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Der Israelit · 1929-10-10 · Heft 41 (10.10.1929) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 41 (10.10.1929)
Date
1929-10-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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©eite 10. Nr. 41 Der Israelit 10. Oktober 1929 Wo ist der Rebbe? (Rabbi Mosche Mordechai Epstein), schrieen wir mitten m den Schrecken. Zunächst wußte es keines. Dänin erfuhren wir, daß der Rabbi durch ein wahres Wunder dem Tode entgangen war. Er hatte sich mit vielen seiner Jünger in ein arabisches Haus geflüchtet, dessen Inhaber ihnen Schutz versprach. Er konnte aber den Anstürmen, die bald einsetzten, nicht standhaften. Noch wenige Minuten, und das Tor hätte nachgegeben. Da bemerkten die Araber einen wie von Wahnsinn gepeitschten einsamen Juden aus einer Seitengasse eiten. Der Unglückliche wollte noch von feinem bedrohten Hause in ein anderes flüchten. „Da drinnen scheint keiner mehr zu sein, aber d e r da" schrieen die Mörder, und schon stürzte sich die ganze Meute auf den Unglücklichen, einen Thoragetehrten mit Namen Elrmetech L i ch t e n st e i n> aus Warschau. Dieser eine hatte die Wut der Mordgesellen von Meister und Jüngern auf sich abgelenkt. Er starb als Märtyrer, dessen in der Geschichte der letzten Zerstörung Hebrons besonders gedacht werden wird. In den folgenden Stunden und Tagen der Betäubung kamen wir kaum zum klaren Bewußtsein dessen, was um uns geschehen war. Nachts aber standen wir, zehn Thorajünger, und schaufel te n G rä b e r f ü r unse re gefallenen Kameraden. Wir waren die Totengräber derer, dte uns im Leben am nächsten standen und' in einen Tod gegangen waren, der uns allen zugedacht war. Die Erde, die wir gruben, war weich und locker, weich geworden durch unsere Tränen ... Im Momente schien uns, als öffnete sich ein großes Grab für die H e b r o aii e r Ieschiwa. Aber . . . Rabbi Mosche Mordechat, der Rebbe, unterbrach am folgenden Tage für eine Weile das laute Schluchzen und sagte: „Auf, Kinder! Wir gehen nach Jerusalem und lernen weiter . . Am Jomkippur wird man in Erez Jisroel und im gesamten Osten beim Jiskaur-Gebete der Märtyrer in Palästina gedenken und die „Heiligen und Reinen" von! Hebron, der Stadt der Vätergräber, die zur „Gräberstadt der Söhne" geworden bei Namen aufführen. Vom Schicksal des Kol Mdre-Gebetes. lleber Wesen und Ursprung des Kol Nidre existiert eine ganze Literatur. Aus der Einleitung mpnn nsn bv ,121 glauben manche Historiker schließen zu müssen, daß das ganze Gebet für die Marannen berechnet sei, die gezwungenermaßen das Jahr hindurch als Schemchristen lebten und sich in diesen heiligen Tagen, verkappt und vermummt, unter ihren Brüdern im Gotteshause einsanden. In den letzten Jahrhunderten suchten die Judenfeinde den Juden einen Strick aus diesem Gebete zu drehen, mit der Behauptung, das Gebet entbinde sie von allen Eiden und Verpflichtungen gegen den Staat wie von allen getroffenen Abmachungen mit Nichtjuden. Man ist mit der Macht der Wahrheit und Wissenschaft diesen Verleumdungen entgtegengietreten, leider nicht überall mit dem gleichen Erfolge. Insbesondere knüpft sich ein Leidenskapitel der russischen Judenheit an das Wort Kol Nidre. 1799 bemühten sich die kurländischen Juden um russisches Bürgerrecht. Der Minister lehnte das Gesuch ab, mit dem Hinweis auf Kol Nidre, das angeblich zeige, daß sie sich dem Staat nicht verpflichtet fühlen. Gouverneur in Kurland war damals Baron H e n n i g , ein ausgesprochener Freund der Juden und der Bibel, und er setzte sich beim Ministerium für die Juden ein, zerstreute die Verleumdungen und erreichte, daß das Gesuch der kurländischen Juden erfüllt wurde. Nach 12 Jahren, 1811, kam wieder der jüdische Eid zur Diskussion vor dem russischen Senat, wobei wiederum Kol Nidre eine große Rolle spielte. Und wiederum hatte der genannte Baron, der inzwischen zum Senator avanciert war, Gelegenheit, die Juden zu verteidigen. Er wies darauf hin, daß auch die katholische Kirche ähnliche Formeln hätte, und sogar wirkliche religiöse Erlasse, wie sie das Judentum nicht kenne, die aber dem bürgerlichen Pflichtgefühl keinen Abtrag tun. Immerhin trat Baron Henning an die Rabbiner in Rußland mit dem Rate und Ansuchen heran, das Gebet, das zu Mißverständnissen führe, abzuändern oder abzuschajfen. Der Kampf um Kol Nidre tu Oesterreich im vorigen Jahrhundert, der sich «ro den Namen Rohl -in g knüpfte, ist bekannt. Was in Rußland nicht zustande kam, wurde später von der Reform in Deutschland ausgegrifsen. Die hatte Kol Nidre abgeschafst, aber der Judenhaß wurde dadurch nicht gemindert. Und die jüdische Gemeinschaft läßt sich dieses heilige Gebet und seine alte Melodie, die noch mehr als der Text alles jüdische Leid und alle jüdische Hoffnung zu Gott hinausschluchzt, nicht nehmen. (Zur Statistik der Berliner Juden.) Im Gemsiudrblatt der Jüdischen Geme-mde zu Verliu stellt De. Jut'ms Rothholz %etva;d)tungen zur ©toüfti/f bist 25 er'firner Juden an und schreibt u. a.: Die judenreichste Stadt der Welt ist N e w y o r t mit 1.750.000 Juden, die fast 30 Proz. der Gefamlbevölkerung ausmachsn. In dm amerikMischen Großstädten schwanken die jüdischen Anteile zwischen 6 bis 13 v. $). So,weist Chicago 325.000 Juden auf, Philadelphia 275.000. Berlin mit feinen 172.672 Juden nimmt erst die achte Stelle in der Reihte der Städte nachder absoluten Zahl der jüdischen Einwohner ein. Das viermal! so kleine Warschau übertrisst es mit- 322.185, Budapest mit 212.736, Wien mit 201.513 Juden, und selbst in> L o n d >o n wohnen fast 30.000 Judenmehr als in B e r I i n. Abgesehen von -russischen, polnischen und jetzt auch rumänischen Provinz- und Großstädten, wo die Juden die absolute Majorität bilden, übertrifft Frankfur t a. M. mit seinen- 6,3 Proz. Juden die 4,3 Proz. betrWelldm jüdischen Anbelle der Einwohner Groß-Berlins. Verhältnismäßig judenrei-chsr als Berlin ist auch Amsterdam (10,3 Proz.), Saloniki! (22,8 Proz.), Bukarest (14,3 Proz.), Montreal (6,9 Proz.), Riga (11,7 Proz.), Manchester (4,7 Proz.), Bagdad (14 Proz.), Antwerpen (6,2 Proz.), Sofia (11 Proz.) und Wien (10,8 Proz.) und viele andere Städte. An der Spitze der 20 Berliner Verwaltungsbezirke sthet Wilmersdorf, wo die Juden ungefähr 13 Proz. der Bevölkrenng ausmachen, ihm schließt sich! an die City, der Ursitz der Berliner Judenschaft, wo die jüdischen! Anteile noch immer 10 Proz. betragen, dann -folgen- Schöneberg mit 8 Proz. und Charkottenburg mit, 9 Proz., im Tierg-arteuvierte'l und Prenzlauer Berg sinkendie Sätze auf 5 bis 6 Proz., um in den sonstigen Peripherie-Bezirken aus 1 Proz. und 3 Proz. -und darunter herabzug-ehen. Ja, es find in Groß-Berlin sogar kleine Ortschaften vorhanden, wo bei der letzten- Volkszählung, überhaupt keine Juden gezählt wurden. In- Berlin kommenauf 100 Männer 112 Frauen. Nach -den Konfessionen verschieben! sich die Verhältnisse. Bei den Evangelischen kommen auf 100 Männer 125 Frauen, b-ei den Katholiken auf 100 Männer 119' Frauen, bei den Juden auf 100 Männer 105 Fr-auen, bei den Dissidenten auf 100 Männer 80 Frauen. Daß bei den Berliner Juden -der Frauenüberschuß ein, viel geringerer ist, mag darauf zurückzuführen sein, daß -der Zustrom nach dem Zentrum -des Handels und der Industrie feiten« der männlichen Jugend ein besonders großer ist. Aber!das Bild ändert sich für die mittleren- Städte und das platte Land. Für diese Gebiete steigt b-er Frauenüberschuß bei den Juden auf 10—11 Proz. und nähert 'ich dem allgemeinen Durchschnitt. In Berlin wurden im Durchschnitt der letzten sechs Jahre je 1500 bis 1600 Kinder in rein jüdischen Chen geboren. Daraus -ergibt sich, daß-diese Kindengruppe im Höchstfälle 10.000 fielen urnsaßt. Da die jüdische Ge- -ämtbeoölkerung sich auf rund 170.000 Seelen beläuft, -oinmen -auf 1000 Juden rund 60 Minder -im Mer von 1 bis 6 Jahren. Machen wir dieselbe Rechnung für die G-esamübevAk erung auf, so -erhalten wir als Resultat den Tausendsatz von 64 Kindern. Dabei hat Berlin seit 1922 die niedriW-e Geburtenziffer aller Weltstädte des Abend» landes und damit die niedrigste Geburtenzifferder ganzen Welt. Betrachten wir -die Gruppe von: Kindernvon 6 bis 13 Jahren. Es besuchten -die V-MsschUlen, Berlins im Jahre 1921 376.940 Kinder, davon- 4873 jüdische; 1926 waren unter 270.679 Schulkindern — 5345 Juden-. Wäh^ -rend die allgemeine Volksschülerzahk um 28 Proz. abgenommen, hat die jüdische Schülerzahl um 10 Proz. zugenommen. Aber dieses Plus ist darauf zurückzufüh-re-n, daß die Einwanderung v-on jüdischen Familien -ans den verloren gegangenen Ostprovin-zne nach Berlin eine bedeutende war, und in diesem Zeitraum die Vorschulen der höheren Schulen, die stark miü jüdischen- Kindern durchsetzt warten, aufgehoben wurden, worauf die Abwanderung nach den Volksschulen erfolgte. — Cs besuchten die höheren Knabenschulen Berlins (ohne die Vororte) im Jahre 1914 16.477 Schüler, davon 2334 Juden, 1926 waren es 21.154, davon 1661 Juden. Während die allgemeine Schülerzahl der höheren Schulen um 30 Proz. zugenomme-n, hat die Zahl der jüdischen Schüler um 30 Proz. abgenommen,. Diese Zahlen- Dese-rn den- Beweis, daß -der jüdische Mittelstand sehr unter der Not der gegenwärtigen Zeiten -leidet und nicht mehr imstandeist, die Kosten für die Ausbildung der Knaben -auf höheren Schulen zu tragen-. (Was Stresemann mit den Inden verband.) Der Reichsaußenminister Dr. Gustav Stresemann genoß in -dm Kreisen dies d e w-tfch-e n Iudentum s nicht Zigarren At% Zeit 49 Wolf Telei. Römer 930 allein als -genialer und weitblickender Leiter der deutschen Außenpolitik -und -als Förderer des Weltfriedens, sondern auch als L e i d e n s g e n o f f e, der ein Ziel schonungsloser Verfolgung sei>ten-s der reaktioMr-antis-emitischen Front gewesen ist, Verehrung und Sympathie. SM Beginn seiner Ministers-chast wurdie 2-r. Stresemann von den An-tisem-iten als Exponent eines angeblichen inter-- nation-aten jüdischen Regimes' bezeichnet, fortwährend wurden vergiftete Pfeile der Verleumdung! gegen -ihn abgeschosfen; vielleicht war dies mit der Grund dafür, daß Dr. Stresemann es stets' zu vermeiden pflegte-, sich zu -speziell jüdischen Fragen zu äußern-. Jn> -der- -letzten Sitzung des V-ölkerbundrates in Genf trat er aus dieser Reserve heraus -und sprach der britifchen- Arbeiterregieru-ng Dank und Anerkennung dafür aus, daß es ihr gelang, die Ruhe in Palästina rasch wiederherzustellen, auch sprach er die Hoffnung aus, daß es der britischen NeMrun-g gel-in-gen werde,'Juden und Araber in Palästina miteinander zu oerföhnsn und das Mandat zum Besten aller Bewohner des Landes zu verwirklichen Es ist bekannt, daß die ununterbrochene Hetze der Antisemiten gegen Stresemann nicht wenig dazu beiitzetrageN hat, daß sich seine physischen Leidenverschlimmerten; diese Hetze ist auch wohl mit schuld an seinem frühen- Tod. Der letzte Brief Swefemann-s vor seinem Tode war an einen Münchener Freund gerichtet und ein- Ausdruck der Empörung üb-er die Verwilderung der palitifchen Sitten in Deutschland und die wüste Hetze gegen die Republik und gegen die Juden. mm Die beliebteste loiletteseife! Macht jung und schön! In Qualität unerreicht! 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