Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1929)
- Date
- 1929-09-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Leide 14. Nr. 38 Der Israelit 19. September 1929 Der witzige Rabbi hatte schon recht: Mikrophon hatte versagt, man versuche es einmal mit einem M i s ch n a phon. Dennoch wird die Stimme der Kenessio in die Welt hinausschallen. S * Habt ihr einmal viertausend Menschen auf einmal weinen gesehen? Alte weißbärtige Rabbis und junge Menschen, halb noch Kinder! Es ist immer erschütternd, wenn erwachsene Menschen laut schluchzen, und nun gar im Tausendchore. Wir erlebten das am EröffNUNgSllbend als der Oberkantor der Schiffschul mit Geigenstimme das Seelengebet für die Erschlagenen in Erez Iisroel hinausschluchzte. Und wer das erlebt hat, hat Minuten einer Secheneinheit erlebt, die bei aller Erschütterung doch auch etwas Tröstliches und Zukunftsverheißendes hat. * * * Es ist verständlich, daß die palästinensischen Delegierten Gegenstand größten Interesses sind. Besonders diejenigen, — das sind die meisten, — die erst nach den Schreckenstagen die heilige Heimat verlassen haben. Was die erzählen, ist nicht neu, man hat dies alles schon gelesen. . Aber w i e sie es erzählen, prägt sich für ewige Zeiten ein. Man erlebt es mit, was sie erlebt haben. Sie sind hergekommen nicht zu weinen, sondern zu t r ö st e n. „Arbeitet weiter, noch mehr als früher! Für jeden erschlagenen jüdischen Menschen, für jeden vergossenen Tropfen Blut eine neue Schuld, eine neue Jeschiwa, eine neue -Kolonie für orthodoxes Chaluzzim! England wird seine Pflicht tun. Aber verlassen möge man sich nicht auf das britische Imperium, sondern auf Gott. „Und wegen unserer Sünden . . ." Aber sie wollen in dieser Stunde auch keinen anklagen, wollen nur trösten, zur Arbeit mahnen. * * Wenn die Rebbes sich im Saale zeigen, sei es die fürstliche Gestalt des „Zcortkower" oder die kleine gedrungene des „G e r e r" mit dem schneeweißen geteilten Barte, dann geht Bewegung durch die Massen. Chassidim laufen vor, springen über alle Barrieren, werfen Ordner und Ordnung über de,n Hausen und drängeu sich an den Rabbi, um seine Hand zu berühren, oder ein Wort aus seinem Munde zu erhaschen. Erhebt sich der Rabbi, um hinaus zu gehen, so muß eine ganze Leibgarde aufgeboten werden, um ihm den Weg zu bahnen. Betritt er aber das Podium und spricht, da st e h e n -re Anbeter um kms Podium herum und im Saale hört man nichts. Es kommt auch nicht daraus an, was ein Rebbe spricht, sondern nur darauf, daß er spricht. * * * Die Nebeuräume des Saales sind ein wahres Labyrinth, und es gehört schon einige Orientierungsgabe dazu, um sich da in der Flucht von Korridoren und Gemächern auszukennen. Ueberall arbeiten fleißige Hände früh und spät. Die Damen sitzen an den Schreibmaschinen, arbeiten nicht nur mit den Fingern, sondern auch mit der Seele. Alles ist seelisch am großen jüdischen Werke beteiligt. Selbst die Postbeamten' im Postamt, der Bankbeamte am Wechselschalter, der behäbige Wachmann draußen. Mit österreichischer Umständlichkeit und Liebenswürdigkeit. mit „Servus" und „Bitteschön" und „Mein Kompliment", spielt sich der Wach- und Ordnungsdienst ab. Irgendwo streiten „Heimwehren" mit „Schutzbund" oder Kommunisten. Wer den Wiener sieht und hört, glaubt nicht recht daran. Einfälle und Ausfälle. (Eine Ferienbetrachtung aus dem Riesengebirge.) Schon die Ueberschrift ist eine Auflehnung gegen das Althergebrachte. Reisebriefe dürfen aus dem Süden kommen, am besten aus der Schweiz, wo die besseren Kreise Frankfurts, Hamburgs, oder Berlins ihre Ferien verbringen,' auch aus Marien- und Karlsbad können sie stammen, allwo die dort gerade weilenden Chassidiinrebbes mit ihrem Stab von ständigen oder Saisonanhängern ein beliebtes Thema zu teils heiteren, teils tiefgründigen Studien über ostjüdisches Leben abgeben. Sie dürfen noch aus Polen und Litauen herrühren und bieten dann wieder die in 2—3 wöchentlichen Re-iseeindrücken gewonnenen sicheren Erkenntnisse in Form von unfehlbaren Ratschlägen gegen wirtschaftliche und geistige Nöte jeder Art. Aber ein Ferienbrief aus dem Riesengebirge. das den meisten Lesern im besten Falle nur aus der Eeographiestunde bekannt ist, in dem weder selbständiges jüdisches Leben pulsiert noch während der Badesaison wenigstens hineinprojiziert wird, hat wirklich keine Bsrechtrgung im Israelit. Nun müßten Reisebilder nicht gerade nur vom Menschen sprechen, könnten vielleicht von Bergen, Tälern und Wäldern erzählen, von einem idyllischen Leben in der schönsten und schlichtesten Weife in das Geheimnis des Lebens eingeführt werden und dabei das Gebot von der Vogelmutter, die auf den Jungen brütet von dem Kälbchen, das acht Tage bei der Mutter bleiben soll, verstehen lernen. Könnten erzählen von herrlichen Kammwanderungen, zu denen wir Heraufgeistiegen durch die erst waldigen, dann felsigen, jäh abfallenden Gründe, an schäumenden Wasserfällen entlang, bis wir tiefatmend dort oben standen und bewundernd und dankbar Den priesen, „Der die Berge erhoben, die Täler geformt und die Quellen sich ergießen läßt zu Bächen, daß sie zwischen den Bergen herabsließen." Aber wen würde das interessieren? Menschen müssen bekanntlich das Thema von Reisebriefen bilden, sie sollen weniger das Land wie die Leute schildern und von denen ist nun freilich wenig zu berichten. Hier oben auf unserem Bergel, wie der Schlesier sagt, sind wir die einzigen Juden, dort unten im Hirschberger Tal sind zwar noch Stätten vorhanden, die von jüdischem Leben künden, aber sie gehören der Vergangenheit an. Von dem Plateau, auf dem unser Ferienhaus, das höchste im Orte, steht, trifft der Blick im Osten unser Misrachbild, die Schneekoppe, im Westen die malerische Burgruine des Kynast, dazwischen liegt das liebliche Warmbrunner Tal, und wenn ich das Fernglas scharf einstelle, so kann ich das Haus sehen, das mich besonders mit dieser Gegend verbindet, das jüdische Kurhospital, das der Großvater vor 50 Jahren gründen half oder wohl eigentlich gegründet hat. Nicht als reicher Mäzen, — er hatte mit seiner Frau genug zu schassen, feine sieben Kinder zu braven Jehudim zu erziehen, — sondern indem er von Stadt zu Stadt zog, bis er wirklich endlich das Kapital zusammen hatte, um sein Lebenswerk, „das Kurhospital für arme jüdische Badegäste", erbauen zu können. Freilich 50 Jahre sind seitdem vergangen, in alle Winde zerstreut sind die Enkel, nur ein paar verwitterte Grabsteine^ auf dem alten Hirschberger o^ir rv>3 verkünden, daß auch in diesem Tal einst jüdisches Leben im Geiste der Thauro geherrscht hat. Wozu ich das alles, erzähle? Weil ich hier oben darüber Nachdenken muh, welchem mm es zu danken ist, daß trotz der ungünstigsten äußeren Bedingungen,, des Fehlens einer altjüdischen Gemeinde — die Kreisstadt hatte schon vor 50 Jahren den Bruder des Breslauer Reformers Joel zum Rabbiner — sich in vier Generationen der Geist der Treue zur Ueberlieferung erhalten hat. — Vielleicht deswegen, weil in diesem Hause von altersher das Wort Geltung hatte: TnVn na’ fix 07 min weil Vater und Großvater Gott suchten in feiner schönen Natur wie in seinem Gesetz, in der Fülle des praktischen Lebens wie im Studium, weil ihnen vielleicht gerade in dieser Umgebung die Wahrheit des Psalmenwortes zum Bewußtsein gelangte, „Stimme Gottes in jeder Kraft, Stimme Gottes in jeder Schöne", weil in ihrem Bücherschrank die deutschen Klassiker ebensowenig fehlten, wie S. R. Hirsch's Chumosch-Kommentar. Und damit bin ich beim Thema. Es kriselt im deutschen thoratreuen Judentum. Das wäre an sich kein Unglück, denn eine Krisis kann Genesung bringen. Ob sie diese bringt? Man schlägt deutlich eine neue Richtung ein, sogar der Israelit ist unter die Kulturkämpfer gegangen; aus Wien tönt eine Stimme, die nicht verstummen will, die zum Kampf gegen Kultur, gegen Wissenschaft, gegen Hirsch, d. h. gegen das rwp p« Tn Prinzip aufruft. Da stand im Israelit getzthin ein Leitartikel zur Rabbinerwahl ein ernst zu nehmender symptomatischer Artikel. Eine Art Querschnitt durch die Geistesgeschichte des deutschen thoratreuen Judentums an der. Hand seiner letzten Eharakterköpfe — die Auswahl ist nicht recht verständlich — von Mendelssohn, über Hirsch und Breuer bis zum neugewählten Frankfurter Raw. Man rann es auch als Schema für den Geschichtsunterricht benutzen: Unterstufe: Einführung der Wissenschaften ins Judentum, Versuch, das Judentum mit der Zeitphilosophie in Einklang zu bringen: — Mendelssohn. Mittelstufe: Eindämmung der eindringenden Zeitkültur. ihre Zurückweisung, dort wo sie den Grundlehren des Judentums widerspricht, infolgedessen Auseinandersetzung mit der nichtjüdischen Umwelt und ihren Worten — Hirsch. Oberstufe: Verzicht auf obige Auseinandersetzung, alleinige Pflege der jüdischen Geisteswerte, Berücksichtigung der Zeitbildung nur soweit für das Leben im heutigen Milieu notwendig — Breuer. Endziel: Ignorierung des Problems: Judentum und Umwelt. Abkehr von der Pflege der Profanwissenschaften auch als Hilfswissenschaft für jüdische Erkenntnisse, Verzicht auf Einwirkung auf alle nicht dem gesetzestreuen Judentum angehörigen Kreise: Stt neue Äuts! Vielleicht ist diese Wiedergabe zu kurz oder zu kraß, allein ya’ Zu gleicher Zeit ertönen aus dem jungen Wien fröhliche Jagdfanfaren: „Ich schieß' den Hirsch im wilden Forst". Im Jeschurun schafft Herr Forst aus Wien ein neues einzigartiges Judentum durch Verzicht auf alle allgemein gültigen Grundbegriffe von Ethik, Logik und Erkenntnismöglichkeit durch Hinausweisung aller Wissenschaft, allen Forschungsdranges der menschlichen Seeleaus dem Bereich des Jüdischen, sofern sie nicht der Erforschung der Halocho dienen. Ganz folgerichtig ist dementsprechend auch Forst's Feldzug gegen Hirsch in der jüdischen Presse. Aus eine Auseinandersetzung mit dieser Geistesrichtnng verzichte ich, einmal weil Nathan Birnbaum in seinem Nachworte zu dem Jeschurun-Aussatz das Wenige, was dazu zu sagen ist, bereits gesagt hat und weil, was die Hirsch-Bekämpfung betrifft, Frank Levy im Israelit Hirsch bereits zu retten versucht hat. Schließlich wäre diese Stelle nicht der Ort, die Schwierigkeiten zu erörtern, die der Wunsch „Anders und nicht anders zu seinL, bei der Umsetzung in die Praris des jüdischen Lebens ergeben würde, mit seinem Verzicht aus alle geläufigen, allgemein gültigen Erkenntnis- und Anfchauungsformen. (Nebenbei bemerkt, die Schwierigkeiten ergeben sich wohl schon bei dem Versuch, die Ueberschrift des Aufsatzes zu erfassen.) Glücklicherweise, das Eine fei wenigstens herausgegriffen, herrscht in der jüdischen thoratreuen Geisleswelt nicht diese Einseitigkeit, dieser Verzicht auf die Befriedigung des natürlichen Erkenntnisdranges der doch auch von Gott stammt, wie sie Forst ausmalt. Weder hat zu allen Zeiten das Studium des T'nach gefehlt, man denke an Abarbanel, Jbn Esra, S'forna, Malbim, Hirsch, Rafchi nicht zu vergessen, noch sind die Ideen der jüdischen großen Philosophen der Menge fremd geblieben. Was das T'nach-Studium betrifft, so gibt es Meinungen, die die heutige Haltung des Ostens — wenn überhaupt Herrn Forst's Feststellung richtig ist — ebenso verurteilen, wie z. B. dessen Einstellung zur Frage der Mädchenerziehung, und wie einer der Größten des Ostens, der Wilnaer Eaon darüber dachte, ist allgemein bekannt. Ebenso unrichtig ist die Behauptung von dem mangelnden Interesse an der philosophischen Erfassung von Thauro und Mizwaus. Mögen auch die großen Standardwerke nicht in ihren originellen Abfassungen in der Menge heimisch geworden sein, so sind durch die Kanäle der volkstümlichen Kommentare dieser Großen namentlich zum Chumisch, ich denke hier z. B. an Rainban, Malbim, Hirsch, Mecklenburg, Lunschütz, den Baal Akedoh, soviele ihrer Gedanken ins Volk eingedrungen, daß man allenthalben eine Vertrautheit mit den Systemen unserer großen Denetk, ihren Problemen und ihren Lösungsversuchen beobachten kann. Ich habe die beiden Artikel aus der gesetzestreuen Presse nebeneinander hingestellt, weil sie für eine bestimmte Geistesrichtung charakteristisch sind: Man glaubt Hirsch und sein Prinzip überwunden zu haben, und wir anderen glauben, daß man ihn noch garnicht begriffen hat. Weiß man auch, was man mit Hirsch aufgibt? Hirsch, das bedeutet: der gesunde Menschenverstand im thoratreuen Judentum, Hirsch und sein Prinzip a? mm ps TH nach jeder Richtung hin ausgelegt, das bedeutet Verständnis für die Aufgabe, für die Gefahren und Nöte des Zeitalters. Hirsch kann nicht überwunden werden, weil sein Werk nicht zeitlich zu werten ist. Er, der sein anklagendes Wort vom „zeitgemäßen Judentum" in die Welt geschleudert hat, ist nicht mehr zeitgemäß? Man mißverstehe mich nicht, ich bin kein blinder Nachbeters nicht um Einzelheiten handelt es sich, man kann sehr wohl einer Erklärung Hirsch's zu einer schwierigen Stelle der mm eine solche des Malbim oder Mecklenburg vorzishen — um das große Weltprinzip handelt es sich. Man beginnt bei nn^ den Kops in den Sand zu stecken. Weil heute bei uns G. l. etwas mehr gelernt wird als vor 20 Jahren, meint man, es gehe aufwärts im deutschen Judentum, es bedürfe der Donnerworte und der erschütternden Mahnreden des Hirfch'fchen Genius nicht mehr. Vergißt man die Verheerungen, die der heutige Zeitgeist, der schlimmer und gefährlicher ist als zu Hirsch's Zeiten, schon angerichtet und weiter täglich anrichtet? Ist wirklich die Auseinandersetzung mit ihm, die freilich als Rüstzeug alle Kenntnisse der Zeit, ihrer Künste und Wissenschaften, ihrer Gefahren und Versuchungen besitzen muß, unnötig geworden? Nun fteilich, ich bin kein Politiker, auch kein Philosoph, und diese Betrachtung ist nichts als das Ergebnis nachdenklicher Wanderungen auf stillen Gebirgswegen lüm cptix ffmn Vom Standpunkt der Berge aus schaue ich es. Die Berge, so sagt ein Erklärer, das sind die Großen, Ueberzeitlichen. Wenn Hirsch zu ihnen gehört, so bedeutet das Anerkennung seines Prinzips auch für die Gegenwart und wahrscheinlich auch für die Zukunft, für den Osten wie für den Westen. Im Osten beginnt man das zu ahnen, und wir sollten vergessen, was wir an uns selbst erfahren haben? <£-. S. Lassen Sie Ihre UHREN bei Ne es er-LAPP, Allegasse Z reparieren. Sie gehen gut und die Preise sind billig» Alles unter Garantie. Verlangen Sie beim Einkauf ausdrücklich tfiebfSitVür stauchaltMche alleinige Hersteller, Qüittheutiaussnera.a Ciemnln-HsppeJ mm I Samnttert nur aut reinen Pflanzenölen hergeatellt 100 Gramm-Stück 15 Pfg. 200 Gramm-Stück 30 Pfg Verantwortlich für den allgemeine i Teil und da» Lenilletv» <?. Schachnowitz, Frankfurt a. M; Inserate i. B.: «.Schach» »owttz. ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrern. Kaufmann in Sprendlingen l«r. Offenbach). — Berlar .Israelit", D.m.b.H.. Frankfurt a.M — Druck Sermon «erlag»- Aktiingesellfchaft, Frankfurt a. M,