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Der Israelit · 1929-08-29 · Heft 35 (29.8.1929) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 35 (29.8.1929)
Date
1929-08-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton. Beilage mm Zwei Beutel und ein Brief. Von Ifaac Schönberg. : - : . (Schluß.) Mordche weilte nun bereits den dritten Tag in der Stadt. Er war ein wenig verärgert, ob der vielen Umstände, die man ihm hier bereitete. Hatten ihn doch die ungezählten Formalitäten bis heute voll in Anspruch genommen und ihm den langersehnten Beginn des Studiums noch nicht ermöglicht. Der Vater wollte ja dieser Tage kommen, hatte ihm aber, weih Gott, den genauen Zeitpunkt seiner Ankunft nicht mitgeteilt. Wie genehm wäre ihm jetzt der väterliche Rat, der ihm Nie unentbehrlicher schien, denn nun, da er ihm nicht zur Verfügung stand. Nervös stöberte er, suchend, in seinem Koffer, als die Tür sich öffnete und — der Vater eintrat. Mordche, überrascht, lief ihm erfreut entgegen und begrüßte ihn, „Wie geht es Mama? Was macht Chanele?" Mordche schien es, als fei, feit feiner Abreife, eine lange Zeitspanne verstrichen und der Vater durfte^nicht müde werden zu berichten und erschöpfende Auskunft über die belanglosesten Dinge zu geben. „Nun genügt es aber vorerst", unterbrach der Vater jetzt. „Wie weit bist du? Erzähle! Uebrigens, hier sieht es ja aus, als hätten Diebe gehaust!" In der Tat lagen einzelne Wäsche- und Kleidungsstücke zerstreut am Boden umher; der Koffer stand offen, der Inhalt war durchwühlt und ragte teilweise über den Rand, hinaus. Instinktiv ließ der Vater feinen« Blick in den Koffer gleiten. Etwas Rotes blinkte ihn an ... da lagen ja noch die Tefillin. Wie elektrisiert griff er danach — zuckte zusammen — unter dem Beutel knisterte Papier-. Eine böse Ahnung stieg in ihm aus. Sollte also Mordche doch — nein — er wollte sich erst genau überzeugen. Mordche den Rücken zuweNd'end, öffnete er schnell den Beutel, blickte hinein — ein Stich fuhr ihm durchs Herz — der Brief lag noch unberührt darin. Es fiel ihm schwer, sich zu beherrschen. „Mordche!" entfuhr es ihm mit bebender Stimme, „Mordche, — hast du heute — Tefillin gelegt?" Betroffen blickte dieser auf, um aber sogleich zu erwidern: „Gewiß, Vater, aber warum fragst-" . .. ■ „Du lügst also noch," fiel der Vater ihm erregt ins Wort. „Schweig!" Pack' deine Siebensachen, wir fahren heute noch nach Haufe!" Stöhnend ließ er sich sodann in einen Stuhl fallen, laute Anklagen und Selbstvorwürfe ausstoßend. „Was stehst du da, wie ein Goilem und tust nicht, wie dir geheißen?! Schnell, pack' deinen Koffer!" „Vater, sek mochel, ich verstehe aber nicht, was du willst. Ich habe heute, wie i an jedem Morgen, pflichtgemäß, Tefillin gelegt,; Nnd begreife deine Aufregung nicht." Angesichts dieses n«ochmaligen herausfordernden Leugnens, erwog der Vater, ob es nun nicht das Zweckmäßigste sei,, solch maßloser Dreistigkeit den Gegenbeweis, entgegenzuschleudern. Er hielt jedoch noch damit zurück und> versuchte zunächst auf Umwegen zum Ziele zu gelangen. Nach. Worten ringend, entwand es sich endlich' seinen Lippen: -- * ' „Und wo sind die Tefillin?" Sofort bereute er diese Frage, sie mußte ja fruchtlos se«m>, die Tefillin hiest er ja selbst in seiner Hand. Er traute aber seinen Äugen kaum, als Mordche aus einer Schublade einen blauen Beutel zum Vorschein j brachte und diesen mit den Worten: „Hier sind sie" ihm überreichte. Er stutzte. „Wie kommst du zu diesem Beutel, Mordche?" forschte der Vater nun, nachdem er sich von der nicht zu bestreitenden Echtheit des Beutels und seines Inhalts überzeugt hatte. „Chanele hat mich beim Abschied damit überrascht und ich habe mir dazu ein neues Paar Tefillin gekauft." Des Vaters Miene hellte sich nach diesen Worten merklich auf. Ihm war, als würde eine schwere Last von seinem Herzen genommen, eine Sache zurückerstattet, die er längst verloren glaubte. Verlegen barg er nun den, alten Beutel unbemerkt in seiner Brusttasche. Mordche sollte von der Sache mit dem Brief nichts erfahren. Und mit einem, etwas bittern, doch innerlich frohen Lächeln, versuchte er nunmehr die peinliche Stimmung, die entstanden war, zu enden, indem er mit erhobenem Zeigefinger, scherzend, zu Mordche sprach: „Nächstens schenkt dir Chanele ohne mein Wissen keinen Tefillinbeutel." Der Abend sank, fächelnd, auf die schwülen Straßen der Stadt. Die brandenden Wogen des lärmenden Verkehrsstromes waren allmählich verebbt und die Menschen, tagsüber zwischen heiße Steinquadern eingepfercht, ergingen sich flanierend m den Promenaden imb labten sich an der wohltuenden, linden Frische des scheidenden Sommertages. Hier begegnen uns wieder Vater und Sohn, die in angeregtem Gespräche, lustwandelnd, die rhythmisch bewegte Straße durchschlenderten. Der Sohn schien gerade das Wort ergriffen zu haben. Mit seinen temperamentvollen, beinahe zappelnden Bewegungen, bildete er einen ins Auge fallenden« Gegensatz zu dem ruhig und besonnen «dahinschreitenden Vater, der nur zuweilen mit dem Kopfe nickte, den Redeschwall seines Sohnes aber keineswegs zu unterbrechen versuchte. Die kurzen Atempausen, die sich Mordche gönnte, benutzte der Vater, um, wo er es für notwendig erachtete, belehrend aufzuklären, manchen Ein,wand geltend zu machen, aber auch lobend sich über treffende Aeußerungen seines Sohnes auszusprechen. Me zuvor hatte Mordche solches Entgegenkommen und gespanntes Interesse seinen Plänen und Idealen gegenüber beim Vater gefunden. Und als dieser balddaraus seme Heimreise antrat und den Sohn segnend entließ, da war es Mordche, der neuen Mutes und gestärkter Zuversicht, mit Feuereifer sein Tun begann, einem leuchtenden, glückverheißenden Ziele entgegen. Ein großer Tag in Nikolsbnrg. Die Anregung, den hundertsten Jahrzeitstag des Rabbi Mordchaj Be net in weitem Rahmen würdig zu begehen., siel auf fruchtbaren! Boden. Die Nikolsburger GenMindslisktung und die Chewra Kadifcha trafen umfassende Bovbevettungen und luden sämtliche mährischen und schlesischen Gemeinden, e-in, sich an der Gedenkfeier zu beteMgam Die ausgedehnte Nachkommenschaft des Rabbi in der Tschschoflowakisr, Oesterreich, Ungarn und Transsylvanien Wb sich ebenfalls an diesem Tage ein SteMchem am , Grabe. des Ahns. Dem Aufrufe der slowakischen Agühas Jisroel leistete ein großer Kreis der orthodoxen Jugend und Baalebatim aus allen Enden der SlowWsi, Böhmen ufw? Folge? Für Me mährischen Thoratreuen >-war dieser Tag. «insbesondere ein grohes und seltenes' Ereignis, denn «er bot ihnen die ersehnte Gelegenheit,, mit Gesinnungsgenossen . gemeinsam über ihre zukünftige Arbeit zur Wiederaufrichtung, des mährffche-n Judentums ernste Beratungzu pflegen'. So bewegte sich in den Nachmittagsstunden. des 12. Aw eine mehrhundertköpsige 'Menge opthodvxer, Juden im Juden- Utzsvbel Rikolshurgs, Mr Juden usnö, Mchtjuden gleichermaßen ein, Anblick. wie ek' sich dort' W Jahrzehnten üicht 'tnehr bot. ' : Die Gäste wurden am Bahnhofe in Vertretung der Gemeindeleitung von Herrn, Direktor Ramitz freundlich erWfangen,, Sie, bAichtigten dann unter sachkundiger Leitung des Herrn Kuktusvorstehers Spitzer und des Ueb.enswüridlgsn Gemeinüerabbiners, Herrn Dr. W i l limanm, bk archioMMn und baulichen jüdischen Albertümer der Gemeinde. Das Mmchagebet wurde im vollbesetzten herrlichen Beshamidrasch, das noch allen religiösen Vorschriften entsprechend intakt erhalten' wird, verrichtest. Die Besichtigung des alten Beshamidrasch, in welchem Rabbi Mordchaj Benet und seine Vorgänger gelernt hüben, und der den. Wänden entlang in guter Ordnung aufgiesteMeu wichen» Sforimsammlung löste wehmütige Gedanken aus. Sodann fetzte sich untre Führung der Rabbiner ein endlos langer Zug nach dem uralten großen. „Haus des Lebens" in Bewegung. Der Friedhof ist auch heute noch im Gebrauch und wird pietätvoll in Ordnung gehalten. Da stehen alte, verwitterte Grabsteine in endlosen Reihen, auf denen die dem gesamten Judentum WläufigM Namen hervorragender Rabbiner, Vorsteher und Führer zu lesen sind. Leider finden sich auch schon Gräber auf dem Friedhofs, die aus Unkenntnis der Nachfahren durch Blumenschmuck und nichtjüdifche Grabaufschriften verunziert und ihres jüdischen Charakters beraubt sind. Auf dem Grabe des Rabbi Mordchaj Benet ~xr steht ein neuer Grabstein, während der albe, über dem Grabe liegend, mit Glas verdeckt vor Verwitterung 'geschützt wird. Rings um das Kewer staute sich die Menge. Die Gedenkfeier wurde mit einer warmen Begrüßungsansprache des Herrn Kultus Vorstehers Spitzer eröffnet. Er würdigte den Tag und begrüßte mit sehr freundlichen Worten die auswärtigen. Rabbiner, Ge- MÄNdeVertreter, Aguda-Gruppen und sonstigen Deputationen sowie die Pressevertreter und forderte die Erschienenen aus, an dem Grabe des großen Führers, der den Stolz der Gemeinde bildte, gebrochenen Herzens Gebete zu verrichten. Herr Rabbiner Dr. W i l l m a n n hält darauf die offizielle Gedenkrede. Er zeichnet in sehr sympathischer, nach Form und Inhalt gleich meisterhafter Weise das Lebensbild, Leben und Wirken des großen Gaon. Der Redner spricht mit tiefem Verständnis über die geistige Größe und den menschlich edlen und religiös wahrhaft^ gen Charakter Rabbi Mordchaj Benets ^>"xt und entwirft dabei ein treues Bild des gesamten Leb>ens und Sirebiens der Ntkolsburger Genreinde in seiner Zeit. Die Gedenkrede übte aus die Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck aus und erwarb durch! die mitfühlende Wärme und die tiefe Bewunderung, die aus /ihr für den religiösen Führer sprach, auch dem Redner die Sympathien der Versammelten. Zum Höhepunkt der ganzen Feier gestaltete sich die denkwürdige Rede des Herrn Oberrabbmers Benjamin Seidl aus Galant«.. Aus ihm sprach, der kongeniale Geist des Rabbi Mordchaj Benet f. A. zu seiner Gemeinde. Die tiefe Ergriffenheit des Redners, die jüdische Bruderliebe und der aufrichtigje Schmerz über den religiösen Niedergang der mährischen Judenheit teilte sich unvermittelt der ganzen Versammlung Mit. Er stand inmitten der Menge wie ein Prophet aus alber Zeit und' sprach Worte der Wahrheit, liebevoll in der Form, glühend empfunden und aufregend in ihrer Wirkung, wie sie sicherlich se'ii Jahrzehnten in Nikolsburg nicht gehört wurden. Namens der Agudas Jisro-el in der Slowakei brachte er die Gefühle und die Gedanken zum Ausdruck, di>e diese Feier in «den Gemütern aller orthodoxen Juden erweckt. Im Rahmen herrlicher Erklärung gen zu Bibel- und Talmudstellen ermahnte er die Anwesenden zur Umkehr und Rückkehr ' zu den Heiligen Idealen und zu dem jüdischen Lebenswandel der Väter. Nach der Ansprache des Herrn» Rabbiners Samuel Donath im Namen der Preßburger orthodoxen Gemeinde ergriffen die Herren Dr. Hamrai aus Budapest, Dr. Benedikt aus.Bratislava und Rabbiner Beck aus Aufpitz das Wort -namens der Nachkommen des Rabbi und brachten verschiedene Vorschläge zur Verewigung seines Andenkens vor. Als letzter Redner lenkte Herr Rabbiner Dr. Rose n st ein aus Straßnitz tu eindrucksvollen' Worten die Aufmerksamkeit der Versammelten' abermals auf den Ausgangspunkt zurück und forderte die mährische Judenheit.auf, das Andenken ihrer Ahnen durch Kenntnis und Beherzigung der Thora zu ehren. Die üblichen Gebete haben dße Herr en Kantor H e r rmann und Rabbiner Dr. Wma n,n stimmungsvoll vorget-ragen. Als die Abendschatten sich dehnten, saß ein Kreis chorabeDsfener Jünger der Atzüda um einen alten, Talmiid Chochom aus der Nachkommenschaft. Rabbi Mobd-> chaj Benets ^"xi im alten Beshamidrasch versammelt. Diis Kerzen bmimbrn spärlich miteiMstmals, über den nun wieder geöffneten Bücherschrank huschten Lichtschimmer, die Lust war abermals stimmungsvoll und aus den weit aufgerisienen Fenstern drangen' wieder Töne des Limud Hathora in »die erstaunte Nacht hinaus, wie ehedem, als noch Rabbi Mordchaj, Benet mit seiner Schülerschar über seine heiligen Bücher gebeugt dasaß. Ladebrief aus Pistyan. Sie wollen nach Pistyan? Wo liegt das? — In dem jetzt tschechischen Teile von Oberungarn, etwa 2 Stunden non Preßburg. — Eine solch weite Reise? — Sie ist nicht so weit, ,wie eine solche von Frankfurt nach döst Nördseebadein, allerdings nicht ganz so bequem, da die

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