Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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JeuillctOR Beilage war* Slichaus und Eisenbahn oder Me ich um meine Tefillo kam. Eine Groteske, die beinahe zur Tragödie wird. Von S. Jzchaki. In der Nacht zum zweitem! Slichaustage rollte ich durch die Gefilde von Schwarzwald', Odenwald und der Bergstraße, auf der Holzbant einer Holzklasse, die zum D-Züg Nr. 305 Basel — Frankfurt a. M. gehörte. Slichaus ist ein Wort von weichem Klange, stimmt elegisch, wehmutsvoll. Eisenbahn tönt hart, dröhnend, bedeutet Dampf, dicken Rauch und schrille Rufe. Wo hier das Harte mit dem Zarten sich paart, ergibt es keinen guten Klang . Nun muß ich doch von vorne erzählen, wie ich zu dieser ungesunden Mischung von Slichaus und Eisenbahn gekommen bin. Nämlich: Am Tage, der dieser Nacht vorausgegangen, faß ich von neune morgens bis fünf Uhr nachmittags ebenfalls im Eisenbahnzuge, und zwar in einem, der die gleiche Strecke, aber entgegengesetzt fuhr, von Frankfurt nach Basel. In der Zwischenzeit, von fünf bis Zwölf nachts, hatte ich eine akademische Feier mit Reden und Gesängen überstanden, ein Festbanke t t mit scharfen Vorspeisen, kalten Platten, süßen Nachspeisen, zwei Dutzend Tischreden, mit verschiedenen Saucen! und diversen Salaten genossen. Den Abschluß bildete kurz vor Mitternacht, schwarz wie der Teufel und heiß wie die Hölle, ein echter Schweizer m o k k a; außer dem Programm, gewissermaßen auf eigene Kosten und Gefahr. All diese Faktoren taten sich, da ich nun um die Mitternachtsstunde wieder in meiner Holzklasse saß, zusammen zu einer festen Burg, einer hohen Mauer um meine Sinir/e, Nerven und Augen, daß des Schlafes, kein Schimmer, an sie herankomme, obwohl im Abteil dazu Platz und gewesen, wäre, : ... Ach teistechas Amtell, mit gur zwei Reifenden, eintm Herrn üM'siner Dame, die wohl zufam- -Wen gehörten,.da?sie-während der ganzen Fahth ...Win ein/Wort imiteinander sprachen. .'Was da in der^Ccke. zusammengekauert saß un d tn i t den Atmungsorganen flötete, als säßen darin! die Trompeten des jüngsten Gerichts, konnte ebenso sechszehn wie fechszig Jahre alt fein. Der Mann gegenüber schnarchte im Basse tiefster Ueberzeugung die Begleitung. Nur ich wachte, wachte für alle..- Das Licht,im.Mbteil war abgedunkelt. Hob ich ein wenig d2n grauen Sacktuchvorhang am Fenster, drang etwas grelles Licht vom Gange herein und ich sah, wie draußen hohe Berge, mokkaschwarze Wälder vorbeihuschten^ Dörfer und Flecken, in deren düsteren Häusern Menschen friedlich schlummerten .Bon Höhen herab winkten gespenstisch Burgruinen, Dorfkirchen streckten wie drohende Zeigefinger ihre Turmspitzen in derl 'NachthimmW^Astes drhußeft und Drinnen schlief Len! SchEMMFrWeM^ Pur ich, „Armer an Tat und' Kraft",, faß; AochHheü wach, säh^ Än^ „Wächter. .!inder Nacht'N, Anaus und hinauf/ uni mich und Gef ist mich . , . Die Fahrt, das Menu, dieHefänge, die Reden, alles mischte sich in meinem- Gehirn zu einem, Brei, weich, gestampft ..im.-.-Geratter der Eisenbahnwalzen, gar gekocht von Rauchs und' Dampf. „Meine Damen und Herren!" „Ein großer Tag! . . ." „Ruhe-Kissen gefällig?" . . . „Es geht vorwärts mit der Orthodoxie! . . ." „Umsteigen nach Appenweier! . . ." Armes Gehirn! Bon außen pocht öer Schlaf an die geschloffenen Lider. Die Schutzmauer um Sinne und Nerven hält den Ansturm aus. In meinem Kopfe gehts wie ein Mühlenrad herum. ... Auf einer Station in der Nähe von Baden- Baden schiebt sich eine dunkle Gestalt in> unser Abteil. Ich sehe im Dunkel nur einen struppigen schwarzen Bart und einen massigen Körper in dickem Ueberzieher mit Samtkragen. Die unheimliche Gestalt kauert im Eckplatz mir gegenüber, und ich fühle ein paar wildlauernde Augen auf inich gerichtet. Was mag das für einer fein? Der Bart ist mir verdächtig. Scheint mir fo em Leichenfledderer, der es auf schlafende Passagiere abgesehen hat. Wer kanns wissen? Hier in diesen Wäldern hat einmal der Schinderh a nnes gehaust. Vielleicht internationaler Hochstapler, der sich falschen Bart angehängt hat. Vielleicht gar ein flüchtiger Bankdirektor, der sich in einem Schweizerdors einen richtigen Bart wachsen ließ. Vielleicht, vielleicht. . . Die Möglichkeiten! sind ganz unbegrenzt für ein zermartertes Gehirn auf einer Tages- und Nachtfahrt mit einem Menu, zwölf Tischreden und einem Mokka dazwischen. Wie der Mann mich beguckt! Auf keinen Fall einschlafen! Und grade jetzt pocht Meister Schlaf mit allen zehn Fingern an die ,Außenmauer, die abzubröckekn! droht. Er ist nahe daran, Gewalt über Augen und Sinne zu halten. Nur nicht schlafen, jetzt nicht! Hand auf die Busentasche. Ich habe von meiner Reise nach Lösung der Rückfahrkarte noch ungefähr dreieinhalb Schweizerfranken bei mir. Außerdem: Ein Schweizer Freund hatte von seiner letzten Deutschlandreise noch fünfzig deutsche Reichspfennige übrig, die er bei den Eidgenossen nicht , anbringen konnte. Er wickelte sie liebevoll in ein Papierchen und übergab sie mir, machte mich damit zum „Sendboten einer guten Tat". Also nicht schlafen. Der Mann hat einen Blick, der durch die Kleider bis ins tiefste der Brieftasche dringt... Da flitzt und blitzt im Gange — es ist halb drei Uhr — etwas an unserem Fenster vorbei. Hupf ist der Bärtige von seinem Platze gesprungen, reißt b>eide Schiebetüren weit auf und stellt den Mann im Blauröck ' mit der Laterne an der Brust. '„Entschuldigen Herr Schaffner, hat der Zug ist Frankfurt Anschluß nach Planen?" ,, r -: Dtz^Schaffner leuchtet mit seiner Brustlampe auf. bestimmte Seiten im dicken Kursbuch und gibt umständlich Bescheid. ' ./Und Me kommt MM von Plauen nach Zivickau?" ■?!: Der Beamte sucht wieder das Kursbuch mit -der Lampe ab und gibt Antwort. „Wann und wie fährt man am besten nach Leipzig?" Das' Blitzlicht des Beamten bestrahlt neue Kolonnen im Buche. Er zieht den Bleistift vom Ohre weg und notiert. Ich denke wütend: Ein Raubmörder ist der Mann nicht. Die kennen die Strecken besser. Aber er raubt mir den letzten Ton aus der Kehle. Bei den kalten Luftwellen, die durch die offenen Schiebetüren kommen, friere ich am ganzen Körper. Und: will der Mann all die Strecken, nach denen er sich erkundigt, wirklich befahren, dann kommt er in diesem Jahr nicht ans Ziel, vor Beginn des neuen j ü d i f ch e n Jahres ganz gewiß nicht. - Es ist bereits drei Uhr, die Türen sind immer noch aufgeriffen, der Mann ftagt. Es ist halb vier, der Mann ist mit seiner Weltrundreise immer noch nicht fertig. Er will nun wissen, wie manvon Leipzig nach Berlin, von Berlin, w eiter zurü ck na ch. Zw e ibrü cken, und so weitet bis ans Ende der Welt, kommt. m. « >»r? Und beide Schiebetüren bleiben weit aufgerisfen. Draußen im Gang ist irgendwo ein Fenster offen. Eine schneidende Luft weht aus den schwarzen Wäldern, vielleicht aus der Heimat von Berthold Auerbach. Mir schlottern die Beine, klappern die Zähne. Ich habe m Rase und Kehle bereits einen -echten Schwarzwälder Schnupfen sitzen. Der Mann schwelgt immer noch in Weltreisen, lernt sie förmlich mit dem Beamten aus dem dicken Buche heraus. Es ist halb vier. Da wird es dem Mann im Blaurocke doch zu bunt und es fällt ihm plötzlich — leider zu spät — ein, daß er für nächtliche Lektionen! über Verkehrsfragen nicht bezahlt wird. So schiebt er rasch die Türen zu und geht weiter. Der Bärtige kauert, wieder in der Ecke mir gegenüber und zieht den Mantel mit dem Samtkragen übers Gesicht. Ich könnte jetzt in Ruhe schlafen. Ein Schinderhannes ist der Mann nicht. Schade! Aber nun ists vorbei. Die Schutzmauer um die Nerven und Sinne ist wieder da. Meister Schlaf gibt den! Kampf auf und weicht endgültig. M a n n h e r m! Es ist halb fünf Uhr. Mannheim ist eine schöne Stadt, dagegen ist nichts zu sagen. Aber der D-Zug 305 ist in Mannheim über Ne Ohren verliebt. Hier ist gut ruhen, denkt er. Es ist drei viertel fünf, es ist gleich fünf, der Zug hält immer noch in Mannheim. Auf dem Perron find alle Geister der Mannheimer Nacht erwacht und schreien sich in den Morgen hinein. „Warme Frankfurter Würstchen!", „Neueste Berliner!", „Kölnisches Wasser gefällig!" Alles schreit und ruft, und keiner vermag meine Reisegenossen zu wecken, sie schnarchenjetzt zu dritt. Wie in einem gut eingeübtem! Terzett. Lüfte ich ein wenig den grauen Segeltuchvorhang am Fensterchen, daß durch den Gang Licht aus dem Bogenlampen auf den Mannheimer Bahnhof dringt. Und nun die S l i ch o h aus der Manteltasche heraus, es ist so gerade die rechte Zeit dafür. Und da tritt der Punkt ein, wo Slichaus und Eisenbahn sich zu einem wenig harmonischen Klang vereinen. In meinem Gehirn ist der Brei gar, er läuft über . . . Alles schreit und greift ineinander. Was ich -erlebt und erlitten, geschaut und genossen, ist eine graue Masse. Geratter, Gerede, schwarzer Wald, weißer Salat, Maariw, Mokka, Slichaus, Eisenbahn-. Ein Hexentanz im Jazztempo. . Rechter Hand, linker Hand, nlles verschoben in meinem: armen Gehirn. > : 1 „Jisroel amcho! JsraU' deist''VM, Ds richtet Gebete!" 7---- „Warme Frankfurter!,?" rr- „Am Jaum iro. , Ich fürchte den Tag!" Kaffee gefällig?!"' — „Es geht weiter mit der Orthodoxie!" — „Kostet fünfzig Rappen — ohne Trinkgeld!" — „Koton Jaakauw w'dol, wie klein ist doch Jakob und arm." — „Umsteigen nach Ludwigshafen!" — „Meine Damen und meine Herren!" — „Srauk olenu Majim thaurim!" — „Kölnisch Wasser gefällig?!" — „Ein großer Tag heute, — den machte der Herr!" — „Neueste Berliner!" — „Malache Rachamim!" — Engel des Erbarmens, habt Erbarmen!'. . . „Achtung! Fertig! Abfahrt!" * * * Zehn Minuten nach sechs Uhr fahren.wir in den Frankfurter Hauptbahnhof ein. Zwanzig Minuten später lädt mich die „Achtzehner" am Allerheiligentor ab. Für die Friedberger Anlage ist es zu spät. Zum Minjan in der L . . . straße kommt man! noch recht. Hier, bei den Chassidim, ist Großbetrieb. Im mittleren Hauptraume ist man gerade mit den Slichaus fertig und man „stellt sich zum Dawnen". Im Vorderraume hatte man erst mit den Slichaus begonnen. In einem Nebenzimmer ist man aber schon längst mit allem fertig und trinkt bereits einen „Tikkun". Das im Mittelraume ist