Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1929)
- Date
- 1929-10-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 40 Der Israeli: 3. Oktober 1929 Umkehr. Von Dr. L. C. Israel, kehre um! In diesen Mahnruf des Propheten sind die beiden Grundlagen der jüdischen T'schuwoh enthalten. Israel! Die Gemeinschaft, die Gesamtheit, das jüdische Volk als Garnes hat umzukehren. Kehre um! Es genügt nicht, einzelne Handlungen oder alle Handlungen zu bessern. Die Richtung muß geändert werden. Das jüdische Volk als Ganzes hat seinem Ziel von heute den Rücken zu kehren und einen anderen Weg ein>- zufchlagen. Die jüdische Gemeinschaft hat umzukehren. Tatsächlich beginnen wir die T'schuwoh nicht bei der Gemeinschaft, sondern beim Individuum. Der einzelne soll sich bessern, soll gebessert, soll erzogen werden, sagt die Gegenwart. Aus vielen Emz-elnen wird schließlich das Ganze. Falsch! Ein Haus kann sich aus einzelnen Steinen zusammensetzen. Ein lebendiger Organismus — und das jüdische Volk ist ein lebendiger Organismus! — ist jedoch etwas anderes als die Summe seiner Teile. Aus einzelnen Teilen kann nur em toter Körper, kein lebendiger Organismus zusammengefügt werden. Soll das jüdische Volk umkehren, so muß etwas anderes geschehen, als seine einzelnen Zellenzu' beeinflussen. Die Gemeinschaft als solche muß Subjekt und Objekt Der T'schuwoh sein. Was den lebendigen Organismus im Gegensatz zum toten Körper zu einer Einheit macht, ist eben das, was das Lebendige vom Toten unterscheidet, nämlich das Leben. Das Leben bildet das Wesen des lebendigen Organismus. Soll der lebendige Organismus als Ganzes beeinflußt werden, so heißt dies, auf das Leben des Organismus Einfluß ausüben. Wohlgemerkt: das Leben des Orga-Nrsmus ist nicht dasselbe wie das Leben seiner Zellen. T'schuwoh bedeutet also die Kräftigung und Erhöhung des Lebens des jüdischen Volkes. Derselbe materielle Köhlerwahn, der im Lebendigen die Summe der Delle für gleichbedeutend mit dem Ganzen hält, meint nun auch, das Lebendige durch das Körperliche kräftigen und mehren zu können. Lebendiges ist noch memals aus dem Toten, aus dem Körperlichen hervorgegangen. Das Körperliche ist lediglich Ausdrucksmittel des Lebendigen. Niemals können etwa die Muskelbewegungen des Lachens oder Weinens Freude oder Trauer erzeugen. Wer da wähnt, die T'schuwoh des jüdischen Volkes oder sein Leben dadurch zu fördern, daß er das Volk Sin Schlußwort des scheidenden Jahres. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Sammlung, Weihe und Erhebung, diese Grundlagen unseres Bestandes als Volk Gottes sind, die unschätzbaren Werte, mit denen uns die Tage der Rüste und Vorbereitung für die Tischrifeste alljährlich immer von neuem bedenken, avn iw 7iw h ~\m 7-rr 'i nnu yajrt daß du (in deiner Gesamtheit) eintrittst in den Bund deines Gottes und auch in seinen (durch Fluch bekräftigten) Eid, den der Ewige dein Gott mit dir heute schließt." Rach Ständen gegliedert, mit mannigfachen Aufgaben betraut, verschiedenen irdischen Zielen und Zweien entgegenstrebend, erscheint Israel zerklüftet und in Klaffen gesondert, ohne Verbindung und jeder Einheit entbehrend. So ist es aber nur draußen im Kampf des Lebens wenn des Tages Sorgen und Meinungen gebieterisch das Dasein beherrschen . . . Da kommt aber die Zeitenwende, die jüdischen Seelen und Herzen werden ausgerüttelt, des Schofars Klänge rufen das Sehnen nach dem Ewigen und Unvoerrückbaren wach und es fallen die Schranken und die Verschiedenheiten werden überbrückt, wenn sie auch nicht ganz weichen. Diese höhere Weihe führt zur Sammlung und Einfühlung ins Ganze, es ist, als ob es alle in organisiert oder sonstwie dessen materielle Existenz neu begründen uni)1 kräftigen will, der hat vom Wesen des Lebens, vom Wesen des lebendigen Organismus und des jüdischen Volkes kaum &men Hauch verspürt. . Das Leben ruht im Unbewußten. Auch im Schlafe, wenn unser Bewußtsein, unser Geist ausgeschaltet ist, leben wir. Im Unbewußten ruht auch das allen Jndivildual-Zellen eines lebendigen Organismus gemeinschaftliche Lebendige. Denn das Bewußtsein ist Selbstbewußtsein, also Jndividualbewußtsein eines jeden -einzelnen. Das Unlbewußts kann nur durch Suggestion beeinflußt werden. Bitte, keinen Schreck! Suggestion ist nichts Fremdes, Aufgezwungenes. Jede Erziehung, soweit sie nicht etwa auf unlebendige Wissensmehrung geht, ist Suggestion. T'schuwoh beginnt also mit der suggestiven Beeinflussung des kollektiven Unbewußten des jüdischen Volkes. Eine bewußte Erziehungder jüdischen Gemeinschaft zur T'schuwoh durch außerjüdische Kollektiva gibt es leider nicht. Daher bleibt nur die Selbsterziehung, die Selbstsuggestion, übrig. Die 'einzige Selbstsuggestion ist >der Glaube, der Glaube an eine Besserung des gegenwärtigen Zustandes, der Glaube an die Selbsterlösung. Zum Unterschied vom Christentum, das auf dem Jndividual-Glauben, dem Glauben an bestimmte Dogmen und deren düs glaubende Individuum erlösende Kraft beruht, kennt das Judentum nur den Kollektiv-Glauben, den Glauben des jüdischen Volkes an seine Gesamterlösung. Diesen Glauben hat das jüdische Volk verloren; diesen Glauben gilt es wiederzugewinnen. Was wir nämlich jetzt noch an Erlösungsglauben> -in der Judenhert vorfinden, ist tatsächlich verchristlichter Jndividualglaube: durch Wohlverhalten des.einzelnen, immer mehr einzelner und schließlich aller einzelnen rdird Me Erlösung erhofft. Wie war doch noch das Beispiel mit dem aus einzelnen Steinen zusammengesetzten Haus? Wir müssen den Glauben daran erneuern, daß nur der jüdische Volksorganismus als solcher, als Ganzheit, als Einheit uns Erlösung bringen kann und bringen wird, und zwar dann, wenn BiOXULTBA Pie siarkschäumende Sauerstoff-Zahnpaste wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und selbst benutzt. 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Solche Sammlung, wie sie unser Schriftwort fordert, ist die eine Bürgschaft unseres Seins und Bleibens, — sie ist darum das Ziel auch der heiligen Zeit, der wir entgegengehen. Sie soll sich besonders in diesen Tagen bewähren,. wo es gilt, Wunden zu heilen und Nöte zu lindern, die die furchtbaren Stürme der letzten Wochen über des heiligen Landes gesegnete Fluren urplötzlich heraufbeschworen haben. Das jüdische Herz, das in diesen Tagen der Einkehr ohnehin den Weg zum Wohltun findet, wird sicher nicht versagen in dieser großen Schicksalsfrage unserer Gesamtheit. So klingt uns dann wie Verheißung und Erhebung aus , unserem Schriftworte entgegen: Qns mm M2n Jtzr stehet heute — und bleibt bestehen allen feindlichen Gewalten und Mächten zum Trotz. Dies alles ist uns durch Gottes heilige Worte verbürgt: on$> i»r 02 “1ÖS3 ”J2^ mi»9 D2V V 02’Vy 1R2 p-IIVMV S"yR VRntP’V nw» So hat Moses zu Jsr. gesprochen: Ob auch.c>2b2 von WID von Leiden über euch kommen, — ihr bleibt doch für die Ewigkeit, denn so heißt es: Ihr steht heute und ewig da. Ihr seid die Stütze und Säule für den ühy bv invp wir Bestand der Welt, nnipn NR i'vynv nvii 121N n»i> 2>vv mmy naipna nnpm p^2 vsn v'xnn dr 12 p-m nmi Zu vergleichen ift's. Ein Gewaltiger im Bogenschießen der Boltsorganismus als solcher die höchste Stufe des Lebendigen erklommen haben, wird. Daß wir diesen Glauben verloren haben«, daß auch die Thoratreuen ihn nicht mehr besitzen, beweist am besten die Tatsache, daß nur wenige davon durchdrungen sind, Andersdenkende von der Wahrheit des überlieferten Judentums, des Thorajudentums überzeugen zu können. Der Kollektiv-Glaube an die Kollektiv-Erlösung ist demnach die erste Grundlage der jüdischen T'schuwoh. Mit der Frage des Inhalts eines solchen Glaubens kommen wir zur zweiten Grundlage, zur Umkehr. Die jüdische Gemeinschaft muß anders, werden als die andern-. Sie darf nicht in den bequemen Geleisen der Kultur der anderen weiterfahren. Umkehr der Gesamtheit bedeutet das Ende dies Grundverhaltens der Judenlheit, mit und in den anderen Kulturen zu marschieren, bedeutet Erneuerung des Eigenwertes und« der Menschheitssendung der jüdischen Kultur. Wir brauchen da nur an den Anfang unserer Ausführungen zurückzukehren, zu dem Unterschied von lebendigem Organismus und toter Organisation. Das dem Individuum übergeordnete Gebilde, das allem Ganzheit und- Einheit unddamit Einigkeit und Frieden zu schaffenin d,er Lage ist, ist nach jüdischer Anschauung der natürliche kollektive Organismus, nämlich das naturgewachsene Volk und über dem Volk Me Menschheit. Alles Organisierte, fei es Staat, Kirche, Körperschaft, Gesellschaft, Partei, Verband-, Organisation, Verein, kann niemals Einheit und Frieden erzeugen. Der lebend-ige Organismus allein ist auch frei von Gegensätzen. Es gibt keinen Zwiespalt zwischen« dem rechten und linken Arm. Allein im Organismus verliert die Frage nach der Gerechtigkeit des Schicksals ihren Sinn. Verzweifelt der linke Arm, wenn er teid-et, obwohl der rechte Böses tat? Fühlen nicht vielmehr alle Organe, alle Zellen ihre eigenen Leiden und Freuden, die Leiden und Freuden der andern als Leiden und Freuden d«es ganzen Organismus? Im kollektiven Organismus hört der indMidualistische Trieb zum Unrecht zu existieren -aus. Denn kein GRev, keine Zelle hat noch das Bestreben, einer anderen Schaden zuzufügen. Der Staat, der kraft seiner organisatorischen, also aus der Summe der einzelnen Individuen zusammengesetzten Grundlage den JndivDualtvteb erst geweckt hat unid daher auch fördert, ist Mfolgedessen nicht inder Lage, den Unrechtstrieb zu -erlösen. Seine Gewalt kannihn nur unterdrücken, verdrängen; hier und« da kommt er doch immer wieder zum Ausbruch. Und ist die Gewalt, die der Staat gegen Menschen ausübt,, deswegen etwa weniger Unrecht, weil der Staat,. stellt einen Balken hin und erprobt feine Kraft. Schließlich gehen seine Pfeile aus, — der Balken aber bleibt. Israel ist ein solcher unverstörbarer Balken im gewaltigen Gebäude der Gotteswelt. Israel darf aber nimmer sich von ferner Bestimmung und Ausgabe lösen. Im Gefüge der Menschen und Völker ist ihm Dauer und Ewigkeit verheißen — aber nur als Hüter des Himmlischen und Heiligen auf Erden, — daß es o!ny tio» p'22 in Pflichttreue '■ als Gerechter die Grundlagen der Welt schütze und immer wieder den Himmel auf Erden pflanzen helfe. Einen leisen Hauch selchen Wollens und Strebens bekunden die hl. Feste immer von neuem. Das ist das Große und Göttliche an den erhabenen Tagen, denen wir entgegengehen. Mögen sie den Funken, der in den jüdischen Herzen glimmt, zu heller Flamme entfachen, daß überall sich der Wille zum Judentum mehre und Israel geschlossen sich erweise als. ein Bund der Getreuen und Frommen, der in der Lieb^ zu Gott und Thora seines Daseins Grund und feines- Wesens Vollendung wie seinen Anteil an der Erleuchtung, der Menschheit erkennt. Kleines Feuilleton. Rabbinische und andere Geschichten zu den heiligen Tagen. Rabbr Levy Jizchok, der große Berditschewer, rief einmal in seinem Bethause nach Kol Nidre: Rabbotai! Es steht geschrieben: „Sagt man etwas wieder im Namen dessen, der es zuerst gesagt, so beschleunigt man die Erlösung .Somit sage ich, Levi Jizchok aus Derditschew: „Und es sprach Gott: ich verzeihe nach Deinen Worten!"