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Der Israelit · 1929-09-19 · Heft 38 (19.9.1929) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 38 (19.9.1929)
Date
1929-09-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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SST Der Jsraelit "«L Der Raw?) Von Isidor Löwin. Cr ist aus dem Osten. In Rußland, Polen, Ungarn usw. gibt es n o ch Gegenden, die vollkommen jüdisch sind. Dort leben die Menschen in nur jüdischer Kultur (mit anderen kommen sie außer bei Judenverfolgungen kaum in Berührung). Unser Rabbi ist in solcher Umgebung zum Führer geworden. Hierher kam er anläßlich einer Sammlung für eine Jeschiwah in seiner Vaterstadt — und blieb. Große Aufgaben hat der jüdische Führer. Er ist Richter, Berater, Schulleiter, führt talmudische Gemeinschaften und trägt die Verantwortung für alle Religionsbeamten. Jüdisch müssen die Ausgaben aufgefaßt werden. Unser Rabbi faßt sie so aus, weil er, in jüdischer Umgebung aufgewachsen, keine andere Auffassung haben w i l l. - , - :. Stet gjn einfacher Räum, die Proüeßgv^aer mit ihren Sprechern, der Raw. Auf dem Tisch liegen große, schwere Folianten. Der Raw sucht, über den Tisch gebeugt, m einem der Bücher. Wir sehen nur seine hohe, weiße Stirne. Das feine Gesicht, der lächelnde Mund, die suchende Nase sind nebensächlich: denn der Verstand arbeitet. Während des Suchens spricht er. Der Raw weiß den Richterspruch natürlich, ohne nochmals nachzusehen. Aber er will klares Recht sprechen. Der einfache Paragraph ist tot. Der Rabbi sucht in HM das Leben/ Äe^gesamte Rechtsentwicklung vom Ausspruch Moses bis zu den Paragraphen geht durch seine Gedanken. Was dieser und was dieser Gelehrte dazu sagte, warum sie so sagten, ob es richtig war und vieles mehr. Die verschiedenen Stellen sucht er nach, vergleicht, wagt ab, bis endlich der Rechtsspruch mit seinen letzten Folgerungen und Zwecken klar vor seinen Augen steht. Jetzt ist er zufrieden. Seht, wie der Gesichtsausdruck ruhiger wird, die Stirne sich noch freier und höher wölbt. Jetzt setzt er den Umstehenden das Gefundene auseinander. Da gibt es nichts Wissenschaftliches, was der Allgemeinheit nicht zugängig wäre. Die Beteiligten sollen wissen, daß ihnen höchstes Recht zuteil wurde. Sie sollen das fühlen. Und wenn sie,'nicht fühlen, nicht fühlen wollen, wenn sie die Wahrheit nicht verstehen, dann ist der Raw hart, hart wie Quaderstein. Nichts.' wird nachgegeben, keinen Gefühlen wird Räum gelassen: „Sieh nicht auf die Armut des Armen,-beschönige nicht den! Reichen, mit Recht richte den Volksgenossen." Berater ist der Rabbi. Güte strahlt aus seinem Antlitz. Auf „Du" ist er mit dem Jüngeren. Er fördert sie, spricht ihnen zu, bestehlt. Den Alten rät er. Schonend rücksichtsvoll auf die Charaktereigenschaften der Ratsuchenden eingehend, führt er sie den richtigen Weg. Ist jemand in Mot, fei es geistiger, sei es wirtschaftlicher, so setzter sich ganz dafür ein, zu helfen. Friede soll in jedem Menschen, Friede zwischen allen Menschen fein. Beim jüdischen Antlitz ist man gewöhnt, einen suchenden Ausdruck zu. sehen, weit fort, hinaus aus der Enge des Alltags! Gott sucht er und Weltenfrieden und 'die . Zeiten des Messias. Unser Raw ist nichtso. Gott ist ihm unbedingte Wirklichkelt,. -stets gegenwärtig. Weltenfrieden und Messiaszetten müssen in unermüdliches Kampf für das.Gute und für die Wahrheit (Thora) errungen werden. *) In der jüdischen Religionsschule^zu Duisburg wählte der Lehrer als Aufsatzthema ^„Ekne Person, die mir besonders gefällt", und. daraus entstand der Aufsatz eines Oberrealschülers, den wir oben mit einigen wenigen ' Streichungen bringen. ■ }'r' Redl In der Schule: Den Schülern ist der Raw ganz vertraut. Während des Unterrichts tritt er ein, stellt sich ruhig vorne hin und hört zu. Wir lernen ungestört weiter, der Lehrer unterrichtet wie gewöhnlich. Ruhig überlegend steht der Rabbi da, die schmale, weiße Hand fährt langsam durch den schwarzhängenden welligen Bart, er wirft kurze Fragen dazwischen. Er kennt die Familien, die Lehrer, die Krisen, in denen seine Schutzbefohlenen leben. Im Schlachthaus: Er prüft die Messer, untersucht mit dem Schächter die Lunge und ist ganz bei der Sache. Die vom vielen Lesen geröteten Augen sehen angeregt den Arbeiten zu. Wie kommt der Raw zu seiner unermüdlichen Kraft? Durch Beten und Lernen. In weiten Gebetmantel gehüllt, schwarze Gebetriemen um den Kopf gebunden, steht er dicht an der Ostwand des Gotteshauses, das Gesicht nach Zion gewandt. Sein Körper ist in rhythmischer Bewegung. So wird das Körperliche dem Denken angepaßt. — Das ist also doch der sehnende Mensch. Die ganze Sehnsucht, der der Mensch fähig ist, wird in diesem Gebet ausgedrückt. Kampf, Haß, Zweifel, alles sinkt in nichts bei diesem schwingenden Menschen, der jetzt nur Hoffnung, Vertrauen und Liebe fühlt. Und erst beim Lernen; Lange Abende, bis tief in die Nacht hinein, sitzt er über seinen Büchern. Thora ist Höchstes und Reinstes. Alles hat dort seinen Ursprung und alles wird von dort belebt. Deshalb muß alles so in sich gefestigt und so klar sein wie Thora. Alles, was sich um Thora schichtet, muß Thora sein. Weicht es davon ab, so muß es entfernt, abgeschieden werden.' So lernt der Raw auch. Bis in das letzte Fältchen muß jeder Gedanke durchdacht sein. Seht ihn, wie er angespannt aufblickt und ausirgend einem Punkt an der Wand die Antwort herauslesen will. Hastig fährt die Hand durch den Bart, jetzt blickt er blinzelnd ins Licht und ja, da hat ers. Und es stimmt, denn wie der Raw jetzt nachschlägt und Belege sucht, so sehen wir, daß alles sich in Ruhe und Ordnung gelöst hat. Ernst liest er weiter. Er vertieft sich in die eben gelöste Halachah. Das Rückgrat krümmt sich, er scheint ganz in den Lehrgegenstand hineinkriechen zu wollen. Der Mensch, die Sache, ist nichts mehr, nur noch Lehre und Wahrheit. Noch mal überlegen! Noch einmal. Ist alles richtig? Vielleicht doch nicht? Die Stelle stimmt noch nicht. Gib mal den Rambam. Gib mal die andere Gemoro. Ich finde nicht! Der Raw setzt sich mit anderen Gelehrten in Verbindung. Habt ihr schon einmal gesehen, wie zwei jüdische Gelehrten streiten? Wenn zwei jüdische Gelehrte streiten, dann sind sie eine'Einheit. Sie sprechen ineinander hinein. Sie widersprechen so, als wenn ein Mensch versucht, zwei Meinungen gegeneinander abzuwägen: so sprechen die beiden: denn eine höhere Macht läßt sie wie eins scheinen: das Suchen nach Wahrheit. Meistens wird die Antwort gefunden. Froh wird das Gesicht des Rabbi und weiter kann' er lernen. „Vorwärts". Berater und Richter, Betender und Lernender, Gefühl und Verstand, das. ist unser Raw. Der Uenesfio-Sabbal. Als sich Freitag mittag die Hallen der Sophiensäle schlossen, taten sich die Heiden erst recht auf, dem Sabbat entgegen. Eine geruhige, friedliche Insel winkte mitten' im Meere der jüdischen Arbeit, der jüdischen Sorgest, der jüdischen Not, deren Wogen in drei Verhandlungstagen Unaufhörlich bis in die tiefe Nacht hinein mächtig schlugen. Die Schiff schul hatte großen Tag. Bis auf den letzten Platz war sie am Freitag abend wie am Sabbatmorgen angefüllt. Undder Oberkantor, umgeben von einer tüchtigen Meschorärimschar, gab das Veste, was ein Chafen in solchen Situationen zu geben vermag. Es war, als wollte er alldasin Tönen unL Melodien, um- 10 Irr t10™/1™ 71 Tagen der Arbeit zu erringen suchte .Viel Moll, schmelzend und dahinfließend. Heberwiegend aber heitere Melodien und Chöre in Dur. wie man sie hier für „Lecho Daudi", „Keduscha" usw. liebt. Gegen 11 Uhr vormittags ist große Predigt. Sie gehört schon gewissermaßen zum Programm der Kenessio. Bei der Unruhe im Raume hört man nicht jedes Wort, aber man weiß und fühlt es heraus, es sind warms herzliche Worte der Begrüßung, die sich in einer Perlen- Bibelsätzen und Midrascherklärungen ergießen, bmen und die Laien, die Männer der Tat und Männer der Lehre, alle seien sie gleich gegrüßt, ihre Jfr&ett für bas gläubige Bolk Gottes sei gesegnet? Die bekannten rituellen Restaurationen, die Milch- und Mittelftandsküchen sind am Sabbat voll gefüllt. Nicht minder die gastlichen Häuser der prominenten Persönlichkeiten der Adaß. Am Frühstückstisch im Hause des verehrten Vorsitzenden der Gemeinde zähle ich am Sabbat morgen ungefähr 30 Gäste. Am Freitags abend waren es noch mehr und zehn Rabbiner darunter. Dis Hausfrau ist unglücklich, daß nicht mindestens zweimal im ^zahre eine Kenessio tagt. Nachmittags möchte man eigentlich ausruhen, aber wer brächte es übers Herz, solche kostbaren Stunden die im Leben nicht oft wiederkehren, im Schlaf zu vergeuden?^ Man findet sich in kleinen Zirkeln hie und da. Man will unpolitisch sein, nur gesellig, nur sabbatmäßig gestimmt. Aber es ist schwer, sich von den Dingen, die man in Herz und Hirn trägt, frei zu machen. Irgend ein unvorsichtiges Wort, und eine politische Diskussion ist wieder im Flusse. Ich ziehe es vor, unter den Bundesbrüdern vom V. I. A. die „dritte Mahlzeit" abzuhalten. Die studentische Fidelitas kommt leider nicht zur Geltung, dafür ist die Stunde zu ernst. Ein lieber älterer Bundesbrudev aus Palästina ist bei uns und er muß uns erzählen von den Dingen und den Aussichten im heiligen Lande. Morgen steht Erez Jisroel auf der Tagesordnung, man will gewappnet sein. Früher als in Frankfurt senkt sich die Nacht über Wien. Am Donaukai stehen die Juden, wie bei uns etwa am Roschhaschono zu Taschlich, sehen ins Wasser und unterhalten sich über jüdische Dinge. Weit und breit kein nichtjüdisches Gesicht zu sehen. Alle Idiome, die Juden in der Zerstreuung sprechen/ schwirren durcheinander, alle Trachten, vom englischen Sportanzug bis zum überlangen Atlaskaftan samt Gürtel, sind vertreten. Auf ein Signal des „Ledovid Boruch" strömt alles in die Schul. In Hochstimmung wird der Sabbat ausgemacht. Das „Wihinoam" erhält hier eine andere, höhere Stimmung. .Raum ist der Sabbat aus, setzen die Wogen in den Sophiensälen und rundherum schon wieder mit brausender Macht ein. Sogar die Postbeamten sind, trotz der vorgerückten Abendstunde, wieder auf ihrem Posten. Es klappern die Maschinen und die Ordner laufen hin und her. Im großen Saal hält die Jugend ihre öffentliche Schlußversammlung. Im „blauen Saal" haben den vorderen Teil die Arbeiter der Aguda annektiert und werfen mit sozialen Problemen um sich. Indes sich ganz zu hinterst im gleichen Saale die deutsche Landsmannschaft bescheidentlich an den Tisch gesetzt hat, um über Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit von gewissen Paragraphen zu diskutieren. Irgendwo anders tagt der hohe G. A. und wiederum anderswo haben sich die Mitglieder des Rabbinischen Rates zusammengefunden. Sie haben etwas länglich ihre Sabbatausganggebete ausgedehnt und fanden daher von der resoluten Jugend die besten Säle besetzt. Man ist für die Sonntagsarbeit bestens gerüstet. Typen und Situationen. (Momentaufnahmen.) Der Saal, in dem die Kenessio tagt, verdient den Namen F e st s a a l mit vollstem Rechte. Für Frankfurter kann er etwa so bezeichnet werden: Die Frankfurtlöge in SaalBau vergrößert. Wenn abends die Lichter " brennen, ' scheint der Festglanz mit zunehmender Stunde zu wachsen. - Doch hat auch der Saal, wie alle Obsefte, seine Tücken, gegen die Präsidium und Ordner vergebens kämpfen. Vor allem find es die vielen Türen, durch die die Menschen dauern aus- und eingehen. Wenn drinnen auf dein Podium nicht gerade eine Kanone steht, da machen Bierausschank, Konditorei und die Verkaufsstelle für Wiener Würstchen draußen gute Geschäfte. Es herrscht dort weit mehr -Bewegung als drinnen, und die Wogen rauschen auch in den Verhandlungssaal hinein. Doch sagt mir mein Kollege, von der Feder, der sich gut auskennt (er schreibt für Ulti große Presse), daß in allen Parlamenten der AM, selbst in Gens, lange Würste weit beliebter sind, als lange Reden. Ein eigenes Kapitel ist das Mikrophon. Es ist durchaus nicht agudafreundlich. Am EröffnungsabenÄ bewährte es sich als echte Höllenmaschine. Vorne hörte man doppelt, in der Mitte nur halb. und hinten gar» nichts. Zuweilen, hat es gar den Ehrgeiz, statt die Reden hinauszutragen, den Radau von außen hineinzübringen.

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