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Der Israelit · 1929-10-10 · Heft 41 (10.10.1929) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 41 (10.10.1929)
Date
1929-10-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ar Der Isr aelit VI äTe: Der Abschied der Königstochter. Ein Gleichnis zu Rella von Rabbi Jacob aus Dubna. Was ist es denn, was in Jomkipxurs Scheidestunde, da sich der Tags senkt und die Kerzen abgebrannt sind, unser Herz mit solcher Wucht und .solchem Weh 'erfaßt und bewegt? Sind auch drinnen Lichter im Erlöschen? Ballen sich Tränen, Seufzer, Gebote, Sehnen und- Hoffen von vierzig Tagen zu einem Aufschrei zusammen: „Der Ewige, er ist Gott!?" So höret folgende Geschichte: War da einstens eine Königstochter, zart von Gestalt, sanft von Gemüt'und von einem Liebreiz umflossen, daß sie überall Sonne spendete. Kam es aber so, daß diese Königstochter einem Manne angetraut wurde, der von rauher Art und ihrer nicht würdig war; sie nicht nach Gebühr zu schätzen wußte. Er nahm sie mit in die ferne Heimat, wo harte und grobe Menschen wohnten, die die sonnige Art und das zarte Wesen des Königskindes nicht verstanden und es darob mißachteten. Sie zogen die Königstochter auch zu ungewohnten groben Arbeiten herbei, und sie bekam Dinge zu sehen und Worte zu hören, die ihr Gemüt tief verletzten. Schrcker litt die Königstochter in dieser fremden kalten Umgebung, aber sie hatte keinen, -dem sie ihr Leid hätte klagen können, der bereit gewesenwäre, ihr zu helfen. Von Zeit zu Zeit schrieb sie sich ihr Leidvom Herzen, brachte es zu Papier, das an den königlichen Vater adressiert wurde. Allein, die harten, rohen Menschen sorgten stets dafür, daß der Brief der Sehnsucht nicht zum Vater hinkam, Sie litt unsäglich!, die liebreizende, zarte Königstochter. Da ergab es sich, daß eines Tages ein Kurier in die Stadt kam und mit Trompetenkundgab, daß der große König sich auf den Weg begeben. hätte, um hierher zu kommen und' sich nach dem Wohle seines Kindes umzusehen. Wie da das Töchterlein auf jubelte! Wie da aller Sehnsuchtsschmerz auf einmal der nahen Heilung entgegensah! Mochte doch der Vatersehen, wie es ihr ergehe, in welche Umgebung sie hineingestoßen wurde, wie schwer sie leide. In der Stadt aber rief die Kunde von der baldigen Ankunft des großen Königs große Errgeung hervor. Man reinigte undschmückte die Straßen, man besserte die Wege aus und rüstete sich zum feierlichen Empfange. Im Hause, wo die Königstochter weilte, trat eine große Umwälzung ein. Gatte und Verwandte kamenihr auf einmalmit großer Liebe und Aufmerksamkeit entgegen. Man suchte all ihre Wünsche zu erfüllen. Man tat, als hätte man erst jetzt auf einmal chren wahren Wert erkannt undwollte man sie danach behandeln. Der König kam. Trompetengeschmetter kündete seineAnkunft an. Er nahm Wohnung im Hause der Tochter/ Er fäh -all die Liebe Und Wevtschä^ung, die fein Kind genoß und war hochbefriedigt. Zehn Tage blieb er da und freute sich mit jedem Tage Mehr mit dem Glücke feines geliebten Kindes. Am zehnten Tage. kam endlich die Stunde des Abschieds. Der große König mußte wieder in seine Residenz. „Hast du noch einen Wunsch, geliebtes Kind-?", fragte der König feine Tochter. Sie aber warf sich dem Vater an den Hals, weinte und weinte, wortlos — -- „Warum die Tränen?" fragte der Vater, „wo du es doch, wie ich zu meiner Freude sehen konnte, hier so herrlich schön hast?" „Solange du hier bist," stammelte die Tochter endlich unter heißem Schluchzen heraus, „wie angst und bange ist -es mir im Herzen, wenn ich jetzt, inder Stunde des Abschieds, daran denke, daß du morgen -nicht mehr hier bist und die Menschen, in deren Mitte zu leben ich verurteilt bin, wieder ihre alte Natur bekommen. Wie einsam, wie fremd fühle ich mich unter ihnen! Wie schlecht werde ich oft von ihnen behandelt! Hungern! muß ich zuweilen und meine Stimme wirdüberschrieen. Ja, selbst meine Briefe zu dir werden unterschlagen! . . Die Königstochter weinte.- Neila — Scheidestunde! Eine Königstochter ist die. Seele. Sie ist von Gott, dem Vater, zu den Menschen beordert worden. Und die Geschöpfe aus Fleisch und- Blut verstehen sie nicht, würdigen sie nicht nach Gebühr, hab-en keinen Sinn für ihr zartes Wesen, hören ihre Stimme nicht. Die Seele hungert, und selbst ihre Korrespondenz, ihre Ergüsse in Gebeten, wird von den'materiellen Kräften im Menschen, von d-en kleinlichen Sorgen und kleinlichen Gedanken, zurückgeh alten, daß sie nicht die Höhe und den Weg zum Vater erreicht. Schwer leidet die himmlische Tochter, die Seele im menschlichen Körper. Da künden am ersten Elul Trompeten: „Der König kommt! — --" Die Seele erbebt in Freude und Erwartung. Aber auch der Mensch -inuns rüstet sich, trifft feine Vorbereitungen. Es geht der Seele nicht schlecht in diesem Tagen der Gebete, der Umkehr und der Selbstprüfung. Erneutes Tromp-etengeschmetter am ersten Tischri. Der König ist da! Und wir huldigen ihm in Hymnen und Geboten. Morgen für Morgen dringt unser Ruf zum „Könige auf dem Throne des Erbarmens", Dag für Dag ertönt unser Aufschrei zu „unserem Vater, zu unserem König". Was für glückliche Tage des Wiedersehens zwischen Vater und Tochter!- Scheidestunde naht! Neila! ... Schon hat der Tag sich gewendet, bald schließen sich die Pforten. Da weint die Seele, weint und wimmert. „Du gehst, Vater, d-er heilige Tag senkt sich. Es kommt -ein Morgen ohne Slicho, ohne Schofar. Und sp viele, viele Tage, ein ganzes Älahr, in dem wiederum der M ens chaus tjl.e’tschun d Blut das Wort hat, das Menschliche im Menschen, das mich, dein Kind, so selten gang versteht ..." „Du gehst Vater, wie, wird es um mich werden!?! . . Das ist das Weh und das sind die Tränen in der Stunde des Neilah-Gebetes . . , Ein Hebroner Iefchiwabachur erzählt . . . Berichteten wir in jüngster Nummer an dieser Stelle über die „Verteidigungvon Tel-Awiw", so könnte mcm das, was mir der wie durch ein Wunder dem Martertode. entronnene Hebroner Bachur in Wien erzählte, -als Gegenstück mit „Die Nrchtverteidigung von Hebron" überschreiben. Die -englischen Lokalbehörden versprachen Schutz und Hilfe,, erklärten.rviedfrhott hie- Anforderung von Militär für überflüsisg. Undließen mit Hilfe ihrer arabischen Polizisten die Horden ruhig gewähren und cm stebenzig Juden wie die Schafe abschlachten. England hat durch seine Organe in- Palästina schwere Schuld auf sich geladen. Das Blut von Hebron und Safed*) insbesondere haftet an seinem Schilde.. In Hebron waren die Juden! schutzlos den Mordgesellen ausgeliefert. Kein Helfer entstand ihnen in der Not. Wer am Leben blieb, darf Gott für ein erlebtes Wunder danken. Der junge Mann, der in Hebron geboren ist, erzählt: Die Araber sindnirgends so fanatisch und unversöhnlich, wie in der Gegend von Hebron. Wie sie hörten, daß in Jerusalem etwas gegen die Juden im Gange sei, eilten sie dahin, um mit dabei zu sein. In der Nacht zu Samstag kamen sie zurück mit vielen Toten und Verwundeten. Bei den offenen Gräbern! ihrer Toten schworen sie, blutige Rache an den „Ungläubigen" in Hebron zu üben. Es war viel Gesindel aus der Umgegend dabei, aber auch alte Bürger von Hebron machten mit. Am Samstag morgen wußten wir alle genau, wie die Sache stand. Just als man in einem Gefühle d-er Selbstberuhigung zur Schul gehen wollte, zeigten sich die ersten bewaffneten Banden!. Sie trugen ihre Aexte und Messer ganz offen und schrieen wutschnaubendnach Tod- und Verderben. Im wild-en Schrecke flüchtetensich die Juden in einzelne Häuser, die sie für sicher hielten. Aus unseren Verstecken hörten wir schon bald die ersten Todesschveie der Gemarterten und Erschlagenen. Hinaus konnte man nicht mehr. Auf Telefonanruf meldete sich kein Amt. Kein Polizist zu sehen-. Was seit diesem Augenblicke mit uns vorging, läßt sich nicht erzählen und beschreiben. Man kann es nicht in geordnete Gedanken fassen, um wie viel weniger in geordneten! Sätzen berichten, undtrotzdem wird-, wer es erlebt hat, die Schreckensbilder in allen Einzelheiten mit sich sein Lebtag herumtragen. Ich war zusammenmit etwa vierzig Kameraden aus der Jefchiwa im Hause von Elieser Slonim, dem Sohne unseres Rabbiners, der Direktor der Anglo--Palästina-Bank war. Wir glaubten uns in diesem festen! Hause etwas sicherer und waren gut verbarrikadiert. Slonim galt doch als Freund und Wohltäter der Araber, der manch einem von ihnen mit Rat und- Kredit ausgeholfen hatte. Man hoffte, daß die Banden an diesem Hause vorüber gehen würden und war eigentlich mehr um die Anderen besorgt, als um sich selbst. Da näherte sich das wilde Gejohle unserem Hause. Wir schauten durchs Fenster und sahen Aexte und Dolche aufblitzen. „Wir sindalle verloren," war der Gedanke, der uns alle vereinte. Nun waren die Araber im Hose. Ich will und kann Einzelheiten nicht schildern. Die Araber schlugen in einem Blutrausche ohnegleichen mit Axt und Messer um sich. Nach einer Weile waren Haus und Hof e i n Blutmeer. Tote und Ueberlebende lagen in einem Knäuel zusammen geballt. Ich lag wahnsinnig vor Schmerz und Angst ganz in Mut getaucht und von einigen Leichen bedeckt. Die Araber zählten mich zu den! Toten und/ließen mich liegen. Wie lange diese Schlachtungen gedauert hatten, weiß ich nicht. Mir schienen es Jahrzehnte zu fein. Als ich, zu Bewußtsein kam, glaubte ich von neuem dM. Verstay-d-zu verlieren. Dreißig Leichen lagen um uns herum. Einige Verwundete. Ich selber wußte ckücht, ob ich verwundet war oder nicht, ob ich überhaupt noch lebte. Erst später kam eine Sanitätsabteilung undsonderte die Toten von den Ueberlebenden. Von ihr erfuhrenwir, daß sich ähnliche Schreckensszenen auch in anderen Höfen und- Häusernabgespielt hatten. *) Siehe Darstellung der Metzelei von Safed in „Frankfurter ZeÜrrng", erstes Morgenblatt1 von' Donnerstag 4. Oktober.

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