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Der Israelit · 1929-11-21 · Heft 47 (21.11.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 47 (21.11.1929)
Date
1929-11-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ST Derjsraelit Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Alärkyrergefchichle nach Mlnaer Akten. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). HI. Der Vorgang am Tor der Kathedrale wurde rascher bekannt, als zu erwarten war. Tags darauf war große Messe, zu der die Menge in vielen Tausenden aus Land un!d Stadt!m der weiten Umgebung in die Resident strömte,, und Gesprächsthema auf dem Markt undvor den Kirchen war die „Schändung des heiligen Bildes" durch den Juden. Man hätte sich von den zwei schwarzen jungen Krähen nicht einschüchtern lassen sollen-, meinten Renitente vom Lande, und viele stimmten ihnen zu. „Mansollte jetzt noch in die Judengasse gehen und die Schänder suchen." „Man muß all den Juden -einen Denkzettel geben." Aeltere und Besonnene warnten. Sie wußten aus Erfahrung, daß die Polizei in der ewigen Aufruhrcmgst jede wie immer geartete Ansammlung außerhalb des Kirchensprengels Zusammenrottung nannte. Und das bedeutete blutige Köpfe, Galgen oder öffentliche Auspeitschung. Letzteren Strafmodus hatten Litauer wie Polen zu einer ganz besonderen Spezialität ausgebaut. Da zogen sie es schon vor, in die Wirtschaften und gerade in die jüdischen, wo -es den besten Tropfen gab, zu gehen. Und versöhnt mit Gott und Welt und. den Juden fuhren sie in später Stund-e heim und ließen die heilige Madonna, der übrigens nichts passiert war, heilige Madonna sein . . . Aber die Geistlichkeit hatte die Sache ausgegriffen. Vor dem hohen Klostergerichte hatten sich die zwei Aspirantenzu rechts-ertig-enj. Sie hätten nur ihre Pflicht getan, wie sie ihnen Kirche und Priesterberuf vorschrieben, erklärten sie. Der Jude hatte sich, nichts Böses ahnend-, in die Gasse verirrt und, aus kleiner Judenstadt kommend, nicht gewußt, was er tat, oder n i ch t tat, indem er den Hut auf d-em Kopfe behielt. Mehr hatte er nicht begangen. Bei den> Juden undso auch injüdischen- Vethäuftrn gelte es' als Ehrenbezeugung, wenn man den Hut a u-f behalte, als Verletzung des Heiligtums dagegen-, wenn man den Kopf entblöße. Sie verwiesen auf hebräische Texte, alte Schriften und Auslegungen der , Kirchenvater. Der alte Prälat an. der Spitze des Gerichts lobte ihre Beschlagenheit in den! alten- Schriften, tadelte aber ihr -eigenmächtiges Vorgehen,- ohne die zuständigen Behörden heranguziehen. Es war schon riMig^daß sieden Juden der Meute entzogen hAen, aber rpozu hockte Man- Geistliche und Richter, iim Kloster?, Man könne f JMm - Ächt trauen,^ manhätte dein) Mann nicht glatt lckufhch Am Uebrigen-, die: Kirche müM« zuteHAhhullgen zumVvlke -erhalten, ip es M seiner Beruhigung gefchehen, kvMn^-er allch die Tat der Jünglinge nicht gerade" Äs Verbrechen anfehen könne. Don einer schweren Bestrafung wolle er absehen, um so mehr, -als- Graf; StarMaus Potocki zum höWest'polnischen.Adel gehöre Md 'bis zu der hoWen MiftliWeitin HoM ft-eundschaftlichs und veWälldtschästliche Beziehungen pflege. Was aber dem ^Valentin Potocki zugebilligt werde, dürfe seinem Freunde, Boris Sarembo, nicht versagt werden. Die Kirche sieht auf Gleichheit von Adel und Bürger vor Gott- und dem kanonischen Rechte. Aber Strafe muß sein. Beide müssen! ihr Studium auf dem Seminar abbrechen und, sofern sie noch Wert auf die geistliche Laufbahn legen, aus der Stadt ins Ausland gehen. Valentin Potocki wie Boris Sarembo nahmen das Urteil ruhig und gefaßt an. Die Eltern- Valentins, der alte Graf Potocki und seine Gattin, die der Geistlichkeit sehr nahe standen und Schutzpatrone unzähliger Kirchen waren, waren wie vom Blitz getroffen-, da sie die Kunde von der Maßregelung des Sohnes vernahmen. Aber Valentin-, der einzige Sohn, konnte seine Tat rechtfertigen-, daß man gerade so viel Grund hatte, aus ihn stolz zu sein. Große, weitgehende Pläne hatte das alte Graf-snipaar mit dem Sohne, der von Kindheit auf -eine ungewöhnliche Begabung und einen starken Hang zu religiösem Nachdenken zeigte. Er sollte über das Priest-erseminar noch weiter hinaus zu höherem Klerus gelangen. Bei den Beziehungen des Grafen zu Rom wäre ihm der Weg möglicherweise bis zum Vatikan gebahnt gew-esen. Der rote Kardinalmantel war ihm sicher. In Warschau undunter den Polen Litauens hatte man die größten Hoffnungen auf ihn gesetzt. Polen wie Litauen waren beim heiligen Bater in der ewigen Stadt nicht gerade gut vertreten. Ein Kardinal, der von- Geburt Pole und im litauischen Wilna erzogen! war, noch dazu von so hoher Abstammung, wäre gerade der richtige Mann gewesen-, die Interessen d-er Katholiken Osteuropas im Vatikan zu vertreten. Er bekam die besten Lehrer und hatte Umgang mit den angesehensten Geistlichen, die tägliche Gäste An Hause des alten Grafen waren. Ließe man sich durch den« -an sich unbedeutenden Vorgang die Pläne durchkreuzen, wären damit die Hoffnungen zweier katholischer Völker begraben worden. . Der Prälat selbst, ein intimer Freund des alten Grafen, riet, Valentin nach Paris zu schicken, daß er dort auf d-em Priestersleminar seine Studien fortsetze und vollende. Der Weg von Paris nach Rom fei nicht gar zu weit. Graf Stainiislau Potocki hatte so viele -enge Beziehungen zu Paris w>ie Vater Ambrosius bis zu den höchsten Kreisen in Rom.. Er konnte dort den Weg nicht verfehlen. So wurde -die Reise Valentins nach Paris beschlossen und vorbereitet. Er bestand daraus, daß sein Freund und früherer Lehrer, Boris Sarembo, Mit ihm ginge. Das konnte dem Grafen nur recht fein- und auf die'Kosten kam es bei d-en ausgedehnten Güternd-er alten Ad-elsfamilie nicht so sehr an. - Ein Bild, fast eine Vision, ging Mit Valentin Potocki herum.. Wo er auch, ging und stand-, er hatte. das, erschrockene Juden kind vor Augen, sah sein bleiches Gesicht mit dem feinen Zug im Mundwinkel, - sah seine großen fragenden Augen-. Immer und immer wieder horte er im- Wachen undim Schlafen die Stimme des Mähcheys: „Wir:sind Juden" Mdm Üter DerhäN-Mng .. Wertst ' er morgens aus MMhigem Schlafe das Kvyd> das, er ArHörMr- ErürMen sich Mb hörte, -chm «ine hhhere Boffchaft yor Augep haltW, dererirrE weMMchHr yepugsiÄn xWkrMMögM-' lvu j Aus Wilie?" zu Menschen/ dieMott ZU üp^Wen dm Weg zM^^MetzMe er ^emfolchßKGesicht,^ nie! solche WeWeHnd zWWWehlmdeAugtzn: gesehen." Wärchsi msiW er justamendM» -Her SÄinderallK W KM rettKi! Md "in dein! Klvstergarten tragen, warum das hören-, was er eigentlich stets wußte, daß Juden Juden seien undvon Gott verbannt? Es schien ihm oft, als hätte das Wort aus d-em Mund-e des Judenkindes einen« anderentiefen Sinn, dem nachzugehen und nachzugrübeln, seine nächste Aufgabe wäre. Am Abend vor dem Morgen, da er die Fahrt nach Paris antveten sollte, legte er, wie im Zwange, die Sutane ab, zog einfache Bürgerkleider an und ging in die Judenistadt aufs Geradewohl, um das kleine Mädchen zu suchen. Sein Freund Sarembo lachte den unverbesserlichen Schwärmer aus. Aber er ging mit. Um ihn, wie er sagte, vor weiteren- Dummheiten zu schützen, die am Ende auch noch den Weg nach Paris und Rom versperrenkonnten. Im Gewin-kel und Gewimmel der Judenigassen war es nicht leicht, sich zurechtzufinden. Sie blieben bei jedem Haufe stehen, spähten, suchten und fragten. Hatten sie doch nicht einmal daran gedacht, den Mann damals nach seinem Namen zu fragen. Bor -einer kleinen Schul sammelten sich viele Menschen!. Der Abendgottesdienst war zu Ende und drinnen stand auf d-em Podium ein Mann, die Leute sagten „Magid", wohl ein Volksredner, und sprach singend und gestikulierend, je nach dem Stoffe, schluchzend oder jubilierend, zu der Menge. Valentin und Sarembo gingen! hinein, hörtenzu. Worte streiften ihr Ohr, die ihnen vom Studium her bekannt waren. Das Ganze verstanden sie nicht und fesselte sie dennoch. Die glühenden Gesichter der einfachen Leute, in denen sie manchen Händler, Droschkenkutscher, Lastträger erkannten, trugen den Schein einer höheren Welt, in der diese Menschen in diesem Raum und in dieser Stunde lebten, einer Welt, die mit der Straße, wo Gewühl, Gedränge, Geschrei und Geschimpfe hrerfchten, mit den Hütten, darin die Rot wohnte, nichts, gar nichts gemein hatte. Es war eine eigen-e fremde Welt, aber schöne, höhere. Jetzt erzählte der Reimer eine Anekdote, undalle lachten. Die beiden jungen Geistlichen verstanden die Pointe nicht und wurden von den vielen anderen zum Lachen mitgerissen-. Und dannfeierliche Stille, und dann Ernst, und am Ende lautes Schluchzen. Es stellte sich heraus, daß die heitere Anekdote nur ein Beispiel, -ein Gleichnis war, gleichsam eine Unterstufe zu einer Ged-ankerhöhe, von der herab nun der Redner in die See-len leuchtete. Bibelsprüche und Talmuösätze perlten und formten sich zu einer Gedankenbrücke nach oben, wo die Engel sangen, heiliges Licht flammte und Gott nahe war.. Unwillkürlich dachten die jungen Leute an die Messen und die Kirchenfeste, an die Wogen der vollen Orgelregister, an Gesänge der Chorknaben und die von Priestern in einem Nebel von Weihrauch zelebrierten Gebete. Nichts war dort, wasdiesem hier irgendwie ähnlich wäre. Nichts war hier von Feierlichkeit und gewollter Stimmung. Die Menschen waren bei Gott und blieben Menschen mit ihrem Lachen, Lauschen und- Weinen, mit all ihrem kleinen Leben Gott nahe, so greifbar n-ahe. Draußen befragten sie sich bei bell Leuten der ManinklE seiner Töchter wäre.^Melcheh Wann, wunderten PH sich, es liefen gellugder. Männer, und- - d er Achter inden >friem' - Was bas für-W WaW-WDWM Woherer - Mrs WM". Die Leute horchten jauf Mcd erpyvaren em venlig. „Ja," gaben sie l-eiH und vorsichtig zu> HM war vor wenigen Dagchretwas mit einem Männ aus Jlie passiert^ Kommt darmit feiner Tochter hierher, „der Oykel Ws derMeinstadt"" ünb geht ausgerechnet schnurstracks m die Tumo- - Gäste. Wer hatte ihn dahin gerufen? Nun, er bekam seinen Teil, daß er seilnien Lebtag davon zu erzählen hat. Hat tags darauf beioffener

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