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Der Israelit · 1929-10-17 · Heft 42 (17.10.1929) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 42 (17.10.1929)
Date
1929-10-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seile 10 Nr. 42 Der Israelit 17. Oktober 1929 was für mich. Ich habe die Slichaus (mit Eisenbahn) hinter mir, bin reif für das Morgengebet. Wie wir fertig find, höre ich im Nebenraume, wo sie noch mit den Slichaus beschäftigt sind, eine wohlvertraute Stimme, die sich vom Chore scharf und schrill abhebt. Was! Ist das möglich? „Entschuldigen, Herr Schaffner, wie kommt man nach Plauen, nach Zwickau, nach Leipzig? . . Es ist wirklich und wahrhaftig der Bärtige aus meiner nächtlichen Fahrt. Wie friedlich die Züge des Mannes sind, durchglüht von Andacht. Wie ich -nur was Schlechtes von ihm denken konnte! Wie doch Nachtstunden aus langer Fahrt auch Nachtgedanken in Herz und Hirn setzen! „Sie sind hier?" frage ich erstaunt, wie er mit den Slichaus fertig ist. „Warum soll ich nicht hier sein?" lautet seine Gegenfrage. „Wollten doch, dachte ich, von Frankfurt nach Plauen?" „Was soll ich in Plauen? Plauen läuft mir nicht weg." „Und fahren Sie nicht weiter nach Zwickau?" „Efscher, vielleicht ja, vielleicht nicht." „Ich dachte, Sie wollten auch nach Leipzig?" „Habe^ ich in Leipzig was verloren?" „Sie bleiben also in Frankfurt?" „Warum auch nicht? Ich habe in Frankfurt einen Vetter (Vetter ist Onkel) und bleibe da über R o s ch - h a - s ch o n o. Bin auch „ein Stücke! Chasen" und werde mir hier eine Stelle zum Vorbeten suchen." Seltsamer Mann! Will über Rosch-Haschono zu seinem Vetter nach Frankfurt und erkundigt sich, wie man über Plauen nach Zwickau fährt ... „Warum fragten Sie denn nach all den Touren?" „Schadet es waL-dem Sege? Fragen kostet ja nichts!" . . . Und i ch habe mir auf seiner Weltreise den Schwarzwälder Schnupfen geholt, daß ich kaum zu atmen imstande bin. Er hat ihn mir über Zwickau-Plauen-Leipzig geliefert. Und das Schlimmste habe ich Ihnen noch nicht erzählt. Mir war im Bethause O. . . eine Ehrenfunktion für Rosch-ha-schono zugedacht, gleich Mussaf. Wer da aber sitzt, stockheiser, ohne Ton im Munde, mit Husten und Pusten und dem echten Schwarzwälder Schnupfen in Brust und Kehle, das bin ich. Nun, das Minjan blieb nicht ohne Chasen. So was gab und gibt es nicht in» Israel. Aber i ch, denken Sie nur, ein Chasen ohne Kehle, ohne Kille, ohne Stimme, ohne Stelle. Begreifen Sie die Tragik?! . . . Und das Allerschlimmste zu allerletzt. Wer, meinen Sie, tritt in die Bresche, geht an meinerstatt ans Omud? Von» hinten her setzt die mir schon bekannte Stimme ein», schiebt sich, als käme sie gerade aus Plauen, Zwickau, Leipzig, die Gestalt ans Vorbeterpult vor. „Hineni!" „Hier bin ich! . . ." Hoschanah Rabba bei den Jemeniten in Tel Aviv. Von Jakob Pinczower. In der Nähe des Herzlgymnasiums führt eine kleine Straße zu dem Pemenitenviertel. Die Straßen in der Siedlung sind nicht gepflastert, man geht durch tiefen Sand vorbei an kleinen Häusern, teilweise sogar Hütten, in welchen die Jemeniten (auf hebräisch Tamanim) in ärmlichen Verhältnissen leben. Die Pemeniten, die viel Aehnlichkeit mit den Arabern haben, und auch noch unter sich arabisch sprechen, sind meistens kleine, schmächtige Leute, tragen zum großen Teil wie die Araber den Tarbusch und auch arabische Kleidung. Aber schon die Kinder und der intellektuelle Teil der Bevölkerung tragen zumeist europäische Kleidung und sprechen auch viel hebräisch, sehr viele Jemeniten tragen noch Peijes. Sie haben in ihrem Viertel mehrere Synagogen und eine eigene Talmud Thoraschule. Fast jedes einzelne Haus hat seine eigne Sukkoh, wenn sie auch meistens primitiv eingerichtet sind, man sieht sogar Bettstellen für diesen Zweck verwendet. Mein erster Weg war nachmittags zur Synagoge der Temanim, wo gerade gelernt Boards. Jeder, der hereinkommt, küßt die Mesusoh und den Porauches. Die Aussprache ähnelt sehr dem litauischen Dialekt, auch bc\ Nussach hat sehr oft mehr Aehnlichkeit mit dem polnischen als mit dem sefardischen Ritus. Es wurde D?ore hajomim gelernt und zwar mit Raschi und einem Mesoresch. Da noch kein Minjan vorhanden war, holte nian Leute von der Straße und sagte dann Rabononkaddisch. Kurz darauf wurde Minchah gebetet. Zunächst wurden Thillim gesagt und es war erstaunlich, toie viele kleine Jungens im Alter von höchstens 5 Jahren einen ■ großen Teil auswendig hersagen konnten. Es *jnrt) mit ganz besonderer Kawonoh von jedem einzelnen gebetet, kein Mensch toird auch nur ein Wort sprechen. Vor Minchah wurde die ganze Parschoh von Korbonaus gesagt einschließlich Pitum haktaures. Bei der Keduschoh wird vedes kodausch langsam und mit ganz besonderer Betonung gesagt. Am Schlüsse wurde noch Mussar gelernt und zwar Peile jauez. Während in den meisten Synagogen die Jemeniten auf dem Boden sitzen, waren in dieser Schul Bänke vorhanden, auf denen sie jedoch teilweise biie die Araber mit übereinandergekreuzten Beinen saßen. Bereits um 6 Uhr fing man an zu lernen. Die Synagoge, die bis jetzt noch ziemlich leer war, wurde merklich voller. In der. Vorhalle saßen auffallend viel Frauen, welche sogar teilweise mitlernten. Man sah überraschend viel Frauen, die vielleicht höchstens 15 Jahre alt und bereits verheiratet waren. Sie tragen alle einen Schleier über ihren Haaren. Viele kleine Kinder lernten mit, darunter einige, die sehr vieles auswendig konnten. Alles lwurds Wort für Wort gesagt, es wurde begonnen mit dem Sohar, dann wurden Thillim gesagt. Zwischendurch wurde Tee, Gebäck und Schnaps herumgereicht, wobei jeder einzelne über jede Sache laut und vernehmlich die entsprechende Brochoh machte. Lediglich um noch eine Brocho mehr zu machen, wurde jedem einzelnen eine' wohlriechende Pflanze überreicht. Etwa um 10 Uhr fing man an, Dworim zu sagen, womit man um 12 Uhr fertig war. Der Schluß wurde vom Chacham versteigert, der 15 Piaster einbrachte. Dem Betreffenden wurde dann eine extra Mischebeirach gemacht. Dann wurden die ersten 10 Kapitel Thillim gesagt, dann ein Jehi rozaun. Etwa um 5 Uhr fing man an Schacharith zu dawnen. Gleich nach Halle! werden die Hakofaus gemacht, die über eine Stunde in Anspruch nehmen. Bei den Hakofaus werden nicht nur der Lutowj fondern auch die Hauschanoth mitgenommen, es ist eine ganz besonders Mizwoh. recht große Hoschanoth zu haben. Bei dem Leinen wird die Sefer Thora so gestellt, daß sie nicht liegt, sondern senkrecht steht, das Sefer ist entsprechend konstruiert. Jeder der aufgerufen wird, leint selbst seine Parschoh. Hagboh und Gliloh fallen fort, nachher werden Hauschanoth geklopft und zwar auf der Erde, indem sie awir awir sagen. Alsdann wurden noch' für verschiedene Zwecke Misch ebeirach gemacht. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Jemeniten ein sehr arbeitsames Element im dortigen Jischuw sind, und daß sie sich unter schwierigen Verhältnissen ziemlich emporgearbeitet haben. Uinderecke. Ein eigentümlicher Suckoschmuck Von Heinrich Einsiädler. Leute, die ruhig und bescheiden ihres Weges gehen, ohne irgend einem ■ein Unrecht zu tun, die gewissenhaft ihre Pflichten üben, ohne viel Aufsehen davon zu machen, geraten zuweilen, wenn sie in das Greisenalter kommen, in den Ruf der Heil i g k e t t. Man erzählt sich von ihnen allerlei Legenden und Anekdoetn, und man erwartet von ihnen wunderbare Handlungen, selbst wenn sie nachdrücklich die Fähigkeit dazu bestreiten. In einem kleinen Städtchen war einmal am Peßach ein schwerer Diebstahl vorgekommen. Während des Gottesdienstes, zu dem sich außer Schwerkranken und ganz kleinen Kindern die gesamte jüdische Einwohnerschaft in der Synagoge einzufinden pflegte, hatte sich ein Dieb von der Hinterseite aus in ein jüdisches Haus geschlichein und sämtliche im Zimmer befindlichen Silbersachen gestohlen: die prachtvolle Sederschüssel, die auf dem Tische prangte: die zum Teil von längst dahingegangenen Geschlechtern stammenden Becher, die zur Erhöhung des Festglanzes aus den Schränken gebracht worden waren; den großen Chanuckaleuchter, der das ganze Jahr über seinen Platz auf einem Eckbrettchen hatte und endlich die Esrogschale vom Wandschrank. Alle Nachforschungen der Polizei hatten keinen Erfolg gehabt. Die entwendeten Gegenstände waren und blieben wie von der Erdoberfläche verschwunden. In dem gleichen Orte wohnte ein frommeer Greis, der sich bei allen Schichteui der Bevölkerung hohen Ansehens erfreute. Im Thorawissen überragte „Rebb Leser" die jüdische Bevölkerung der ganzen Gegend, und diese Bildung prägte sich aus in einem untadeligen Lebenswandel, in sanfter und hilfsbereiter Art, in einem höflichen und ruhigen Wesen und in eiuer überlegten, jeden Wortschwall meidenden knappen Ausdrucksweise. Kern Wunder, daß Rebb Leser großes Vertrauen genoß und in schwierigen und diskreten Fällen oft um Rat gefragt wurde, auch von der christlichen Bevölkerung. Kein Wunder ferner, daß sich sein Rat meistens als der richtige erwies. Und kein Wunder endlich, daß es Leute gab, die diese Erfolge wohl für Wunder ansahen und von dem alten Mann in einer Weise sprachen, die dieser selbst sehr bedauerte und tadelte. Aber man hielt seine Einwände nur für Ergüsse seiner Bescheidenheit, und' selbst die rohesten Burschen wurden manierlich und höflich, wenn sie den „heiligen Rabbi" nahen sahen. An einem Herbstabend wurde ihm vom» seiner Tochter gemeldet, daß eine ältere Frau ihn zu sprechen wünsche. Er ließ sie in sein „Lernzimmer" kommen und bat sie höflich, Platz zu nehmen und ihr Anliegen vorzubringen. Stockend berichtete sie, daß ihr Mann auf dien Tod erkrankt sei, aber trotz aller Schwäche nicht sterben könne, weil er eine große Sünde auf dem Gewissen habe. Er sei es gewesen, der vor einer Reihe von Jahren die Silbersachen aus dem Frohberg'schen Hause entwendet habe, und er behaupte, keine Ruhe finden zu können!, bevor nicht ihr Rabbi das Bekenntnis feiner Schuld und die Bekundung seiner tiefen Reue vernommen habe. Der Mann, so setzte die Besucherin hinzu, hätte die Silberschätze versteckt und nie gewagt, sie zu veräußern. Er wäre zu jeder Buße bereit, die ihm der Rabbi auserlegen werde. Unter vielen Tränen hatte die unglückliche Frau ihren Bericht zu Ende gebracht. Des Greifes scharfes Auge blickte ernst und teilnehmend ihr ins Gesicht, und nach minutenlanger Pause sprach er: „Reue und Wiedergutmachen bringen dem sündigen Menschen Ruhe. Sagt das eurem Manne, und gebt die Sachen ihrem Besitzer wieder zurück." Die Frau dankte und entfernte sich. Am nächsten Tage, es war der Rüsttag zu Sukt'aus, brachte Amfchel Frohberg fein Esrog zum Rabbi: der Rabbi möge es gefälligst untersuchen, ob es keinen Fehler habe. Und während dieser die Frucht sorgfältig am Fenster von allen Seiten besah, äußerte Frohberg, wie schade es sei, daß die „Ganowim" ihm damals auch die schöne Esrogschale vom Schranke geholt hätten. So prächtig wie darin käme ihm seitdem niemals mehr ein Esrog vor, auch das kostbarste nicht. „Nun, nun," erwiderte Rabbi Leser, indem er dem Sprecher freundlich lächelnd auf die Schulter klopfte, „wer weiß, was für Freuden der Jom tauw bringt." Der Abend kam, der erste Abend von» Sukkaus. Vater und Kinder kamen aus der Synagoge und zogen nun mit der Mutter irr freudiger Stimmung hinten in den Hof, in die Sucko, in der die Mutter schon vorher die Festlichter entzündet hatte. Sie trug den Wein, der Vater den silbernen Kidduschbecher. „Man konnte ihn. ja wegen der Diebe nicht vorher aus den Tisch stellen." Die Tür ward geöffnet. Wie vor einem Wunder stehen die Eheleute, sprachlos, staunend. Vor ihnen auf dem Tisch blinken im Lichte der Sabbatlampe über dem glänzenden Linnen: Sederschüssel, Becher, Chanuckahleuchter und Esrogschale. Endlich sagt der Vater: „Das hat Rebb Leser schon gestern gewußt. - Und das soll etwa kein Res (Wunder) sein?" STjctaniwotUid) für den ollgrmeinvL Seil «ab da« ifcviUetv S. Schachnomitz. Frairkfurt a. M.; Inserate 1. SB.: S. Schach« roajifc. ebenda. — Für die piidcmogifche Beilage: Lehrer &■« Kaufmann in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Seelu »Israelit", D.ry.b,Frankfurt a.M — Druck Ärrnron Berlar»» Aktt-nzesellfchaft. Frankiurr a. M.

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