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Der Israelit · 1929-10-17 · Heft 42 (17.10.1929) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 42 (17.10.1929)
Date
1929-10-17
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 2 Nr. 42 Der Israelit 17. -Oktober 1929 Affidavit: „My mother having been burnt alive for Judaism“. Nun jubelt neues Leben auf diesen strahlenden Plätzen, und ich glaube sagen zu dürfen: Auch ein neuer Geist. In gedrückter Stimmung wandere ich durch die sonnige lachende Stadt, erfüllt von düsteren Der hundertjährige Marrane Antonio Perreira de Sonza (gest. 1928, Geschichten. Unvermutet befinde ich mich mitten m einem mittelalterlichen, schmutzigen Stadtteile mit verwahrlosten und. übelriechenden Gäßchen, weit weg vom rauschenden Leben der Boulevards. Hier ist es kahl und düster und geheimnisvoll, hier scheint die Zeit seit Jahrhunderten' still gestanden zu haben. Hier ist Mittelalter. Katzen belagern der Treppenaufgang zu diesen dunklen Sackgassen. Ausgehungerte Kmder, in Fetzen gekleidet, drücken sich scheu an die Wand. Weiber stecken neugierig aus vergitterten Fenstern wie aus lebenslänglichen Gefängnissen die Köpfe hinaus. Bärtige Männer, an Räuber aus Rinaldo Rinaldinis Bande erinnernd, blikken aus einem Dachfenster mißtrauisch auf uns herab. Auf einer kleinen Straßentafel liest man die Inschrift: Rua da Judiaria (Judengasse). Diese Straßentafel ist offenbar ein Anachronismus, denn hier haben seit Ende des 14. Jahrhunderts keine -Juden mehr gewohnt. Ich befinde mich aus dem Wege zu einer Marranenfamilie, die hier ip der Nähe wohnt. Mein Cicerone (Ingenieur Samuel Schwarz aus Lodz, ein wunderbarer Mensch mit einem glühenden Herzen, der aus eine merkwürdige Weise Wegweiser der neu erwachenden Marranen geworden ist. Er war ausgezogen, um in den Bergschluchten Portugals Minen zu suchen, und hat das Marranentum entdeckt), soll mich bei der Familie einführen. Es sind einfache Handwerksleute; der Familienvater, ein Schuster, ist gerade bei der Arbeit. Wir werden von den drei weiblichen Mitgliedern der Familie empfangen, die drei Generationen repräsentieren: die Großmutter, eine alte Matrone mit edlen Gesichtszügen, wie aus einem mittelalterlichen Kupferstich geschnitten; die Hausfrau, ihre Tochter, ein vom Leben hart mitgenommenes Proletarierweib, mit hervorstehenden Backenknochen und vorstehenden Augen; die Enkelin, ein typisches, schwarzes Judenmädel mit melancholischem Blick, anmutig, frühreif und ernst. Man gelangt in das kleine Wohnzimmer unmittelbar von der Straße: 1 es ist offenbar das Hauptstück der Wohnung, Speise-, Schlasraum und gute Stube zugleich. Hier sammeln wir uns um die mitteilsame Alte, die uns die Geheimnisse ihres Glaubenslebens willig prersgibt. Sie ist gleichsam ein lebendes Archiv dieser Glaubensgemeinschaft, die seit Jahrhunderten ihre bloß auf mündlicher Tradition beruhende Religion im geheimenausübt. „Wir sind ja so glücklich," sagt sie, „den einzigen Gott anbeten zu dürfen und die Lehre Moses zu erfüllen. Es waren harte Zeiten für uns, als die Inquisition noch Macht im Lands hatte. Ich erinnere mich von meiner Kindheit her, wie wir jedesmal zu Tode erschraken, wenn wir bei der Verrichtung einer religiösen Zeremonie fremde Schritte hörten. Meine Mutter und Großmutter erzählten uns Kindern grauenerregende Geschichten von Jnquisitionsprozessen, die sie selbst noch miterlebt hatten. Gott sei Dank dafür, daß wir es jetzt leichter haben." Sie erzählt von den religiösen Zeremonien, welche die Marranen bewahrt haben; es sind ihrer nicht viele, und sie sind zum Teil von katholischen Kultbräuchen durchsetzt. Sie haben in der Hauptsache den Sabbat, den Versöhnungstag und das Peßachfest bsibehalten. Am Freitagabend werden die Sabbatlichter angezündet; die Alte zeigt mir eine Blechdose mit Oel, in welcher ein Baumwollknötchen angesteckt wird; wenn Unberufene in der Nähe sind, legt man einen Deckel darüber, um das Licht zu verbergen. Zum Peßachfest, das durch sieben Tage gefeiert wird, wird eine Art Mazzoth zu Haufe bereitet. Am großen Fasttage, Dia Puro de Senhor, unserem Jom- Kippur entsprechend, enthält man sich durch vierimdzwanzig Stunden von Speise und Trank und verbringt den Tag mit Singen und Rezitieren der Gebettexte. Hochzeits- und Beerdigungszeremonien knüpfen an altjüdische Traditionen an. Dies ist fast alles, das sich dem Spähsrblicke der Inquisition entziehen konnte. „Wir durften ja keine heilige Schrift oder andre religiöse Bücher haben," erklärte uns die rik in biblischem Geiste, rhythmische Hymnen und Lobgesänge van großer poetischer Schönheit. Besonders ergreifend sind die Gebettexte, welche die heroische Stimmung einer Gemeinde geboren, die unversehrt durchs Feuer ging und jahrhundertelang der schrecklichen Macht der Inquisition getrotzt. Das formvollendete Danielgebet „Oracao de Daniel", eine poetische Variante der Pessachfest der Marranen. denen unser Sederabend nicht bekannt ist. Alte. „Wir haben kein Gebetbuch, und ich weiß nicht, ob wir viele geschriebene Gebettexte besten." 1 Sie hält einen Augenblick inne, wie wenn sie im Gedächtnis suchen würde. Dann erzählt sie weiter von dien Gebettexten, die sich durch mündliche Tradition, jahrhundertelang, von Geschlecht zu Geschlecht erhalte,n haben. Sie kennt sie auswendig und zitiert einen Text nach dem anderen. Ihre einfachen Mitteilungen machen den Eindruck voller Zuverlässigkeit; gespannt lauschen wir diesem sonderbaren religionsgeschichtlichen Vortrag über lein Gottesdienstleben, ganz einziger Art — ohne Gotteshaus, ohne Gebetbücher, ohne Priester. Diese Marranen haben eine vollständige Liturgie in portugiesischer Sprache geschaffen. Diese Gebete setzen sich zumeist aus Pfalmverfen und alttestamentlrchen Texten zusammen. Die Liturgie enthält manches stilreine Stück religiöser Ly- Jnnenansicht der ehemaligen Synagoge <14. Jahrh.j $u Tomar (Portugal). Schrifterzählung von Daniel in der Löwengrube (Dan. Kap. 6s und das Gedicht „O Sacrificio de Jfaac" (Opfer Isaaks), die von Gewissenszwang und Opferfreudig,keit erzählen, sind im eigentlichen Sinne marranlsche Dichtungen: versteckte Ergüsse verbitterter Herzen, Angstrufe und Heldenlieder zugleich. Die Inquisition, die diese geheime Form des Gottesdienstes erzwang, hat den Gebettexten ihren Stempel aufgedrückt. Es sind verborgene Klagen, scheu geflüsterte Seufzer schreckerfüllter Seelen. Noch heute beten die Marranen in ihrer täglichen Morgenandacht: „Wie du Daniel aus der Löwengrube befreitest, so rette auch uns. Deine treuen Diener, vor Marter und Inquisition." Ueber die Alte ist Andachissttmmung gekommen, und nun spricht sie ihre Gebete mit weicher, beseelter Stimme. Diese Texte find mitunter von großem religionspsychologischen Interesse. Diese Märtyrer durften keine neuen Texte schaffen, sie durften nicht ihrer unerhörten Not Worte leihen, die den Bekennern Kraft zum Widerstande hätten spenden können. Auch die Gefühle mußten verheimlicht werden. Ihre Gebete knüpften deshalb an die traditionellen Gebettexte des Judentums an, doch vernimmt man zwischen den Zeilen einen individualisiertM, Ausdruck für die besonderen Stimmungen der Marranen: eine Mischung von Todesangst, GöttverLrauen und unerschütterlicher Beharrlichkeit. Das Gebet wird notgedrungen zu einer Art Geheimsprache, in welcher die unschuldig Verfolgten ihr verbittertes Herz vor dem himmlischen Vater ausschütteten., Das Gebetwort hat hier zweifache Aufgabe: Linderung zu schenken nach innen und die Gefühle zu verbergen nach außen. So Mtstanden diese blutwarmen, erlebten Gebete, die mehr sind als die traditionellen Formeln. Sie sind menschliche Urkunden von erschütternder Lebendigkeit, Heldengedichte, aus Leiden und Glaube,nsgewißheit geformt. Ich sitze in der kleinen Schuhmacherwohnung in der Judiaria von Lissabon und hänge an den Lippen dieser gotterfüllten Alten, ganz hingegeben der Macht dieser primitiven Andacht. (Die Texte sind hier nach der Publikation Schwarz'

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