polnischer Seitegegen den Russen unternommen wurde, hier in Paris in diesem kleinen Teehause, wie auf dem Präsentierbrett erst zurechtgelegt war. In diesem Teehause waren bald die beiden Priesterstudenten ständige Gäste. Hier traute einer dem andern nicht. Jeder hielt jeden für einen verkappten Grafen, General, oder Spion oder alles zusammen. Man sprach vorsichtig, flüsternd!, indem man sich ängstlich umsah, und sprach doch alles heraus, was man auf dem Herzen hatte. Landstreicher, Abenteurer und Vaganten machten sich die schwüle Luft zunutze undhatten es hier nicht schwer, eine Rolle zu spielen, die für einen Tag Geltung, auch Geld einbrachte. Während Sarembo bald seinen vollen Anteil an den politischen Gesprächen «der einzelnen Tische hatte, saß Graf Valentin reserviert und nachdenklich du und sein Interesse hatten weniger das Lokal, die Getränke, die Gäste undderen Gespräche, als vielmehr der bärtige Wirt, der <im Langrock und Käppchen über weißem Haare und gedrehten Schläfenlocken hinter der Theke, zumeist versonnen und summend, vor einem aufgeschlagenen langen Folianten faß. Nur hie und da, wenn seine massiver gebaute Frau, nach der Art polnischer Frauen in ein buntes Kopftuch bis . zur Nase eingehüllt, anderweitig beschäftigt war, sah er unwillig vom Buche auf und' reichte den Kunden, ohne' sie anzusehen, den Schnaps oder den Tee, den Käse oder die sauren Heringe. Das erhaltene Geld schien er kaum nachzuzählen. Er warf es rasch, als könnte es feine Hände verunreinigen, durch den kleinen Spalt in den Tischkasten und wandte, sich wieder seiner Lektüre zu.Aus von den Gästen, gestellte Fragen gab er keine, Antwort, auf derbe Späße ging er nicht ein. Sein Polnisch war gemischt mit hebräischen, jüdischen.und falschgebrauchten-'französischen Ausdrücken. Manche Redewendung erinnerte an die Wilnaer Judenstadt. Es war nicht leicht, an den Mann heranzukommen, und das hatte, seine guten Gründe. Äls Menachem Leib, so hieß der sonderbare Wirt, das polnische Städtchen Wison bei Grodno mit Frau und Kindern fluchtartig verließ — dieweil ihm Bauern die Fensterscheiben emschlugen und Federbetten aufschnitten, daß es mitten im Hochsommer weiße Flocken schneite, vergaß er nicht, seine Gmoro mitzunehmen. Warum taten sie es? Sicher stand der Grund in den Gmorobänden, die er alle mit sämtlichen Kommentaren noch nicht fertig ausgelernt hatte, drin. Zunächst hatte er die eine Antwort: G o l u s . . r: Aber was bedeutete für einen Lernenden eine Antwort? Aus der einen Antwort erwuchsen Dutzende neuer Fragen, deren jede geprüft, überlegt und erwogen sein mußte.' Paris blieb Menachem Leib so fremd wie das polnische Wison. Cr gehörte eigentlich in die Lehrhäuser von Wilna, in denen er auch von Kindheit auf die Bank drückte. Daß er später seine Schritte nach Wison lenkte, kam, so erinnerte er sich, daher, daß dort der Pächter und Schenker Joel ein Haus voll halbverbauerter Buben hatte, für die er einen Lehrer brauchte und sich Menachem Leib hinwiederum im Pächterhause für viele Hungerjahre an Brot und vielen anderen guten Dingen entschädigen konnte. Daß Joel auch eine rothaarige, mcmnsstarke Tochter hatte, die die Polen die „rote Beilke" nannten, hatte er zuerst gar nicht gemerkt. Er wurde eigentlich dessen erst richtig gewahr, da er mit ihr „unter der Chuppe" als der ihr angetrante Ehegatte stand . . . „Ewige Köst", hatte Joel versprochen, damit er nach wie vor im Nebenzimmer beim Lernen sitzen und gleich für ihn, den vielbeschäftigten und bis zum Halse in des Schenkerlebens tiefem Schlamme steckenden Joel, den Stuhl im „Ganeden" erlernen konnte. Ob es ganz reichte? Joel starb zu früh, vielleicht bevor der Stuhl oben ganz feststand, und unten war es mit der „ewigen Köst" aus. Oben vielleicht keine Seligkeit und unten ganz gewiß kein Brot. . . Menachem Leib sollte mit anpacken. Aber da zeigte sich die rote Beilke von einer neuen, ungeahnten Seite. Die Frau mit den festen Händen, die einen Bauern am Nacken packen konnten, und der rohen kreischenden Stimme, duldete nicht, daß sich ihr Mann, zu der Schenkbank und den Bauern erniedrige. Nein, dafür war er ihr denn doch zu gut. Das wollte sie lieber selber machen. Tag und Nacht wollte sie schuften, aber er bleibe bei der Gmoro. Höchstens im kleinen Lädchen bei der Schenke, wo eine Tonne Heringe, ein Zuckerhut und eine Blechkanne Erdöl der Kunden harrten, konnte er hinter der Theke stehen und bedienen. Hierher kamen zumeist nur die paar Juden des Ortes, und es war nicht so entwürdigend ... In der Schenkstube war für die Gmoro und Menachem Leib kein Platz. Hatte Menachem Leib Glück, so ließ sich den,. ganzen Tag hindurch kein Mensch blicken und er konnte ungestört bei der Gmoro bleiben ... Seine Frau, die stets geschäftige, abgehetzte und geifernde Beile, hatte kein Verständnis für solches Glück, nannte es Pech und ihn einen „Melamed", einen „tönernen Golem" üstd, was beinah so viel ist, „Schlimmasel". Aber was wußten Frauen von derlei Dingen? Sie hatte es auch nicht leicht in der Schenke, plagte sich mit den Kindern, die immer mehr wurden, und hatte -den Unterhalt für das gange Haus aufzubringen. Und wie sie ihn bei all dem ehrte, stolz auf ihn war, für ihn sorgte! ... V; ©o ging es ganz ordentlich und es wuchsen scharenweise Kinder heran-, teils rot und robust wie sie, teils schwarz und zart wie er. Und sie hätten heute nach Schänker und Krämer in Wison fein können. Da kamen sie eines Tages wie der Sturmwind, der weht und weiß nicht warum, aus den Dörfern ringsumher, schrieen und lärmten, sagten, er sei ein«. Betrüger, -ein Beutelschneider, dabei schnitten sie ihm die Decken und Kissen auf, tranken den ganzen Schnapsvorrat weg und schleppten die letzten Heringe und Zuckerhüte fort, schlugen die Fensterscheiben ein und deckten fast das Strohdach ganz ab. Daß es nicht auch an ihr Schädeldach ging, dankten sie den dunklen Baumgängen im Hofgarten des Gutsbesitzers, durch die sie ein gutes Herz von einem Holzknecht gegen gute Bezahlung nächtlicherweise rasch in Sicherheit führte. Das Schnapsfaß hatte das seine «dazu getan, daß die Gesellen in ihrer Bewegungsfreihelt gehemmt waren und in. der Verfolgung nicht allzuweit kamen. Der Schnaps hatte die Judenfamilie gerettet. Gottes Wege.sind' seltsam ... ,$ßie er da nach Paris kam, dies chronologisch zu erzählen, hätte Menachem Leib jetzt nicht vermocht. Die Dinge schoben sich ineinander, eines stand gegen das andere und flöß mit ihm zusammen. Wie eine schwere Abhandlung im Talmud, wo alles auf eines zuströmt und doch