Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1929)
- Date
- 1929-11-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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©etfie 4. Nr. 45 7. November 1929 Dsr Israelit /» kaufen ihre Diät and ( I Nahrungsmittel im S REFORMHAUS \ß FR. SEL^T^B Schläfergasse 25, Rufnummer Hansa 1484 Zweiggeschäfte: Höchst, Antoniterstrasse 31 Eschersheim, Am weißen Stein 19 D genau so wichtigen Raum ein wie in den Landesparlamenten. Das Zentrum achtet und schützt unsere Rechte, vorab religiösen Rechte, mögen auch Teile dieser Partei Zuweilen andere Wege gehen, nach wie vor. Vielleicht im eigenen Interesse. Aber es steht uns bei und verdient, neben anderen Parteien, deren Leistungen für unseren Rechtsschutz wir voll anerkennen, unseren Dank und unsere Unterstützung. Voll ohne Sonnlag und — ohne Sabbat. Indes sich -die Kulturwelt den Kopf über die K a l e n d e r r e s o r m zerbricht, hat man in Sowjetruhland, wo man gern einen kühnen dicken roten Strich unter Dinge der Vergangenheit zieht, g e ha n d e l t. Die Woche hat in Rußland fortan nicht mehr sieben, sondern nur fünf Tag e. Nicht etwa so, daß — wie vielerorts in Amerika, — an fünf Tagen gearbeitet und an zwei Tagen gefeiert wird, sondern in der Weise, daß jeder fünfte Tag gesetzlicher Ruhetag ist. Mit dem s e ch st e n Tag beginnt die n e u e Arbeitswoche, bestehend aus vier Arbeitstagen und einem Ruhetag, und so weiter. Der Ruhetag hat mit Sabbat und Sonntag nichts mehr zu tun. „Vier Tage sollst du arbeiten und verrichten all deine Werke und am fünften Tag ist Sabbat!" heißt das Gesetz der neuen roten Weltordnung. Eine Kündigung an die Tradition, an die MenschengeschichtL, an die göttliche Weltschöpfung. — Das Jahr, so diktieren die Volkskommissare, behält seine zwölf Monate, jeder Monat zählt aber sechs Wochen. Die Namen der Tage bleiben bis auf Abruf bestehen, von Montag bis einschließlich Freitag, Sabbat und Sonntag verschwinden aus dem Wochenkalender. Die neue Runde beginnt mit Dienstag, der für uns auch Samstag oder Sonntag oder sonst ein beliebiger danz WÄH eine große Reihe von WjsfeN'fchasMchM Einw-en,düngen gegen das klassische Werk zu erheben,, die zum Dell begründet erscheinen. Sie sollten bei einer Neuauflage, die hoffentlich bald beoorsteht, berücksichtigt werden. Aus dem weiteren Inhalt: Mittelalterliche füdifche Texte von Dr. Rafael Levy, Sumerische religiöse Texte, asuere chetMsche Lrteratur von Speiser usw. (Gin chruß At. Chasim Hscrs an die Ettern der Aeschiwayschürer in Wontreur). (Ueberfetzung aus dem Hebräischen). Anläßlich meines Aufenthaltes in den Schweizerbergen habe ich mit großer Freude Eure Kinder gesehen, die die heilige Warte der Jeschiwoh „Cz- Chajim" in Montreux, welche von meinem gelehrten und hochverehrten Freunde, dem Raw R. E. Botschko, unter Einsatz seiner ganzen Kraft, gegründet wurde und mustergültig geleitet wird, erklommen haben. Ich konstatierte, wie. die Schüler im Schoße der heiligen Thora zur Gottesfurcht erzogen und herangebildet werden und wie jeder an heiliger Stätte mit Fleiß lernt und andächtigt betet. Außerordentlich groß war meine Freude, fast alle Schüler persönlich prüfen zu können und ich stellte mit Genugtuung fest, daß sie unter Führung ihres obenerwähnten Leiters und mit Hilfe bewährten Mb kundiger Lehrer, jeder stiner Fähigkeit entsprechend/ den reichhaltigen Stoff des- Talmuds nebst seiner Kommentatoren (wie Tosophöt re.) gründlich beherrschen. Wenn sie mit Gottes Hilfe fortfahren in der heiligen Thora zu forschen, so werden sie sicher Segen ernten und zu standhaften Dienern des Ewigen und seiner Lehre heranwachsen. Und' Euch, verehrte Eltern, rufe ich zu: Heil Euch, daß Eure Kinder: pjr Vsa wso das Leben im Schatten des Lebensbaumes gefunden haben. Belasset sie doch noch lange in seinem Schutze, bis sie gereift sind zu festgewurzelten Juden für ihr ganzes Leben, und euch zur Ehre und zum Ruhme gereichen dadurch, daß sie heranwachsen zu sittenreinen Menschen und zu gesegneten Sprossen im Weinberge Jehudas. Möge der Allmächtige über Euch ausbreiten das Zelt seines Friedens. Montreux, 13. Tischri 5690. Mit Thoragruß: Chajim Oser Grodzenskt, Wilna. Tag der Woche fein kann. Die kalendarische Brücke zur gesamten Kulturwelt ist abgebrochen. Der Fest k a l e m d e r wirft die religiösen Gedenktage aller Konfessionen mitgleicher Liebe zum Tempel hinaus. Es gibt fortan nur noch sechs Feiertage im russischen Jahre, lauter Gedenktage der Revolution. Selbstverständlich wird Lenins Iahrzeit als strenger Feiertag gehalten, sodann der e r st e u n d d e r zw e i t e M a i. Einmal in vier Jahren gibt -es einen I n - dustrietag, an dem gearbeitet wird, dessen Arbeitslohn aber für die n a t i o n a l e Industrie abgeführt wird. In großen und lebenswichtigen Betrieben wird die Fünftagewoche eine i n dividuelle sein, d. h. jede Gruppe wird ihren- Ruhetag nach vier Arbeitstagen haben, ohne daß dabei der Betrieb stillgelegt wird. Daß die Sowjetregierung mit dieser Kalenderreform auf eigene Faust darauf aus ist, d-er R e - l i g io n den Todesstoß zu versetzen, ist sonnenklar. Denn der Profit, der dabei für Arbeiter oder Unternehmer oder den Staat herauskommen soll, ist so minimal, daß es sich deswegen gewiß nicht verlohnt hätte, mit den Traditionen einer ganzen Welt zu brechen. Für die Jude n Rußlands bebeutet dies ein neues Verhängnis. Dem Sabbat gehts mit dieser Reform ans Leben. Jüdische Arbeiter und Angestellte werden! vor die Alternative gestellt, entweder den Sabbat oder die Stelle aufzugeben. Die jüdischen Händler und Kaufleute kommen in schwerste wirtschaftliche Bedrängnis. Allein die größten Gefahren drohen für das jüdische Geistesleben. Werden die Alten auch diese schwere Prüfung auf sich nehmen, so gewöhnen sich die Jungen und die Kinder, unterstützt von der kommunistischen Schule, leicht an den Sabbat der neuen russischen Weltordnung. Das mwn or> ns mDT bleibt in einem Milieu nach dem Systeme der russischen Fünftagewoche kaum noch im Bereiche der Menschenmöglichkeit. Es gibt nur e inen Weg für unsere hartgeprüften Brüder m Rußland: Auswanderung. Wo die Not nur eine politische oder wirtchaftliche ist, kann Hilfe im Lande selbst erwogen werden. Wo aber die Axt an die Wurzeln der S e e l e angelegt wird, da kann nur noch eine Flucht retten. Die Resolution der zweiten Kenessio Gedaulo in Wien in Sachen Sowjet- Rußlands gewinnt angesichts dieses neuen Unglücks erhöhte Bedeutung. Rabbiner Esriel Hildesheimer und die Adaß-Zisroel. Von Dozent Dr. Iostf ISohkgemütü in Äexkin.*) Nicht was R. Esriel Hildesheimer durch die Gründung der Ad aß Disroel und durch sein Wirken in ihr während der ersten'Jahrzehnte ihres Bestehens geleistet hat, soll Gegenstand unserer Erörterungen hier sein. Das ist bereits ein gereiht in den Kreis der geschichtlich feststehenden Tatachen imfr hat auch zusammen mit dem, was seine Mitstreiter errungen! haben, seine religionsgechichtliche Wertung gefunden. '„Ein großes Muster weckt Nacheiferung und gibt dem Urteil höhere Gesetze." Im Sinne diees Dichterwortes möchten wir, nachdem jetzt ein Menschenalter verfloffen, seitdem jener Führer von uns gegangen ist, fragen, was er h e u t e uns zur Nacheiferung empfehle, welch höheres Gesetz wir aus feiner Tat und feiner Betätigung in u.n - er er Zeit erschließen können- Wenn irgend einer von den Führern jener Zeit, so war gerade R. Esriel Hildesheimer nicht der Typ des Der-!reters einer „erstarrten Orthodoxie". Wandlungsfähig nach den freilich an der Heiligkeit der christlichen und mündlichen Lehre orientierten Bedürfnissen der Zeit r— wir erinnern nur an die spezifische Form, in der er das von S. R. Hirsch aufgeworfene Bildungsproblem zu lösen suchte *) Aus No. 1 der „Adaß Iisroel-Blätter", Organ des Vereins zur Förderung der Adaß Jisroel in Berlin. — hätte er für Fragen, die neue Verhältnisse darbieten, eine neue Antwort gegeben. Es darf freilich keiner wagen, und am wenigsten möchte es der Schreiber dieser Zeilen, den Anspruch zu erheben, die Gedanken eines großen. Mannes zu Ende gedacht zu haben, die Behauptung auszusprechen, daß es ihm. gelungen, obje'ttib festzustellen, wie der Führer der vergangenen Zeit der neuen die Wege gewiesen hatte. Aus idem subjektiven Empfinden aber heraus, aus der Erinnerung eines, dem in seinen jungen Jahren R. Esriel Hildesheimer dn Erlebnis geworden, soll versucht werden, der jüngeren Generation die Mahnungen zu wecken, die der große Meister heute an uns richten würde. Wenn wir fragen, was die Sondergemeinde soll — nicht was sie ist,—, denn Ideal und Wirklichkeit decken sich auch hier nicht — so lautet die Antwort: Sie soll im Kleinen ein Abbild I i 5 r o e I s und damit' zugleich das Ebenbild des Gottes Jsarels fein. Wie nach der tiefen Idee unserer Mystik mw aixax .vorausgehen mußte, bevor die Emanationen zur Erschaffung, der Welt führen konnten, so ist es Israels Aufgabe, sich auf sich selbst zu beschränken, vorher im kleinsten Punkte die höchste Kraft zu sammeln, bevor die Ausstrahlungen seines von der' göttlichen Lehre erfüllten Geistes die Welt befruchten können. Ein Doppeltes ist also uns aufgegeben: Durch festesten Zusammenschluß, durch stärkste Konzentrierung uns von der Welt zu lösen, um dann, wenn wir alle Kräfte m\ uns zur höchsten Spannung gesteigert, sie zur erfolgreichen Wirkung auf die Welt zu entbinden. Weltbürgertum ist das höchste Ideal auch unserer Propheten, aber wie s i e es auffassen, als das all-eme Bekenntnis zum All-Einen, als reife Frucht, die die Menschheit pflückt am Ende dem Tage, wenn! Israel seine Aufgabe in letzter Vollendung gelöst. Sonst aber kann kein Zweifel d arüber sein, daß die Propheten für das heilige Volk nicht die Vereinsamung gescheut, die für jeden Erfordernis ist, der sich auf sich selbst besinnt, der an feiner eigenen Vervollkommnung arbeitet, deren auch ein ganzes Volk nicht entratM kann, will es zum Reich von P r i e st e r n werden. Daß unsere sinaitifche Gesetzgebung m ihren wesentlichen Bestandteilen nur ein Mittel zu diesem Zweck ist, zunächst der Selbstbehauptung und in der Folge der Steigerung aller religiösen Kräfte, kann von keinem bestritten werden. Familie, Gemeinde und Volk sind' die Kreise, in denen sich diese Konzentrierung, vollziehen mußte, sollte die Bestimmung Israels in Erfüllung gehen, daß seine Selbstbeschränkung umzuschlagen vermöge in die Wirkung nach außen. Dies Ideal hat sich auch in den Höhepunkten der jüdischen Geschichte bisher niemals verwirklicht. Immer war .es eine Minderheit, die 'dieser Vorbedingung.; gerecht wurde, sich selbst zu festigen,' bevor sie mit der Außenwelt in Verbindung trat, um sich, nicht z u verlieren. Es ist bekannt, daß in der Periode der Assimilation dort, wo die Schranken des körperlichen und geistigen Ghettos vor den Mächten der Aufklärung und der bürgerlichen Freiheit fielen, Volk und Gemeinde und Familie zusammenbrachen. Die Bedingungen der Konzentration wären aufgehoben!, die Strahlen jüdischer Geister erwärmten und erleuchteten wohl die Außenwelt, aber ihr diffuses Licht konnte nur einzelne Keime zur Entfaltung bringen. Der jüdische Geist in seiner sonnenhasten Wesenheit, in dem, was den eigentlichen Inhalt der göttlichen Lehre ausmacht, verblaßte, das wahrhaft Jüdische ging bei der Entfernung von der Zentralsonne völlig verloren. Es ist ebenso bekannt, daß Versuche gemacht wurden von denen, die in der Treue zum überlieferten Judentum beharrten, diese Konzentration wieder von emzelrien Punkten aus zu schaffen. War die größere Einheit zerbrochen, , die sonst in Lehre und Leben bestanden hatte, so sollte in kleineren Kreisen das Milieu wieder er- . stehen, das die zersprengten Glieder wreder zusammenschloß, ihnen Festigkeit verlieh und die