Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1929)
- Date
- 1929-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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5. September 1929 Nr. 36 Frankfurt a. Ht., den ZöHsZZs erisrcielifj!entralorgan für das orthodoxe Judentum IlfjSjn Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Hl /■ — Abonnement ab Juli 18*9: Deutschland 1 tahrpreise (entsprechend dem —vkandes) Deutsch-Österreich r L. Frankreich SK Fr.; Belgien ab 1. -.... «**x. Lttaue» mark zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz K Fr. Tschecho-Slowakei SK Krone«: Ungarn Pengö 3 ab I.Juli 1937; Dänemark 8.69 Krön.; Norwegen8.80 Krön.; Schwede« 8.50 «ron. Einzelnummer vierzig Doldpfrnirige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 80 Goldof. für die stebengespalten» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bet Stellengesuchen und Familienanzeiaen nur 40 Pf. Die 78 mm breite Reklame,eile r letzte Textseite 3.— Mk., vorletzte Textseite 8.50 Mk.; Thiffregebühr tu Höhe eines dovr. Fernbriefporros. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträge» tarism. Preiserhöhung tederz. Vorbehalt. Inseratenannahme durch de» Verlag des Israelit G. m. b. H.. Frankfurt a. M., Rechnetgrabenstraße 7. Tel. Haiga 8848 fow. durch fiimtl. Annoncen-Dwed. des Sn- und Auslands. Alleinige Jnferatenann. für Franks. Teschäftsanz.:Aul. Schmidt»Langestr.7,ll, Tel. Hansa4841. Platzoorphr.ohneBerbindltchk. Sahlunaen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19808. — AuHerdi tarschau Nr. M7S7. - Postscheckamt Zürich Nr. vni 7W4 — Inkasso-Bank Rotterdam — Posts. Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus 8 Kundgebung der Wiener Agudaleilung. Der geschäftsführende Ausschuß der Agudas Jisroel ist angesichts der katastrophalen Ereignisse in dem Heiligen Lande zu einer Permanenztagung Zusammengetreten. Die auswärtigen Mitglieder sind telegraphisch aufgefordert worden, an der Beratung teilzunehmen. Das orthodoxe Iudentum steht erschüttert davor den Ereignissen, die in Erez Jisroel h e r e i n g ebroch en f i n d>. Mit der ganzen Judenheit hatte auch das orthodoxe Judentum 'gehofft, daß u n t e r d e m Sch u tz e e i n e r d e r g r ö ß t e m Mächte der Welt eine Periode der Ruhe und des Friedens für unsere V r ü de r b e g in n t, w et che i n de n Jahrhunde rten der Bergangenheit auß e ro rd entliche Leiden erduldet hatten. D a ß d i e f e H o s f n u n g s o g r a usam enttäuscht werde, hat auch der trübste Pessimismus nicht zu fürchte n g e w a g t. Angesichts dieser Lage richtet die Oberste Leitung der Agudas Jisroel an die Mächte, vor allem an die Mandatarmacht und den Völkerbund, das dringende Ersuchen, alle Mittel anzuwenden, um den Bewohnern des Heiligen Landes wieder Sicherheit zu verschaffen und die Schuldigen mit der Strenge des Gesetzes zur Rechenschaft zu ziehen. Von dieser Resolution wurde dem Auswärtigen Amte wie auch dem Völkerbund Mitteilung gemacht. Im Einverständniis mit der Exekutive des Rabbinischen Rates wurde beschlossen, am rrnj? ^8 einen allgemeinen Fasttag zu verkünden. Gleichzeitig sollen Maßnahmen getroffen werden, um eine großzügige Hilfsaktion einzuleiten, um vor allem die erste Rot zu lindern, besonders für die Familien, denm die Schreckenstage den Ernährer geraubt. Entsprechende telegraphische Aufforderungen sind ergangen. (Siehe Anzeige der Palästina- Zentrale.) Die Ursachen der Katastrophe in Erez Zisroel. Während in wildem Wehe das Herz aufzuckt, bei den Schreckensnachrichten über die himmelschreienden arabischen Greueltaten, die den, Boden des heiligen Landes mit jüdischem Blute düngen, während die Träne quillt um jene wmip v'invi, die ihr junges Leben dem Höchsten, dem Gottesworte in Gottes Land, zu weihen gedachten und nun, als Märtyrer, vor den Pforten der Machpela, im Angesicht der schlummernden Väter, ihre Liebe zur Thora mit ihrem Blute besiegeln mußten, während man Jirmijahus Klagen und Aßafs Lieder hmausweinen möchte in die Nacht bitterster Enttäuschung und Verzweiflung — regt sich doch übermächtig das Bedürfnis nach v e r st an de s m ä ß ige r Durchdringung des Furchtbaren, Schicksalhaften, das da im Werden begriffenist. Konnte man im ersten Augenblick noch glauben', daß es sich bei den Ausbrüchen des moslemischen Fanatismus um eine momentane Reaktion gegen begreifliche, aber unvorsichtige jüdische Demonstrationen am Tischo beaw, vielleicht auch um eine — barbarisch aufgezogene — blutige Antwort auf die feierliche Jnaugurierung der Jewish Agency mit ihrer Steigerung des jüdisch-nationalen Selbstgefühls handelte, so läßt sich eine solche Deutung der Ereignisse unter keinen Umständen mehr aufrechterhalten. Wenn Dr. Ernst S i m o n in einem äußerst ruhig und vernünftig gehaltenen Artikel in der „Jüdischen Rundschau" ganz im Einklang mit der in unsrem Leitaufsatz von voriger Woche vertretenen Auffassung den, „nationalistischen Phrasenstil" der revisionistischen Kothel-Chauvimsten (derselben, die die empörende Schma Jsroel-Parodie erfunden haben) anklagt und ihnen die Verantwortung dafür zuschiebt, daß „zwar nicht Himmel und Erde", wohl aber ein Teil der Jerusalemer Altstadt „erzitterte", so wird auch er heute zugeben, daß hier nur auslösende Momente vorliegen, aber keine Ursachen. Nicht einmal der von Dr. Simon und allen Verantwortlichen scharf verurteilte „lärmende Zug" des Brith Trumpeldor durch das rein arabische Viertel mit jüdischen Fahnen unddie „Umwandlung einer religiös-nationalen Angelegenheit in ein reines Politikum" überhaupt hat entschieden. Gewiß: wäre es möglich gewesen, die jüdische Politik in und für Erez Jisroel mit der an Ewigkeitsmaßstäben orientierten überlegenen Weisheit eines Rabbi Chajim Sonnenfeld zu führen, der seit dem Jomkippur vorigen Jahres nicht aufhörte, seine Anhänger unausgesetzt vor der Uebersteigerung der Kothel Maarowi-Agitation zu warnen und immer wieder das bewußte „Unrecht l eid ein," um höherer Gesichtspunkte willen empfahl, vielleicht hätte man Zeit gewonnen, um den gordischen Knoten des arabisch-jüdischen Ringens um Erez Jisroel friedlich zu entwirren. Aber eine solche Möglichkeit lag leider nicht vor. So wenig wie die Zionisten ihre Jugend und ihre radikalen Chauvinisten in der Hand hatten, so daß das Berliner zionistische Organ ein in seiner Aufrichtigkeit erschütterndes nnm in die Welt hinausschreit,*) so wenig hatte die a g u d i st i s ch e Leitung die Kraft, die leidenschaftliche Erregung, die in den besten, frömmsten Kreisen durch die Entweihung der an die Westmauer sich knüpfenden tiefsten religiösen Gefühle entflammt wurde, völlig zu ignorieren. Selbst die ganz und gar nicht demagogische Jerusalemer Aguda-Leitung hat sich schließlich darauf beschränkt, mäßigend einzuwirken. Allein — mag es in diesem Aufruhr der Gefühle ein Stückchen Trost sein — die Ursachen dieses Vernichtungsfeldzuges der *) Aber es ist nicht sicher, -daß öte arabischen- Agitatoren nur in schlechtem Glauben gehandelt haben. Denn leider konnten sie sich auf manche jüdische Ae-ußerungen und Handlung b erufen,, die ihnen recht zu -geben schienen. Das muß gesagt sein, weil uns daran liegen muß, die Ursachen dieses akuten Konfliktes zu beseitigen. Wir haben nicht in genügendem Maß alles vermieden, was in dem Sinne mißdeutet werden konnte, als wollten die Juden sich mit Gewalt in den Besitz eines Teiles des Tempelplatzes setzen. Manche Handlungen unverantwortlicher, jugendlich unbesonnener Elemente und manche auf Pvop-agandawirkung berechnete, gedankenlose Großsprecherei rächen sich jetzt. Wir müssen das einfehen, um in Zukunft unsere Politik verantwortlich leiten zu können- und um den Elementen, die sich selbständig politisch betätigen', klar^zu machen, was durch -derartige Spielet angerichtet Wir kämpfen einen Kampf mit ungleicher Position. Die Araber sind im Lande und ihre Stellung wird auch durch Zwischenfälle nicht beeinträchtigt. Wir Juden hingegen haben ein oberstes Interesse, und das ist die Ruhe im Lande, die uns ungestörte Aufbauarbeit und Einwanderung ermöglicht. Um dieses obersten Zieles willen müssen wir andere Interessen, mögen sie noch so wichtig scheinen, zurückstellen. Der Gegensatz, der zwischen den jüdischen und den arabischen nationalen Zielen besteht, muß von uns nach Tunlichkeit gemildert werden, denn wir sind es, die eine ruhige Atmosphäre brauchen." (Rundschau vom 30. August.)