Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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? p) \ Aus\Wz f f uncf JLct en [Illustrierte Beil age zum,, llsraefif Die Zltarranen in Portugal?) Von Marcus Ehrenpreis. Es war mir vergönnt, den portugiesischen Marranismus ^aus nächster Nähe kennen zu lernen — ein.ergreifendes Kapitel aus der tragischen Geschichte des jüdischen Martyriums, welches bis in die allerletzten Jahre den Blicken der Welt verborgen blieb. Es sit noch nicht abgeschlossen. Marranen ist, wie man weiß, die Bezeichnung für geheime Juden, oder Scheinchristen, Cristaos Novos, welche formell der katholischen Kirche angehören, sich jedoch als Juden fühlen und im geheimen gewisse religiöse Riten des Judentums üben. Sie sind Nachkommen der lwz aus Spanien und 1496 aus Portugal vertriebenen oder zur Taufe gezwungenen Juden. Diese Marranen gehören nicht bloß der Geschichte an, wie allgemein angenommen wird. Es gibt in unseren Tagen Marranen in Portugal, und ihre Anzahl ist nicht unbedeutend. Sie haben bis auf den heutigen Tag den Zusammenhang mit der Religion ihrer Vorväter bewahrt und allen Gefahren zum Trotz altjüdische Feste und Kulturformen, beibehalten. Der Marrane ist — wie ihn Carl Gebhardt treffend definiert — Katholik ohne Glauben und Jude ohne Wissen, aber doch Jude durch seinen Willen. Die portugiesischen Marranen waren bis in die letzten Jahre — aus Gewohnheit — immer noch Krypto-Juden und übten ihre Religionim geheimen. Hundert Jahre nach dem Verschwinden der Inquisition — diese wurde in Portugal 1821 aufgehoben — scheint der historische Zweikampf zwischen Gewissenskampf und Religionsfreiheit formell und nach außen hin noch nicht abgeschlossen. Die Schreckensherrschaft der Jahrhunderte lastet noch immer auf diesen angsterfüllten! Seelen, und es ist, wie wenn diese religiösen Märtyrer, gleich ihren heroischen Ahnen, noch immer im Schatten der Inquisition lebten: stumme, bewundernswerte Helden, die seit mehr als vier Jahrhunderten für die *) Ser AvMst ist hem fuei uitis 6eiretite gewürdigten vortrefflichen Buchs „Das Land zwischen Orient und OczAsnt" (BsMg Hetnebund, BerAn) von Marcus Ehrenpreis entnommen. Bei allen von der Raumnot diktierten Kürzungen zeigt doch der Aufsatz, mit welcher Gründlichkeit und Anschaulichkeit Ehrenpreis zu schildern weih. Das Buch, das uns eine neue und doch nicht gar so fremde Welt erschließt, sei bei dieser Gelegenheit nochmals aufs Wärmste empfohlen. Die sechs zu diesem Artikel gehörigen Bilder^sind nach Originalausnahmen des Marranenentdeckers Samuel Schwarz hergestellt. Freiheit des Gewissens und der Seele gekämpft und gestorben. Erst jetzt fcm>gen' sie an, ihr unterirdisches Glaubensleben ans Tageslicht zu ziehen. Was wir jetzt in Portugal wahrnehmen können, ist der eigentliche Schlußakt im welthistorischen Eingang znr alten Judengasse in Lissabon. Kampfe zwischen Inquisition und Religionsfreiheit, zugleich aber der Beginn eines neuen jüdischen Lebens auf der iberischen Halbinsel — eine Alte Marranin. im hohen Grade beachtenswerte und lehrreiche Erscheinung. Die Begegnung mit den Marranen in Lissabon schenkte mir trostreiche Stunden: die werbende, zeugende Kraft des totgeglaubten Judentums tat sich mit. erquickender Deutlichkeit vor mir auf. Es muß noch Leben sein in dem morsch gewordenen Heim, an das sich die verlorenen Söhne von neuem herandrängen. Ich wandere durch Lissabons ruhelose Avenidas und fühle mich ganz in diesen leidenschaftlichen Lebensrhythmus eingespnnnen, der die bezaubernde Hauptstadt Portugals zu einer der lautesten Städte unseres Weltteils macht. Lissabon ist eine völlig schlaflose Stadt, wo das Leben Tag und Nacht unaufhörlich braust. Es ist, wie wenn festliche Scharen durch die breiten, stattlichen, blumenreichen Boulevards zogen, von ohrenbetäubender Musik begleitet: dem posaunenartigen Blasen der Automobile, dem unartikuliertein Geschrei der Zeitungsverkäufer, übertönt von den aufdringlichen Zurufen der Kutscher, Straßenverkäufer, Losverfchleißer und Schuhputzer. An manchen Stellen vernimmt der Wanderer mitten im Gewimmel dles Tages die Stimme der Geschichte. Am volkreichen Platze O'Rocio, dem eigentlichen Geschäftszentrum der Stadt, erhebt sich die Bronzestatue Don Petros des Vierten, Kaisers von Brasilien. Sie ist von, vier Bronzefiguren flankiert, welche die Gerechtigkeit, Weisheit, Mäßigkeit und Stärke darstellen. An dieser Stelle residierte das Santo Officio, das, wohl ausschließlich auf Stärke gestützt, durch zweieinhalb Jahrhunderte (1537—1780) im Namen Gottes den entsetzlichsten Kamps gegen alle diejenigen geführt, die sich weigerten, den Glauben ihrer Väter abzuschwören und sich zum Kaholizismus zu bekennen. Das Nationalarchiv in Lissabon bewahrt Protokolle von nicht weniger als vierzigtausend Jnquisitionsprozessen, von welchen der weitaus überwiegende Teil gegen Neuchristen geführt wurde. Jetzt erhebt sich das Nationaltheater an dieser Stelle, wo sich einst die erschütternden Tragödien der Inquisition abgespielt. Unweit von hier liegt der größte Platz Lissabons, die monumentale Praca do Commercio, mit der Reiterstatue Josess l. in der Mitte, vor welcher sich der Tajo in seiner zauberhaften Schönheit ausbreitet. Hier wurde am 1. Februar 1908 König Don Carlos l. und sein ältester Sohn Louis Philipp ermordet. Auf diesem Platze pflegte sich der letzte Akt der Tragödie der Jnquisitionsprozesse abzuspielen. Hier wurden die Verurteilten verbrannt. Es ist fast unglaublich, daß das letzte Liffaboner Autodafe so spät (1781) stattfinden konnte. Im Jahre 1795 schreibt Jsaac Penhas, einer der Lissaboner Marranen, die sich nach England geflüchtet, in seinem ■ji.fi iL» hr.t 1 ff