Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1929)
- Date
- 1929-08-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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©eÄfie 10. Nr. 35 Der Israelit 29. AuMt 1929 direkten Wagen nicht über Wien hinausgehen. Wird man dort in Bezug auf Wohnung und Verpflegung .einigermaßen gewohnte Verhältnisse antreffen? — Auch dieses ist nach der Versicherung der Leute, die schon dort gewesen sind, der Fall. Nach Erledigung dieser Vorfragen begab ich mich auf die Reise. Sie führte zunächst durch die „Altbayern" genannte Gegend, also Isar und Donau abwärts, an Städten wie Freising, Landshut, Straubing und Paffau vorbei, einer Gegend, die im Mittelalter von den die Donau heraufkommenden Juden besiedelt war. Die Lokalforschung, besonders in Paffau, weiß vieles von ihnen zu berichten, so sollen in Paffau zu irgend einer Zeit so viel Juden gewohnt haben, daß man den von ihnen bewohnten Stadtteil kurzweg die „Judenstadt" nannte. Dann hat irgend ein fanatischer oder fanatisierter Herzog die Juden „auf ewige Zeiten" aus diesem Landstrich vertrieben, der heute noch im Rufe der Fremdenfeindlichkeit und auch der kulturellen Rückständigkeit steht, und wenn auch im Laufe der Zeit sich wieder einzelne Juden in den genannten Städten angesiedelt haben, so liegt es doch beinahe wie ein Fluch auf ihnen, daß eine Gemeindebildung, mit einer einzigen Ansnahme, in keiner dieser Städte wieder zustande gekommen ist, und daß mit Ausnahme eines dürftigen Religionsunterrichts, von jüdischen Dingen auch heute noch keine Spur zu finden ist. Bei dem gegenwärtigen allgemeinen Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Bayern ist natürlich nicht an eine Besserung der Verhältnisse zu denken. Ich langte also schließlich in Pistyan an und wurde gleich bei der Ankunft angenehm enttäuscht durch den Anblick großstädtischer Auto-Omnibusse am Bahnhof, durch asphaltierte Straßen, elektrische Beleuchtung und allen den westlichen Großstädteu gewohnten Comfort. Mein Erstaunen wuchs, als ich schon in der Hauptstraße einige ->V2-Restaurants bemerkte. Im allgemeinen sind wir ja in diesen Dingen genügsam, und schon zustieden, wenn im „Hamburger Verzeichnis" an einem großen Badeort ein zuverlässiges Restaurant erwähnt wird. Wie gut läßt es sich also an einem Orte leben, wo man die Auswahl unter etwa zehn sauberen, gut geführten Speisewirischasten hat, die Dank der Tatkraft des ausgezeichueten Rabbiners dieser Gemeinde sämtlich zuverlässig sein sollen. So gut wie für die leibliche Verpflegung ist auch für die geistige gesorgt. Als ich mich nach der Synagoge erkundigte, gedachte ich eines berühmten deutschen Kurplatzes, in dessen Synagoge man vor lauter Gestühl keine Leute sieht, und wo man immer das unangenehme Gefühl der Unsicherheit hat, ob wohl auch Minjan da sei. Bei Schluß des Gottesdienstes konstatiert man dann mit Befriedigung, daß abgesehen von den Beamten 20—25 Kurgäste anwesend waren, während von den Einheimischen keiner zu sehen ist. Hier in Pistyan war die Synagoge am Freitag Abend, wie am Sabbat voll, und die zweite Synagoge, ein stattlicher Neubau, der sich von der älteren nur durch eine reichliche Verwendung des „Mogen-Dovid"- Motivs unterscheidet, ebenfalls sehr gut besucht. Der Betrieb des Bades wird durchaus großstädtisch geführt, es gibt neben einem großen schönen Knrpark mit vieler Musik einen sehr gut ausgestatteten Lesesaal, in dem alle großen deutschen Blätter zu finden sind. Auch in den Verkaufsständen findet man alle großen deutschen und ausländischen Blätter, und zwar ohne daß man durch das Ausbieten gewisser Preßerzeugnisse in seinen Empfindungen verletzt wird, bei dem ich immer das Gefühl habe, daß man sich die Hände waschen müsse, wenn man irrtümlich eines dieser Blätter in die Hand bekäme. Es ist hiernach ohne weiteres ersichtllch, daß der Ort eine zahlreiche jüdische Bevölkerung hat und man sieht erfreulicherweise eine Menge Läden, die am rav geschlossen sind. Nur eine Klasse von Leuten, die von den Badegästen leben, schließt sich von diesem Bekenntnisse aus, und zwar diejenige, die im Osten als die „Intelligenz" bezeichnet wird, es sind die Herren Aerzte, unter deren großer Zahl, wie mir versichert wird, nicht ein einziger sein soll, der auf dem Boden der überlieferten Lehre steht. Hier wäre ein großes Feld für eine Ausdehnung des B. j. A. auf das Ausland, und es wäre in der heutigen Zeit, wo soviel mit Psycho-Analyse und Psycho- Therapie gearbeitet wird, sehr wünschenswert, wenn man gerade an Badeorten Aerzte fände, die mit der Psyche des Judentums und mit der Psyche der jüdischen Lebensführung sich mehr beschäftigen würden. Daß sonst nicht alles so ist, wie es der deutsche Badegast gewöhnt ist, ist selbstverständlich. Der Anblick einer größeren Zahl von Männern im Kaftan mit großen Peies und ungepflegten Bärten erweckt, beim Westeuropäer, der gewohnt ist, sein Judentum so unauffällig wie immer möglich zu gestalten, ungewohnte Empfindungen, und der Sprachenwirrwarr, der sich aus dem ständigen Gebrauch dreier Sprachen (deutsch, slowakisch, ungarisch) ergiebt, wirkt nicht wenig fremdartig. Auch das geräuschvolle Beten in der Synagoge, wie manche uns unbekannte Minhagim tragen dazu bei, daß wir nicht vergessen, daß wir „in der Fremde" sind. So ist'es für uns, die wir gewohnt sind, das Tallis als Amtskleid zu betrachten, natürlich ein sehr sonderbarer Anblick, wenn der Chasan mit Hut und ohne Tallis den Almemor betritt, um Lecho Daudi vorzutragen, und er erst nachher das Tallis umlegt, um damit vor den Omed zu treten, oder wenn in der Schiffschul in Wien, wo ich mich auf der Rückreife aufhielt, der Chasan mit all seinen Meschorrerim auf dem Älmemor erscheint. Aber abgesehen von diesen Kleinigkeiten ist der Gottesdienst kein anderer wie bei uns, und es erweist sich überall, daß „Israel am echod" ist, und daß wir uns in unseren Gotteshäusern überall als Brüder fühlen. B. E. Betz in Homburg. Bel z!ha»t fdwe Sommeruefibsnz vor dein Töven Fvanikfuivts. m Bad Hombuivg, -aufgefchkag-en. Was Belz im plMffchielN und jgMWchsn Osten! bedecktet, braucht kaum g>efag-t zu werden. Belz »ist dort Äiio Bupg des Ber- 1>raueN'S>, wohin Tausende und Zehndajusend« jährlich ihr Leid und ihre Qual, ihre Freud« und ihre Hoffnung hiinbmgen. Dorit finden sie den Mann, der, w«ie sie wissen, m ihre Herzen schaut, und allen Ballast wie mit einem Wundsrinagineb herausholt, daß fie frei! und froh und gesund Heimkehren. Gesund zumeist deshalb/ weK sie gläubig zu diesem GefMbheitsbrustwest wallen Md ix« Krank HM ihre Wurzel m, den Ecken der Seele hat, wo sie von starkem Geiste und starker Hand zu fassen ist. Organische Krankheiten verweist der Rabbi an zuständige Ac rzte. Cr selber gab gutes Beispiel. Er ging, da die La.i der Aufgabe ihn niederzudrücken suchte, nach Berlin, um dort bei Professoren! HeWungzu suchen/ Sie schickten iihn nach Homburg. So Mt nun der Mann, seit; Monaten mit s«m>em, wie man übertrieben! sagt, Hofstaat in Homburg, um Hotlunig zu finden und Heil zu spenden. Der Ruf von Belz veichit auch nach Deutschland und wert über die jüdischen Kreiife hinaus. So kommt es tMm, daß auch M'e Sommerresidenz vor der Taunushöhe n'cht leer wird Tag für Dag, bis zum späten! Abend von Me'. ' ") da gläubig, beladen, k-Mfch oder nur mtet-r . Kommen. Cs flattern auch, wie bunte Sommsrkäfer, leichtbefWgelte Journalisten! hin, um ihren Lesern- Äve Sensation einer ,/exoitischen Popanz" zum Frühstück oder Abendessen vorzusetzen . . . Wir wollen uns zu dieser Kategorie nicht zählen, darum sprechen wir weniger von dem Drum und Dran, Es mehr von dem Manne selbst, seinem Wesen,, Wissen und Wollen, wi«e sie sich im Gespräche unvermittelit und uingezwuing'en geben. Hat man sich durch den Labyrinth der Vorplätze und Korridore, durch die Reihender „Scharvoschirm" und „Gaboim", die für westliche Begriffe etwas zu zahlreich, aber an ber Quelle vielleicht ganz in Ordnung -ist, endlich heii durch gewu nden , so steh t man im -innersten Gemache vor einem nicht allzugroßen Manne mit asketisch knochigem Gesichie und einem riesigen Pelzbwreltt aus dem kantigen Kopse, von dem ber lange ungeregelte strähnige S-chwarzbavt natürlicher Ausläufer zu sein scheint. Im Auge leuchtet, sofern es nicht geschloffen ist, ein heiliges Feuer. Man wundert sich, wie beschlagen der Mann in allen großen und kleinen Fragen des Lebens und Tages ist und wie er auf jede gestellte Frage sichere, kluge und präzise Antwort zur Hand hat. Nichts Homiletisches und Pathetisches, alles ist berechnet und klug abgewogen. Sekten/ daß eist Zitat -aus alten Quellen zum Beleg angeführt wird. Er spricht wie ein Mensch zum Menschen spricht, ohne Spur von mystischem Getue. Eingebettet wird jede entscheidende Aeuß-erung mit dem Worte: „Der Dutte Hot gesagt" (der Vater hat gesagt) und geschlossen mit dem VorsichtsventK: „Das gilt alles für uns ist Polen/ Wie es hier ist, weiß ich nicht." Nur einmal kommt «ine Dckkmndstelle. Da wir über das Problem der Mädchenbildung sprechen „Es steht ja schon in der Gemoro: Wer mit seiner Tochter Thora lernt, usw." Ich wende.ein: „Das mag! wohl für d i e Töchter gelten, die auch der modernen. BiDung nicht zuge führt werden. Wo sie aber ist die Welt schlauen, die Wissenschaften lernen und die neue Litieraiur lesen, da sehe ich sticht ein, warum ihnen! gerade unsere Quellen verschlossen und auf diesen eistyitzen Damm gygisn die Einflüsse von außen verzichtet werden soll. Das schlägt nicht ein. Der eiste Fehler läßt sich nicht durch «men zweigten wettmachen. Uebrigens haben die- Mädchen und Frauenim Judentum stets Thora gelernt, und in dem Maße sollensie es noch weiiter tun/ Das herrliche „Zenno Uvenno", „Menorah Hamoaur". Und er nennt «me ganze Reihe van Fronenbüche-rn, bekannten und unbe-künstten. U überhaupt Bildung? Bildung ist Gift. Aber Gift kann und muß zuweilen als Gegengift ins Heilverfahren hineistgenommen werden/ Das trifft vollkommen für den Westen zu. Im Osten, wo der Organismus im Ganzennoch gesund ist, Halde man> sich von solchem G'ist'e fern. Hier im Westen liege die Sache anders ... Seitdem er -in Deutschland ist, ist sein Glauben an diejüdische Zukunft noch wesestWch verstärkt worden. Daß es in Frankfurt und anderen Städten Deutschlands viele Dutzende von Rechtsanwälten, Aerztest und anderen! Akademikern gibt, die, auf der Höhe der Bildung und der Zeit, Sabbat und di« Gesetz« halten- und tarnt« J-ehudim sind, das zählt zu dem stärksten all seiner Erlebnisse ist Deutschland. Es geht besser, auch ist Polevi. Die Jugend hat sich ausgetobt undkommt wieder. „Der Tutte Hot gesagt usw," ... Wir sprechen über den Zionismus und feiste äußeren Erfolge, und selbstv-erstandlich über Aguda und Knessio. Stereotyp bleibt der Vorbehalt: Man vergleichenicht eist Land m!it dem -anderen, halte nicht das, wasfür eist Milieu gut ist, auch heilbriingend für dasandere. Wo Menschen kranken — und das M auch für gange MsnschMkveife — müssen Behandlung und Heilung -individuell sein. Was einem die Rettungbringt, kann für den anderen den Tod bedeuten/ Ob er Samson- Raphael Hirsch kenne? Er steht bei Nennung dieses Namensist Ehrfurcht auf. Gewiß. „Tauroh im Denech Erez" möchte er ist ursprünglichem Sistne verstehest, wie diese Synthese in der Mlschna gemeint -ist. Und da sei es Jrvtum zu meinen, daß der Listen kein „Derech Evsz" hätte. Wo Thora, muh auch Derech Erez sein. Ist doch das ganze Derech Evez in die Thora hlNeiingestell-t, von ihr -vistgerahmt Ustid üblörschilMet ... Es ist ein anderes- Derech! E-rez. — Man muß darüber Nachdenken. Der kleine schmächtig« Mannkommt gang ins Feuer. Das vergeistigte Gesicht bewegt sich wie ist Zuck-ung-en und ans den Augen, die sich nur ist- Intervallen öffnen, sprühen Flammen. Jedes Wort scheint sich spontan, von der Seele zu lösen, wirkt wie «in Hammerschlag-. Im Momente, da -es erdröhnt, kann «s k«inen Widerspruch geben. Erst nach ruhiger Sammlung kann MMdas eine und das andere noch einmal prüfen, wägen, überlegen ... Und zum Schluß saßt er «inen an der Hand und erteilt den Segen. Schlicht -und einfach, ohne Weihrauch von Gesten und Worten. Er fragt nach dem Namen, sch ließt die Augen und „benscht". Astch die Brachst kommt frisch aus tiefster Se-eile hinauf und wir begreifen: solch Segmswort kann Wunder wirken — bei glä-w bige-n Herzen, die kommen, um an solcher Hevlesquelle zu schöpfen . . . Zwischen dreimaligem- „Schalem Alechem" und dem „Segen mit Handschlag" beweg,i sich das höchst anregende -e-mstüstdi-ge Gespräch Mer die -eistfachsten und realsten Dinge des Tages und des jüdischen' Lebens. —tz. Ein neues Esra-Ferienheim. (Mit einem Bilde). Die Esragruppen Berlin und Hamburg errichteten erstmalig diesen Sommer in Grande (Sachsenwald) ein unter bewährter pädagogischer Leitung stehendes Ferienheim, welches 40 Esräern und Esräerinnen Platz bot. Bei Errichtung des Heimes wurde ein doppeltes Ziel verfolgt und auch erreicht. Einerseits war es hier den Führern des Esra durch mehrwöchiges dauerndes Beisammensein mit den Esräern mehr als sonst möglich, diese durch Wanderungen, Schiurim, Heimabende rc., den Tendenzen des Esra entsprechend, wirklich intensiv jüdisch zu beeinflussen. Andererseits sollte denjenigen Esräern, deren Eltern finanziell nicht in der Lage waren, ihren Kindern einen Ferienaufenthalt bei guter Verpfle- TISV Esraheim — Berlin. gung unb mäßigen Preisen zu ermöglichen, geholfen werden. Dank einiger edler Spender und dem Reinertrag eines von der Gruppe Hamburg zu Gunsten des Heimes veranstalteten Festes war es dem Esra möglich, die einzelnen Preise so festzusetzen, daß aus finanziellen Gründen niemand zurückzubleiben brauchte. kBMWie stark das Bedürfnis nach dem Heim war, geht schon allein aus der Tatsache hervor, daß aus Platzmangel nur ein Teil der vorgelegenen Anmeldungen berücksichtigt werden konnte. Auch die übrigen neun Ferienheime des Esra in Süd-Mitteldeutschland und im Rheinland waren bis auf den letzter; Platz belegt. WODie Esragruppeu Berlin und Hamburg hoffen, das Heim im nächsten Jahre in weit größerem Mahstabe wieder errichten zu können. Holländer^ gST-i Die beliebteste Toiletleseile! Macht jung und schön! in Qualität unerreicht! Gewicht 90 Gramm Preis 35 Pfennig Alleinige Herstellen: Günther s Haussner Akl.-6es. Chemnitz 16 Brrautroortltch für den allgemeine« Teil und da» Feuilleton E. Schachnowid, Frankfurt a. M.; Jnserate t. B.r S.Schach- «owitz, ebenda. — Für dl« pädagogische Beilage; Lehrer L. «ausmann in Sprendlingen (Kr. Offeudach). — Verlas .Israelit", T.m.b.H., Franksirrt a. M. — Druck Sermon Verlag»» Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.