Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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JtHilleto» krllsgr Der Israeli m 40 1020 Der Führer im Kampf. Jedes Städtchen in Israel hat sein „Haus des Lebens", und jedes „Lebenshaus" hat seine Zadrk im gröber, und jedes Zadikgrab hat seine besonderen Verehrer, die dahin gehenum dem toten Meister ihr Leid zu erzählen und ihr Herz auszuschütten. Rabbi Leibele schlummert schon seit vielen Jahren in seinem Ehrengrab auf dem Friedhose zu Telschi. Es gab Zeiten, da solche Gräber stark belebt waren!. Menschen kamen und gingen, weinten und beteten. Es ist in den letzten Jahren etwas ruhiger geworden an diesen heiligen Gräbern. Aber hie und' da findet ein betrübtes Herz auch jetzt noch den Weg dahin. Ein Rabbi Leibele kann nicht vergessen werden. Was man sich von Rabbi Leibele erzähltläßt darauf schließen, daß er ganz Geist, ganz Seele war, Erdenschwere und- Körperlichkeit fast gar nicht empfand. Seine Bedürfnisse, seine Ansprüche ans Leben? Talith und Tefilin, ein Regal mich Büchern, ein Ständer mit dem Stumpfeini einer Talgkerze. Dazu zuweilen, nach langen Fasttagen, ein bißchen Schwarzbrot in Salz getaucht und ein Glas Wasser. Das war alles. Ein Mensch mit solchen Bedürfnissen hat eigentlich wenig mit der Welt zu tun. Und dennoch geschah es einmal, daß Rabbi Leibele in die offene Welt trat, sich in den großen Krieg zwischen Rußland und Polen! einmischte, ja sogar Führer in diesem Kriege wurde. Das trug sich in folgender Weise zu: Rußland' zog mit gewaltiger Heeresmacht, Mit Roß und Reitern und schweren Kanonen gegen Polen, eroberte eine Stadt nach der anderen. Litauen, bis dahin eine polnische Provinz, war schon «ganz in russischem Besitz; Samut war gefährdet. Telschi, der Wohnort Rabbi Leibeles, lag in der Front. Die „Jewonim" (Bezeichnung für russische Soldaten) kommen! Sind schon da! Angst und Entsetzen ergriff das Städtchen. Der „Jowion" kennt keinen Spaß; wo der hintritt und hinschlägt, wächst kein Gras mehr. Wehe den armen Leuten, wenn der Russe kommt. Ju-. den packen ein, flüchten, retten« sich in Felder und Wälder. Da zogen die Russen ein, zogen durch tote, Menschenleere Straßen. Drangen in die Häuser ein, saniden so gut wie nichts, alles hatten die Flüchtlinge mit sich genommen. r Im Schulhofe hört aber ein Soldat eine sonderbare Melodei. Hinter der Melodie stehen Worte, fremd>, kurios. Gesang wie Text muten wte aus einer anderen Welt an. Der Russe geht der Stimme nach, und schon ist er ihr nahe. Ein kleines, baufälliges Häuschen, eine Hütte fast. Er öffnet die Türe und bleibt wie angenagett vor lähmendem Schrecke stehen. Was er sieht, ist ein! weißer Körper in ein weißes, an der Seite schwarz gestreiftes langes Tuch gehüllt. Vom Kopfe her baumeln zwei schwarze dünne Riemen und am Kopfe selbst sitzt etwas Schwarzes. Und die Gestalt schüttelt und' schaukelt.sich, wie in Verzückung. 'f Der Russe bekreuzt sich dreimal und spricht eine Formel: „Bist Du ein Dämon der Unterwelt,- dann versinke! . . Da lacht jemand hinter ihm höhnisch, und dröhnend. Er dreht sich erschrocken um und muß mitlachen. Es ist ein Kamerad, ein Rüste. Der Kamerad, spottet: - ' „Hast Du nicht gesehen? Erblickt einen Juden und wird selber ein Jude, ein Hasenfuß. Fürchtet sich vor einem weißen Lappen." „Schöner Soldat das," lacht ein dritter,, „fürchtet sich vor Gespenstern. In der Stadt Witebsk habe ich manch einem von diesen Dämonen den Schädel eingeschlagen." „Er betet," konstatierte der zweite. „So beten die Juden". Und er sängt an, unter komischen Grimassen einen betenden Juden zu markieren. Dann aber gehen die zwei Soldaten an Rabbi Leibele heran', packen ihn mit harten Fäusten an und schütteln ihn hin und her. „Nanu, Jtzka, genug gebetet. Auf, wir ziehen in den Krieg." Rabbi Leibelereagiert nicht darauf, betet weiter. „Kannst Du schießen, Jude?" Da die Soldaten Russisch sprechen, versteht natürlich Rabbi Leibele kein Wort. Er weiß aber, sie spotten seiner, sie bedrohen ihn. Mögen sie nur spotten, mögen sie drohen. Wie würde man auch sonst sichtbarlich das Golus verspüren? Sie glauben, denkt Rabbi Leibele, indem er sich fast mitleidig die Soldaten ansieht!, sie glauben, sie seien im Besitze von Schwertern undWüchsen, also seien sie die mächtigen Herren der Welt. Was macht das? Wir sind schon über viele Schwerter und Büchsen hinweggegangen und firtlfr immer noch da . . . Rabbi Leibele denkt so, und es ist ihm, als hätte sich ein neues Gebet den anderen, alten angefügt. Der Soldat aber zerrt an Rabbi Leibele und zieht -ihn nach sich. „Den bringen wir dem General." „Ein guter Fisch". „Die ganze Garnison "wird ihre Helle Freude haben." Rabbi Leibele nimmt die Gemoro unter den Arm Und geht mit. Die Straßen Hallen wider von den dröhnenden Schritten der Truppen. Endlos ziehen sich die Züge. Infanterie, Reiter, Kanonen. Zuletzt die schweren Wagen mit der Bagage. Vorne Soldaten, hinten Soldaten« und in der Mitte Soldaten, nichts als Soldaten. Vorne ist der Stab mit dem General an der Spitze, und vor ihnen spielt die Militärkapelle lustige Marschweisen, und ganz vorne geht Rabbi' Leibele, in Talith und Tefilin, die Gemoro unter dem Arm. Er sollte den Russen den Weg nach der nächsten Stadt zeigen. Rabbi Leibele geht ohne Angst, nicht tiefer gebeugt, als er sonst zu gehen pflegte. Ein scharfer Wind bläst ihm den Gebetmantel vom Leibe, die.Gebetriemen schlängeln sich wie zwei schwarze Schlangen. Dann zerrt der Wind' «an, den Blättern der geöffnete Gemoro herum. Rabbi Leibele gibt nicht nach. Er zieht den Gebetmantel eng um den Leib,, fetzt die Gebetriemen zurecht und hält fest an der Gemoro, daß sie der Wind nicht entblättert. Rabbi Leibele läßt nicht locker. , Er geht voran. Hinten ist Rußland, vorne Polen, und dazwischen Rabbi Leibele mit Talith, Tefilin und Gemoro. Kann schon sein, daß ein Schuß kommt, von hinten und dann von voüne. Bon Rußland und von Polen, und beide Schüsse treffen ihn, Rabbi Leibele, wie immer. Aber im Momente hat er wahrlich was Besseres zu denken. Die Sonne senkt sich über die Felder, die Schatten werden länger und! breiter, die Sümpfe glitzern im Abendgrau. Es ist Zett für das Minchogebet. Aber die Russen wollen nicht anhalten, der Krieg nicht stillstehen. Schon gehen sie am Walde vorbei, die Kapelle spielt, die Soldaten singen, die Reiter retten. Und plötzlich Halt! Verwirrung. Rabbi Leibele, der Führer, biegt von der Straße ab, in den dichten Wald hinein. Das; russische Heer steht, die Retter, die Fußgänger, die Kanonen und die Transportwagen. Alles steht still. „Was ist geschehen?" „Er führt uns irre, der Jude." „Ein Spion!" „Erschießt ihn sogleich!" „Rühe!" gebietet der General. Er steigt vom Pferde herunter und begibt sich ebenfalls in den Wald, beobachtet Rabbi Leibele. Dieser beugt sich herab zu den nassen Gräsern und befeuchtet seine Hände. Sodann stellt er sich an einen Baum und seine Lippen bewegen sich, als flüstere er, die Geheimnisse des Waldes zum Himmel hinauf. Sein ganzer Körper ist in Bewegung, und' über ihm bewegen sich die Wipfel der Bäume mit, als beteten sie mit dem Juden das Abendgebet. Der General steht neben ihm und wartet. Auf dem Wege am Waldesrande wartet das ganze russische Heer. Schadet nichts, mögen warten! Werden Polen noch früh genug einfacken. Soll der Jude erst fein Gebet zu Ende beten. Und wie der alte General den Juden genauer ansieht, dünkt es ihm, als hätte er ihn schon einmal irgendwo gesehen. Vor langer Zeit, etwa vor fünfundzwanzig Jahren. Aber nein, es war nicht dieser Leibele, es war ein! anderer, sehr viele, die genau so aussahen und genau so beteten. In Uman, Laschianka, in Kiew. Er hatte dann die Truppen gegen die Heidemaken angeführt. Es war ein Sommertag, die Sonne ging unter wie heute und der Weg war voller Staub und Judenlerchen . . . Jene waren tot. Und dieser da ‘ lebte ... Das Volk stirbt nicht aus, kann nicht sterben. Rabbi Leibele speit im wetten Bogen aus, ist fertig mit dem Olenugebete. Also gehen wir weiter, Polen erobern! Und wieder führt Rabbi Leibele cm« der Spitze den endlosen Zug an. Der Wald' wird schwärzer und schwärzer. In der Gemoro ballen sich die schwarzen Buchstaben auf jeder Sette zu einer großen schwarzen Kolonne zusammen. Gemoro, Tosefot, Maharschal, Mahrscho und Maharam fließen in einer schwarzen Masse zusammen. Es ist nichts mehr zu unterscheiden. Er schließt die Gemoro und drückt sie krampfhaft unter den Arm. „Schade, sehr schade um die kostbare Zech" jammert er in seinem Innern. „Aber der Herr der Welt weiß, ich habe es nicht gewollt.. Die „Jewonim"! . . . In Wahrheit: wenn zwei Länder miteinander kämpfm, was hat er, Leibele, damit zu tun? Warum reißt man ihn von feinem Ständer und feiner Gemoro weg? Und wenn alle Länder und Völker zugrunde gehen, wird sich dann nur e i n Satz, e i n Wort, e i n Jota in der heiligen Thora ändern; was will ntt' von ihm? „Golus!" das ist ein« Wort, das die Antwort gibt auf alle unverständlichen Fragen. „U ebergangslei d e n d e s M o s ch i a ch Und er rechnet in seinem- Inneren nach, wie lange das noch dauern könne. Er hat in einer alten Urkunde genau herausgefunden, wann die Erlösung kommen muß. Es wird nicht mehr lange dauern . . . „Die Leiden häufen sich' und häufen sich," fallen ihm die Worte seiner letzten Predigt ein!. „Ist aber der Tränenkelch, worin oben im Himmel die jüdischen Tränen ausgenommen Wörden, einmal ganz voll, dann ist der Messias da ..." Und nun schreitet Rabbi Leibele weiter. Vorbei an dem nachtschwarzen Walde, über die engen, sumpfigen Wege. Nacht vor ihm, Nacht hinter ihm. Zwei große Völker stürzen aufeinander mit Schwert, Spieß, Büchse und Kanone, Russen da, Polen dort und in der Mitte Leibele mit Talith und Tefilin, mit der Gemoro unter dem Arm und den Leiden des Messias im Her-