Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1929)
- Date
- 1929-08-29
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6. Nr. 17 29. August 1929 Der Israelit Blätter ein scharfes Wort fällt und wir freuen uns, wenn geistige Auseinandersetzungen unserer zum TM noch jugendlichen Mitarbeiter darin ihren Niederschlag finden. Die geistigen Aufgaben unserer O rg an-isa tton. Wir haben diesen wichtigen Punkt absichtlich b-i-s zum Schlüsse auf,gehoben, um feine Bedeutung desto nachdrücklicher hervorzuheben. Wir gestehen offen, daß wir an die Erfüllung dieser Aufgaben noch nicht mit dem richtigen Nachdruck Herangehen konnten, da wir -es für richtig hielten, zunächst einmal den Körper der Organisation auszubauen. Auch innerhalb des O.-B. herrschen Meinungsverschiedenheiten über die einzuschlagende Richtung vor. Eines können wir sedoch feststellen. Es herrscht volle Einigkeit darüber, daß es notwendig ist, in ganz anderem Maße als bisher die A. I. I. O. zu einer Erziehungsgemeinschaft umzugestalten. Die Verschiedenheit der Ansichten bezieht sich 'lediglich auf die Wege, -die hierfür zu wählen sind. Zur gleichen Stunde 'treffen sich in Frankfurt -a. M. auf Anregung des O.-V. Jugendführer aller gefetzestreusn Richtungen, die über das Problem der Zufammenarbeit innerhalb der Agudas Jisroel auf speziellen Gebieten sich unterhalten. Wir wollen hoffen, daß diese Jugendkonferenz reichen Erfolg haben wird. In diesem Zusammenhang haben wir es nach reiflicher Ueberlegung im gegenwärtigen Augenb'lick für richtig gehalten, folgende Resolution zu fassen, die ich Ihnen zur K-entnis geben möchte: „Die in d>er Agudas Jisro-e'l-Ju-g-endvrgamsa'tion organisierte Jugend, begrüßt die neuerlichen Bestrebungen, die eine stärkere Heranziehung aller gesetzestreuen Kreise Deutschlands zur Mitarbeit an der Agudas Jisroel bezwecken U'Nd diese dann wieder aus den breiteren Boden des Kattowitzer Programms zu stellen suchen. Sie bittet die Landesorganisadion dringend, in diesem Sinne bei der Vorbereitung der Kenessio Gedaulo tätig zu sein und überläßt die einzelnen m diieser Richtung zu ergreifend'en Schritte vertrauensvoll deren Führung." Ich komme zum Schluffe meines Berichtes. Webe Freunde! Ich bitte Sie um offene Kritik. Ich betone ausdrücklich, daß wir nicht zupröedeni sind Mit 'dem Erfolge unserer Arbeit. Wir konnten zwar in manchen Funkten auf Symptome der Besserung Hinweisen-. Es ist aber nur ein Anfang. Wir haben versucht, die Organisation im Innern wieder aus-zubauen. Folgen muß jetzt der Ausbau nach außen. Wir müssen unsere Z-ölte Weiterspannen und Neuland erobern. Es gibt noch ganze Gegenden in Deutschland, in denen man von Agudas Jisro-e'l und einer Jugendarbeit nichts weiß. Am wichtigsten aber ist es, den Körper mit neuem Geist zu erfüllen und unsere Mitglieder mit diesem neuen Geist erfüllt, um die Fahne der Agudas Jisroel zu. scharen. Möge dieser Delegierten tag einen Markstein auf diesem Wege bilden, zu Ehren unserer Organisation und zu Ehren der Idee der Agudas Jisroel. Bericht über den Kriegswaisenfonds. erstattet dem Delegiertentagvon Hermann Schwab in Halberstadl. Der K. W. F. ist bemüht, die Ausgaben, die er mit der Gründung seiner Waisenhäuser vor 13 Jahren übernommen hat, im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Mittel fortzuführen. Da er hauptsächlich auf Spenden angewiesen ist, und angesichts der Tatsache, daß die wirtschaftliche Not die Kurve des Wohltu-ns stark gesenkt hat, sind seine Eingänge von Jahr zu Jahr geringer geworden. Die letzten Monate brachten ihm erfreulicherweise eine außergewöhnliche Einnahme mit der ersten Ausschüttung der Wohtsahrtsrente,. welche im April in Höhe von ca. 10.000 Mk. eingegangen ist. Im übrigen sind die Spenden seit dem Jahre 1924 (Mk. 24.000.—) auf etwa die Hälfte gesunken; es hat jedoch dsu Anschein, . daß seit dem Jahre 1928 eine Stabilisierung eingetreten ist, ja, daß sogar mit einer mäßigen Erhöhung der Einnahmen gerechnet werden kann.. Di>e einzelnen Spenden sind fvM-ch klein, und m ist begreiflich, daß viele Cinzelspenden zusammenkomm-en müssen, um ein auchnur halbwegs befriedigendes Ergebnis zu erreichen. Mit Bedauern muß festgestellt werden, daß nur der kleinste Teil der Spenden von Mitgliedern der A. I. eingeht, und wenn es auch zutrifft-, daß die Mitglieder der Aguda fiir eine große Fülle von Aufgaben' in Anspruch, genommen werden, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß in den Kreisen unserer Freunde für dm K. W. F. nicht das Interesse aufgebracht wird, das er in hohem Maße beanspruchen darf. Die Gelder werden hauptsächlich für die Waisenhäuser in Kalifch, Warschau und Bialystok verwandt. kleinere Summen erhält das Waisenhaus in Baden bei Wien, und vereinzelte Zuwendungen' Waisenkinder, welche in Privathäusern' untergebracht sind. Die Waisenhäuser bergen insgesamt etwa 100 Kinder. Es oersteht sich von selbst, daß die jeweiligen' Gemeinden es als ihre Pflicht anfehen, für ihre Waisenkinder Sorge zu tragen, und daß der K. W. F. hellte nur noch jedem Waisenhaus monatliche Zuwendungen nach Maßgabe seiner Mittel geben kann. Trotzdem -liegt die Entscheidung über die geistige Leitung der Waisenhäuser Mein bei ihm. Die Spenden des Joint bildeten in den 'letzten Jahren eine große Hilfe für die Erhaltung der einzelnen Häuser. Leider sind diese Spenden jetzt auf ein Minimum gesunken, so daß die Waisenhäuser mit vermehrten Ansprüchen an den K. W. F. her-antreten müssen. Hoffentlich gelingt es feinen vermehrten- Anstrengungen, diesen großen Ausfall zum Teil wettzunmchen. Dle Waisenhäuser bilden: Lichtblicke in dem Leben der polnischen Jud-enheit, welches leider von Rot und Sorge beschattet wird. Niemand, der die genannten Städte besucht, sollte versäumen, die Waisenh-äuser ausz-usuchen. Er wird sie mit tiefer Befriedigung' verlassen-. Kleine Mn-' der, die unrettbar dem Verderben' anheim geifallen wären, sind hier dem Leben und dem Judentum erhalten worden. Die Insassen der Waisenhäuser fühlen sich im Kreise ihrer Kameraden, unter der Obhut liebevoller Erzieher und Lehrer, glücklich und segnen den Tag, der sie in die geschützten Räume dieser Heimstättender Menschenliebe geführt hat. — Zusammenfassend darf ausgesprochen werden: Die Ausgabe der Agudas Jisroel ist, das jüdische Volk um die Standarte der Thora zu sammeln. Die Aufgabe ist schwer, und der Weg zu ihrer Verwirklichung mühevoll und steinig. Der K. W. F. versucht-, auf diesen Weg die Blüten von Zedokoh und Gemilus Chefsed zu streuen, und das Band, das die Glieder des jüdischen Volkes verbinden soll, fester und inniger zu knüpfen. Aus der Bewegung. Altona. Der Einladung der A. I.-Ortsgruppe Altona zu ihrer ersten öfsen-tl'i'chen Kundgebung — die Gruppe ist erst vor wenigen Wochen gegründet worden — war ein außerordentlich zahlreiches Publikum gefolgt. Nach einleitenden Begrüßungsworten durch den provisorischen Vorsitzenden der Gruppe, Dr. Julius Möller, sprach Oberrabblner Dr. Ca r leb a ch, der als Delegierter der Altonaor Ortsgruppe zur K. G. fährt, unter dem Titel „In letzter Stunde vor der K. G." über die gegenwärtige Situation innerhalb der A. I. und seine Einstellung hierzu. In anderthalbstündiger Rede führte der Referent etwa Folgendes aus: Er gehe als Angehöriger der Opposition nach Men, der Opposition, die innerhalb der Agudas Jisroel für das von ihr als richtig- Erkannte kämpfe. Denn zur Agu-das Jisroel, unter -ihr müsse jeder stehen, der orthodox fei, das historische Judentum bejahe. In einem großen tiefschürfenden Rückblick wurde die Weltlage der G-esetzestreuen im letzten Jahrhundert geschildert und alsdann dargelegt, wie sich in Kattowitz, als Agudas Jisroel wurde, die ganze Thorajudenheit, ohne Unterschied der jüdisch-politischen Einstellung, zusammenfand/ Aber schon in Kattowitz -konnte' man, nach des Redners Meinung, zwei Richtungen innerhalb der Agudo unterscheiden': die Lwiarmv. welche die Einigung aller Th-oraireuen wollten-, und die crppTnrm. welche A. I. zur Unterstützung ihrer eigenen Forderungen benutzen wollten. Eine Agudo kann aber nur sein, wenn sie aus ta'-mn» besteht, wenn der -eine auf des anderen Wünsche Rücksicht nimmt. Auf der 1. K. G. siegten die tzrpTnn» über die mjxn» das war ein großes Unglück und konnte auch nicht thora-gemäß fein. Denn was' die Thoragrößen 1912 für richtig erkannt hatten-, das konnte 1923 nicht falsch geworden sein. A. I. ist die Organisation ber selbständigen Orthodoxie. Eine solche muß es auch nach des Redners Meinung geben, solange es innerhalb der Judenheit etwas gebe, was es sonst nirgends gibt: jüdische Dinge und Einrichtungen, die nicht jüdisch sind. Zu sorgen, daß alles, was jüdisch ist, jüdisch sei, das sei die Ausgabe der selbständigen! Orthodoxie, sei Ausgabe der A. I. Sie darf aber kein>e kämpferische Orthodoxie sein. So sehr es begreiflich ist, daß die „Alten", die nochden Kampf gegen den Liberalismus miterlebten, da man in Frankfurt die Mikwo z-ufchüttete, das Gemorolernen durch die Polizei verbieten ließ, daß sie sich vom Kampf nicht frei machen können, die Jugend weiß, daß der Liberalismus tot ist, daß man gegenihn nicht zu kämpfen brauche, und darum braucht A. I. auch nvcht mehr eine Organisation der k-ämpferisch-en Orthodoxie zu sein. Und schließlich-: Im Wissen, daß sie Trägerin' des wahren Judentums ist, muß Ä. I. mutig z-u den Dingen der Gegenwart Stellung nehmen. Daß die Welt diie Judenheit heute als Volk wie die andern begreift, daß sich in der Jewifh Agency wertvolle Teile -der Judenhelt gefunden haben, das sind Tatsachen, mit denen Agudas Jisroel als etwas Gewordenem vech-ne-n muß, Und Redner hofft, daß der Rabbinische Rat, de>r zur Frage der Agency die für die A. I. maßgebende Stellungnahme zu prüfen hat, eine Entscheidung trifft, die die' Zeichen der Zeit versteht. Mit Worten der Huldigung für dm- Rabbtnischen' Rat, in dem die -anerkanntesten-, geistigen Führer des Judvn-- tums sich zusammengefund'e'n und der nochmaligen dr-iingenden Mahnung an jeden Gesetzestr-euen- 'innerhalb der A. I. für den Bestand des Thorajudentums zu kämpfen, schloß der Referent seine interessanten, von Begeisterung getragenen Ausführungen. In der sich anschließenden Diskussion führte Wolf S. Jacobson, Hamburg, aus, daß die Ausführungendes Referenten dar-getan hätten, daß dieser nicht als- Mann der Opposition, sondern in voller Uebereinstimmungmit weitesten Kreisen der offiziellen Agudo nach- Wien ginge. Denn auch sie -wollen, daß der R. R. zur Frage der Agency Stellung nehme, die für dile 'ganze Agudo entscheidend sei -auch sie wollten daß die an;ixnn fmder Agudo stark seien, auch für sie sei die Losung: „Zurück nach Kattowitz". Das habt öiar Hamburger Vorort, nicht erst -seit Leipzig sondern von Anfang anunzweideutig ausgesprochen-. Nur in 'einem sei er anderer Meinung als der Referent. Er -glaube nicht, «daß der Liberalismus tot sei. Ein Blick in -die- Nach'bargemei'N'de Altonas: lehre dies, wo man ebendaran gehe, — er zitierte ein vom Referenten gebrauchtes Wort — -ein jüdisches Gotteshaus, das un-jüdisch fei, zu erbauen. Aber 'abg!es«Shen hiervon, verstehe er unter einer selbständigen Orthodoxie eine selbstbewußte Orthodoxie. Es -gelte, vor -allem bieir Jugend klar zu machen, wer die wahren Führer seien; nicht dle Männer der Macht und dies Geldes, sondern die Männer des Geistes, die Rabbiner Rabbin o w, Hamburg, führte aus, daß bei aller Betonung -des ZusammenNehörigkött-sgesühles die, welche an Gott nicht glaubten, nicht zum Kl-al gehörten. Maufche Rabbeinu, der das große Wort gesprochen: „Möge Moses und tausende seinesgleichen' sterben, aber nicht eine Seele in Israel gehe zugrunde", dieser Mose s war gegenüber einem gottleu gnenden Ko rach stahl-hart. Weiter forderte' er, daß A. I. -gegenüber allen' modernen Strömungen das pxi nw -Prinzip darstelle, das jüdische Volk, so wie es am Sinaigestanden. In seinem Schlußwort polemisierte der Referent sehr scharf gegen die Ausführungen Jacobsons, die ^r, offenbar mißverständlicher Weife, als eine Charakteristik der Jewis-H Agency -ausgefaßt hatte' und erwiderte' auf die Ausführungen Rabbin-ows, daß Moses Kampf gegen Korach vor allem dem Egoisten Kvrach galt. A. I. als Organisation des renn -xi nv -ürti Sinne Rabbi-nows müsse er ebenfalls ablehnen, dies führe zu geistiger Trägheit. Ihre Aufgabe fei U'nd ble'ibe, die durch die Zeit gestellten Probleme zu lösen-, zu lösen im- Geiste der T h o r a. Hamburg. Am Donnerstag den 2. Aw htelt- Herr Räbb-iner Rabinvw >lm Rahmen der Agudas Jisroet-Jugend- und Mädichsngm'ppen vor einem zahsretchen Publikum einen Bortra-g -über nan n^np Der Referent verstand es in seinem etNstündigen Referat in geradezu bezaubernder Weise, seinen Hörern die Bedeutung Palästinas als der Quelle und des Mittelpunktes jüdischer Heiligkeit nahe zu bringen. Deine Ausführungen gipfelten etwa in -dem Gedanken: Wie hoch manauch Mizwas Jischuw Hoo-rez werte, sie ist zw-eÄos und wird zur Sünde, wenn sie nicht kedus-chashoorez -anstrebt. Der Ausb«au des heiligen Landes, wenn er nicht in jeder Phase ein Aufbau zur Heiligkeit sein soll, -kann nicht von. Bestand sein und wenn auch die größten Mittel hierfür zur Verfügung stehen. Ein Aufb-au Palästinas, mit dem nicht ein Aufbau seiner Menschen -in -veligiöser Beziehung Hand in- Hand geht, hat seinen Sinn v«erlor>en. Am Schlüsse seiner Ausführungen -sprach -der Referent, ein Schüler des Chofez Chaim, üb'er die Bedeutung der K. G., die, -abgesehen von allem and'vren, uns das große Glück schenken wird, -einige Tage i«n der Näheder größten und heili'gsten Männer unseres Bollkes zu verbringen; und das brauch'en wir, sollen wir -im Zwang und Drang des wirtfchaftllchen Lebens uns-erer jüdifchen Seele nicht mehr und mehr verlustig werden. Der Abend war für alle De-ilnehmer durch die Wucht und Uebe-rzeugungskmst der Rede, die aus« der Diese eines edlen jüdischen Herzens kam, ein starkes Erlebnis. Jerusalem. Die Wahlen zur Kenessio Gedauto., die am Sonntag in ganz Erez Jisraet stMfand'en', ergaben ur Jerusalem folgende DeleMerte: SaniKts-rat' Dr. all-ach, Aron Katze nell enbogen, Mosche P o-r us ch , Elias S ch ama , Elifcho Lan>d au; für Haifa: M. Wotdoslawki'; für Hsbron: Bär Meini; für Pethach T i k w a : Kappel Liffower. Für Bne Brak: David Freund. Aus den -andevn palästinensifchien Städten stehen dle Wahlergebnisse noch aus. Die Landesorganisativn hat -als Delegierte die Herren: Mosche Blau-, I. H. S. Sienk-ewitz- und Dr. I. Breuer ernannt. Bon 'den Mitg-li-edern des paMstinensifchjen räb-' binifchen Rates nehmen an -der Tagung die Herren Rabbiner I. S. Melzer (Sluzker Raw) und Jonathan Horowitz teil. Rabbiner Melzer ist bereits^ abgereist.