Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1929)
- Date
- 1929-08-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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VtWmm i'i» Nr. 3 5 Der I s r ä el i r Frankfurt a. M., 29. August. Die neuesten ©eriefife aus 3iseoef. Wir oeröffe-Echen im Nachsolgenden biie uns bis Donnerstag Mittag 12 U h r vorliegenden Nachrichten über die Lage «in Erez Jrsroel. Erst aus dem Geiamtkomplex.diejer Berichte ergibt sich die ganze Größe der Katastrophe -und die entsetztlche Gefahr, in der sich der gesamte alle und neue Jislyuw, das Ergebnis h u n - d-errjähriger jüdischer Hingebung an das h eili-ge Land, befindet. Das Bild, das der am Moncag früh unter dem Eindruck der ersten Nachrichten geschriebene Leitartikel dieser Nummer entwirft, bedarf daher in wefemlichen Punkten der Ergänzung und Berichtigung. Klar scheint uns jetzt, daß es sich um eine auf arabischer Seite von, langer Hand vorbereitete Aktion zur Bernichtung des jüdischen Jischuws handelt und nicht etwa um einen durch zufällige Ereignisse hervorgerufenen spontanen Ausbruch des Judenhasses. Die Berantwortlichkeit der Palästinensischen' Negierungsbeamten wird einer sehr ernsten Prüfung bedürfen, die hoffentlich nicht ausbleibt. * Der jüdische Iischuw in Palästina noch immer in Gefahr. — Die arabischen Angriffe auf die Srädle und die Kolonien wiederholen sich. — Die Verluste steigen. Die Notrufe des Iifchuw. — Weizmann, Melchett und Marburg telegraphieren nach Palästina. I e r u f a t e m, 27. August. Das Judentum Palästinas hat das Gefühl, daß die Gefahr für den Iifchuw.in unverminderter Stärke fortbesteht, da bis zum Dienstag, abend noch nicht viel von einer irgendwie durchgreifenden Maßnahme der Regierung oder von einem Ansetzen'stärkerer Mikitärkräste zur Wiederherstellung der Ordnung zu merken ist. Die gesamte jüdische Bevölkerung erhebt den Ruf. daß die Londoner Regierung alle verfügbaren' Kräfte zum Schutze von Leben und Eigentum der jüdischen Bevölkerung ansetzt und ungesäumt eine Untersuchungskommission nach Pam-stm-a -emsende-t. Diese Kommission soll die Ursachen und die Urheber der Unruhen ermitteln,, für die Bestrafung der Schuldigen sorgen, und.Maßnahmen zur Beseitigung von Ge sah renmo menten für die Zukunft treffen. Lin Notruf des Oberrabbiners kook an die Rabbiner und die jüdischen Führer in der ganzen Welt. Je r us a lem, 27. August. Der aschkenasrsche Oberrabbiner von, Palästina, Abraham Hakohen Kook Hai durch die Jüdische Telegraphen- Agentur den folgenden Aufruf an alle Rabbiner und führenden Juden in der ganzen Welt gerichtet: „Die Judenheit in Palästina ist in schwerer Gefahr, tut alles, damit die Rettung so schnell wie möglich kommt! Gott helfe uns!" kehrt bei den arabischen Führern die Besinnung ein? Jerusalem, 27. August. Die Führer der moslemitffchen Araber in Palästina, imter ihnen der Groß-Mufti (religiöses Oberhaupt der Moslemiten in Palästina) Hadsch Amin,el Husseini und der Bürgermeister von Jerusalem, Nafhafhibi, haben, eine Proklamation an die Moslemiten Palästinas gerichtet, in der versucht wird, auf die arabische Bevölkerung beruhigend zu wirken. Anglücksbotschaflen aus allen Teilen Palästinas. Jerusalem, 27. August. In Moza bei Jerusalem wurden weitere vier jüdische Häuser niedergebrannt. Die Araber haben das Jerusalemer jüdische. Viertel Rechavia und Pemtn Moshe angegriffen. Die Araber haben begonnen, die jüdischen Kolonien . »es Bezirks Samaria auch cmzugrei-fen. Die Araber nähern sich den von jüdischen WaisenAn- -ern besiedelten Kolonien Shfeja und Kfar Betadirn. Die Verwaltungen dieser Kinderkolonien haben an die Re-- i.i-eru-ng den dringenden Appell gerichtet, sofort Maßnahmen zum Schutz der Kolonien und zur Rettung der linder zu ergreifen. Döe Siedlungen in Emek Jezreek Givea und Teljoseph wurden niedergebrannt. In der Stadt Tiberras herrscht Ruhe, in der Stadt Safed und in Nes Ziona nimmt die Nervosität überhand, da Angriffe der Araber auf diese Orte vorbereitet werden. Aus Haifa wird gemeldet, daß die Werke der Haifa- Bucht in Gefahr sind, von aufrührerischen Ambern zerstört zu werden. Für die Kolonie- Nahatal, die Judenschaft in Akko und für die Chassidim-Kolonie Nachlath Jaacob besteht nach wie vor Gefahr. Eine Bestätigung der früheren Nachrichten über die Zerstörung der Kolonien Kastinah und Gedara war nicht zu erhalten. Soeben, Dienstag abend, wird zuverlässig mitgeteilt, daß bei dem Angriff auf Kastinah vier Juden getötet und mehvere verwundet worden, sind. Unter den Getöteten befindet sich der Arzt 'des Hadafsah-Hospitais Dr. Azraeki. In der Kolonie Chulda wurde bei der Zurückweisung der arabischen Angriffe der Jude Ephraim Tfchizak getötet. Die Verluste der Araber sollen bei diesem Kampfe groß gewesen^ fern. Man hat später 14 tote Amber in der Nähe der Kolonie gefunden. Me gesamte jüdische Einwohners chaft der Kolo nien Chulda^ Ar tu st und Kastinah ist nach Tel-Awiw geflüchtet. Auf die Siedlung des Misrachi Ehittin haben die Araber einen Angriff unternommen, der zuirückgefchlagen wurde. . Im Haifaer Höspital sind David' Vazeen und Abraham Hobel ihren bei der Abwehr arabischer Angriffe erhaltenen Wunden erlegen. Die Angriffe der Araber auf die Haifaer Rothschild- Mühle werden hartnäckig fortgesetzt. Die Friedrnannschen Weinkellersien wurden niedergebmnnt. Am Dienstag Vorabend traf das erste Kriegsschiff vor Haifa ein und begann sofort mit der Landung von Truppen. (ITA.) , Ein neuer Notruf von Ben Zwi. — Juden und Engländer entwaffnet, arabische Fellachen bewaffnet. Cairo, 27 .August. Der jüdische Arbeiterführer Ben Zwi hat am Dftu-stag spät abends einen zweiten Notruf durch die J^oifch« Telegraphen-Agentur gerichtet, der aus Jerusalem telsfonifch nach Cairo durchgegeben wurde. Ben Zwi' teilt mit, daß sich die Jerusalemer Juden,heit in< einer akuten schweren Gefahr befindet. Ben Zwi beobachtet die Lage fortdauernd und hat zuverlässige Informationen, die dahin lauten, daß 2000 bewaffnete Araber, unter ihnen kampfgeübte Drusen, auf Jerusalem marschieren. Die Regierung entwassnete die jüdischen und die britischen Polizisten und stellte 50 arab. Fellachen in die Polizei ein. In dem sephaxdifchen Viertel zu Haifa, in der Nähe der Eisenbahnstation — so -teilt Ben Zwi weiter mit — fanden blutige Zusammenstöße statt, wobei es auf der Sette der angreifenden Araber wie auf der der sich verteidigenden Juden Tote und Verwundete gegeben hat, deren Zahl nicht genau feftsteht. In diese Kämpfe hat ein vor dem Haifa-Hafen bereits ankerndes britisches Kriegsschiff -eingegriffen, indem es auf beiden Seiten feuerte und keinen Unterschied zwischen den Angreifenden und den sich Verteidigenden machte. Diese Mitteilung von Ben Zwi schließt mit den Worten: „Rettet uns!" (ITA.) Letzte Meldungen von Ben Zwi. Cairo, 28. August. Am Mittwoch, den 28. August, morgens, -teilte Ben Zwi telefonisch mit, daß in- Haifa, nach einem schweren Tags, am Abend des 27. August Ruhe herrschte. In der Altstadt Jerusalems brannten in der Nacht drei jüdische Häuser ab. Aus Haifa wird gemeldet, daß -in der Nacht zwei Wohnbaracken niedergebrannt worden find; niemand machte einen Versuch, -den Brand zu löschen-. Moza steht in Flammen. Nach neueren Feststellungen wurden die in der Nähe von Moza befindliche Kolonie Kirjcüh Anawin (Dilb) und das Gesundheitshaus Beth Hawraah (Erholungsheim der Arbeiberkranken-kasie Kup ath Cholim) nicht zerstört. Dagegen steht es fest, daß Atuf zerstört ist. Das Kinderdorf Shfeja ist von britischen Soldaten besetzt. . * ° . Personen, die soeben aus Tel-Awiw in Jerusalem eingetroffen sind, teilen mit, daß in Tel-Awiw Mangel an Brot und anderen notwendigen Nahrungsmitteln herrscht. (ITA.) Das Mitgefühl des paläsiinensifchen konsular-korps. Jerusalem, 28. August. Der polnische Generalkonsul in Jerusalem, Dr. Zbyszewsky, besuchte das Hä-dafah-Hospital und gab im Namen des gesamten Konsular-Korps Palästinas der Empörung über die unmenschlichen Bluttaten Ausdruck und sprach den Opfern der Angriffe sein Mitgefühl aus. Araber feuern auf einen Verwundetentranspork. Jerusalem, 27. August. Ein Transport Verwundeter ans der jüdischen Kolonie Kastinah, der sich unter Begleitung britischer Polizei auf dem Wege nach Jerusalem befand, wurde von Arabern aus einem benachbarten Dorfe beschossen. Als Antwort' -auf diesen Angriff wurde das Dorf bombardiert.. (ITA.) Eine Mitteilung des britischen Kolonialamtes. London, 27. August. Das britische Kolon-icrlamt hat soeben ein-e Mitteilung über die Lage in- Palästina ausgegeben, iü welcher gesagt wird, daß -in Jerusalem, Jaffa und in Tel-Awiw die Lage ruhiger geworden ist. In dieser Mitteilung wird der Bericht der Jüdischen Telegraphen-Agentur, daß Flugzeuge Bomben über Jerusalem abgeworfen haben (durch eine dieser Bomben wurdendrei- Juden in der Altstadt verletzt), bestätigt. Die JTA-Derichte über die Zusammenstöße in Tel-Awiw und in den verschiedenen Kolonien finden in der Mitteilung ebenfalls Bestätigung. Zum Schluß wird gesagt, daß die Situation in Haifa immer noch bedrohlich ist. Die Lage in Transjordanien wird als besorgniserregend dargeftellt; bisher sind aber die Stämme vor einer Aktion zurückgeschreckt. (ITA.) Erste Hilfe von Nathan Straus. N e w y o r f, 27. August. Der berühmte amerikanisch-jüdische Philantrop Nathan Strau-s hat als erste Hilfe für die Opfer der Unruhen in Palästina 25.000 Dollar zur Anschaffung von Nahrungsmitteln und Medikamenten zur Verfügung gestellt. (ITA.) Eine Zusicherung der „Times". London, 28. August. Die Londoner „Times" befassen sich in einem Leitartikel mit den Ereignissen in Palästina. Das Blatt nimmt als sicher an, daß die britische Polizei und das Militär in Palästina bald die Lage beherrschen -und die Ordnung aufrechterhalten werden. Das Blatt fordert, daß alles getan werde, um die Urheber der.Unruhen zu ermitteln und sie der verdienten schweren Strafe zuzuführen. Das Prestige Großbritanniens im Orient, i schließt die Zeitung, müsse aufrechterhalten werden; Kon-! zessionen sind hier nicht am Platze, da die Orientalen!iedes ihnen bewiesene Entgegenkommen als Schwäche 'und als etnen Ausdruck der Furcht deuten. Lord Melchett bei Vaßfield. — Herstellung einer Verbindung zwischen der zionistischen Exekutive Londons und Jerusalems. London, 28. August. Lord Melchett besuchte de-n- Staatssekretär für dve Kolonien Lord Paßsield, um mit chm die Lage in Palästina zu besprechen'. Lord Paßfield gab das bündige Versprechen, dafür zu sorgen, daß eine sichere und schnelle Verbindung zwischen der Jewish Agency in London und der zion-iststchen Exekutive in Jerusalem her-gestellt wird. Er erklärt weirer, daß die Palästina-Regierung Instruktionen erhalten habe, eine Verteilung von Nahrungsmitteln an die isolier len und vom Verkehr' fast abgeschnittenen Kolonien und Städte zu organisieren (ITA.) keikh Roach verhandelt mit den Arabern in der Omar- Moschee. Jerusalem, 28. August. Die Araber hielten in der Omar-Moschee eine Massenversammlung ab, die vom Groß-Mufti geleitet war. Während der Versammlung erschien der Kommissar des Jerusalemer Distrikts, Major Keith Roach,, in Begleitung einer Polizei-Eskorte von 25 Mann in der Moschee und richtete einen Appell an die Versammlung, die Ordnung zu bewahren. Die Führer der Moslemitenerwiderten, die moslemitische Bevölkerung werde sich nicht beruhigen, bevor nicht die Juden entwaffnet sind. Kevch Roach erwiderte, gegenwärtig! würde die gesamte Zivilbevölkerung, auch die britischen Staatsangehörigen, entwaffnet. (ITA.) Jerusalem, 28. August. Gemäß einer Feststellung des Waad Lemni Palästinas wurden bei den Unruhen insgesamt 120 Juden getötet. Die Truppen fahren fort, die Juden zu entwaffnen. In Haifa wurden neuerdings 30 Juden verhaftet und 25 Gewehre von Juden beschlagnahmt. Am Mittwoch vormittag wurde die jüdische Kolonie Dilib (Kirjat Anawim) erneut angegriffen. Der Angriff wurde von den jüdischen Siedlern.mit Unterstützung von britischen Truppen zurückgeschlagen. Auch die Kolonie Mizpah wurde heute zweimal von Arabern angegriffen. Siedler und Polizei schlugen die Angriffe zurück. Große Farmen rumänischer Juden und eine Mädchensarm in der Nähe von Haifa wurden durch Araber niedergebrannt. (ITA) Der erste authentische Bericht über das Blutbad von Hebron. Zürich, 29. August (Telefon). Die „Neue Züricher Zeitung" hat folgendetelegraphische Nachricht aus Jerusalem er hasten: Mit einem Convoy, bestehend aus 17 Lastautos und mehreren Panzerwagen begab ich mich -nach Hebron. Wir hielten m TalpijoL, der südlichen Vorstadt von Hebron, wo wir sahen, wie verfchiedene Häuser geplündert wurden,. Die Besatzung der Panzerwagen feuerte auf die Plünderer und es gelang, diese zu zerstreuen. Talpijot, das von 400 ziemlich wohlhab-enden Juden bewohnt ist, fanden wir von feiner Bevölkerung vollkommen verlassen. Nach meiner Ankunft in Hebron besuchte -ich das Gefundhe'itsarnt, wo die Leichende-r Getöteten aufgebahrt liegen und auch die Verwundeten untergebrachi find. Im ganzen hat -die Regierung hier 58 Tote und 66 Verwundete herbeigeschafft. Ich unterhielt mich mit den Verwundeten, die mir lebhafte Schilderungen über die Angriffe gaben. Sie berichteten, daß die Araber Beile, Aexbe und Messer rücksichtslos gebraucht hätten, jedoch hätte niemand von ihnen e>in Gewehr oder einen Revolver gehabt. Ich unterhielt mich auch mit -ungefähr 50 Flüchtlingen, unter denen sich auch Rabbi- Mosche M o r d e ch a t Ep sie in, der Führer der Slobodkoer Talmudschule befindet. Sein Neffe war beim Angriff aus Hebron getötet worden. Die Flüchtlinge brachen bei der Schilderung der Vorkommnisse in Weinen und laute Wehklagen aus. Ungefähr 100 Juden hatten im Pokizeigebäude Zuflucht gefunden. Ich sprach -auch mit Rabbi Slonim, dem Oberhaupt von Hebron. Sein Sohn«, der Direktor der Anglo-Palestine Cy. in Hebron wurde zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern' und 16 anderen Juden, die bei ihm Zuflucht gefundein hatten, umg-ebracht. Rabbiner Slonim ist infolge dieser furchtbaren Ereignisse ein oollkomme-n gebrochener Mann. Unter den Flüchtlingen befinden sich auch 15 amerikanische Juden, deren Leben, wie sie selber erzählen, wie durch ein Wunder gerettet mürbe. In dem Mentet, wo sie wohnen, lebten auch ungefähr 50 Familien' spaniokschsr Juden, die sich vollkommen assimiliert hatten und mit ihren niohammedanischen Nachbarn im allgemeinen friedlich lebten. Trotzd>em wurden 14 von diesen getötet. Unter den Toten befinden sich auch Rabbi Meier Rastel und Rabbi Hassan, die Häupter führender spaniolischer Familien in Talpijot. Ich besuchte auch die Synagoge in Hebron und sah die verbrannten Gebetriemen und Gebetmäntel zerstr-e-ut umhevlliegen. Ferner war ich in 8 Häusern,, die bis aufs letzte ausgeplündert waren. Auch ging ich ins Hadassa-Hospital. wo alle Fenster eingeschla-gen -und die Instrumente zerbrochen worden sind. Ich unstrhielt mich mit den Llerzten, die mir erklärten, daß die arabischen Polizisten den Plünderungen gleichgültigzugesehen hätten. Diese Erklärung wird durch die Tatsache böstätigt, daß dis arab-ischs Polizei jetzt von der britisch>en Mi-l-iläroerwalinng entwaffnet worden ist.