Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 40 Der Israelit 3. Oktober 1929 „Die Leiden des Messias!" Das sind große herrliche Worte. So alt wie das Golus selbst bedeuten Leid und Heil zugleich. Rabbi Leibele ruht schon seit vielen Jahren in seinem Grabe. Vier Generationen haben an dem Grabe Wunder erlebt. Das große Wunder in dessen Erwartung Rabbi Leibele zur Ruhe ging, ist noch nicht eingetreten . . ., Die Verteidigung von Tel Awiw. Nachdem in Palästina einige Beruhigung eingetrelen ist. mehren sich die Augenzeugen, die erschütternde, aber auch erhebende Einzelheiten aus den Tagen der Kämpfe zu erzählen wissen. Ein Mitglied der Selbstwehr von Tel Awiw schildert die Verteidigung von Tel Awiw in folgender Weise: Als am Freitag, den 23. August, nach Tel Awiw die Meldung kam, daß ganze Scharen von Arabern und Beduinen alle Wege nach Jaffa und Tel Awiw überschwemmen, wurde vom Generalstab der Selbstwehr allgemeine große Bereitschaft angeordnet. Jeder stand auf seinem Posten und wartete auf Parole und ausgemachtes Signal. Inzwischen kamen Schreckensberichte aus Jerusalem und vielen Kolonien. Ungeachtet der Gefahren wurde sofort eine Hilfserpedition mit Lebensmitteln und Menschen dahingeschickt. Nachmittags meldete der jüdische Vorposten, der an der Küste ausgestellt war, daß sich die Araber am Strande sammeln und dort große Kräfte konzentrieren. Sofort wurde die gesamte Wehrmacht mobilisiert und aus die verschiedenen Quartiere der Stadt verteilt. Das Rathaus war der Sammelpunkt für die Reservepolizisten, die mit Erlaubnis der Macht mobilisiert und bewaffnet wurden Die freiwillige Feuerwehr stellte sich in Bereitschaft mit all ihren Instrumenten. Sämtliche Autos wurden von den Fuhrhaltereien zur Verfügung gestellt. Allejüdischen Chauffeure, ohne Ausnahme, stellten sich in den Dienst der Verteidigung. Ein Feldlazarett und Rettungs- Autos waren mit allen nötigen Medikamenten und Verbandsstoffen am Platz. In den Krankenhäusern drängten sich freiwillige Krankenschwestern und Gehilfinnen zum Dienste. In verschiedenen Teilen der Stadt wurden Küchen und Heißwasserkessel aufgestellt. Der rote Mögen Dowid (eine Sanitätsorganisatf n nach Art des „Roten Kreuz") arbeitete mit einer Enetgie und Raschheit, die uns heute wre em Wunder erscheint. In den Drechsler- und Schlosserwerkstätten wurden in aller Eile Stecken und Stangen hergestellt, mit denen die Abwehrleute versehen wurden. Seh- und Horchposten standen auf Dächern und hohen Türmen, um nötige Signale zu geben. Vom Rathaus aus wurde der strikte Befehl gegeben daß keiner den Platz verlasse. Es darf von jüdischer Seite kein Angriff vorgenommen werden. Man halte sich in der Defensive. Es sei lediglich ein Verteil» igungs- und Abwehrkampf, bei dem kein unnötiger Schuß oder Schlag fallen darf. Auch nachdem der arabische Angriff erfolgt sein sollte, dürfte ihm nicht mit der ganzen Macht entgegen getreten werden, man lasse die Reserven für die weitere Abwehr. Der Freitag verlief ruhig und auch der Samstag. Die inzwischen eingetroffenen Berichte aus Jerusalem und Hebron versetzten Tel Awiw ln eine unbeschreibliche Stimmung. Von den Führern mußte beruhigend auf die Selbstwehr emgewirkt werden, daß sie bei einem etwaigen 'Treffen nicht über das Maß hinausgehe. An der Küste wuchsen die Scharen der Araber und Beduinen mit jeder Minute. Sonntag Vormittag gegen zehn Uhr wurde das Hauptquartier durch Signalzeichen alarmiert. Die Araberscharen, hieß es, setzten sich in Bewegung von der Südseite her. Sofort wurde das Signal zur großen Bereitschaft gegeben. Nach wenigen Minuten kam schon ein wildes Gejohle von der Seite her, wo zwischen Tel Awi'w und Jaffa das jemenitische Mertel liegt. Schon strömten wilde Horden durch die Karmelstraße in die Stadt. In diesem Gugenblick kam von der anderen Seite ganz zufällig Kapitän Li i r mit sechs englischen^ Soldaten. Er ries den Horden „Zurück". Und als sie diesen Befehl nicht beachteten, rief er: „Feuer!" Ein Maschinengewehr setzte sich in Bewegung. Die ersten anstürmenden Araber lagen als Leichen vor der Stadt. Von der anderen Seite der Stadt, die vom Nachtrab angegriffen wurde, erhielten sie Feuer in den Rücken. Der erste Angriff war abgeschlagen. Nach zwei Stunden aber gingen die Araber zur zweiten Attacke von der Ostseite her, da wo die Herzlgasse ins Handelszentrum einmündet. In der Nähe dieser Stadtecke befinden sich zwei arabische Dörfer, die Stützpunkte des Ueberfalls bildeten. Hier waren die Araber in bester Position, hatten gute Deckung und verschiedene verschlungene Wege, auch Höhen, von denen aus sich die Schlacht gut leiten ließ. Nun setzte aber die Tel Awiwer Selb st wehr nach dem vorher ausgearbeiteten Plane ein. Wie der Feind mit dem vordersten Flügel in der Stadt war, wurde den Arabern am Ausgang der Stadt der Weg abgeschnitten. Hier bekamen die wild angreisenden Einbrecher eine blutige Lektion. Die Selbstwehr hatte sich aber auch häufig gegen „freiwillige Helfer" zu schützen, die von allen Seiten kamen und die Schutzarbeit nur erschwerten. Nach stundenlanger wilder Schießerei zog der Feind ab. Auf jüdischer Seite gab es keine Toten und Verwun dete, außer Dr. Moses, der sich in der Hitze des Ge fechtes selber den Fuß verletzte. Die Araber schleppten viele Tote und Verwundete mit sich fort. Es scheint sogar, daß diese Kampfpause ihnen nur dazu diente, die Toten, zu begraben, denn zwei Stunden später, gegen 3 Uhr nach mittags, wurde die Attacke erneuert/ dieses Mal von zwei Seiten zugleich, Nordosten und Norden. Dem ersten Feuer war das an die arabischen Niederlassungen grenzende Stadtviertel „Neweh Schaanon" ausgesetzt. Der strategische Plan der Araber war durchsichtig: Sie wollten die jüdischen Streitkräfte hierher ablenken, um auf der anderen Seite ungestört in die Stadt und ins Handelszentrum einzudringen. Aber an jenen gefährdeten Stellen blieb der verstärkte Schutz unvermindert stehen. Den Kampf an der Angriffsstelle führte man mit kleineren Streitkräften Als die Araber einsahen, daß im offenen Kampfe für sie nichts zu erreichen fei, zogen sie sich etwas zurück und begannen eine wilde Schießerei von gedeckten Stellen hinter Bäumenund Hütten. Drei volle Stunden dauerte dieser feige Angriff . Gegen sechs Uhr konnten die Hoch Posten melden, daß der Feind sich zurückziehe und eine große Anzahl von Toten und Verwundeten mit sich schleppe. Dieser letzte Angriff ging leider auch für uns nicht ohne Opfer ab. Vier treffliche Männer: Goldberg, Harari Feingold und Verkowitsch hatten sich in den Kopf gesetzt zwei jüdische junge Leute, die in einer Fabrik außerhalb der Stadt isoliert waren, zu retten und waren in das arabische Feuer geraten. Ihre Leichen waren ausgeplündert und zum Teil verstümmelt. Die Gesamtzahl unserer Opfer in Tel Awiw betrugen 6 Tote und 23 Verwundete. Zu verzeichnen ist, daß viele Verwundete von der Selbstwehr sich nach Anlegung eines Notverbandes kategorisch weigerten, den Kampfplatz zu verlassen und sich ins Spital zu begeben, sondern mit Aufbietung der letzten Kraft an der Seite ihrer Brüder weiterkämpften Ueber die Zahl der Opfer unter den Arabern schwir ren wilde Gerüchte. Das interessiert uns nicht so sehr denn wir gingen nicht darauf aus, Blut zu vergießen Jedes ausqelöfchte Leben erfüllt uns mit Schmerz und Trauer. Was wir wollten, war nur, unser Leben und Eigentum, die Ehre unserer Frauen und Töchter zu beschützen. Das ist uns mit Gotttes Hilfe vollauf gelungen Zur Zeit ist in Tel Awiw englisches Militär stationiert das im Gymnasium einquartiert ist. Es herrscht volle Ruhe und das Leben geht seinen gewohnten Gang Gedanken zu Erew-Rauschhaschono. Nach polnischem Minhag sagt man am Erew-Roschhaschono und zu Schacharis Jaum-Kivpur vor dem prs einige v'pivs, in denen der Gedanke wiederkehrt, *"n möchte kein strenges Recht üben, sondern vielmehr Gnade walten lassen. Einer derselben lautet: .ijyp» 'n / rnVa 'n ,iappna 'n ,i:ssw 'n Dieser pios stimmt vollkommen mit der modernen Staatsrechtslehre über die Gewaltenteilung im Staat überein. Seit Montesquieu hat es sich jede moderne Verfassung zur Aufgabe gemacht, sich mit dieser Lehre von der Teilung der Gewalten auseinander zu setzen. Man unterscheidet die drei verschiedenen Seiten der staatlichen Tätigkeit. Diese Dreiteilung beruht auf den verschiedenen Funktionen des Staates als Gesetzgeber, Verwaltung und Justiz. Alle modernen Staatsverfassungen beruhen auf dem Gedanken, daß diese drei verschiedenen Tätigkeiten treng voneinander geschieden werden müssen. Man überträgt jede dieser Tätigkeiten verschiedenen Organen, die sie unabhängig voneinander auszuüben haben. Jede von ihnen dient der Verwirklichung des Staatszwecks. Die primäre Tätigkeit ist diejenige des Gesetzgebers, die Voraussetzung ist, für die beiden andern, welche Ge fetze, die als gegeben vorauszusetzen sind, aus Einzeltat-« bestände anzuwenden haben. Der Gesetzgeber bestimmt im Voraus generell, welche Folgen bestimmten Tatbeständen beizulegen sind. Verwaltung und Justiz, welche als gemeinsame Ausgabe die Vollziehung der vom Gesetzgeber beschlossenen Gesetze ausüben, dürfen beide nur auf Grund gesetzlicher Ermächtigung im Einzelsall tätig werden und müssen sich beide im Rahmen des Gesetzes halten. Sie unterscheiden sich dadurch, daß der Richter verpflichtet ist, unabhängig von Erwägungen der Zweckmäßigkeit auf einen ihm unterbreiteten Einzelfall, die in Be-; tracht kommenden Gesetze anzuwenden und die sich daraus ergebenden Folgen! auszusprechen. Die Verwaltung dagegen hat ferner zu ermessen, ob die Anwendung des Gesetzes auf den einzelnen Tatbestand zweckmäßig erscheint und nur, wenn sie dies bejaht, kann sie aus dem gegebenen Tatbestand die gesetzlichen Folgen ziehen. Diese drei Seiten der staatlichen Tätigkeit finden sich auch in unserem pios wieder. Allein die Reihenfolge weicht von der in der Theorie des Staatsrechts üblichen Reihenfolge ab. Der piss spricht aus, daß auch »*n diese drei Tätigkeiten ausübt. Das erste Wort inwiv m deutet die richterliche Tätigkeit an. Das Wort uppnia m zeigt 'n als Gesetzgeber und endlich das Wort iw^a 'n als vollziehende Gewalt. Es fragt sich, weshalb hier die Reihenfolge eine andere sein muß, als bei der Tätigkeit von Menschen im Staate. Der Schluß des pivs deutet die Lösung an. Wir rufen alle Seiten der göttlichen Tätigkeit um Gnade und Hilfe für uns an. Für den Richter heißt es nnn on pm 21p'- Der Richter muß das Recht anwenden, und durchbohre er damit einen Berg. Er darf nicht nach der Zweckmäßigkeit fragen. Es ist streng an. das Gesetz gebunden und hat nur die vom Gesetz selbst aufgestellte Folge zu verkünden. Nur durch das mar p ist ihm Gelegenheit gegeben, auch einmal Gnade zu üben. Wenn die Möglichkeit besteht, daß eine Handlung sowohl auf guten Motiven beruhen kann, als auch, sie auf schlechten- Erwägungen beruhend anzusehen, ohne daß er den wahren Grund kennt, so muß er annehmen, daß die Handlung guten Absichten entspricht. Der Gesetzgeber steht schon etwas freier da, als der Richter bei der Anwendung von Gnade. Allein feine Ausgabe besteht darin, r-nwV 2”o -wv. Er muß das in seinen Grundlagen und Haupttendenzen als unveränderlich gegebene Gesetz ausbauen und es gegen zeitliche und örtliche- Strömungen schützen. Ganz anders dagegen steht der Träger der Verwaltung da. Von ihm heißt es: iiv's prr -j^an fit und ferner: i-nu pma prri 11a fis q^an Er darf des höheren Zweckes willen auch vom strengen Recht abweichen. Er ist dabei durch keinerlei positive Vorschriften eingeengt. Seinem Weg ist keinerlei Maß vorgeschrieben. (So möchte ich hier einmal dieses Wort des Talmud in Abänderung seiner wirklichen Bedeutung verstehen.) Ihm ist es gegeben, in weitestem Maße Gnade auszuüben. Darum ist Gottes Hilfe unmittelbar hinter der Tätigkeit Gottes 'als Herrscher gedacht. Rechtsanwalt Dr. John Jacobsohn, Hamburg. kleine Ei'StiLrugstren.dsfüi' Qualitä’t! Verlangen 5[ebeim Einkauf ausdrücklich dk‘0C5ii> iur aikhaltMche alleinigetiersieller< (äatheriHaussner/lO. _1L Cäennln-foppd Sarantiert nur aus reinen Pflanzenölen hergestetlt 100 Gramm-Stück 15 Pfg. 200 Gramm-Stück 30 Pfg yßckUSnx undSpcrf.weJeder transpiriert. SnJjadmifjtßiferidlcraxexfmDarfumkrt! TÜie das erfrischt verschönt undgteicheiifeit J)en JrirüenjugendtidiQ d^ajfverleiht! Molliges Heim nur durch einen guten Dauerbrandofen! diesen kaufen Sie besonders preiswert bei E» HAGE & Co» Am Eschenheimer Tor 3 «rrantwortltch für de» aüg>met»e« TeU und aa» Jfentarte»* 6. Schachnowttz» Frankfurt a. M; Inserate t. B.r «.Schach» «owitz. ebenda. — Für die pädagogische Vellage; Leyrer 8. n« in Svrrndltngeu l«r. Osteubach). — SBcrta* G.m.b.H., Frankfurt a. M — Druck firrtnon «Kretas«' ~«tri - - Stanfwann SrrarM". “ Atttrngrfrllschaft. Frankfurt a.