Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1929-11-21 · Heft 47 (21.11.1929) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 47 (21.11.1929)
Date
1929-11-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450547-2450594--76487-2534066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 10 Nr. 47 Der Israelit 21. November 1929 Thorarolle Gomel gebenscht. Soll froh sein, daß er so davon gekommen ist. Die ganze Gemeinde wäre beinahe m Gefahr gekommen. Daß sich Gott chrer erbarme tmfo der Gemeinschaft Israels den Erlöser sende." „Wo ist aber der Mann mit seinem Kinde?" Der war natürlich längst nach seiner Heimat Jlie zurückgekehrt, erfuhren sie aus dem Munde der Leute. Er hatte übergenug von diesem Wilna, wo man in einer Straße, mitten in der Stadt, wie am Freitag im Gemeindebalde zu Jlija, mit „offenem Kopfe" herumgehen muß oder totgeschlagen wird . . . „Zemach, der Tabakmächer," sagte der witzige Fuhrmann, der öfters nach Jlija kam und dort Land und Leute kannte, „er Ed noch lange niesen, wenn er an Wilna denkt. O o wird er niesen! Soll ihm und uns allen „zu Gesund!" sein." „Rabbi Elte wird schon gewußt haben, warum er ihn schleunigst heimkehren ließ," warf Jemand von ungefähr ein. „Rabbi Elle? Ist das euer Rabbiner?" Ein Dutzend Augen ruhte mit Staunen, ja Argwohn auf dem fremden Jünglingen. Von welch entlegener Weltinsel kamen denn diese her, daß sie von Rabbi Elie nichts wußten? Man konnte wahrlich Mitleid mit diesen Menschen haben. „Könnt Ihr uns nicht zu Rabbi Elie führen?" sagte Valentin kurz entschlossen. „Was wollt Ihr bei Rabbi Elie?" erkundigter!! sich die Leute immer neugieriger. Sie waren im Stillen übereingekommen, daß es Juden waren, die von der modernen Sorte „Berliner", die Aufgeklärtesten aus dem Kreise Mosche Dessauers, wie sie öfters nach Wilna kamen und Einlaß beim Gaon nachsuchten. „Wird Euch nicht nützen, er läßt Euch nicht herein," sagte Demard und deutete nach den Schläfen und Beinen, als wollte er sagen: hier fehlt es. Rock zu kurz, von Schläfenlocken keine Spur und wollen zu Rabbi Elie! „Ein Ponim von Juden«," lachte ein Anderer zur Bekräftigung. „Was wollen d i e bei Rabbi Elie?" Das kleine Häuschen vor der Klaus am Thomasberge war nicht schwer zu finden. Sie traten in ein, Vorzimmer und trafen am offenen Kamin eine jüngere Frau, deren vom Feuer gerötetes Gesicht bis zur Stirne ganz bedeckt war. Sie sah von der Arbeit stumm auf undwies, da sie nach Rabbi Elie fragten, schweigend nach der anderen Türe. Weder ein Wort aus ihrem Munde noch ein Blick aus ihren Augen traf sie. (Fortsetzung folgt.) Die Angst vor dem Frieden. Von A. Mannheim« in Dettelbach. Man sollte es eigentlich kaum für möglich halten — und doch ist es so: man fürchtet den Frieden, so paradox es klrngt. Vernunftbegabte Menschen, die den grauenvollsten aller Kriege, die je die Welt gesehen, miterlebt und miterlitten haben, sind schon von neuem gewillt, zum Mordstahl zu greifen. Ja, die alte Bibel hat recht: des Menschen Herz ist böse von Jugend an. Wir aber fragen erstaunt: Wie konnte es möglich sein, daß nach dem schrecklichen Blutbad des Weltkrieges sich kühn wieder die Kriegshetzer hervorwcrgen konnten und frech in die Posaune des neuen Vslkerkampfes zu stoßen wagen? Ist so kurz, so gar kurz das menschliche Gedächtnis für ein Meer von Leiden, Tränen, Schmerzen, Verderben, Krankheit und Hunger und Tod? Für die Hölle auf Erden? Hinter uns liegt das sogenannte Volksbegehren. Es war im großen Ganzen nichts anderes als der gigantische Kampf der Kriegsfreunde mit der Friedensidee. Nichts anderes. Mag man die Sache noch so sehr zu verbrämen suchen mit der wohlvollenden Besorgnis um Deutschlands wirtschaftliche Zukunft, seine souveräne Stellung im Kreise der Nationen: Man kennt die um Hitler, Seldte, Hugenberg und Ludendorff sehr genau. Ihr Ziel ist ein frisch-fröhlicher Krieg, ein Nachekrieg, ein Befreiungskrieg. Die Anbahnung friedlicher internationaler Beziehungen, die Völkerverständigung ist ihnen ein Dorn im Auge. Erzberger und der Jude Rathenau mußten fallen. Stresemann, der sich für das, worum Rathenau gemordet wurde, den Nobelpreis des Friedens holte, war den patentierten Patrioten genau so verhaßt wie jene Märtyrer. Schon war Locarno unterschrieben, unterschrieben von Hindenburg; schon der Poungplan spruchreif geworden; schon die Räumung des Rheinlandes m Sicht; schon sogar ein Pan-Europa im Hintergründe aufgetaucht: da war es höchste Zeit, loszumars.hieren gegen den sich immer mehr konsolidierenden Friedensgsdanken. Es kam auf eine förmliche Ueberrumpelung an. Schlagwörter herbei! Sie dienen ja dazu, den Verstand totzuschlagen und der Friedenszeiger stan) fast auf zwölf. Was ist da zugkräftiger als die Fanfare vom Landesverrat? Stresemann und Genossen — zu denen logischerweise auch der Reichspräsident zählen mutzte — haben im Haag Landesverrat begangen, gehören vor den Staatsgerkchtshof. Man spielte den letzten Trumpf aus. Ein Hexensabbat brach los. Das Volk soll aufgerüttelt werden, im Volksbegehren „fein Schicksal selbst in die Hand nehmen." diesmal kommt die Republik mindestens ins Wanken. Monarchisten, Militaristen Deutschi'a'iouale, Nationalsozialisten. Stahlhelme: und Völkische in starker geschlossener Phalanx, werfen den „Traum" der Völkerverbrüderung über den Haufen, schwören allen Pazifisten den Untergang. Dem Volke wurde gruselig gemacht mit dem Poungplan, man malte Grau in Grau, Schwarz in Schwarz. Ein Pfälzer Rationalistenblatt forderte unverblümt den Rücktritt Hmdsnburgs und im politischen Kampfe sagte ein anderes völkisches Blatt ganz offen, daß man auch den Reichspräsidenten eventuell nicht von einer Verantwortung vor dem höchsten Gerichtshöfe ausschlietzen könne. Jetzt erst gingen dem deutschen Volke die Augen auf. Man erwog die inneren, namentlich aber außenpolitischen Gefahren. Die Regierung und die Parteien der Weimarer Verfassung traten aus der Reserve heraus, die Freunde der Republik traten auf den Kriegsschauplatz. Es galt, die falschen Vaterländischen als Vaterlandsrerderöer zu entlarven und niederzuschlagen, das sichere Unheil abzuwenden. Das Volksbegehren mutzte zu Fall gebracht werden. Es hat im Endentscheio, im Reichstag keinerlei Aussicht auf Erfolg. Es ist letzten Endes nur Demagogie. Sie haben Angst vor dem Frieden, jene monarchistischen Mililärkreise, und warum? Das soll hier kurz gesagt werden. Der Friede hat seinem innersten Wesen, seiner ganzen Natur nach starke und gesunde Kräfte i n sich, mächtige Bollwerke um sich: Religion und Moral, den gesunden Menschenverstand, die Logik, die Solidarität der Kulturmenschheit in Wissenschaft und Kunst, in allen Zweigen fortschrittlicher Betätigung, im ehernen Zwange des eng verflochtenen weltwirtschaftlichen Systems, das alle Nationen umspannt. Wahrlich trutzig-starke Burgen für jeden, der den Frieden bedrohen möchte. Das wissen die Friedensfeinde sehr wohl und fühlen es instinktiv heraus. Darum bleibt ihnen nichts anderes übrig, als auf die Urteilsunfähigkeit breiter Massen zu spekulieren, sich skrupellos an die niederen Instinkte zu wenden, nicht die blödesten Widersprüche und Widersinnigkeiten zu scheuen und auch vor dreisten Lügen nicht zurückzuschrecken. Um gleich etn drastiges Beispiel zu bieten. Beim Stahlhelmtag zu München, im Juni dieses Jahres, stellte dieser die Parole auf: Kreuz und Schwert. Unter diesem Zeichen sott der neue Aufstieg Deutschlands erfolgen. Das christlich-soziale „Neue Volk" und andere Blätter nahmen energisch Stellung gegen die blödsinnige Verquickung zweier Symbole, die sich wie Feuer und Wasser gegenüberstehen. Sind schließlich nicht auch die Franzosen, die Belgier, die Polen, die Italiener, die Spanier und Tschechen Christen? Haben nicht auch sie das Recht zur gleichen Devise, sodaß schließlich sich genau soviel Kreuze gegenüberständen als Schwerter? Wir Juden wissen, daß die Kirche, wenn sie hohe und beseligende Gedanken in das Wort Frieden legt, sie nur als Tochterrsligion des Judentums dies tut. Längst vor dem Worte vom „Frieden auf Erden" hatte schon ein Jesajas vom Abstumpfen der Spieße zu Rebenmessern, vom Umwandeln der Schwerter zu Pfugscharen gepredigt, vom Einstellen militärischer Uebungen. Und die alte Mischna im Traktat Sabbat meint: Waffen bilden keinesfalls einen Schmuck; sie zu tragen ist Schimpf und Schande. Die Friedensfemde wollen das Volk in der Nebelsphäre eines sich, spreizenden und überhebenden Militarismus erhalten. Und doch trägt letzterer den Todeskeim ins ich. Vergebens sucht er die Kirche oder überhaupt jeden ernsten Gottesglauben vor seinen Wagen zu spannen. Auch Hugenberg rief in den jüngsten Tagen nach einer christlichen Erziehung, nach einer christlichen Abwehrfront gegen den Marxismus, vulgo Judaismus. Vor allem müsse die Evangelische Kirche mehr als bisher eine „ecclesia militans" sein, natür» lich in Hugenbergs Sinne. Man versteht solche Unkenrufe. So lange noch positiver Glaube besteht, hat man Angst vor dem Frieden. Hugenberg wendet sich in seinem Aufruf scheint's nicht gern an die katholischen Kreise. Ihm scheint noch im Gedächtnis zu sein, was vor zwei Jahren im „Friedenskämpfer", dem Organ des Friedensbundes deutscher Katholiken, stand. Inzwischen haben sich die Friedensvereine nicht nur interkonfessionell, sondern auch international geeinigt; natürlich stehen wir Juden auch dort in Reih und Glied, wie eine jüngste Tagung zeigte. Es ist erfreulich, welch starke Kräfte sich allenthalben für den Menschen- und den Völkersrieden einsetzen. Und darum — die Angst vor dem Frieden. Welche Heuchelei die um Hitler, Hugenberg und Seldte mit ihrer „christlichen Erziehung" treiben, zeigt die Tatsache, daß dort die Wotanverehrer zu treffen sind, daß man „Moses und den Papst zu Rom" gleichmäßig schmäht, daß Dinier Paulus „den größten Betrüger der Weltgeschichte" nennt und von der „jüdisch-rönlischen Teufelskirche" spricht. Man wird solche Offenheit immerhin anerkennen müssen. Dieselbe Ungereimtheit auf dem Gebiet des internationalen Wirtschaftslebens und Kulturstrebens. Eine Weltwirtschaft ist begPflich etwas vollkommen Internationales. Auch Kunst und Wissenschaft. Hier treffen sich die besten Geister aller Nationen und Religionen. Es kann kaum eine breitere Plattform, ein solideres Fundament für den Weltfrieden geben, als diese Exponenten der menschlichen Kultur gemein sch aft. Da rennen sich die Patsntpatrioten di: Schädel blutig und schmähen jeden als vaterlandslosen Internationalen, der hier die zwischenstaatlichen Fäden knüpft. Das Rad der Welt rollt weiter, geht über die völkischen Albernheiten hinweg. In Königsberg findet ein internationaler Mediziuerkongreß statt, in Budapest der Esperanto, in Berlin eine Ausstellung nach der andern, in Genf der Jugendschriftenkongrcß, um eine internationale Moral im Herzen der Jugend zn wecken und zu entwickeln, vor allem aber m allen Schulen der ganzen Welt auf die Einheit hinzuweisen, welche die gesamte Menschheit bildet, um die Absurdität des Krieges deutlicher heroortreten zu lassen. In Stockholm tagt die evangelische Kirche, dir Katholiken in Rom usw. Ausgerechnet der internationale jüdische Frauenkongreß zu Hamburg wird als vaterlandsloses Unternehmen gebrandmarkt. Die nach den Gesetzen der Vernunft erfolgende gegenseitige Annäherung der Völker und Staaten im Interesse der allgemeinen Wohlfahrt nennen wir treffend oov'- die Welt „wohnlich" machen. Es ist heilige jüdische Pflicht, nach Kräften dazu beizutragen. Ausgangspunkt und Endziel ist der Menschheitsfriede. "ibe? bv 'bin inv> n:m p'rnv ’Vs nx» rri>- „Gott fand für seine Welt kein Gefäß, das mehr des Segens faßt, als jenes des Friedens." (Ukzin 3). Es gibt nur zwei Wege vor uns: sich vertragen oder sich schlagen . Die Feinde des Friedens wählen das letztere unter der schlechtsitzenden Maske der Sorge um des Vaterlandes Zukunft, die andere verraten. Schon seit zehn Jahren drohen sie mit dem Galgen für Juden und Iudenknechte, jetzt auch für Minister und Kanzler, die Deutschland ins Elend reiten. Sie lieben als Herrenmenschen den militärischen Pomp, blähende Uniformen, im ponierende stolze Mcüshe unter Musik und Trommelschtag, blenden durch theatralische Aufmachung unreife junge Menschen, die nie eine Front sahen, denen man noch im Weltkriege das Butterbrct aufstrich. Sie haben Angst vor dem Frieden — wo all der Plunder in sein wesenloses Nichts versinkt. Sie haben Angst vor dem Frieden — weil er der klarste Beweis ist, daß nur die Hirne und Herzen und Hände der wahren Kulturkreise „es schaffen", wie erbärmlich ihre ^cheingröhe sich da ausnimmt. Possierlich ist's anzuhören, wie sie nach Weltgeltung schreien, was doch im Grunde nichts anderes ist, als mit allen Nationen in Verkehr treten, also international sein. Sie kleiden sich in Baumwolle von Amerika und Australien, in Seide aus Frankreich, tragen Goldschmuck aus Afrika stammend, schlürfen ihren Tee und Kaffee aus Indien, benützen Pfeffer und andere Gewürze aus Asien und — schimpfen über die internationalen Juden und Judenknechte. All diese Zwiespältigkeit und all diesen Widersinn suchen sie durch einen groß angelegten nationalistischen Tamtam zu vertuschen, zu ersticken. Keine „Wiedersehensfeier", keine Kriegerdenkmalsweihe ohne Hatzgesänge, ohne nationalistische Hetze, ohne Verspottung und Beschimpfung der bösen Pazi.isten/Hv z'rr vvnn nnrr- Kein Friede sei, spricht der Bösewicht. Wir müssen schon sagen, daß auf uns Juden mit unserer durch Jahrtausende greifenden, durch Jahrtausende geweihten Frkedensivec und Friedenssshnfucht das Volksbegehren in seiner Totalerscheinung einen doppelt ekelhaften Eindruck gemacht. Das jüdische Friedensideal leuchtet herrlich und rein aus unseren Gebeten am Neujahr und Versöhnungstage, die wir gerade in jenen Wochen des stärksten politischen Kampfes feierten. Der Nichtjude, welcher ein jüdisches Gebetbuch für unsere hohen Feiertage zu Gesicht bekäme, dürfte erstaunt sein, dort nicht dem — ach — so sehr egoistischen Wunsche von einem „glückseligen Neujahr" zu begegnen. Nein, sie sind universalistisch gefaßt, jene Andachten, schauen auf die Heilszukunft der Gesamtmenschheit, die einst eine große, friedliche Brüdergemeinde sein wird, aus der jede Bosheit und jeder Frevelmut wie Rauch dahingeschwunden. In jene Tage tiefsten seelischen Erlebens und geistiger Sammlung klangen die Fanfaren des Hasses und der Hetze wie ein schriller Mihton und zeigten uns die schmerzliche Kluft zwischen unserem Friedensideal und der rauhen Gegenwart. Wir begriffen es wohl, warum gerade die enragiertesten Judenfeinde dem Völkerfrieden Fehde angesagt. Alle die Männer, von Ebert bis Stresemann. die sich dem dornenvollen Werk der Befriedung der Welt gewidmet, ist ein doppelt warmes Gedenken gesichert in jüdischen Herzen. Alles Hohe und Heilige muß im Leben erkämpft werden, auch der Friede. Man soll uns stets dort in der vordersten Front finden! *2(9 Slgs bleibt Morgen-uhd Abendgetrank;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.