Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1929)
- Date
- 1929-09-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jenilltton- Bcilage Ml Wien Frankfurt. Rückfahrt. Wenn man nachts 10,30 Uhr mit dem Auto am Wiener Westbahnhof antommt, so sieht man — zunächst garnichts, denn es ist ziemlich dunkel an diesem Hauptbähnhofe der Donauweltstadt. Der Chauffeur wirst mit der Taschenlampe ein grelles Licht auf den Kilometerzeiger und ein noch grelleres auf das ihm zu knapp erscheinende Trinkgeld und fahrt davon. Am Bahnhof selbst ist ein großes Gerüst ausgestellt, das den Stufenaufgang Nicht erleichtert. Seitdem ich Wien kenne, wird da immer etwas gebaut. Größer und schöner wird der Bahnhof darum doch nicht. In der Vorhalle erfährt man am Schalter, daß man am falschen Schalter sei. Der Fahrkartenschalter für Fern- und Schnellzüge ist weiter vorne in der Innenhalle. Dort erfährt man, daß man wieder zu wenig Schillinge eingewechselt hatte. Gegenüber ist eine permanente Wechselstube. Sie wechselt nach Bahnhosskurs, und da es vorgerückte Nachtstunde ist, auch noch nach Nachtkurs. Hat man nun die Fahrkarte in der Hand, dann steht Man drinnen am Perron vor einem wunderschönen Wagen, der aber leider zu einem Luruszug gehört und nach P a - r i s fahrt. Der Wiener Zug steht viel weiter links. Der Wagen kommt von Budapest, Belgrad oder Bukarest. Die Menschen drinnen kommen noch viel weiter her, vom Balkan, aus Griechenland und der Levante. Sie wandern nach Amerika oder Brasilien aus, sprechen tschechisch, bulgarisch, slovakisch, rumänisch, vielleicht auch Zigeunersprache. Sie führen Körbe und Säcke und sehr viele große und kleine Kochtöpse mit sich. Sie haben viele kleine und noch kleinere Kinder um sich herum, von denen die einen schlafen, während die anderen schreien, — bis die ersten aufwachen und zu schreien beginnen und die anderen einschlasen. Sie führen außerdem noch anderes Kleinzeug mit sich, das man zunächst nicht sieht; echtes Balkanprodukt. Ist man trotz all dem in einer staubigen Ecke, mit dem beseeligenden Gefühle: „Denn Staub bist Du und zum Staube kehrst Du zurück" ein wenig eingenickt, werden die Träume etwas beleb t. Es schwirrt Kindergeschrer und krabbeltt sonst noch allerlei durch die Visionen. Kurz nach 1/25 Uhr morgens läuft der Schaffner wie besessen durch den schmalen, gepääbesäten Gang und schreit, als mahne er, sich aus einem sinkenden Schiss zu retten: „Nächste Station Passau! Paß bereithalten!" Eine Viertelstunde später weckt uns eine bestimmt höfliche und fordernde Stimme: „Bitte Paß vorzeigen!" Nachweiteren zehn Minuten: „Haben Sie etwas zu verzollen?" Und zwanzig Minuten später ist der junge Agudist da, der den „Schulenklopfer" spielt. Er läuft von Wagen zu Wagen und sammelt alles, was jüdisches Antlitz trägt, zum Minjan; ja, treibt sie zusammen in das leere Abteil zum Dawnen. Und mitten in der Kedufcha poltert der Kellner mit großem Tablett im Arm an die Türe des Abteils: „Kaffee gefällig?" Und erschrickt vor den zehn weiß eingehüllten Gestalten, wie ■ vor Gespenstern, die die österreichische Nacht hinterlassen, schreit aus und wirst das ganze Tablett zu Boden. Scherbengeklirr begleitet das „Kodausch- Kodausch! ..." Der Kaffee war nicht gefällig. In Passau kamen schöne deutsche Wagen hinzu. Wir siedeln aus Halbasien nach Europa über. Wir sitzen übernächtig, mit halbgeschlossenen Lidern und sehen einander an. Eine noch kalte Sonne glitzert vom Osten her. Der Kellner boykottiert uns und läßt sich mit Tee oder Kaffe nicht mehr blicken. Wir verzehren die altgebackenen, strohharten Wiener Halbmondgipfel trocken und möchten uns was erzählen. Ueber unsere Eindrücke in Wien? Die lassen sich nicht so einfach über Nacht, und gar eine schlaflose Nacht, in bestimmte, klare Form bringen. Wir werden daran ein paar Jahre zehren, vielleicht bis zur nächsten Ksnsssio. Da spricht. man lieber zunächst über äußere Dinge, die Eindrücke und Erlebnisse in der schönen Stadt Wien, die die meisten zum ersten Mal gesehen haben. Zwei Damen, die zu uns gehören, sind unbefriedigt. Sie haben von der Wolkenhöhe der Galerie herab, die ihnen die Kenessio zugewiesen,. wohl viele Bärte und viele Hände in Bewegung gesehen, gehört aber haben sie so gut wie nichts. Kein Mikrophon erbarmte sich ihrer, um ihnen ein Wort von. den wichtigen Verhandlungen züzutragen. Der „Eintritt der Frauen in den Saal" sei weit wichtiger, meinen sie, als „der Eintritt der Aguda in die Iewish Agency" > Da taten schon wohl am besten die Frauen und Mädchen, die den hohen Piedestal verließen und in einem Frauenkongretz aus „eigene Faust" berieten und verhandelten. Ein Herr machte unliebsame Erfahrungen in einenr Wiener Gasthos. Er kam da mit Dingen in Berührung, dre er sonst nur dem Namen nach aus den Büchern der kleinen Zoologie kannte. Er behauptet, es wären Tanzmeister in Miniatur'gewesen, in schwarzen und roten Fräckchen. Die Schwarzen tanzten entschieden besser, die Roten aber hatten mehr Schneid. Er hatte sich in sieben Wiener Nächten zu einem echten, rechten k. k. Kammerjäger ausgebildet. Andere hatten schwerwiegende Differenzen mit Chauffeur und Parlier, sozusagen Auseinandersetzungen über „Finanz- und Vudgetfragen ..." Ich selber kann nicht klagen. Im Hotel „National" stietz ich mich zwar zuerst an dem etwas völkischen Namen. Als ich aber im Auto, bereit zur Abfahrt, saß, ries mir der Paktier, den ich vom ersten Augenblick an für einen großen Roscho hielt, eine „K' s i w o w ' ch a s i m o t a u w o" nach. So ist die Wiener Leopoldstadt. . . Was der Schwerpunkt der Kenessio war, sollte ich meinen Reisegenossen sagen. Vielleicht darf ich Ihnen die Einleitung zu einer kleinen Skizze aus meinem Notizbuch vorlesen? Es hebt so an: „Wir sitzen da, in einer Verhandlungspanse, unten in der Wandelhalle an einem Tisch. Obenan ein bekannter litauischer Rabbiner,mit rundem, dicken Eraubart und, wahrscheinlich vom Nachtstudium, geröteten Augen. Er spricht begeistert von S. R. Hirsch, dessen Schriften er zum Teil ins Hebräische übertragen hat. Dicht neben ihm ein kräftiger Mann mit schönem, pechschwarzem Vollbart und den entschlossenen Zügen des ungarischen oder tschechoslowakischen Rabbi. Ihm zur Seite ein befanntev Oberrabbmer aus Norddeutschland in gutsitzendem Gehrock, der heiter in sein Brötchen hineinbeißt. Er legt seinen kräftigen Arm um den schmächtigen graubärtigen Rabbi aus Polen im überlangen Atlaskaftan, der gerade dem gutgewachsenen Arzt aus Württemberg im grauen Straßenanzug die Hand drückt. Ein deutscher Gymnasiast in kurzen Hosen unb Schillerkragen bringt dienstfertig dem gedrungenen Herrn aus Palästina ein Glas Wasser, da er sich im Gespräche mit dem weißbärtigen Senator aus der Ukraine heiser geredet hatte. Ich höre interessiert auf den stämmigen Mann mit dem kupserbraunen Gesichte, der erzählt, wie er und andere Marranen in Spanien sich znm Judentum gesunden. Ein amerikanischer bestgenährter Rabbi wird gerade von einem beweglichen holländischen Journalisten interviewt. So sitzen oder stehen wir beisammen, als ein kleiner schwarzer Mann mit welligem pechschwarzem Haare und kleinen Schlitzaugen an uns vorüberhuscht und etwas scheu und verlegen an unseren Tisch die Frage richtet: „Rabothai, ajei hamisadah?" Der kleine F a l a ch a , dessen Wiege von Abessiniens Wäldern umrauscht war und hier in die Kenessio geraten ist, hatte Hunger und fragte nach der Küche . . ." Soll ich nach dieser Einleitung weiter erzählen? Genügt nicht diese Einleitung zu der noch nicht geschriebenen Skizze, um Ihnen zu sagen, was die Kenessio war? -tz. LhaMische Geschichte. Von Hermann Vlumenthal in Wien. I. In der ersten Hälfte des achtzehnten' Jahrhunderts lebte in Pokutien ein jüdischer Gutspächter, der durch Arbeit redlich sein Brot verdiente und dessen Mühe durch reiche Ernten belohnt wurde. Doch nach zwölf guten Jahren kam eine Mißernte. Hagel und Hochwasser zerstörten die Felder und der Pächter hatte für den kommenden Winter nicht einmal Nahrung genug für sich und seine Familie, vom Pachtschilling gar nicht ZU reden. Da trat er vor den Gutsherrn und bat ihn um Hilfe in seiner Not. „Seht, Herr, das Unglück ist über mich gekommen", sprach er, „habt Mitleid und stundet mir meine Schuld einige Zeit". Der Gutsherr gehörte aber zum alten Schlag der Adeligen, die gegen ihre Untergebenen weder Rücksicht noch sonst irgendwelche Regung kannten. Er fuhr den Pächter hart an und rief: „Hast du all die guten Jahre mir ein Mehrfaches von dem, was du zu zahlen hattest, entrichtet? Winsle nicht, wenn deine Erwartungen nicht, nngetroffen sind." Da half kein Flehen wnfo der Pächter bekam nur einen Aufschub von vier Wochen. Dann hatte er aber den Pachtschilling voll und ganz ZU erlegen. . Als der Pächter am festgesetzten Tage die Zahlung nicht leisten konnte, ließ ihn der Gutsherr durch feine Knechte ergreifen und ans einen Leiterwagen binden, derart, daß fein Körper auf dis Erde zu liegen kam. Vor den Wagen wurden zwei flinke Rosse gfepannt und bald jagte das Gefährt über Stock und Stein dahin. Der Pächter wurde am Boden geschleift und bekam alle Unebenheiten des polnischen Weges zu spüren. Bald blutete er aus vielen Wunden und verlor das Bewußtsein. Als die Knechte sahen, daß frer Pächter keinen Atem mehr in der Brust hatte, schnitten sie die Stricke los, ließen den Körper auf der Straße liegen und fuhren davon. II. Nach einer Stunde etwa fuhr ein junger Doktor aus dem nahen Städtchen Chmel über die Landstraße. Als er den Pächter auf der Straße wie leblos daliegen sah, hielt er fein Wägelchen an, sprang ab und trug den Bewußtlosen in seinen Wagen. Dann fuhr er rasch nach Hause und begann an dem Pächter Wiederbelebungsversuche zu machen, die ihm bald glückten. Doch das Schwerste war, den gemarterten Leib am Leben zu erhalten und der Doktor ließ kein Mittel unversucht. Stundenlang gab er sich täglich mit dem Kranken ab, hütete ihn wie ein Geheimnis und stellte es sich zur Aufgabe, an diesem, dem Tode entrissenen, sein Meisterstück zu vollbringen. Und siehe, es gelang ihm, den Pächter bald wieder ganz herzustellen. III. 1 Alljährlich pflegte der heilige Bal Schem den Pächter, der ein frommer Mann war, auf seinen Fahrten durch das Land aufzusuchen. Als er auf dem Gutshof erfuhr, wie arg dem Pächter mitgespielt worden war, beschloß er, nach seinem Befinden zu sehen und begab sich in das Städtchen Chmel. Mit Bewunderung sprach der Pächter von feinem Retter und erzählte dem heiligen Mann haarklein, was ihm widerfahren war. „Seht, Rabbi, ich hatte keinen Atem mehr in meiner Brust und dksssr Mann hat mir neue Kraft verliehen," schloß der Pächter. „Darum bitte ich Euch, segnet ihn als wenn er unseres Glaubens wäre." Der Val Schem ergriff die Hand des jungen Doktors und sprach: „Groß ist das Verdienst, das du dir erworben, indem du diesen Mann', der fast die Schwelle des Todes überschritten hatte, seinem Weibe und seinen Kindern wieder geschenkt hast. Einen Gerechten nenne ich dich, als wenn du zu den Meinigen gehören würdest. Doch nun nenne mir den Lohn, der dir für deine Heilkunst gebührt." „Ich tat es nicht des Lohnes wegen," erwiderte der Doktor bescheiden. „Es geschah nur aus reiner Menschlichkeit und dann reizte mich auch die Aufgabe, den Todgeweihten dem Leben wiederzugeben." Der Val Schem.schwieg lange und sein Blick suchte etwas in der Ferne, dann sagte er: „Du wirst ein Hellkünstler ersten Ranges werden. Du wirft nicht nur ein Arzt sein, der Wunden und körperliche Leiden zu hellen weiß. Viel mehr wirst du den Menschen sein und von» weither werden sie um deinen Rat kommen. „Doch da sehe ich eine Wolke, die über deinem Haupts schwebt und dich zerschmettern will. Es ist etwas Dunkles, das mir nicht ganz klar ist. — Doch es soll von dir abgewendet werden ob deiner guten Tat. Zur rechten Zeit sollst du gewarnt werden, damit das Unheil dich nicht erreichen kam. Das soll dein Lohn sein!"