Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1929)
- Date
- 1929-09-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450583--76285-2533853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
83T Der Jsraelit Dr. 36 1929 »MW K'Wm WVvv VÄ5 Heimat. Skizze von Binjamin Segel. Während der Eisenbahnzug durch die weite Ebene dahinrollte, stand Daniel am Fenster des einsamen Abteils erster Klaffe und blickte in die Landschaft hinaus. Es war eine schöne, stille Julinacht; ein leichter Nebel schwebte über den Feldern. Daniel strengte seine Augen an, die Umrisse der heimatlichen Landschaft wiederzuerkennen. Durch das mllde Halbdunkel konnte er die sanften, bewaldeten Hügel wahrnehmen, die den Horizont einrahmten. Der Boden! war ringsum wie mit einem dicken Teppich überzogen; heranreifende Aehren auf den Feldern, Grashalme auf 'den Wiesen, alle reglos dastehend, wie in den Schlummer dieser schönen Nachtstunden versunken. Ein rieselndes Bächlein sa»n»g irgendwo in der Ferne und ließ sich von dem Gerassel der Lokomotive nicht übertönen. Das war alles ganz so wie vor fünfzehn Jahren, als Daniel in einer ebensolchen Nacht mit demselben Eisenbahnzug durch diese Ebene dampfte, nur in entgegengesetzter Richtung, damals, als er, nach dem Zusammenbruch seiner bürgerlichen Existenz, das Weite suchte und auf eben diesem Bahngeleise dem Hamburger Hafen zustrebte, um sich nach Amerika einzuschiffen . . . Welch eine lange Strecke Lebens hatte er seither zurückgelegt! Bunt war sein Schicksal gewesen in der großen Völkerwüste jenseits des Ozeans, durch die er hin und hergeschleudert wurde. Er war nacheinander Hausierer, Matrose, Zeitungsredakteur, Vorbeter, Lastträger, Ausrufer und Landwirt gewesen. Nirgends fand er Ruhe und dauerndes Behagen. Sobald eine Welle dieses aufgeregten Menschenvzeans ihn emporgetragen hatte, kam ein Sturm und fegte ihn hinunter. Zehn Jahre kämpfte er um ein ärmliches, schweres Dasein. Erst vor fünf Jahren war es ihm gelungen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Sein Wohlstand stieg . Es dauerte nicht lange, und er konnte sich sogar einen reichen Mann nennen. Er gründete sich ein schönes Heim und dachte daran, dem Heim eine Hausfrau zu geben. Aber seit er nicht mehr' um den Morgenden Tag zu bangen brauchte, hatte ihn ein seltsames,, unbegreifliches Gefühl der Unruhe beschlichen, das sich immer'häufiger einstellte, desto besser es ihm erging. Mitten in der Arbeit unterbrach er sich öfters, ließ den Kopf hängen und versank in die Erinnerung an seine Jugendzeit. Manchmal genügte ein kaum merklicher, verhallender Ton, eine flüchtige Erscheinung, oder der Anblick einer, vorbeihuschend en Pdrson, um in seinem Gedächtnis eine Fülle von Bildern hervorzurufen, die ihn mit seliger Sehnsucht und schmerzlicher Wonne erfüllten, daß er lange Zeit keine Ruhe finden konnte/ Immer häufiger kehrten diese.Zustände wieder; oftmals steigerten' sie sich zu einem Grade, der ihm - fast körperliche Leiden verursachte. ' l' In einer solchen Stimmung erschien ihm das ganze ungeheuer bewegte Treiben Newyqrks vollkommen zweck- und sinnilos, hie grelle Pracht und die schreienden Farben rinAherum lebldH und fad. Gtundenlasig irrte'^r zMos durch die Sträßen einher und' SAM-Ach, dieser unb nach'fester Ecke, aA'suchte er jemanden, als erwartete er, daß jemand plötzlich austauchte — aber er wußte nicht, wer das fein muhte. Cr magerte ab, hatte keinen Appetit, klagte über allerlei undefinierbare Schmerzen, gegen welche die amerikanischen Aerzte seltsame und kostspielige Arzneien verordneten. Längerer Landaufenthalt und eine Seereise brachten ihm endlich Linderung für einige Zeit. Aber an einem schönen Sommertag erwachte er am frühen Morgen, von einer unbeschreiblichen Unruhe erfaßt, und beinahe ganz unbewußt fing er an, feine Koffer zu packen. Auf die erstaunte Frage seines Verwalters, was das bedeuten solle, antwortete er kurz: „Ich fahre nach Hause!" Er traf die nötigen Dispositionen, und noch an demselben Abend schiffte er sich nach Hamburg ein. Er hatte den schnellsten Dampfer genommen. Nirgends hatte er Rast gemacht, war von einem Eisenbahnzug in den anderen gestiegen, immer von der nagenden Sehnsucht getrieben, sein Heimatsdorf wiederzusehen. Nur einen Blick wollte er darauf wersein, dann sofort aufbrechen und sich auf den Rückweg machen ... Nun stand er am Fenster des Eisenbahnwaggons, der langsam dahinrollte, und sah aus die Landschaft hinaus. Was ihm zuerst auffiel, war die schneckenhafte Langsamkeit unserer Eisenbahnen im Vergleich mit den amerikanischen. Unsere Blitzzüge würde man dort als die trägsten Bummelzüge verlachen». Jetzt aber war er für diese Trägheit dankbar, denn sie ermöglichte es ihm/ sich ungestört der angenehmen Erwartung des Wiedersehens mit der Heimat hinzugeben. Bald würde der Zug in die Station Bursztyn einlaufen. Dort mußte er aüssteigen und einen Wagen nehmen, der ihm bis nach seinen Geburtsdörfchen Lopuszna bringen sollte. Oder aber, er würde die zwei Meilen zu Fuß zurücklegen. An diesem schönen Sommermorgen, bei ausgehender Sonne, würde das einen erquickenden Spaziergang bilden. . . Daniel sah im Geist den kleinen Bahnhof, den Vorplatz mit den malerisch verstreuten Baumgruppen; von da ab führte der Weg durch das kleine, armselige, aus zwei Reihen niedriger Häuser bestehende Städtchen hinaus in die Hochebene. Dann ging es durch Felder und Wiesen, zwischen blühenden Gärten und grünenden Hainen und Wäldern bis nach Lopnszna. Dieses kleine Dörfchen lag in» einem breiten Tal, eingebettet zwischen hochragenden, bewaldeten Bergen. Daniel sah jetzt vor sich sein Elternhaus, ein Mauerwerk mit Giebledach, auf einer Anhöhe gelegen, von wo aus sich die Aussicht über die ganze -Gegend eröffnete . . Ob es noch an feiner asten Stelle stand? . . . Durch das Tal schlängelte sich ein» Fluß, an den Krümmungen vop Werdeneingerahmt, von denen man im Sommer Zweige schnitt, um Pfeifchen aus ihnen zu schnitzen, zum Laubhüttenfest/rum den FesteSstrauß zu schmücken und Hoschaanoth zu winden. In der südlichen Ecke, von wo aus der Fluß hervorbrach, liefen die bewaldeten Berge fo dicht zusammen, daß die Welt dort ein Ende zu haben schien. Aber im Norden verbreiterte sich das Bett, als wollte öer Fluß sich ins Weite hinansdrängen. Bon dem väterlichen Hause Daniels trennte den Fluß ein. schöner, großer Garten, in dem sich ein mächtiger, alter Birnbaum! erhpb. Die Birnen waren klein und herb und. reisten erst spät im September; man nannte sie deshalb Kolnidrebirnen. Aber im Mai und' Juni prangte der weitästige Baum wie in einem wundexbaren,, duftigen Festgewand, ganz übersät von schneeweißen, kleinen Blüten .Aus den Zweigen zwitscherte es aus unzähligen Vogelnestern. Me Aeste faßen so dicht und fest, beieinander, daß man von eiyem zum,anderen h^rumklettern konnte wie auf e.inem bequemen Heuböden. Es war eine Wonne, in einem solchen Ast sitzend, zu den kleinen Kindern, die dort, unten, am Fuße, des ungeheuer oicken Stammes, herumkrabbelten, aus der Höhe wie ein Vogel hinunterzurusen. Ueberhaupt spielte dieser Baum in Daniels Kinderleben eine große Rolle. Einmal, im Hochsommer, hatte sich nämlich ein gewaltiger Sturm entladen, stundenlang dröhnte der Donner, begleitet von dem zehnfachen Echo der Berge, die Wälder erbebten, ein unablässiges Rauschen fegte durch die Wipfel. Auf einmal kam ein langgezogenes Krachen, das sich wie ein geheimnisvoller Strom vom Himmel herab bis in die Tiefen der Erde hineinzubohren schien. Die Menschen waren wie betäubt; ihr Atem stockte in» der Brust. Dann trat plötzlich eine Stille ein, die eine unheimliche Minute lang andauerte. Und gleich daraus wurde der Horizont erhellt wie von einem Brande. Ein Blitz zuckte durch die Luft und zeichnete an den Wolken riesenhafte feurige Zickzacklinien. Jetzt kam ein heftiger, spitzer Schlag, der den Boden» unter den Füßen erzittern machte. Der Blitz war in den Birnbaum gefahren und hatte ihn entzweigespalten . . . Als sich Daniel von der Betäubung erholte und durchs Fenster blickte, sah er, wie die eine Hälfte sich langsam unter schwerem Aechzen zu Boden senkte, einem Menschen vergleichbar, der, tödlich ins Herz getroffen, wankt und den Rest seiner Kräfte ausbietet, um sich auf den Beinen zu halten, aber schließlich zur Erde niedergezogen wird. Endlich streckte die Baumleiche sich lang hin, eine Menge schlanker Marsstauden und anderer Pflanzen zerdrückend. Die Kinder brachen in Tränen aus. Man fürchtete nun, daß auch die andere Hälfte des Baumes noch absterben und dahinsinken würde. Aber nein: — als wäre nichts geschehen, fuhr sie fort, 'jahraus, jahrein Blüten zu treiben und Früchte zu tragen, vom Vogelgezwitscher zu widerhallen und den lachenden, spielenden Kindern Schatten! zu spenden . . . Daniel malte sich aus, wie er auf dem Gang durch das Dorf von der Ferne schon die Krone des alten, lieben Baumes begrüßt, dann sein Elternhaus aufsucht, durch die Zimmer wandert, in denen seine Kindheit und Jugend verflossen warne . . . Waren sie nicht vielleicht schon zerfallen oder gar eingestürzt? In» fremde Hände übergegangen? — O, er wollte alles wieder aufrichten, ganz wie es ehemals gewesen, nur größer und viel schöner. Die Mittel hatte er dazu. Eine vollgespickte Brieftasche mit Banknoten trug er bei sich. Und drüben besaß er große Reichtümer. Hier mußte wohl alles noch wie ehemals so furchtbar ärmlich sein . . . Abgerissene Lehmhütten, mit Stroh oder verfaulten Schindeln bedeckt . . . Die Bauernikinder barfuß umherlaufend/, Er wollte eine Fülle des Segens über sie ausschütten. Die Juden der umliegenden Dörfer hatten jahrelang untereinander Geld gesammelt, um sich eine kleine Synagoge zu erbauen und ein Badehaus mit Mikweh. Sogar die christlichen Gutsbesitzer der Umgebung versprachen, Bauholz und Ziegel beizusteuern. Es war nichts daraus geworden. Man konnte bei aller Anstrengung nichts aufbringe. Nun sollten sie das Gewünschte haben ... Ob sie ihn wiedererkenxen würden? . . . Kein einziger Verwandter von ihm lebte mehr in der ganzen Gegend. Er musterte alle im Gedächtnis. Kein einziger mehr! Alle waren sie längst ausgewandert i»n» jenes Reich, von dem es keine Rückkehr gibt, oder jenseits des Ozeans, nach Amerika, Südafrika, Australien. Kein einziger mehr . . . Ein Fremder, ein völlig Fremder war er auf diesem Fleckchen. Erde, zu dem es ihn heimlich feit Jahren hinzog, zu dem er über das große Wasser, durch ferne Länder, in unendlich langen Tagfind Nachtfahrten herbeigeeilt'war . . . " , (Schluß folgt.) m